324 Ruck

324 Ruck

München, August 2026.

In diesem Beitrag geht es eigentlich ums Herz. Dafür muß allerdings weit ausgeholt werden, ich bitte um etwas längeren Atem.

Ich wurde zu Ressourcenschonung und Upcycling, Improvisation und Genügsamkeit erzogen, lange bevor es allen ums Klima so wichtig geworden ist; was braucht man wirklich zum Leben außer sauberem Trinkwasser, Nahrung, einem schützenden Dach über dem Kopf, Wärme im Winter, Hygienemöglichkeiten? Sämtliches anderes ist der Nachkriegsgeneration (unter deren Einfluß ich stehe) Luxus, Verschwendung, ein allgegenwärtiges materielles Brauch-ma-net. Sogar meinen Grabstein hätte ich schon, einen Platz direkt neben meiner Schwester, praktisch; ich meine das ironisch, bevor da irgendwelche Alarmglocken schrillen. Nun ist es jedoch ein natürlicher Drang, in der Maslow´schen Bedürfnispyramide aufzusteigen, sobald das pure Überleben gesichert ist. Tja, so sieht die Rechtfertigung aus, wenn man von einer Teilrenovierung erzählen möchte!

Der Flur der 70er Jahre Wohnung zieht sich wie ein langer, dunkler, enger Schlauch durch das Gebäude, dort gehen sämtliche Zimmer ab, vom Architekten einst praktisch gedacht, vom Wohlfühlfaktor her eine Katastrophe, weil man gezwungen ist, den Korridor immer zu durchschreiten, egal wohin man möchte, und das dutzende Male täglich. Der Flur dominiert das Gefüge der Räume – sobald ich meine Wohnung betrat, machte sich Beklemmung bereit, Beklommenheit. Sämtlicher Elan fiel ab von einem, man hatte Lust zu gar nichts, winters, sommers. Die originale Ausstattung mit Wurmrauputz und Holzdecke aus billigem Fichtenmaterial, die mahagonifarbenen Presspantüren machten es nicht besser. Bunte klebende Türfolien und die Entfernung sämtlicher Braun- und Beige- und Orangetöne (Geschmack meiner Großmutter, die dort bis zu ihrem Tod gelebt hatte) überbrückten dreizehn Jahre lang das Unbehagen, kaschiert auch mit bestickten Textilien, Fotografien und Bildern. Dann wurde der Stillstand, der Energiestau omnipräsent, unerträglich. Es schnürte mir die Luft ab, brachte Handlungen ins Stocken, behinderte, verriegelte. Sie hatte sich von Luxusgut zur absoluten Notwendigkeit gewandelt, die Renovierung.

Der erste kontaktierte Maler war jung und engagiert. Wir telefonierten mehrfach, voller Elan schilderte er mir seine Ideen. Die Holzdecke müsse raus, keine Frage, die quadratischen cremefarbenen Bodenfliesen würden mit Beton übergossen, dieser dann auf Hochglanz poliert und damit seidenweich unter den Sohlen. Die Wände würden glatt gespachtelt, gestrichen, „Tanner´s Brown“ sei gerade der Knaller, die Türen blieben drin, würden lediglich abgeschmirgelt und neu lackiert. Zwischen Boden und Wand zögen wir eine Zierpaneele ein aus Plastik. Er war wirklich freundlich und enthusiastisch – seine Vorschläge hatten nur rein gar nichts gemein mit dem, was ich ihm an Wünschen geäußert hatte…

Der zweite Maler war mittleren Alters und stammte aus einem anderen Landkreis. Er schaute persönlich vorbei für eine Angebotserstellung. Er stand in meiner Wohnung, unverhohlenen Spott und sogar Abscheu in seinem Gesicht. Was bitte sehr seien das denn für schreckliche Farben! Welcher Stümper sei da am Werk gewesen?? (Ich selbst – immerhin gut genug, daß er annahm, es sei das Resultat eines Malers.) Die Holzdecke müsse raus, logisch, keine Diskussionen. Was, das sei mein Bad?? Wirklich?? Wiiiinzig! Winzigklein! (Beim Putzen ist es mir groß genug. Und abbezahlt ist es auch.) Er stiefelte in Schuhen durch mein zu Hause, das ich mit so viel Herzblut hergerichtet hatte, nachdem es damals nach Omas Tod jahrelang zu reiner Rumpel- und Abstellkammer verkommen war, vollgepfercht mit Sachen, die man irgendwann einmal noch gebrauchen kann. Ja, der Flur war stark überholungsbedürftig, deswegen suchte ich ja nach einem professionellen Handwerker, aber er war trotzdem gepflegt, gewiß mehr als die meisten Neubauten, weil zum Besitzen eben auch Aufräumen, Säubern, Feudeln, Polieren, recht bald Reparieren gehört und nicht nur die erste Anschaffung (alles neu, alles zeitgemäß, trendy, hoch verschuldet). Jedenfalls polterte dieser ungeschlachte Fremde durch mein Daheim ohne jeden Respekt vor Intimsphäre, ohne Achtung vor anderer Leute Geschmack oder auch nur einen Funken Takt und Höflichkeit, arrogant bis zum Anschlag, ätzend und lästernd – da kuckte ich ihn ganz ruhig an und sagte: „Wir brechen das hier an dieser Stelle ab. Ich habe nach einer Fachkraft gesucht, damit diese mir eben hilft und mich unterstützt und mich nicht niedermacht. Mir persönlich sind all diese „modernen“ Häuser in Persilweiß, Anthrazit und Schwarz der pure Graus. Offensichtlich kommen wir da nicht zusammen. Bitte gehen Sie jetzt.“ Selten habe ich ein derart entgleistes, verdutztes, verärgertes Mienenspiel gesehen. Er trollte sich, zum Abschied rufend: „Sie hätten sich mich vermutlich eh nicht leisten können!“ „Einen schönen Tag Ihnen noch.“ erwiderte ich, äußerlich gefaßt vorgetragen, innerlich kochend.

Schnell begriff ich, daß ich nicht vollständig meine Ideen würde umsetzen können aus Kostengründen, denn ich gebe nicht mehr aus, als ich habe und bilde zudem Rücklagen, falls jemandem dieser Begriff noch geläufig sein sollte. Was wollte ich letztlich? Licht. Offenheit. Visuelle Ruhe. Ein Gefühl von Freiheit. Die verstopften Energien sollten beseitigt werden, ich wollte kreativ sein können, jeden Tag. Ich bestellte also den örtlichen Polier, ein herzlicher, gelassener Mensch, der mir ohne jeden Kommentar die Wände glatt verputzte. Ein Elektriker wechselte mir Lichtschalter und Leuchtentschiene. Den Rest erledigte ich selbst; ich lackierte die Holzdecke drei Mal zart apricot, und ebenso oft verpaßte ich eigenhändig den Wänden Farbe, einen warmen Grau-Sandton. Ich besorgte neue Lampen in metallic Bordeaux und Design-Kleinmöbel sowie einen Rundbogenspiegel, in dem man den ganzen Körper erblicken kann (hatte ich bisher nicht). Die Türen wurden ausgetauscht, Ahorn mit Lichtausschnitten und organisch ovalen Klinken.

Verzeihung, es geht nicht um Interior, um ein textliches Präsentieren, so wie andere das Ergebnis als Bild auf Instagram posten würden.

Es geht um etwas völlig anderes.

Der Widerstand – die Widerstände – in diesem Jahr war grotesk und mannigfaltig. An früherer Stelle sprach ich davon, daß mein Herz zu dem einer Eiskönigin geworden sei, nun, das ist längst passé. Mein Herz ist nicht gebrochen, gekittet, geflickt oder ein gefrorener Klumpen, es ist quasi nicht mehr vorhanden. An seiner statt ist da nur noch Staub. Schichten aus pulverisierten, zermalmten, trocken rieselnden Herznanopartikeln, zerschrien vom Krach, vom Lärm, Twist, von Streitigkeiten und Boshaftigkeiten diesen Frühlings, diesen Sommers: Staub, notdürftig zu einem Haufen aufgekehrt, das ist geblieben von meinem Herzen, weil man eben irgendwie noch ein Herz hat, solange man lebt.

Dieser Flur jetzt – Herz meiner Wohnung – ist atmend, leicht, hell. Durch diese Türen ist niemand geschritten als mir und Hund, keiner vom vorherigen Leben hat sie passiert, sie berührt, geöffnet, geschlossen, durchmessen. Diese Türen sind frisch, neu im tiefsten Sinne. Altes ist endlich entsorgt in Containern, verschrottet, beseitigt.

Das Tanzen hat den gleichen Effekt. Ich vermag, mich auf bisher unbekannte Weise zu bewegen, meinen Körper zu spüren wie nie zuvor in all seiner Wendigkeit, Stärke, Grazie. Die Musik diffundiert in mich hinein und transzendiert im Tanz zu etwas Dritten, das nur mir gehört, in das mir keiner hereinredet. Ich tanze, bis mir der Schweiß läuft, immer weitere Kombinationen erkundend, Ausdruck, Ballett, Hiphop, balinesische Tempelmoves, Bollywoodstyle, Yoga in Motion, was ich nur abrufen kann aus dem Gedächtnis verschmilzt zu Bewegung, zu Selbstermächtigung, Freiheit.

Ich habe meine Short Stories begonnen, vier sind fertig gestellt. Ich habe ein schriftstellerisches Projekt, und ich bleibe dran. Ich überarbeite die Homepage, nähere mich den Fotos wieder an, meinen eigenen. Ich werde nie einen Grad anbetungswürdiger Perfektion erreichen  (wie ich es liebe, andere anzubeten zuweilen, so wie meinen aktuellen Sängerfavoriten), Perfektion nicht in der Fotografie, im Schreiben, im Tanz, im Interior Design. Aber das jetzt spüren zu können, diesen inneren Fluß, den befreiten Ruck, die Lust an der Kreativität, das jetzt zu fühlen, endlich wieder zu fühlen, egal in welchem Aggregatzustand, nämlich mein Herz, das ist unbezahlbar. Welch eine Investition, die Flurrenovierung!