36, Teil II: Loslassen

36, Teil II: Loslassen

München, Oktober 2018.

Mein Leben veränderte sich abermals stark. Ich konnte nur noch vier, fünf Kilometer laufen anstatt meines früheren, höheren Pensums. Ausgedehnte Trekkingtouren mit Rucksack und Zeltnächten hatten sich erledigt. Sitzende Tätigkeiten wie Essen, Schreiben, ins Kino gehen wurden zur Tortur. Ich tröstete mich mit einfachen aber malerischen Gartenreisen, einer Safari, wich auf sanftere Kurse wie Yoga und Pilates aus, radelte über die Sommerdörfer und drehte meine Runden im türkisgrünen See. Es dauerte ein ganzes Jahr der selbständigen Behandlung, um den dauerhaften Schmerz überwiegend loszuwerden. Ich dachte währenddessen oft an jene hartgesottene, stählerne Frau aus der Dokumentation der European Outdoor Filmtour, Sarah McNair-Landry, die für ihr Projekt „Into Twin Galaxies“ Grönland unter härtesten Bedingungen, den schweren Gepäckschlitten hinter sich herziehend, mit frisch gebrochenem Brustwirbel auf 1000 Kilometer Inlandeis gequert hatte. Es ist mir ein ungelöstes Rätsel, woher sie die Kraft, den Willen, die bloße Fähigkeit dazu hernahm. Bewundernswert, unglaublich. Und definitiv nicht ich…

Endlich jedenfalls schien das gröbste überstanden, eine gewisse Grundsportlichkeit war zurückgekehrt und ich bereit für meinen Hundegefährten! Eine Ergänzung zur allmählich alternden, frechen, topfiten und bergtauglichen Chihuahua-Dame. Ich telefonierte mit der Züchterin, ihr versichernd, die etwa zwölf Kilometer Auslauf täglich stellten für mich gewiß kein körperliches oder zeitliches Problem dar. Ich wollte ein Mädchen, vielleicht eine Hedi (nach Hedi Lamarr) oder Rosie (von Rose, der Königin der Blüten). Ich dachte an den rot-weißen Buben aus dem Globetrotter, an seine ausdrucksstarken Augen und dieses Gefühl der Verbundenheit zwischen uns. Ich glaubte mich gut informiert über die Rasse, bestens gewappnet für das kritische „Bewerbungsgespräch“ um einen Welpen. Da stellte sie sich mir wieder in den Weg, versperrte mit dicken, fetten Stämmen den Pfad in die Zukunft, eine Barrikade samt Warnschildern, bestehend aus purer, silberner, schwer wiegender Vernunft. Jagdtrieb, ausgeprägt. Selbst ein Aufenthalt im Garten nur unter Aufsicht. Leinengänger (da sonst in den Büschen verschwunden). Mein Traum zerplatzte wie eine Seifenblase, so als habe man mir einen zweiten Ikea Lehnstuhl hingestellt. Mir kam das Tattoo in den Sinn, das ich mir nicht hatte stechen lassen und der Bauchnabelpiercing, der Tauchschein auf Bali, den erst der Vulkan, später das Erdbeben und letztlich die Ratio (wie oft würde ich dann tatsächlich auf Tauchtour gehen?) zerbröselt hatten. Vernunft, meine Liebe, hallo, wie geht´s? Ich würde einen ausgeprägten Jagdtrieb nicht bändigen können, dafür war ich nicht geschaffen, ich täte dem Tier keinen Gefallen damit. Vernunft, Vernunft. Du langweilst mich mittlerweile. Vernunft ist die Übernahme von Verantwortung, die deine Flügel der Kreativität in Ketten legt, eine Tugend, die dir selbst nicht unbedingt zugute kommt.

2,5 Grad Celsius, vormittäglicher Sprühregen. Der Puderschnee vom Morgen war geschmolzen, ein schmutzig braun-kalter Himmel geblieben. Das Gras unter unseren Füßen leuchtete saftig. Ich kniete am Anfang der Rennbahn, einen aufgeregt zappelnden Hund haltend, der nicht mir gehörte. Seine Brust, die ich umschlang, war weich, warm und glatt. Ich hörte das Sirren des herannahenden „Hasen“, wartete auf das leise Kommando der Frau neben mir. „Jetzt!“ sagte sie, und ich ließ los. Der Hund sprintete voran, ein Kraftbündel voller Euphorie, zusammen mit drei anderen, alle der gleichen Rasse angehörend, in diversen Farbschlägen, die nun den Kreis entlanghetzten, immer dem Attrappenbüschel hinterher. Witzigerweise trug die Züchterin mehrere Piercings und war von Beruf Tätowiererin.

Ich habe mich mit meinem Wunsch auseinandergesetzt, Virtuelles wie eine lose Homepage in ein reales Erlebnis verwandelt. Es war nicht mein Hund, aber er war wunderschön. Und bis letzte Woche hätte ich es nie für möglich erachtet, ja, auch nur erwogen, daß ich bei ungemütlichem Schmuddelwetter zwei Stunden auf einer Hunderennbahn verbringen würde.

 

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