321 Gedeckter Tisch

München, Juli 2026.
„Bist du blöd oder was?!“ schreit mich die Göre über die Mauer hinweg an, hasserfüllt und frech, und läßt weitere ähnliche Schwälle los, ehe die Mutter sie packt, in den Schwitzkasten zerrt und mit der freien Faust fest auf ihren Kopf einschlägt, mehrfach, sieben, acht Mal, vor Verblüffung zähle ich nicht genau mit. Auf über fünfzig Touren in unterschiedlichste Länder, darunter die allerärmsten und gefährlichsten, habe ich das so noch nicht erlebt, keine zehn Meter von meinem Zaun entfernt. Es gehört zu meinem Alltag.
Geräuschterror. Lärmkrieg. Permanente Belästigung täglich, stundenlang, in jeden Lebens- und Privatsphärebereich vordringend, als lebte ich gar nicht allein in der Wohnung, sondern zu dutzenden, quasi inmitten einer Krawallkolonie.
Bist du blöd oder was?
Dreißigtausend Euro. Was würde ich jetzt mit dreißigtausend Euro anfangen? Rücklagen bilden für eine offensichtlich nicht sonderlich rosige Zukunft, Grundstock einer Flucht vor Geschrei, Gegröle, Gezanke, „Musik“gewummere, Handygeplärre? Doch die Vespa besorgen für das italienische Flair, das Dolce Far Niente, das mir ewig unerschlossen bleiben wird? Anlegen? Kunst kaufen? Eine Weltreise planen (die nicht angetreten werden würde, solange Hund und Hennen noch gesund und munter wären)?
Gut, gehen wir es von der anderen Seite an; dreißigtausend Euro, futsch, weg, ausgegeben in den letzten fünfzehn Jahren. Es ist die allervorsichtigste Schätzung. Ganz ehrlich: das doppelte wäre weitaus realistischer, oder zumindest eine Summe dazwischen. Aber dreißigtausend Euro waren es mindestens fest, sind nachgezählt und errechnet, überschlagen.
Gedeckte Tische habe ich bereitet, liebevoll, engagiert, heiter, wohlmeinend, uneigennützig. Gedeckte Tische – dreißigtausend Euro, die ich verschenkt habe. V e r s c h e n k t. Präsente an Freunde, Ganztagesausflüge komplett spendiert, Essenseinladungen; Porto für ebensolche Präsente, ein einzelnes Paket in die USA, zack!, fünfzig Euro flöten, nur der Versand; Trinkgelder in Restaurants, Cafés, Bars, zwanzig Prozent, bei besonderem Service nicht ungewöhnliche vierzig Prozent, großzügige Scheine für Paketfahrer und Spediteure, Handwerker; Spenden (Shark Project, Sea Shepherds, LBV, Andheri Hilfe, Auf Augenhöhe, für bedürftige Rentner, Geschenk mit Herz, Stiftung Pfennigparade u.s.w. u.s.w.). Es war mir stets selbstverständlich gewesen. Ich habe so gerne Geschenke ausgesucht, hochwertige, Kunsthandwerkermarktstücke, Handarbeiten, Bio Qualität, Naturkosmetik, Feinkost (Dallmayr), habe genau überlegt, wem ich womit eine Freude bereiten könnte zu allen möglichen Anlässen, nicht nur Geburtstag und Weihnachten. Und die ganzen Unternehmungen, Aktivitäten, Exkursionen, Konzerte; noch immer habe ich eine lieb gewonnene, sporadische Brieffreundin, die ich vor einundzwanzig Jahren kennengelernt hatte bei einer Überblicksveranstaltung der Uni, die sich unerwartet in die Länge zog und zog, uns grummelte der Magen, und ich hatte zwei Brote dabei: Vollkorn mit Paprikaaufstrich und Salatblatt, und das eine Brot gab ich ihr. Es ist eine Erinnerung an eine winzige Begebenheit, die ich im Grunde vergessen hatte, derer ich mich aber plötzlich entsann. Es kam wieder an dem Tag, als das Mädchen schrie: Bist du blöd oder was?
Nix oder was. Ich bin blöd. Ich bin so etwas von unendlich blöd. Ich werde tyrannisiert, schikaniert, ausgenutzt, gemieden und gemobbt, Tag für Tag, von etlichen Seiten, obwohl – nein, ich führe die Höflichkeiten und Taten frei von Hintergedanken und Vorteil und Gewinn, die Eigenschaften, Worte jetzt nicht auf, die mich verteidigen würden, das auf mich fallende Licht gerade rücken, denn diese Entgegenkommen und hilfsbereiten Dienste sind einfach selbstverständlich. (So selbstverständlich wie das Verschenken von dreißig-, vierzig, fünfzigtausend Euro binnen eineinhalb Dekaden?) Ich wollte nie etwas zurück, habe nie einen Euro vermißt davon bisher. Wie Dreck behandelt zu werden, abgewertet, verunglimpft, ignoriert, ausgesaugt, nun, das stimmt allmählich nachdenklich.
Mit den fehlenden dreißigtausend Euro könnte ich hölzerne Schallschutzfenster einbauen lassen. Mehr wünsche ich momentan gar nicht vom restlichen Leben: endlich Ruhe.
Das schönste ergibt sich manchmal aus dem Zwie, aus der Spannung heraus, die ein Kontrast zuwege bringt. Ein Hain junger Ebereschen wurde von der Sonne kräftig beleuchtet, als sei ein Bühnenscheinwerfer auf die Bäume gerichtet. Das gefiederte silbergrüne Laub, die aquarellierten, noch bleich orangen Früchte barsten zu einem Sommerbild, während am Horizont, wie abgeschnitten und per Collage wieder zusammengefügt, eine düster stahlblaue Wolkenfront drohte, brodelnd und schwer. Sie würde nicht abregnen, nein. Ab und zu, völlig lautlos, bizarr, zuckte limonengelb-surreal ein Blitzzacken heraus. Kein Donner grummelte, nichts schepperte, Windstille lag über der Atmosphäre, einem Geisterreich gleich. Die Ebereschen, nach einigen Jahren des Krankens und Darbens, strotzten resolut. Ihnen schien die Zukunft zu gehören. Sie wirkten unbekümmert. Ihr schwaches, fast weißliches Beerenorange würde sich Woche für Woche saftiger färben, bis es in verschiedenen Stufen zu einem lodernden Feuer geworden sein würde – das wäre der Beginn des Herbstes, die erste Ahnung davon. Die Natur, fußläufig zu erreichen, kostenfrei, ist meine Rettung, der einzig wahre Anker, ist Meditation und der Ort, an dem man nicht am Wahnsinn verzweifelt, am sirrenden Chaos, nervenzerfetzenden Krach. Die Natur ist es, und nur sie, die mir sagt: du bist nicht blöd, du bist genau richtig.


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