322 Dieser eine

Weimar, Juli 2026.
I
Wann beginnt sommers eine Nacht? Die dreißig Grad dampften noch aus dem platt getrampelten, dörren Gras, während die Wolken aufkochten gelb und gräulich, Wolken gesprenkelt mit Schwalben-Pünktchen. Das Licht schwand, kaschiert vom bunten Sirren der Lasershow. Pink, Grün, Blau, meist hielt ich die Augen geschlossen, auf die Untermalungen der Manga-Filmchen verzichtend, süße Miezen, heiße Maschinen, Sportwagen, schnittige Motorräder. Hinter den Lidern pulsierte das An und Aus der Bühnenscheinwerfer, ein unregelmäßiger Tango aus Grelle und Düster. Früher, in meiner Teenagerzeit, wurden regelmäßig Dream Dance CDs (obligatorisch auf dem Cover: ein Delphin) herausgebracht, Ende der Neunziger, Anfang 2000er, da waren Techno, House, Dance etc. en vogue gewesen. Wenn ich die Augen zumachte, und nur dann, konnte ich die Leute vergessen, ein überraschend alterndes Publikum, Techno als neuer Schlager?, Menschen, die zumeist zu Salzsäulen erstarrt auf dem Wiesenanger aufgepflanzt verharrten, höchstens ein wenig schunkelnd, wenn es akustisch gerade richtig abging. Ich tat so, als befände ich mich auf meiner Yogamatte im abgeschotteten Raum, als praktizierte ich die Ugly Moves, das Beweglichkeits-Motion-Workout alleine daheim. Ich hüpfte und sprang und kreiste die Hüften, riß die Arme hoch, wedelte mit den Händen, sprühte, versprühte Lebendigkeit, innere. Egal, wie es wirkte! Ungelenk, billig, unfreiwillig lachhaft, lasziv oder gar cool, völlig piepe, Hauptsache, der Musik lauschen, aufgehen in ihr, sich selbst transzendieren wohin immer. Das Haar rauschte über Schultern und Rücken, und ich kuckte nur gelegentlich auf zu den Schwalben weit droben, zu den restlichen, bald vom Abend verschluckten Wolken, manchmal auch zu Schiller, der mit zwei Bandkollegen Energie und Power in die Kleinstadt jagte, und nein, obwohl ich an der Schallkultur Weimar teilnahm, handelte es sich logischerweise nicht um den auferstandenen klassizistischen Dichter, sondern den Musiker. Hektisch, beinahe panisch kramte die Menge durchsichtige Schutzhüllen heraus, Plastikmäntel, Schirme, als der zarte Regen niederprasselte, ein schüchterner, kaum merklicher nasser Film, warm wie eine Dusche, nicht der Rede wert. Die schrägen Fäden waren so hübsch anzuschauen im künstlichen farbigen Licht, flüssig gewordene Wolle, mit der wir unsere Erinnerungen stricken konnten noch in der Gegenwart. Ich wartete darauf, daß die leichte Kleidung am Körper kleben bliebe, das Make Up verschmierte, der Zopf schwer würde wie frisch dem Pool entstiegen, aber der Schirme und Mäntel und Folien zum Trotz gebar der Himmel nicht genug an Nässe. Ich war gelaufen wie blöd, zweieinhalb Tage lang, hatte besichtigt, klischeehaft, dauerfotografiert, Schiller-Haus (nun der Dichter), Goethe-Haus, Goethes Gartenhaus, Stadtführung inklusive Bibliothek und Universität, Buchenwaldführung (Grauen), Bauhausmuseum, Schlösser Dornbach samt Gärten, Bauhaus-Keramikmuseum, historischer Friedhof sowie orthodoxe Kirche und Fürstengruft, habe mein Hirn vollgepreßt mit Informationen und Eindrücken, nur –
II
daß nichts davon zählte, zählte in diesem Moment, nicht einmal das Schiller-Konzert (ja, der DJ), denn nun war ich dort, wofür ich angereist war, und das Licht stammte weder von der Bühne, noch von der letzten Julisonne, sie umflorte ihn, ein Licht, das aus jeder Pore seiner Haut drang, ein Musiker, ein Sänger, ein Künstler – dieser Mann oder keiner!, und damit war die Entscheidung gefallen, es würde nie einen geben, und sie würden mich Stalker nennen oder Groupie oder naiv Verrückte, wo ich doch ganz still bleibe, klein, unauffällig, inexistent quasi, und es ist nicht Schiller, sondern der Act des nächsten Abends, A.A. samt Band. Goldenes Kalb! Ich entrollte einen roten Teppich, entsandte hunderte, tausende Blumen, Rosen, bleichblauviolette Novalis-Rosen. Ich kenne ihn nicht. Er kennt mich nicht. Vielleicht bin ich geblockt, digital, wer weiß das schon, ein israelischer Künstler muß achtgeben auf sich. Was vermag ein Mensch mit seiner Stimme anzustellen? Vergeßt die Opern-Interpreten! Was kann ein Mensch an Texten freisetzen? Wer ist Bob Dylan, was der Nobelpreis? Fort damit! Und er sprach darüber, erzählte von seinem Schreibprozeß, daß er nämlich währenddessen sein Herz an die Wand werfe, es an die Wand schmettere (to smash), wieder und wieder, bis es blutig hinabschliere, und daß er in Kellerhöhlen steige, dort in tiefe Wasser blicke, und daß manchmal, nur selten, aus dem Chaos und der Angst und dem Schmerz Antropie entstünde, und wie er davon sprach, ganz zum Schluß auf der Bühne, darüber sang, da weinte er, und viele werden gedacht haben, es sei Effekthascherei, Show, Pathos, Theatralik, Aufmerksamkeitsbuhlen, aber – ohne ihn zu kennen, Worte gewechselt, ihn berührt zu haben: es war stattdessen dieses andere, dieses Oh Mama can´t You see I´ve got a darkness shine through me. Ein Mensch, der birst vor Geschmeidigkeit und Licht, der ist geboren aus Dunklem, Melancholischem, Abgründigem. Er entkleidete das Jaket als erstes, ein offensichtlich maßgeschneiderter hellgrauer Anzug, ehe er die hellorange Krawatte ablegte, das weiße Hemd aufknöpfte… Viele der Songs kamen spritzig daher, fetzig, rockig, groovig, amüsant, sollten die Leute unterhalten, die Menge vor der Bühne. Meine Lieblingslieder fehlten wieder, jene der Wahrheit, der Absolution, der katharsis´schen Schwärze, doch entschädigten mich seine Tränen, die die meinen waren. Nach einer einzigen, deutlich geplanten Zugabe der Band verschwanden sie von der Bühne, zwei Männer, zwei Frauen. Von meiner Warte aus, seitlich vorne, konnte ich das dicht an geparkte Auto sehen, ein schwarzer Mercedes Mini Van. Inzwischen hatte die Nacht sich komplett herabgesenkt. Ich stand abgesondert unter einem Ahornbaum. Der Wagen fuhr an, gemächlich ohne jede Eile, und auf surreale Art entfernten im Schneckentempo sich die roten Rücklichter. Eine Tür wurde zugezogen, leise und unaufgeregt. Zurück blieb ein Wesen, vereinzelt, geschlechtlos, alterslos, ohne jede Perspektive und Freundschaft, von Liebe nicht zu reden, denn Liebe existiert nicht in meinem Kosmos. Ich hatte das Konzert eines Genies genossen, hatte achtzig Minuten in seinem Licht gebadet. Dieser Mann oder keiner, ganz ohne Stalker-Attitüde, auch wenn das niemand glaubte, und wenn man auf Menschen nicht zählen kann, so bleibt doch die Kunst. Schreiben als Weg, das habe ich gelernt in jenen Sekunden, als die roten Scheinwerfer sich zusammenzogen und ihr Nimmerwiedersehen hauchten irgendwo in ostdeutscher Stadt; ein neues Wort hat er mich gelehrt, Entropie, das kannte ich nicht (Physik zählte nie zu meinen Stärken). Man muß seinen Platz kennen, der zugleich in Schranken verweist, Grenzen aufzeigt, Bewunderung hat mich zwei Jahrzehnte lang immer wieder diese Linien ungefragt und verletzend übertreten lassen, Pardon (ehrlich ausgerufen, nicht zynisch). Das unaufgeregt still abfahrende Auto, glänzend dunkelelegant der Lack, die Lichter zinnoberfarbene aufwärts strebende Striemen, das sich wegbewegte von mir in die Nacht hinein, das war kein geplatzter Traum, keine verpasste Chance, es war eine Befreiung. Es nahm sie alle mit, das Auto, die nach dreiunddreißig Jahren auf absurdeste Art zerriebene Freundschaft, den ungerechten Schmerz der Corona-Verfolgungen, die unerledigten Möglichkeiten (Möglichkeit als Pflicht, als Zwang, Aufgabe), das Ausgestoßensein und Gemiedenwerden, die Straßenkämpfe und Lärmkriege, die zu eng gewordenen Überzeugungen, Beziehungen, Denknarrative. Ich durfte Zeuge werden, wie ein Künstler (ein wahrer) seinen Prozess der kreativen Entstehung offenbarte, das intimste und schützenswerteste preisgebend, vor Tausenden Fremden, wie er sich entblößte, offenlegte; er tat es nicht aus Exhibitionismus, aus dem Verlangen narzisstischer Selbstdarstellung heraus. Er tat es, weil er es mußte, der Kunst wegen, die eine eigenständige Triebkraft ist, nichts, das man wählen kann. Wieviele im Publikum mochten ihn verstanden haben? – Als der Wagen anfuhr, Schritttempo, fast provokante Slow Motion, wegkriechend, nicht sich nähernd, da blieb unter dem Ahornbaum im schwachrostenen Laternenschein etwas zurück, und das war tatsächlich nicht alters-, geschlechts-, aussichts-, seelenlos, das war Literat, der begriffen hat: es gibt uns, da sind wir, wir brauchen uns nicht zu verstellen, zu verstecken oder zu schämen. Wir sind die Schamanen moderner Gesellschaften, Geistbeschwörer, Medizinleute. Wir haben es uns nicht ausgesucht. Es hat sich für uns entschieden. Und wenn nie ein anderer die Worte je verstehen werden mag, egal, wir greifen in das Chaos und machen sie sichtbar für Milliardstel Millisekunden, die Entropie…


Neueste Kommentare