320 Bumerang

München, Juli 2026.
Ich habe noch nie einen Bumerang geworfen, stelle es mir aber ähnlich vor: ich habe den Blog weit ins Leere hinausgeschleudert, nicht ahnend, daß er zurückkehren würde auf zwiespältige, absolut unbeabsichtigte Weise: er wird gelesen.
Warum veröffentlicht man einen Blog, wenn man gar nicht gelesen werden möchte?
Um nicht verrückt zu werden. Nicht im eigenen Saft zu verschmoren und zu ersticken. Um sich selbst zu beweisen, daß man kein Gespenst ist. Um sich zu rechtfertigen? Seine Existenz, eher: Daseinsberechtigung zu proklamieren? Weil man so gerne schreibt, mit Worten spielt, ihnen Sinnlichkeit, Witz, Esprit verleihend (gelegentlich). Oder weil man sich mit der nur in Bruchteilen ernsten Idee tröstet, daß es in einhundert Jahren (so das digitale System nicht zusammengebrochen sein möge) einmal einen Leser geben werde eventuell, der sich bei den eigenen Zeilen denkt: „ Die Frau war toll, mit der hätte ich mich verstanden!“, so wie ich etwa während der Lektüre der „Pflanzenjäger“ ins Schwärmen gerate, Georg Schweinfurth anschmachtend oder Wilhelm Micholitz, wagemutige, gebildete (Forschungs-) Abenteurer des neunzehnten, frühen zwanzigsten Jahrhunderts… Warum veröffentlicht man in einem Blog, Publikum scheuend, es so gering haltend wie nur irgend (keine Werbung trommelnd, nicht einmal Reisegefährten gegenüber)?
Hm. Es folgt einem Sinn, der inhärent ist aber nicht erklärbar. Der Text, obwohl authentisch, löst sich von der Person. Der Text ist etwas eigenständiges, nicht Mensch, nicht Ding, nicht Fantasie. Bei Fotografien (echten!) könnte es ähnlich sein, doch. Ganz ursprünglich hatte ich auf Resonanz gehofft ein bißchen, auf Austausch. Spätestens die aktuell 3648 (!) Spam-Fake-Kommentare haben dies erübrigt, ich mußte die Kommentarfunktion bei Word Press deaktivieren, die Webseite hätte sonst nur gewimmelt vor Porno-Links und Wunderfinanztipps, ja, die KI, die hat mich entdeckt und „kommuniziert“ recht eifrig.
Ich stecke mitten in einem Kurzgeschichtenprojekt, das ein wenig konkurriert mit dem Blog, weil Zeit und geistige Ressourcen limitiert sind. Wird das schon wieder ein Kröten-Beitrag? Sind alle meine Beiträge Kröten, Pechmarie´scher Stuß? Eine Doku über die recht neuen Genres Young Adult sowie Dark Romance inklusive vorgetragener Kostproben aus den gängigsten, kommerziell erfolgreichsten Romanen und Interviews der (eben meist weiblichen) Autoren waren mir eine Art Erweckungserlebnis: es wird so viel allerschlimmster Schund fabriziert, aufgelegt und verkauft (wo intellektuell-hilflose Frauen darum winseln, von einer in einer Männerhand gehaltenen, geladenen Pistole in der Vagina befriedigt zu werden, Yeah!, dafür haben Frauen gekämpft mit Kopf und Kragen, uns diese Art Freiheit und Gleichberechtigung bescherend), Texte, die mich durch Sprache und Inhalt zutiefst erschüttert, verstört, befremdet, angeekelt haben und die laut Fernsehbericht en gros von minderjährigen Mädchen konsumiert werden, Erfolgszahlen im Verkauf bescherend, sodaß ganze neue Inprint Verlage wie Lyx entstanden sind: ich spreche mir nicht länger das Recht ab, in einem Rand- und Nischenblog zu veröffentlichen, was mich gerade beschäftigt und umtreibt. Ich möchte eine Stimme haben dürfen, eine Schriftstimme.
Ich veröffentliche einen Blog. Wenn er entdeckt wird, beschämt mich das, ist es mir höchst unangenehm (und die Vorstellung, daß er weiter publik gehen könnte im Ort, beschäftigt mich derart, daß ich nachts wach liege). Was tut das Gegenüber mit der ureigenen Aufrichtigkeit, die im Zeitalter der Lügen extrem angreifbar macht, wie richtet dieses Gegenüber im Zeitalter permanenter (Negativ-) Meinungen? Viele Beiträge, gerade auch neueren Datums, hätte ich nur zensiert oder gar nicht hochgeladen…
Und trotzdem; die Worte schlüpfen hinaus, suchen sich ihren Weg. Moleküle, die ausgeatmet werden, aufsteigen und sich irgendwo irgendwie verbinden atomar – oder auch nicht. Das ist ihnen egal; aber geatmet werden, das möchten sie, aus, ein. Sie flimmern durch die Luft; Goldmarie lächelt.


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