329 Ein langer Oktober

329 Ein langer Oktober

München, Oktober 2026.

Zwanzig Kilometer in drei Stunden fünfzehn, ich fühle mich super, bin im Rausch: den Körper spüren, lospesen, ungezügelt frei sein. – Kilometer dreißig, ja, doch, das ist ein bißchen mehr. – Kilometer 36,44 (zufällig liest ein Mann hinter mir seinen Messer ab), ich merke, daß ich die längste bisher am Stück gegangene Strecke überboten habe. – Kilometer vierzig, Kaugummi, das gibt es nicht. – Kilometer 42, verdammt es reicht! So etwas dämliches… – Kilometer 45, was??, NOCH mindestens eine Stunde, absoluter Sch….rott, echt jetzt. – Kilometer 49, ich will nicht mehr, schon lange nicht, schon seit Kilometer vierzig nicht mehr, tausend Meter, wie lange, verdammt aber eines, können tausend läppische Meter denn nur sein?! Und da machen Leute davon die doppelte Strecke, gehen 100 Kilometer am Stück, und ich „lediglich“ 50, aber hey, jetzt eben in diesem Moment, da reichen sie mir komplett, Schnauze voll. Ich träume von einem alkoholfreien Bier, vom Hinsetzen. Nach neun Stunden und zehn Minuten (davon ca. 20 Minuten Trink- und Klopause mit Anstehen vor den Dixies) wirbeln gelbe Puschel um mich herum, werde ich von Fremden mit Gejohle und heiterer Miene empfangen, legt mir eine Frau eine Medaille um. Ich will keine Medaille, ich will mein Bier. Ich hole es mir, setze mich – SETZE MICH – endlich hin auf eine der hunderten von Bänken, nippe vom Glasrand der Flasche, als der ganztägig jähe Wind urplötzlich in heftigen Böen aufbraust, eiskalt einem in die Knochen fegend, und eine Regenwand vom Feinsten loslegt, die von Sonnenschein munter-ironisch ummalt wird: über der Galopprennbahn draußen vor den Toren Münchens entfaltet sich ein grellbunter, extrem starker Doppelregenbogen, wunderschön. Ich friere wahnsinnig und sorge mich um meine Muskulatur: ich befürchte, sie verkrampft durch den Temperaturschock so sehr, daß ich nicht mehr aufstehen und heimfahren kann: Fußweg (ein weiterer Kilometer, Horror…), zwei verschiedene S-Bahnstationen, Auto. Wehmütig kucke ich zu den Glücklich-Erschöpften, die von Partner oder Freunden per Wagen abgeholt werden. Stolz bin ich nicht, ich hatte mir eingebildet, es in zwei Stunden weniger zu schaffen… Ich bin eigentlich nur froh, daß es vorbei ist. Ein paar Tage zuvor, da war ich stolz gewesen auf mich, mächtig stolz, nachdem ich eigenhändig meinen Klodeckel getauscht hatte (und eine ordentliche Weile dafür gebraucht): sonderbar, diese Sache mit den Emotionen. Nun habe ich also den Mammutmarsch 50 Kilometer absolviert; andere tragen Maskottchen am Rucksack und gesammelte Abzeichen, die darüber informieren, daß bereits dutzende solcher Veranstaltungen bewältigt worden sind, bunt und lustig klimpernd. Ich für meinen Teil kann sagen: einmal und nie wieder…

Allein schon diese Menschenmassen, zu mehreren Tausend (!!) sind wir die Strecken abgelatscht, neben der Autobahn, über der Autobahn, hoch zu Windrädern auf Hügeln, an Kasernen vorbei, U-Bahn-Endstationen, Forschungseinrichtungen, Klärwerken, dem FC Bayern Trainingscampus, kahle, braune Felder abmäandernd, durch nichtssagende Wohngebiete wetzend (die Leute dort erschreckend, sie hielten es zum Teil für Randalzüge wie aktuell in Südfrankreich, dabei waren wir alle brav und ruhig und gesittet), nur gelegentlich erheiterte unsere Sinne Pittoreskes, ein Stück des herbstlichen Englischen Gartens, ein Acker mit violett leuchtender Phaszelia, ein Wasserkanal. Insgesamt war der Weg – sagen wir mindestens über vierzig Kilometer weit – trist und öde, ja, während ich marschierte, da langweilte ich mich, ich langweilte mich beinahe neun Stunden lang. Viele andere waren euphorisiert und begeistert, ich wünschte, ich hätte ähnlich empfinden können.

Die letzten zwei, drei Kilometer quälte ich mich sehr, ich war erschöpft, ausgelaugt (die Füße schmerzten komischerweise nicht, doch die Muskulatur streikte, krampfte zu). Vor mir gingen da zwei Männer (die Menschen um einen herum wechselten ja ständig, entweder man überholte, oder wurde überholt). Der eine hochgeschossen, vital, kerzengerade, der andere einen Ticken älter (beide zwischen fünfundvierzig und fünfundfünfzig Jahre alt), kleiner und deutlich abgekämpfter. Er schleppte sich tapfer weiter, Schritt für Schritt, genau wie ich. Was mich aber anrührte, ja, was mir selbst Antrieb gab, mir half, voranzugehen, das war dieses: der fitte Typ hielt ein elastisches schwarzes Schlaufenband leicht, wirklich unmerklich, auf Zug, ein Band, dessen anderes Ende vom Schwächeren fest umklammert wurde. Welch zarte und doch unfaßbar symbolisch starke Geste! Ein Freund „zog“ den anderen mit, rein sinnbildlich. Er zog mich ebenfalls mit! Es tat so gut, einfach nur gut, jemand Kräftiges vor sich zu haben, der genug (körperliche wie emotionale) Energie übrig hatte nach 47 Kilometern, um eine geschätzte Person „mitzunehmen“. Da waren zwei Freunde unterwegs! Es beeindruckte mich zutiefst. Auf den letzten fünfhundert Metern passierten wir eine Pferdekoppel, stattliche, strotzende Renntiere mit glänzend-gepflegten Flanken. Als wir (das Duo vor mir und ich) am Zaun entlangschlichen, setzten sie sich in Bewegung, sie trabten kurz neben uns her, als schöben sie uns an. Eines kuckte mir tief in die Augen dabei. Es trieb mich an, unterstützte mich. Ein Pferd!

Wenige paar Tage zuvor trug ich statt des strapazierten Outdoorgewandes (ich zählte während der Mammuttour zu den am schlechtesten Gekleideten, absolut null schick, gräulich verwaschene, weite Treckinghose statt knackig enger Leggins, ausgeblichener, bestoßener Rucksack, unförmige Öko-Schurwolljacke statt zarten Hightechstöffchen, ausgediente Runningschuhe), trug ich statt zweckdienlicher Sportklamotte zu Rankenprint-Chino und Lederhemd rostroten Lippenstift und Smokey Eyes, rockig, dem Konzert entsprechend: Chris Norman live in der BMW Arena, was ein Herr! Mitte siebzig und frisch und stark und strotzend, hat der eine Show hingelegt! Die Stimme null zitternd bis zum Schluß (über zwei Stunden gab er alles!), genauso warm-rau wie eh und je, die Ansagen humorvoll, er selbst offenkundig trainiert und lebenslustig, ein Bühnenprofi, ein Vollblutmusiker. Free Falling war mein Favorit, wie ich auch einige seiner aktuellen Songs sehr mochte, eines bewegte mich zu Tränen. Dieser Mann hat sein Kind verloren und sich nicht brechen lassen davon. Er ist sich treu geblieben, seiner Kunst, er ist geradlinig, imposant (ohne einzuschüchtern). Er wirkt dabei nicht abgehoben, sondern zutiefst geerdet. Eine Person, die bei sich ist, ganz bei sich, und mir Unbekannter etwas schenkt von seiner Lebenskraft, seiner Weltanschauung. Erbaulich, ein altmodisches Wort und so treffend, erbaulich war seine Musik mir an diesem Abend. Danke Mr. Norman! Was ein Segen, eine Freude, dich auf diese Weise gehört zu haben. Bei „Crazy“ hast du mir aus der Seele gesungen. Man darf sich von den Verrücktheiten nicht umblasen lassen, und wenn man zu Boden geht, steht man wieder auf. Mehrheit heißt nicht „gesund“ oder „normal“ oder „richtig“, sondern einfach nur Überzahl. In der Überzahl seine Nische finden, sich nicht zerstören lassen, das ist die Aufgabe. Ich habe viel gelächelt während der Songs – es war einer der frohsten Abende des Jahres, mit Abstand.

Dann gab es noch dieses, auch in jener Woche stattfindend. Ich kann nicht beschreiben, was der unvermutete (erhoffte, ersehnte) Ruf eines Kranichs in mir auslöst, wenn er Herbst wie Frühjahr in Scharen über das Dorf zieht. Dieser Ruf, er stößt ein Glöckchen an in meinem Inneren, ein Gefühl jenseits aller Beschreibung. Nie zuvor habe ich sie nachts erlebt. Es war neblig und düster; die graue, beinahe poröse Suppe glomm orangen auf vom Überstrahl der weit entfernten Städte. Sie flogen in Gruppen, weitgehend unsichtbar, gelegentlich schälte sich die verzerrte V-Formation heraus, die Leiber groß und nah, der Nebel wohl zwang sie niedriger. Sie riefen. Sie kommunizierten, Antwort, Frage, sie justierten sich, koordinierten die Schwärme. Meine Kraniche! Natürlich gehören sie mir nicht. Eher gehöre ich ihnen… Stundenlang riefen sie durch die Nacht (andere Anwohner, so stellte sich später heraus, fürchteten sie damit ungemein), sie flogen und riefen, und das Glöckchen in mir bimmelte ununterbrochen. Schön.

Wie ich sagte: dieses Jahr erscheint mir lang, erstaunlich lang. Der Oktober faßt mir mindestens sechzig Tage im Empfinden, vielleicht gar achtzig. Ist es ein gutes Zeichen, ein schlechtes? Bedeutet es, man ist zu vielen Eindrücken ausgesetzt, zu wenigen? Hat man mehr vom Leben oder weniger? Was meint die Chronobiologie dazu? Wird es sich ändern durch Indien? Oder verstärken? Und was heißt es für das nächste Jahr, die weiteren Jahre? Gewinnt man Raum für Erkenntnisse dadurch? Wird man weiser? Oder verpufft es zum Nichts im Alter?

Ich habe den Doppelregenbogen zu wenig gewürdigt. Solche Lichtfarben! Bunt und hell. Ein Regenbogenende verlief direkt im grellen Grün der Galopprennbahn vor mir. Sei da nicht der Topf mit dem Gold? Ich hatte keine physischen und mentalen Kapazitäten, einen einzigen Schritt extra zu tun, um es herauszufinden. Ich war nicht stolz auf die hinter mich gebrachten fünfzig Kilometer, aber vielleicht war es jemand anderes, etwas anderes, und es belohnte mich mit einem zweifachen Gleißen aus sieben intensiven halben Farbringen.

 

 

Da der Illustrationskontext hier besonders schwierig ist: das Bild visualisiert das Gefühl innerer Glöckchen