325 Vom Wirken

325 Vom Wirken

München, September 2026.

Letztes Jahr um diese Zeit war ich in Grönland. War ich das? Obwohl es eine meiner schönsten, friedvollsten Touren war und ich mich lebhaft an Landschaften, Orte, Mitwanderer, Zeltcamps, Gespräche, Emotionen erinnern kann, fällt es mir schwer, das zu glauben.

Ich legte in mühevollen Stunden zwei kleine amorphe Stauden-Rosen-Beete an; mit Stunden meine ich mehrere halbe Tage bei über dreißig Grad. Vielleicht hat man jetzt Bilder im Kopf, wie der Spaten buttergleich die schwarze, feucht-krümelige Erde aufteilt, windende, rosa glänzende Regenwürmer preisgebend, wie man ein wenig schaufelt, düngt, den Pflanzenballen einsetzt, einschlämmt, mit frischer Erde abdeckt und abschließend wässert, tataa, alles easy, ach, Gärtnern als Freizeitflow und Lebensspirit.

Also, bei uns in Bayern, wenn das Erdreich nicht vom Bauunternehmer per Bagger abgetragen und ersetzt worden ist durch Humus, ist es so, daß nach einer kurzen verfilzten Grasnarbe eine Schicht Lehm zutage tritt, Lehm mit folgenden Eigenschaften: bei Trockenheit betonhart, bei Regen ein zäher Batz, der Feuchtigkeit aufstaut und Wurzeln faulen läßt. Nun, und nach etwa fünfzehn Zentimetern puren Lehms kommt die dritte Schicht, jene der faustgroßen „Kiesel“, die natürlich nicht immer genau im angedachten Loch stecken, sondern sich mit dem Boden daneben verschränken, sodaß es eine riesige Grube wird, ehe man die lästigen Brocken draußen hat. Für Stauden ist das im Großen und Ganzen machbar, auch wenn der Schweiß in Bächen strömt, der Kopf puterrot anschwillt, die Muskeln brennen; man haut mit einer irre schweren, massiven Spitzhacke auf den Grund ein, bang bang bang bang, mit voller Wucht (prima zum Abreagieren), schaufelt die Erdkrumen (eher bei Dürre: den Staub) heraus und die zersplitterten oder angekratzten Steine, wühlt mit blanken Fingern herum, weil man mehr Gespür hat auf diese Weise, zieht, reißt, ruckelt, flucht, ganz wichtig: Fluchen!, bis – ja, und jetzt kommt es: bis angezeigt wird, natürlich erst nach zwanzig, dreißig Minuten grenzgängerischer Mühsal, daß an dieser Stelle das Setzen einer tiefwurzelnden Rose nicht möglich ist, weil sich dort eine massive Felsader entlangschlängelt, die man mit dem Preßlufthammer aufbohren müßte.

Das ist ein Lehrbuchstück für Moral, für ergebenes Durchhaltevermögen, ohne in Weinkrämpfe oder Tobsuchtsanfälle auszubrechen. Man stopft das Loch wieder zu und probiert es knapp daneben noch einmal von vorne. Wieder. Und wieder. Zum Schluß hat man zwei mickrige neue Beete voller gestreßter Pflanzen, die vermutlich größtenteils nie richtig anwachsen werden. Man gibt teures Gerld aus für Phlox, Monarde, Schleierkraut, Bartfaden, Sonnenhut, Rosen, für Bodenaktivator, Schafwollpellets, frische Erde (säckeweise!), für die Mulchdecke aus Stroh, für Rasenkantensteine, man schleppt Kannen über Kannen von der entfernten Regentonne hin zur jungen durstigen Blumen-WG und weiß dabei ganz genau, daß das meiste entweder nicht überleben wird oder aber schwächeln, in jedem Fall wohl nicht die erwünschte Pracht entfalten. Ameisenkolonien zerfressen das empfindliche Wurzelwerk, Wühlmäuse machen ihrem Namen alle Ehre, Amseln scharren, Nachbarskatzen zertrampeln und knicken ab (eine hat sich kürzlich mein Hortensien-Hochbeet als Kletter- und Ruheparadies auserkoren, sämtliche Triebe sind weit abgebrochen, was bedeutet, daß sie nächstes Jahr schon einmal nicht blühen werden, weil manche Hortensienarten nicht am Holz beschnitten werden dürfen, sondern lediglich am jüngsten Austrieb).

Ich habe in diesen Garten schon so viel Finanzen versenkt (fünfstelliger Betrag), Zeit hineingesteckt, Aufwand, körperliche Arbeit, Hingabe, Fürsorge und Liebe, doch das was bleibt davon, ist nur ein kläglicher Rest. Ein universumgleiches schwarzes Loch, das all mein Wirken verschluckt (wörtlich). Andere hingegen, denen ihr Garten im Grunde wurscht ist, die stopfen ein einziges Mal zehn Baumarkt-Fetthennen hinein, unkompliziert und geschwind, und die sieht man dann gedeihen und wuchern und vital sich der Welt erfreuen. Da bleibt mir immer noch die Spucke weg, es ist ein Sinnbild für mein Leben. Ich kämpfe, bringe mich ein, schufte, verzichte, und es wird nicht wahrgenommen oder trägt keinerlei Früchte, bloß Rückschritt und Pech. Die anderen fangen irgendetwas halbherzig an oder tätigen unüberlegt Anschaffungen, haben Spaß und Fun, wälzen ihre Pflichten auf Dritte ab, und die werden belohnt mit Entgegenkommen, Wohlwollen, Ernte etc.

Man nehme dieses Beispiel: warum schreibe ich jetzt gerade an einem mäßig qualitativen Beitrag? Weil jemand verdientermaßen einen Kurzurlaub tätigt, seinen Hund in der Familie läßt, diese aber lieber selbst etwas unternimmt, der Hund dann zu Freunden kommt, die aber ihren Alltag für wichtiger erachten als das fiepende Tierchen, das die Tochter wiederum (als letztes Glied dieser Kette) nicht trauern sehen kann und sich deshalb um es kümmert, soll heißen: sie weicht ihm nicht von der Seite, spricht mit ihm, krault ihn, tröstet, füttert ihn von Hand. Ich habe das Tierchen gern, keine Frage, und ich gönne der ersten Person von Herzen die Erholung. Aber daß ich es dann wieder bin, über deren Zeit ungefragt verfügt wird, die in dem Kaff festhockt, anstatt selbst abends in eine Bar gehen zu können am Wochenende oder am Sonntag in den Botanischen Garten (der gehütete Hund ist zu greise und zu sensibel für irgendwelche Ausflüge), das ist dermaßen symptomatisch. Belohnt wird man zwar mit dem Vertrauen und der Zuneigung des winzigen Kerlchens, das ausschließlich bei mir ruhig und selig döst, anstatt nervös durch die Gegend zu tigern, und das nur von mir Futter annimmt, meine Nähe sucht und sich an mich kuschelt. Das ist dann wirklich wieder süß und eine gewisse Entschädigung. Aber es ändert nichts daran, daß ich auf etwas verzichten muß (in diesem Fall eineinhalb Tage Bewegungsfreiheit), nur weil andere ihr Leben leicht nehmen und der Gaudi fröhnen und es ihnen scheiß egal ist, ob das (eigene) uralte Hundchen aufgebracht fiept oder nicht.

Dieser Beitrag ist genauso kleinlich wie das gesamte Dorf. Das bereitet mir am meisten Sorge und Unbehagen, daß ich nämlich mittlerweile in den gleichen mickrigen Umkreisbahnen denke und handle. Daß mein Hirn geschrumpft ist.

Ich wollte gerade fortfahren mit: „Ich kenne da wen –„ , aber um ehrlich zu sein, kenne ich ihn gar nicht, obwohl er bloß zwei, drei Häuser weiter wohnt. Wie sonderbar das ist, daß ich den Leuten in meinem Heimatdorf fremder geblieben bin, als den Nachbarn im Schwabinger Betonhochhaus damals… Jedenfalls sage ich stattdessen: „Es gibt da jemanden“, denn das paßt. Also: es gibt da jemanden im Ort, der schnappt sich einen Kumpel und sein Motorrad und düst nach Tadschikistan und vielleicht, je nach politischer Lage, weiter nach Afghanistan, bald ist Aufbruch, in ein paar Tagen, Wochen, und ich bin ein bißchen aufgeregt, weil ich das so cool finde. Ich könnte zwar sagen, hey, ich, die Laura, ich war in Südkorea und auf Soqotra, in Japan, Äthiopien, war hier und dort, oder hey, ich, die Laura, ich war auf über fünfzig, fast sechzig, Touren, nicht immer nur Kuschel-Buffet-Cozy-Kreuzfahrt oder Strandrelaxen, könnte sagen, hey, ich, die Laura, ich war mit namhaften Wissenschaftlern unterwegs, mit berühmten Fotografen, waschechten Berufsabenteurern – was zwar alles irgendwie der Wahrheit entspräche, aber seien wir doch ehrlich, zu allererst sich selbst gegenüber: war man das? War man in Grönland genau vor einem Jahr? Unbestrittener Fakt, nur: was bleibt übrig davon? Im Alltag? In der daily life Seele? Im Tun, Bewirken? Was bleibt übrig vom arschteuren, unter Schwerstarbeit angelegten Blumenbeet? In meinem Fall: so gut wie nichts.

Denn in sämtlich aufgebotener Ehrlichkeit konstatiert: ich, die Laura, hätte nicht den Mumm und die Größe, mich auf ein Motorrad zu schwingen, um auf eigene Faust, nicht von einem Anbieter vororganisiert, mit einem Freund vom deutschen Kuhkaff aus nach Tadschikistan zu reisen und vielleicht weiter nach Afghanistan, ein Land, das ich mit Steve McCurry verbinde, mit seinen Fotografien und Farben. Stattdessen bin ich diejenige, die auf der Terrasse hockt und den Hund der Bekannten der Eltern hütet. Die die Hühner füttert drei Mal täglich. Und sich freut, wenn im Frühjahr ein im vorigen Herbst gesteckter Krokus aufgeht. Die sich genauso freut, wenn wer zwei, drei Häuser weiter ´ne richtig coole Tour unternimmt, weil dann wenigstens ein Mensch dieser winzigen gedanklichen Dorfödnis die Grenzen zur Welt aufsprengt. Von Herzen gute Reise! Und Chapeau, ganz aufrichtig.