326 Licht

München, September 2026.
Kürzlich um zwanzig vor acht abends erlebte ich ein köstliches Licht, eigentlich kaum zu beschreiben. Es war tagsüber bedeckt gewesen, im Wald zuweilen stockdüster, da halfen auch die kräftigen Moosteppiche nicht. Ich wollte also die Hennen in den Stall lassen, als ich bemerkte, daß ein schüchterner, indirekter Sonnenschein alles in einen Flieder-Mauve-Ton tünchte, Rasen, Rosen, Wolfsmilch, Sträucher, Stechpalme, Luft, ein famos kitschiges Blaurosa, wohin man kuckte! Und am Himmel, exakt unser Hausdach mit der Garage verbindend, da wölbte sich blaß und ebenso softpink getönt ein Regenbogen, solch ein Schauspiel…, still und pittoresk. Auch unter dem Nußbaum glomm ein Schein aus Pudernuancen, die Hortensien überhauchend, die Schattenbeete, Dahlien, Voliere. Zutritt zum Barbieland! Hallo Feenreich! Die Besonderheit dauerte kaum an, wie das meiste unvermutete in der Natur, nach weniger als fünf Minuten war der Pastellspuk vorüber.
Früher wollte ich solche Momente stets teilen, wünschte ich mir die Gegenwart einer anderen Person, sehnte ich mich nach Miteinander und Gemeinsamkeit, aber für gewöhnlich hatten die Leute nie Antennen für sensible Szenen, Farben, Stimmungen und verdarben au contraire mit ihrer rohen Nicht-Anteilnahme sogar die wertvollen Sekunden und Minuten. Ich weiß, daß es Genießer gibt wie mich, irgendwo; in meinem Umfeld bleiben sie aus. Ich bin froh und dankbar, daß ich das sehen kann und fühlen und mich erfreuen daran, und egal wie schrecklich ein Tag auch wieder gewesen sein mag (noch einer!), ein paar Augenblicke des Aparten finden sich fast immer, und seien sie noch so leise, noch so vermeintlich klein und gering. Ein Lichtbad kann über tausend vergeudete, wütende, gekränkte Gedanken hinwegtrösten, ein Lichtbad heilt.
Es ist ein geraumes Weilchen her, da war ich geladen zum runden Geburtstag einer Freundin, der dreißigste, gefeiert im Außenbereich einer Erdinger Bar, sommerlich lau die frühnächtlichen Temperaturen. Die Stimmung hingegen war etwas gehemmt, zumindest nicht ausgelassen, es ähnelte mehr einem Senioren-Kaffeekränzchen. Ich war zur Toilette gewesen und an dem Tresen vorbeigekommen, wo ein ansehnliches Schnuckel die Cocktails der Gäste mixte. Als ich an unseren langen Tisch draußen zurückkam, rief ich laut und strahlend, um ein wenig Pep und Schwung in die dümpelnde Runde zu bringen, daß der Barkeeper echt ein Schnuckel sei, so richtig ´was zum Anbeißen (wir waren lauter Frauen). Ich setzte mich, die meisten Ladys kicherten, denn die Attraktivität des deutlich Jüngeren war anderen längst zuvor aufgefallen. Da sagte eine der Damen mir gegenüber, die ich nicht näher kannte, laut, überlaut, zu ihrer Sitznachbarin: „Also, wenn ich so häßlich wäre, ich würde mich ja nicht trauen, hübschen Männern nachzukucken.“ Schweigen. Und damit das noch besser wirkte, wiederholte sie den Satz, freundlich-arglos lächelnd, bis es definitiv die letzte der Geburtstagsgesellschaft gehört hatte. Niemand reagierte darauf. Irgendein Thema wurde hastig angeschnitten. Ich saß da, verwundert. Verwundert über die unnötige Beleidigung (völlig unabhängig davon, ob man nun häßlich sei, hübsch, neutral oder was immer), verwundert aber auch darüber, daß man allgemein so tat, als habe die Beleidigung nicht stattgefunden, nicht einmal meine beste Freundin neben mir tröstete mich.
Es wäre gelogen, würde ich behaupten, es habe nicht weh getan. Es wäre auch gelogen, zu behaupten, es schmerze mich nicht, im Dorf ignoriert zu werden, daß die Leute den Blick gen Boden senken und die Lippen fest zusammenpressen, wenn sie zufällig auf der Straße an mir vorübermüssen. Daß sie Feindseligkeit ausstrahlen, Spott, Unbehagen, oder im Gegenteil aufgesetzte, zur Schau gestellte, gespielte Heiterkeit, wo sie fünf Schritte weiter kein gutes Haar lassen an einem. (Eine Handvoll Ausnahmen gibt es.) „Ist mir doch egal!“, das wäre eine Lüge, und ich neige nicht zum Lügen. Es wäre ebenso gelogen, zu sagen, ich sei über die Freundschaft hinweg, von der ich immer mehr feststellen muß, daß sie offensichtlich nie eine solche gewesen war. Es gibt derart viel, das nagt und reibt und quält und einfach nicht losläßt, ja. Ich gebe damit zu, daß sie Macht haben über mich, sie, die behaupten, grinsend, wenn mich das Nicht-Gegrüßt-Werden kränke, müßte ich ja wohl noch ordentlich an meinem Ego arbeiten (eine nächste Beleidigung, die ich vor Sprachlosigkeit nicht zurechtgewiesen hatte, sondern unkommentiert gelassen). Ok, bitte schön: ja, ihr tut mir weh, wenn ihr mich häßlich nennt und wie einen bösen Geist behandelt Tag für Tag und Freundschaften zertrampelt, für die ich mich aufgeopfert habe dreiunddreißig lange Jahre, und wenn ihr Gemeinheiten verbreitet hinter meinem Rücken, euch das Maul zerreißt und euch dabei stark und toll und als Gemeinschaft empfindet, eine Gemeinschaft, die mich ausdrücklich ausschließt. Ja, das tut weh. Aber hergehört, liebe Herrschaften: mein moralisches Rückgrat brecht ihr mir damit nicht. Ich mag unbequem sein und anders, irritierend, schillernd, zu auffällig nach eurem Geschmack, exaltiert, exzentrisch, arrogant, was immer, nur wißt ihr, eines bleibe ich trotz allem: aufrichtig. Authentisch. Untamed. Und der Natur gegenüber: aufmerksam, entgegenkommend, zärtlich.
Das Abendlicht, merkwürdig stählern-kühl, flieder-mauve-graublau, pastellrosa, hat sich mir auf die Haut gelegt, ist mir durch die Poren gedrungen, bis hinein in mein Herz, oder dieses sonderbare Etwas, das ein schlagendes Herz sein muß als atmender Mensch, und es hat mich durchfärbt und weich gemacht und vor allem, von anderen ungesehen: schön.


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