268 Gefroren

268 Gefroren

München (Portugal), März 2024.

 

Ich habe einen neuen Helden. Jemanden, der einen betört. Von dem man sich getragen fühlt, verstanden, der Worte findet für Ähnlichkeiten, die so sehr vom Anderen, Geläufigen abweichen. Musik, zu der man schreiben kann, sich wiegen oder auch nur heulend auf dem Bett hocken und ein Bier aus der Flasche trinken oder zwei oder mehr. Den man laut stellt, so richtig laut, und dabei aufgeht in einer klanglichen Vielfalt, im Spiel der Stimme, Rhythmen, Instrumente, Texte – Texte übrigens, die kryptisch bleiben und daher sich umso besser eignen zur Selbstidentifikation durch den gebotenen Freiraum ihrer Interpretation, ihres Ausdruckes. Ein Mensch, verletzlich offenbar, unsicher, und zugleich stark: stark genug, daß es für mich auch noch reicht. Ich bade in Asaf Avidans Kraft und Schönheit (eine eigenwillige Schönheit, die sich gewiß nicht jedem erschließt, und Sonnenscheinwetter-/Rosa Einhorn- Personen schon gar nicht), bade im Album “The Study of Falling”. Mir gefällt jedes Lied daraus zutiefst, aber Sweet Babylon erzeugt die größte Resonanz in mir.

Anfangs irritierte es mich. Ist ein Herz zu oft gebrochen (nicht unbedingt bloß aus Liebeskummer heraus), gebrochen, gekittet, vernarbt, abermals gerissen etc., ist es zu oft zerstört worden, so meinte ich, stelle es irgendwann seine Funktion ein. Adieu, tschüß, der letzte Atemzug getan. – Nein. Ist ein Herz zu oft gebrochen, zu rasch hintereinander, erholt es sich nicht von Enttäuschung, Verzweiflung, Trostlosigkeit, Zorn, Vereinzelung, Zorn, Ungerechtkeit, Abweisung, wird es gekränkt, getreten, zu Brei zermatscht, so wird es – es wird zum schneidenden Kristall, härter als Diamant, gleißend-funkelnd, wird es: eiskalt. Zum ersten Mal verstand ich das Märchen, das mir damals in Grönland vor Augen gestanden war, als das Schlauchboot die hoch aufragenden türkisen-weiß-blau-vanillegelb-grauen Gletscherstücke entlanggerast war (vgl. Beitrag 10). Erst kürzlich, Jahre später, ergab es einen Sinn, fügte es sich zusammen, Die Eiskönigin. Empress of Ice. Unnahbar, klirrend frostig. Dieser amorphe Block hinter meinem Brustraum, die dissoziative Unbeteiligtheit: es ficht mich nichts mehr an. Ich sehe sie aus dem Ruder laufen, abdriften, die Gesellschaft, die Generationen, Nationen, globale Moral, sehe Fake und Mißbrauch sich vermischen zu neuen demokratischen (also mehrheitlich geteilten) Wahrheiten, 1 und 1 macht 3, sehe auf die großen und kleinen Mißstände, die sich summieren zur Klimax, sehe. Es ficht mich nicht an. Die kaum zu schildernde eiseskalte Gefühlsstarre irritierte meinen Verstand anfänglich, der mir noch dringlich mitzuteilen versuchte, daß da eigentlich etwas grundlegendes ganz und gar nicht in Ordnung sei. Aber der Rest, o ja, die Seele, der Geist, die seufzten erleichtert auf, durften sie endlich ausruhen vom ewiglich einprasselnden emotionalen Terror. Ich bin ausgestiegen. Leute schmieren sich Regenbogen auf die Gesichter und versammeln sich zum Zeichen bunter Bekenntnisse, ohne sich sonst in irgendeiner Form konkret zu engagieren, und sind wohlig glücklich in ihrer solidarisch simplifizierten Selbstgefälligkeit. Es ändert sich rein gar nichts, wenn man zu Hunderten, Tausenden durch die Gegend bummelt und danach einfach wieder streamt und konsumiert, bei Amazon bestellt, das Fünf-Euro-Shirt kauft, alles billig haben will und sofort, wenn man nickt und schluckt, was man aufgetischt bekommt, wörtlich, im Übertragenen. Man macht die Welt nicht gesund, nur weil man es sich gemeinschaftlich wünscht. Sogar die Prinzessin hat im Gegenzug für die gerettete Goldkugel einen Frosch küssen sollen. Im überlauten Geplapper versinkt die Tatsache, daß Wandel Kraft, Anstrengung und Verzicht bedeutet. Und wann hat man eigentlich zuletzt das Märchen gehört, das so perfekt widerspiegelt, was uns gerade in wirbelndem Strudel auffegt? Des Kaisers neue Kleider. Solange das Kind nicht mit dem Finger zeigt auf den entblößten Herrscher, den alle um sein nicht existierendes Prunkgewand bewundern, solange werde ich den schneidend-scharfen Block aus türkis-azur-schaumweißer Reglosigkeit, der um mein Herz gewachsen ist, sorgsam kultivieren. Es gibt keine einfachen Wahrheiten, und bekanntlich tun die meisten Wahrheiten weh.

Wo ist Portugal geblieben? Die hundert gewanderten Kilometer den südwestlichen Küstensaum entlang? War ich überhaupt dort gewesen, bin ich mit den Stiefeln im Sand versunken, habe ich die Zwergiris, Mittagsblumen, Strandnelken, die sich schallend gelb biegenden Mimosensträucher zur Kenntns genommen? Hat mich der Wind fast von den Füßen gerissen? Sind die Wellen meterhoch Gischt speiend aufgestiegen, an mächte Felsenklüfte schlagend? Haben die Störche auf den Klippen genistet? Hat mich eine strenge Sonne schwitzen gemacht? Waren die Ortschaften verlassen gewesen, verrriegelt und leer, heruntergekommen, Abbild meines Gemütes? Habe ich einem schmatzenden Schweinchen den roten Apfel gegeben? Und der Möwe mit fehlendem Fuß Brotkrumen hingeworfen? War ich über kleinen Häfen gestanden, an deren Piers sich muschelverkrustete Hummerreusen stapelten, an Land verstaut, um nie wieder hinabgelassen zu werden ins Wasser? Hat mir das riesige Fort wirklich seine Pforten geöffnet, habe ich den leichten Hauswein gekostet? Und die Farben, die ich auf den Fotos der Speicherkarte erkenne, waren die da? Das bezaubernde Funkeln in den Ebbelachen der weiten, ewig weiten Strände? Haben wir gelacht, uns unterhalten, sind wir forschen Schrittes voranmarschiert, der Atlantik weit unter uns ausgebreitet?

Ich wollte ans Meer, ich war am Meer. Das Meer aber, das war nicht in mir, da war nur das kalte Nichts, das keine Wärme duldet. Nun sitze ich hier, zurück daheim, sitze schreibend, lausche Asaf Avidan, lausche ihm mit jeder einzelnen Pore, wieder und wieder, der er singt My old pain, und er singt, Every time the hungry waves come dancing in the sand/ Please remind this broken shell it used to be a man”, und irgendwo, man frage wahrlich nicht wo, denn ich vermag es absolut nicht zu sagen, irgendwo verwirkt im Stimmklang Avidans summt der Gletscherblock der Eiskönigin leise-befreit: I´m in love again (With my old pain). Es erahnt sich in jenem Summen eine vage Hoffnung, der siechenden Ödnis zu entkommen.

 

 

Beim Song „I´m in love again“ handelt es sich nicht um das Gefühl der Verliebtheit wie es in klassischen Liebesliedern der Fall ist; es reicht weiter und muß an keine Person gebunden sein.

Die Assoziation des “in einer Ödnis Siechens” stammt nicht von mir, sondern wurde in der heutigen Stunde von meiner Yogalehrerin in anderem Kontext formuliert.

 

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