323 Selbstbetrug

München, August 2026.
Das Schöne am Bewundern ist, daß man diesen Zustand herrlich in die Länge ziehen kann, ihn pfeffern und salzen mit Fantasie und Stellvertreter-Emotionen. Etwas von der Großartigkeit der angebeteten Person streift einen, badet ihn in einem Hauch Wichtigkeit, Bedeutung. Das Luftschloß, daß man sich erbaut, zusammenspinnt aus absurdesten Garn, täuscht hinweg über die mickrige, armselige Wahrheit; daß man selbst keine Spuren hinterläßt, nirgends. Daß man objektiv von außen betrachtet das Langweiligste darstellt, das es nur geben kann. Also schnell wieder zurückhuschen, hinaus aus der Erkenntnis, dem Wissen um die eigene Irrelevanz hin zur Blaupause des Ideal-Seins, denn eine Blaupause ist es, vervielfältigbar, auf dutzende Personen anzuwenden. Musiker, Maler, Designer, Architekten, Abenteurer, Sportler, Wissenschaftler, Fotografen, alles läßt sich nach gleichem Schema anhimmeln, überhöhen. Eine Entzauberung gelänge rasend schnell: eine einzige nervige Angewohnheit oder Wesensart, eine minimale Lappalie, und schon krachte das Kartenhaus zusammen. Keinen Sinn für Poesie haben oder Natur, Kultur – Adieu chéri, mit sofortiger Wirkung hinweggejagt! Oder das Essen schlingen, nicht wertschätzen, billige Massenproduktion bevorzugen, nur Fleisch in sich hineinstopfen, Tschüss my dear! Rauchen ist schon kritisch, wenn es nicht gerade mit der Attitüde einer Gauloise geschieht, Liberté, toujours!, stilvoll, cool, lässig, übrigens auch die Adjektive der Bekleidung. Zerfetztes, ausgeleiertes Zeug? Jogginghosen im Supermarkt? Sneakers auf dem Konzert? Hasta la vista baby! Ein Haar am falschen Platz, ein unangenehmer Geruch, säuerlicher Schweiß, ein Rülpser, ciao amico. Kurz, man braucht aus einem Idol einfach nur einen Menschen zu machen, und schon wird aus begehrlicher, sehnsuchtsvoller Anziehung ein Reißaus im wildesten Galopp.
Bewunderung, korrekt adressiert, kann Gefühle der Verliebtheit simulieren. Man tänzelt durch den Alltag, durch die lästigen Pflichten, federleicht und lächelnd, man träumt und träumt, kann nie erhört werden, und das wohl ist das reizvolle daran, das lockende, daß sich der Faden für das Stickbild nicht dem Ende zuneigt oder gar mit Kränkung aufwartet, Verletzung, Enttäuschung. Es ist der perfekte Kuchen aus dem Schlaraffenland! Aber wenn man sich einmal hinsetzt und das ganze seziert, vernünftig, klar, und das sich-selbst-Anlügen oder in Illusionen-schwelgen einstellt kurzfristig und sich fragt: was würde ich wirklich wollen, hätte ich die Chance zu einer Begegnung real life? Kein Meet and Greet, Interview, keine Signierstunde. Nein, angenommen, man hockte eines chilligen, launigen Abends in einer Tapasbar nebeneinander am Tresen, worum würde es gehen? Um das Wahrgenommen werden? Geküßt, berührt? Gehört, gesehen? Nett ja, nicht das schlechteste, Zucker-Beiwerk. Wenn ich da hinunterschaue in den Keller des Fantasieschlosses, ungestört, ehrlich und alles überflüssige wegmontiere, dann würde als Restgerippe ein tiefes Bedürfnis verbleiben. Ich möchte einmal, ein einzige Mal nur, mit einer gleichgesinnten Person über den Prozeß der Kunstwerdung sprechen wollen, lauschen, nachdenken, austauschen. (Wie machst du das? Was brauchst du? Was empfindest du? Auf welche Weise gehst du vor? Wo arbeitest du?) Die Krux dabei: es müßte sich um einen vermeintlich extrem ähnlichen Prozeß handeln – ein Echo, das zurückgeworfen wird und einen dabei verwandelt hin zu etwas besserem, bedeutenderen…
Und dann, noch eine Stufe tatsachennäher eingestanden: das was übriggeblieben ist im Verlauf der vergangenen Jahre, übrig nicht von schwärmerischer Illusion, sondern vom Charakter, das was man nun noch ist, ein Abklatsch, ein Trümmerfeld, aggressiv und ungeduldig, hart und eitel, das was man ist, wenn man die rosa Brille der Bewunderung abnimmt, das was der andere sehen würde, erfahren, ist es das, was man zeigen möchte von sich, teilen? – Und so springt man zurück ins Meer der Ideen, Gefühle, Vorstellungen, Ausgeburten, fiktiven Handlungen und Gespräche, froh darum, einen Avatar zu haben in der Enklave des Geistes, der all das Schöne verkörpert, das man einmal gewesen ist, das man werden möchte. Dieser Avatar bewundert nicht nur, er tauscht aus, erzeugt Resonanz. Wozu entzaubern?
Illustration: Farbenspiel im Glas wie gesehen (nicht bearbeitet); Sänger ist mir unbekannt; die gefährliche Nähe zu nationalsozialistischem Sprachstil ist mir damals in Südkorea bereits aufgefallen, ich distanziere mich davon. Geht man auf den Wortkern zurück, trifft es aber die im Beitrag behandelte Glorifizierung perfekt


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