328 Von Konzerten und Glücksimpulsen

328 Von Konzerten und Glücksimpulsen

München, Oktober 2026.

Es ist ein sehr langes Jahr – eines, das sich dehnt und zieht.

Zwanzigtausend, hieß es anderntags in einer Onlinerezension, zwanzigtausend Besucher hätten den Königsplatz bei strömenden Regen bevölkert. Inmitten des Dürrerekordes samt bürgermeisterlich angeordnetem städtischen Brunnen– und Garten-Gieß-Verbot hat das Schicksal es eingerichtet, daß es am 21. August bei fröstelnden vierzehn Grad aus dunkelgrauer Suppe ohne Unterlaß herunterschüttete, und zwar nur am 21. August in jenem Monat (fast ist man geneigt, zu sagen: Sommer). Er ließ uns eine geschlagene Viertelstunde warten, etwa neunzehntausend Leute in Ponchos und passender Hose (Neon-Leo war total angesagt!), die restlichen Wenigen lediglich in üblicher Wetterjacke, darunter ich, sodaß die Wäsche schon durchnäßt war, bevor man auch nur einen Blick hatte erhaschen können auf den Musiker, geschweige denn, einen Piep hören. Gerechtigkeit widerfuhr uns zumindest; es schnürte derart heftig, schräg und ausdauernd, daß die auskragende Bühnendecke nicht ausreichte und es deshalb auch den Künstler kräftig durchtränkte. Regelmäßig wurden ihm frische graue Frotteehandtücher gereicht, mit denen er erst die Geige und anschließend sein Gesicht abtrocknete; man konnte das gut beobachten auf den beidseitig aufgestellten Leinwänden, die dicken Tropfen auf dem edlen, historischen Holz. Ich hatte mir eine Karte der teuersten Kategorie gegönnt gehabt, weshalb ich das Konzert nicht sausen ließ, wie ich es ehrlicherweise ansonsten getan hätte. Er fiedelte, was das Zeug hielt, adaptierte Popsongs, darunter Aviciis „Wake me up“ oder Tones and Is „Dance Monkey“, diese Stücke gefielen mir am besten. Eine bunte spektakuläre Lichtshow brachte etwas Pfiff und Freude in die unangenehme Naß-Kälte, aber für echte Stimmung im Publikum sorgte sie nicht, was Garrett sichtlich verärgerte. Als zu Rammsteins „Ich will“ etliche Kanonen Feuersalven in die Höhe spuckten, die Flammen bis in den Himmel züngelten, geschah das unwahrscheinliche: die Schleusen öffneten sich noch mehr, quasi wie aus Protest vor dem Hitzeanschlag, ein paradoxes, beinahe ironisches Bild: heftig nach oben schießende Feuerschlangen und zugleich hämmernder, herabplatternder Regen… Auch für mich ein körperlich erfahrbarer Widerspruch, da ich so weit vorne saß, daß ich sowohl die Wärme der Pyrotechnik spürte, als auch den aufbrausenden humiden Wind. Ich bin einiges gewohnt von Trekkingtouren her und Zeltnächten, was Witterung, Temperatur, mangelnden Komfort anbelangt, aber es war deutlich in der Atmosphäre greifbar, daß es für die meisten anderen Menschen über die Grenzen des ihnen Erträglichen ging, eine sonderbare Stimmungsbrühe, die da herrschte, während David Garrett lächelte, hopste, sprang, auf dem Instrument schrappte und so tat, als sei alles in Butter. Die Pause verbrachte ich mit dem Schlange stehen an den zu wenigen mobilen Toiletten, ich kam gerade rechtzeitig zur zweiten Hälfte des Konzertes. Kaum hatte ich Platz genommen, als Garrett den Bühnenboden betrat und rief: „Willkommen zurück!“. Da plärrte die Frau neben mir, eine distinguierte Dame Anfang sechzig (wir saßen in der achten Reihe, DAS muß er mitgekriegt haben…!): „Du kannst froh sein, daß wir noch da sind!!“  – Was habe ich gelacht im eiskalten Nachtregen, dort unter zwanzigtausend Bibbernden auf dem Münchner Königsplatz…

Endlich schaffte ich es in die Elbphilharmonie. Nicht zu Kent Nagano, leider, ob ich ihn je live werde erleben dürfen? Die Sängerin sagte mir damals nichts, es paßte in meinen Besichtigungsplan (wie bei vielen Besuchern, man entnahm umherschwirrenden Gesprächen, daß es Kreuzfahrer waren, deren Routenverlauf Hamburg eben zufällig mit dem Auftritt jener Künstlerin korrelierte; ich selbst hatte meiner Großtante nachträglich zum 90. Geburtstag gratuliert). Mir war viel negatives zu Ohren gekommen über die Innengestaltung der Elphi, wie sie liebevoll genannt wird, und war voreingenommen und dann folglich hin und weg und absolut überrascht vom Interieur. Allerdings hatte man wohl kürzlich etwas nachgebessert bzw. aufgefrischt. Jedenfalls, nach der köstlichsten Ingwer-Möhrensuppe meines Lebens (gut, sicherlich auch der teuersten) und einem Glas Champagner begab ich mich über eine der Emporen hinein in den Saal, der sich öffnete und zugleich einen umfing wie eine helle Grotte, die Wände über und über bedeckt mit weißem Kalkstein, in den Muster gemeißelt waren, Ornamente, die in ihrer Gesamtheit und Größe wirkten wie ein anmutiges Riff, wie Korallenskelette, unterseeische Tropfsteinhöhlen, ausgebleichte Geißeltierkolonien, Riesenmuscheln. Es war so raffiniert und delikat und meisterlich und wohltuend zurückhaltend, daß es mir die Sprache verschlug. Ich überließ dem Staunen die Führung. Man erwartete fulminante klassische Orchester, intime Klaviersoli, donnernde Arien, die sich über die Wände ergössen und von ihnen widerhallend weitergeworfen würden – nicht jedoch an diesem Abend. Dieser Abend stand im Zeichen Afrikas. Fatoumata Diawara stammt aus Ghana, eine pralle, vitale, starke Frau voller Wärme und Power mit einer kraftvollen Stimme. Sie und ihre Band zauberten Licht und Tanz und grelle Kostüme (ethnologisch reichlich inkorrekt, aber Afrikaner selbst dürfen wohl mit afrikanischen Klischees spielen, ohne sich des Rassismus´ verdächtig zu machen), boten eine üppige Performance, die eigenartig vibrierend kontrastierte mit dem ruhigen Elfenbeinturmglanz des Saales. Wie sehr wünschte ich mich auf die Wiese eines Open Air Geländes! Ich vermochte kaum, still zu sitzen. Was wollte ich mich bewegen, im Rhythmus wiegen, die Musik begleiten mit Gesten und Schwüngen, eine Qual war das, so zu verharren, steif und tot und… dann forderte sie auf, vehement, mehrmals, ja, sie befahl es ohne geduldete Gegenwehr: Lift up! Move! Dance!, und ich war eine der ersten und es war mir egal, die irritierten Blicke der reifen Herrschaften links und rechts von mir, ich schoß auf und folgte Fatoumata Diawara, wirbelte herum, wogte, riß die Arme hoch, alles kreisend, Hüfte, Schultern, Kniee, Ellbogen. Es dauerte nicht lange, da fand sich in der gesamten Elphilharmonie fast kein Gast mehr (außer mobil Eingeschränkten), der nicht stand, schunkelte, wedelte, strahlte, der gesamte Konzertsaal war mitgerissen, wörtlich, und die beiden faden Damen neben mir tanzten wie Jungspunde, verblüffend, was da an Leben in Leuten herausgekitzelt werden kann, wenn sie es sich erlauben…

Ich hatte etwas anderes erwartet, etwas verstaubteres, muffigeres, tristeres. Der Raum (wie das Gebäude) war nagelneu, sehr hoch und großzügig. Die eine Längsseite war bodentief mit Fenstern besetzt, die gegenüberliegende komplett mit Spiegeln verkleidet. An eine der Stirnseiten schloß sich ein gut bestücktes Gerätelager an, auf der anderen war eine beeindruckende Musikanlage aufgebaut. Der Boden bestand aus hölzernem Stäbchenparkett, die Decke aus zarten, sahnegelb pulverbeschichteten Metallstreifen, in die mehrere stattliche flache Rundleuchten in japanisierendem Stil eingelassen waren. Ein hochmoderner und behaglicher Raum, hell, luxuriös, Turnplatz der Münchner Volkshochschule an der Aidenbachstraße, wow… Ich hatte ein zweitägiges Wochenendseminar zum Thema Ausdruckstanz gebucht, das erste Mal, das ich vor und mit anderen Leuten tanzen würde. Eine kleine Gruppe, kaum acht Frauen, die meisten in ihren Fünfzigern und Sechzigern, ich war die Zweitjüngste. Wir erhielten eine Einführung in die Praktiken der Pionierin des freien Tanzes, Mary Wigam, es wechselten Schritt- und Bewegungsfolgen zur Nachahmung ab mit selbst gewählten Bewegungen zu vorgegebener Musik, oft mit einem Thema besetzt: Unterwasserwelt, Liebe, Schüchternheit, Gewitter, Hindernisse, Marionetten, Spiegelkabinett, wir durften erfinderisch sein, wie wir lustig waren, meist einzeln, gelegentlich als Gruppe oder zu Zweit. Es ging darum, möglichst viele, neue (Mikro-) Bewegungen in sein Repertoire aufzunehmen, mit denen man tänzerisch eine (innere) Aussage gestalten konnte. Unsere Kursleiterin hatte mit siebzehn Jahren angefangen und ihren Unterricht noch bei einer direkten Schülerin Mary Wigams erhalten, wie ehrfurchtgebietend. Während die anderen Pausen einlegten trotz Spaß an der Sache und sich immer wieder setzten, konnte ich nicht genug bekommen. Stundenlang wirbeln, kreativ improvisieren, den Atem spüren und die einzelnen Fasern seines Körpers, wie schön! Es war egal, wie es aussah, und Fehler im strengen Sinne konnte man auch nicht begehen. Keine Leistung, kein Druck, keine Beurteilung (Verurteilung), einfach Sein, in Bewegung sein, verschmelzen mit der Musik und diesen fantastischen Raum ausloten mit seiner klärenden Größe und hellen Frische, ach, so etwas bräuchte ich daheim zum Glücklichsein, nicht die winzige Yogamatte… Etwas, wo man wild und uneingeschränkt und stürmisch und laut sein kann, sich verrenken, springen, laufen, vielleicht einmal straucheln, stürzen, unbeobachtet (weshalb der Garten als Gymnastikplatz ausfällt), ungestört. Ich habe diese zwei Tage unendlich genossen! Wir sollten einen Vulkanausbruch tanzen zu aufgeregter klassischer Musik. Ah! Wie leicht, Nachdenken entfällt! Mein gesamtes Jahr dünkt mir ein Vulkanausbruch voller Hitze, Rumor, Gewalt, Zerstörung, super easy ließ sich das tanzen, die inhärente Spannung, die sich aufbaut und aufbaut, die zitternde Erde, die gewaltsame, unerträgliche Klimax bis zur jähen Explosion, wo Trümmer und Brocken und Asche gespiehen werden, ins Universum gejagt, die Qual, die unfaßbare, überschießende Energie, die quellenden Wolken, der glutrote Lavastrom… Es war auch dies das einzige Thema, das wir zwei Mal tanzen sollten, erst allein, dann in der Gruppe, das Herz hämmerte, der Schweiß tropfte, der Atem schnaufte, aber die Ideen der tänzerischen Umsetzung sprudelten unermüdlich. Nun. Irgendwann tauchte das Thema „Glücksimpuls“ auf. Hä? Ratlos starrte ich die Kursleiterin an, die anderen Frauen. Alle wirkten wie sonst auch, die Musik setze ein, die Damen legten los. Glücksimpuls? Was bitte sollte das sein? Ok, Lächeln, Strahlen. Ich hüpfte kurz hoch, wirbelte gezwungen mit offenen Armen im Kreis. Das dauerte maximal fünfzehn Sekunden. Die Schwerkraft sog mich auf den Grund zurück, ich wurde zu Blei. Glück? Glücksimpuls? In meinem Leben weiß ich nicht, was das sein soll. Es ist zumindest nichts, das ich expressiv nach außen verkörpern kann. Überhaupt, einen Impuls, wie soll man einen Impuls, per Definition kürzest dauernd, mehrere Minuten halten? Da merkte ich, daß ich alles Schwere, Dunkle, Bedrohliche, Aggressive fantastisch tanzen konnte, während ich Themen wie „Liebe“, „Freude“, „Glück“ nur hölzern und widerwillig zustandebrachte. Schade. Glücksimpuls: im Nachhinein überlegt könnte das etwas kindliches sein, etwas clowneskes, fantasievolles, ein Zicklein im Frühjahr, ein Stück Feigendatschi, ein kuscheliger Pulli an einem Regentag. Tanz das ´mal!

Im Nußbaum, in den Äpfeln, der Pflaume und Mirabelle hocken die sich herbstsammelnden Stare. Nicht in gigantischen, rauschenden, überlauten Schwärmen wie vergangenes Jahr. Heuer treffen sie sich zu Wenigen im Geäst, dafür plappern sie mannigfaltiger, man kann einzelne Stimmen unterscheiden. Sie äffen gerne andere Naturklänge nach, sind Meister darin. Ich sitze also auf der Bank, gebettet in Starengeplapper. In kleinen Intervallen wechseln sich Geräuschfolgen ab, es ist mir ein Spiel, sie zu identifizieren und zu benennen. Spechtgewieher. Gänsegeschnatter. Quakende Enten. Piepsende Bleßhühner. Zeternde Spatzen. Ein Laubfrosch. Gelegentlich ein Handyton. Dann ein Fuchsschrei, unheimlich echt. Miauende Bussarde. Ich stutze, kann das sein? Sie gackern, gackern vehement, meine Hennen nachäffend, wenn sie ein Ei gelegt haben. Ich schmunzle. Die späte Sonne malt mir Tattoos auf die Haut, Ranken, Laub, filigrane Schattenmuster. Letzte Rosenblüten prangen, die üppig gefüllte, pfirsichfarbene Augusta Louise. Die Fetthenne tupft den Garten rosa auf, die Hortensien wechseln allmählich ihren Flor von Weiß zu Grün zu Pink, wie auch das Laub schallend gelb zu prangen beginnt oder himbeeren errötet. Es ist ganz ruhig, nur der Wind brabbelt, und freilich rumoren die Stare drollig ihren Chor der Vielfalt. Ich sitze auf der Bank, unspektakulär und leise und bin geflutet von Glücksimpulsen; sie lassen sich nicht tanzen, sie tippeln einem durch die Blutbahnen, wenn man lauschend ausharrt und ihnen Platz und Gehör schenkt in seinem Inneren.