319 Kleines Glück

319 Kleines Glück

München, Juli 2026.

Hitzewarnung; wie ein Fön auf höchster Stufe bläst mich der Fahrtwind an. Ich strample und trete, bevorzuge die schweren Gänge, will mich spüren, mich anstrengen. Der Schweiß rinnt mir überall herab, die Arme, Handgelenke glänzen naß, die Uhr reflektiert berstend. Das gleißende Licht wird durch die Sonnenbrille gefiltert, ein Cap verhindert den Stich auf dem dunklen Haupt. Der Gegenstrom ist stark, fast stürmisch. In der Ferne türmen und türmen sich grollend düster die Wolken, wie Bauklötze stapeln sie sich immer wackliger in die Höhe, drohend, leere Versprechungen aussprechend, der Regen wird nicht sein, wieder nicht, seit Monaten. Über mir spottet der Feuerball, stickig-grell. Unterwegs riecht es nach Asphalt, nach reifem Getreide, Heu und, passiert man ein Waldstück, Harz. Es zischen und springen wie Maiskörner in der Pfanne abertausende Grashüpfer und Zikaden in den dörrenden Wiesen. Kein anderer radelt bei 36 Grad über die Landstraßen, Hügel hinauf und hinab, Äcker entlang, monoton und verlassen, nur einmal erspähe ich ein Roggenfeld, gespickt mit Kornblumen, solch ein Blau, wie Lapislazuli leuchten sie azurn, seltener wohl inzwischen als der Edelstein. Ich werde müde, habe Durst. Die Gedanken endlich sind stiller geworden. In den Dörfern blühen Rosenbüsche und Taglilien, schlierende Tupfen von rosa, rot und orange. Ich bin mittendrin im Sommer. Ich kann atmen.

Das rechteckige Bassin befindet sich in einem Senkgarten. Naturplatten gehen in Beete über, harmonisch besetzt mit rosa-gelb changierender Lantana und rosa Ziest, sehr pastellen und ladylike („damenhaft“ klänge unpassend verstaubt). Im Becken posieren Seerosen, die exotischen, nicht unsere heimische Teichrose. Große elegante Sterne treiben auf dem Wasser, wie aus dem All gefallen. Die glänzenden grünen Blätter quietschen und knurpsen gelegentlich; es sind die Fische, die von unten dagegen stoßen, um Schnecken- und anderes Gelege abzufressen. Etliche Juvenile, schwarz gesprenkelt auf Dotterorange, aber auch mächtige Exemplare in Weiß, Lachs, Sorbetkupfern, die gelassen-behäbig ihre Runden ziehen, prächtige ausgewachsene Goldkarpfen. Sie interessieren sich für meinen Hund, schwimmen ihm immer wieder entgegen, drehen ab, kehren zurück – mich ignorieren sie, Menschen sind langweilig. Montana steht am Beckenrand, vor Aufregung starr und angespannt, Kopf und Ohren auf die Koi gerichtet, sich mit ihnen bewegend. Ab und zu wird gefiebt, gewimmert, werden Anstalten unternommen, ins Wasser zu springen, was ich unterbinde. Es ist so schön, dieser stimmige Dreiklang aus zartem Pink, Gelb, Orange, untermalt mit Creme und Sahne, die Wandelröschen, die Seerosen, Goldkarpfen, mein Hund, und ich mittendrin, ruhig und glücklich, absichtsfrei. Die gesamten vier Stunden, die ich im Botanischen Garten Augsburg verbringe, sind wie eine Heimkehr, ein zu Hause, ich kenne ihn seit Kindesbeinen an, vom allerersten Moment verzaubert.

Wenn es einmal ein guter Tag ist, einer bei dem die Nachbarn nicht durchplärren, durchstören, durchrumoren, durchfeiern in Asozialenqualität, wenn man also Muße verspüren darf in eigenem Heim und Grund, sitze ich vor der Hühnervoliere, eher: Hühnervilla und – park, bestückt mit großen Bambushorsten, Zierkirschen, Aroniasträuchern, Johannis- und Stachelbeeren, mit gewundenem Totholz, Kletterästen, Sitzgelegenheiten, zwei Schlechtwetterunterständen und dem mehrstöckigen Stall sowie Ersatznistmöglichkeit. Wenn du ein hervorragendes Karma hast, wirst du als Zwerghuhn bei mir geboren… Habe ich zum zweiten Mal gemistet und zum dritten Mal gefüttert – pro Tag –, nehme ich bei ihnen Platz, auf einer französischen Gartenbank oder einem niedrigen Plastikstuhl, je nachdem, wo sie sich gerade aufhalten, und während sie sich das Gefieder putzen oder mit geschlossenen Augen dösen, lese ich Gedichte. Max Prosa, Goethe, Haiku. Letztere passen besonders gut, irgendwie, glaube ich, schlummert in mir eine altjapanische Seele… Ab und zu betrachte ich meine Hennen, bunt und abwechslungsreich, gefleckt, gepunktet, gesäumt, in diversen Farben. Sie sind hübsch, und ihre Schönheit macht mich froh. Ich hasse alles Häßliche, Billige, Vulgäre, Gewöhnliche, Langweilige, und genau deswegen verabscheue ich dieses Dorf so sehr. Einfallslose Geschmacklosigkeit beleidigt einen kultivierten Geist auf Schritt und Tritt. Dabei wäre es solch ein Leichtes, Ästhetik und Wohlgefallen zu schaffen… Es braucht bloß etwas Mühe, Fleiß, Neugier, Lebensfreude, Willen, Genußfähigkeit. Es ist mir inzwischen egal, ob ich arrogant wirke. Lieber arrogant als proletisch. Jedenfalls verrinnt der Abend, zieht die Nacht auf, meine Mädels wandern in den Stall. Im gigantischen sechzig Jahre alten Nußbaum brummt es: die Schwärmer umfloren das Laub auf der Suche nach Nahrung. In der Lücke zwischen der Krone ein paar angehauchte Wölkchen, dann plötzlich eine flügelnde Sichel, schwipp-schwupp-schwapp weg, eine Fledermaus, die sich die fetten Falter schnappt, und dann wieder!, und hier noch eine!, lautlos, effektiv. Geißblattschwaden schleichen heran, die samtiger werdende Dunkelheit parfümierend. Es glimmt. Irrlichternd. Grünlich-gelb keimen die Punkte auf, langsam taumelnd, umherwabernd. Seit zwei Wochen fliegen sie schon, trotz Fußball-WM-Gebrüll und Techno-Feten ringsum, lassen sich nicht beirren vom Krach. Heute aber ist es still; kein Gestank gegrillten Fleisches, keine röhrenden Automotoren, kein Gegröle, Gejaule, Beat, nichts. Die Schwärmer brummen, ja, die hört man. Zack!, eine Fledermaus. Und gemächlich, beinahe zärtlich, wimmeln dutzende winziger Gespenster über die hängenden Grasähren, die ich eigens für sie habe stehen gelassen, Gräser, in denen die Igel rascheln. Die schwarzblaue Luft ist hauchzart wie Seide, voll behangen mit Glühwürmchen.

Ich bin sehr oft sehr tief glücklich. Ich sauge Momente auf mit jeder Faser meines Körpers, meiner Sinne, Gefühle, Gedanken, Nervenenden. Ich bin in ihnen präsent, leicht und dankbar. Satt, zufrieden. Ja, ich bin sehr oft sehr tief glücklich; es sind dies ausschließlich Momente ganz frei von anderen Menschen. So sieht die Wahrheit aus. Es sind übrigens oft auch Momente, die nichts kosten, nichts außer Aufmerksamkeit und manchmal etwas Mühe (wie beim Fahrrad fahren oder der Haustierhaltung oder Pflanzenpflege). Ich weiß, ich werde einmal am Ende meines Lebens hadern über all die verpatzten Gelegenheiten, die Chancen, die ich aus Trägheit, Angst oder auch Rücksichtnahme auf Dritte nicht habe ergriffen, werde mich grämen und mir Vorwürfe machen. Ich werde aber zugleich das Bewußtsein haben, daß ich aktiv sämtliche Türen und Tore geöffnet habe für Schönheit, Glück, Poesie und stillen Taumel. Daß ich wahre Gefährten hatte: Vieh wie Blumen, Landschaften, Orte, Kunstwerke. Von ihnen fühle ich mich verstanden, umsorgt und geschätzt. Selbst wenn die Rosen mich blutig kratzen und der Stall von Milben befallen wird, deren Beseitigung einen gesamten Tag in Anspruch nimmt, man hunderte Liter (fast tausend!) Wasser schleppt jede Blühsaison und die Sonne den Sport zur Herausforderung macht. Ich wasche mir dann Schweiß und Dreck und Ärger und Sorgen ab unter der Gartendusche (in Badezeug), lasse mich vom eiskalten Strahl schocken, reinigen, kräftigen. Daran werde ich denken am Ende meines Lebens: daß Schönheit und Zufriedenheit nicht protokolliert zu werden brauchen via Instagram Pic, Life Stream, Biografie. Daß man in den stillen Momenten, im Schönen, zu sich selbst findet und auflöst dabei und so lauter wird, wie man es sich nur wünschen kann.

Der Bach fließt bleiern-schlammgrün vorüber, gesäumt von Schichten aus wogend-raschelndem Ried und tuffig weißem Mädesüß. Ich sitze auf den aufgeheizten groben Stufen des Miniaturamphitheaters, das man am Dorfrand bei der Kirche angelegt hat (nicht die Ortschaft, in der ich wohne, das wäre zu apart). In der Ferne thront ausladend eine Gruppe dicht gepflanzter Weiden, die Kronen mächtig-silbern, fast arkadisch in der Anmutung. Es gibt Himmelsblau und Schäfchenwölkchen, weitgehend belassene feuchte Grünflächen, die an das Naturschutzgebiet grenzen. Die Wiese gleich hinter dem Bach prangt vor hohen blühenden Gräsern und hellen Doldenblütlern, welche genau, vermag ich nicht auszumachen. Über dieses pittoreske Bild hinweg studiere ich seit Ewigkeiten das Highlight: Hundertschaften, ach was, tausende wie trunkener Kohlweißlinge. Sie flügeln, blinken, tanzen, wehen, wirbeln, fallen, steigen auf, zu zweit, dritt, viert, alleine, schaffen eine stumme und zugleich singende Choreografie. Selten habe ich so viele der Falter versammelt gesehen. Sie verschmelzen mit den Blütenknollen am Boden, mit der optisch knisternden Weide, den Flugzeugkondensstreifen. Die Wiese lebt. Mein Hund schnarcht genüßlich neben mir, dankbar über die Gassipause, die Pfoten zucken im Traum, zucken wie die Schmetterlinge, das Riedgras, meine innere Freude.

 

Illustration zeigt meine zahmste Henne Dotti, ein Zwergsussex, zum Beitragszeitpunkt fünfeinhalb Jahre alt