316 Festmahl mit Drachen

316 Festmahl mit Drachen

München, Mai 2026.

Ein kleiner abstrakter Drache grinst mich an, eines von drei Maskottchen des Lokals. Dasjenige auf meinem Tisch gefällt mir am besten, weißes Biskuitporzellan, ein Fantasiewesen streng formal, asiatisch-distinguiert mit einem Hauch Augenzwinkern, gefertigt in Nymphenburg. „Wo hast du die Blumen gelassen?“ flüstere ich ihm zu, freilich nur in Gedanken. „Aufgefressen?“ Er antwortet nicht. „Und die Kerzen, die etwa auch??“

Die Nacht zuvor schlief ich außerordentlich schlecht. Ich erwachte immer wieder mit klopfendem Herzen. Meine Aufregung, Aufgeregtheit war größer als jene vor dem entbehrungsreichen, kräftezehrenden Ruwenzori-Trekking im Februar…! Ich hatte fleißig online-Studien betrieben, Benimm- und vor allem Besteckregeln gepaukt. Doch o-weh: Mein schlichtes großes rundes Tuch ist nicht eingedeckt… Stattdessen wird zu jedem Gang ein Bänkchen platziert. Uff, und jetzt? Wenn man pausiert mit einem Besteckteil, wohin damit? Auf den Teller in korrekter Position wie gelernt oder doch zurück aufs Bänkchen…? Innerlich schwitze ich. Ich gehöre zu den ersten Gästen, Spicken wird schwierig (selbst das ein Tipp aus dem Internet: Kucken, was die Nachbarn tun…). Wie ein Kind!, höre ich eine Angestellte lachen. Gott im Himmel, bin ich etwa gemeint? Wie ein Kind!, wiederholt sie, perfekt gestylt, top sitzende Kurzhaarfrisur, die Lippen makellos rot, die beneidenswerte Figur in schicken schwarzen Dreiteiler gewandet. Mir wird schlecht vor Scham, vor Unsicherheit. Ist meine Handhabung des Besteckes, des Geschirrs ein solcher Faux-Pas? Sage ich die falschen Dinge, wenn man mir das Menü erläutert, sich nach meinen Champagner-Wünschen erkundigt?

Ich bin, was sonst, die einzig allein Speisende. Bei den meisten Gästen handelt es sich um Paare. Vermissen sie denn für die Romantik nicht die Blumen? Ich war so neugierig gewesen darauf, auf den Blumenschmuck, die Wahl der Kerzen; gut, es war ein Lunch, unter der Woche, vielleicht sparte man sich die Accessoires für den festlicheren, reizvolleren Abend auf? Der Drache grinst. Ich würde ihn gerne in die Hand nehmen, mit der Fingerkuppe über die Oberfläche streichen, seine Konturen nachziehen. Mich verwirrte die große Anzahl der Servicekräfte, die mich umschwirrten wie Falter eine Lichtquelle. Die mir Wasser nachschenkten aus der Karaffe, mir die Handtasche am Tischhaken befestigten, die Teller und Speisen servierten, wieder abräumten, Weinempfehlungen aussprachen, ein halbes dutzend oder mehr eifriger Personen, versiert, routiniert, ein Ausbund an Etikette, ich suchte nach Namensschildern, an denen ich mich verankern könnte, aber die Höflichkeit blieb professionell-anonym. Ich wußte, wie der Koch hieß, den ich logischerweise nicht zu Gesicht bekam, wir kommunizierten indirekt über die Gerichte. Ohne den Drachen auf dem Tisch, freundlichst mir schräg gegenüber platziert, wäre ich mir vorgekommen wie ein haltlos aufsteigender Gasballon.

Nach dem Hauptgang ziehe ich mich kurz zum frisch Machen zurück; das Orange-Schwarz des Gastraums tauscht man dabei gegen ein Pink-Grün aus: ich wurde merkwürdig ruhig darüber. Es mochte auch daran liegen, daß mir im Spiegel kein infantiler Trampel entgegenblickte, sondern zu größter Überraschung eine kultivierte, elegante Frau. Ich hatte Ohrringe und Brosche in Blau gewählt, weil diese Farbe den Komplementärkontrast zum ikonischen 70er Jahre-Orange des Restaurants bildet. Eigentlich, glaube ich, war ich ganz gut geschminkt, frisiert, gekleidet, kein Clowns-Chamäleon, keine Olivia Jones (oder Mallorca-Katzenberger), ich atmete erleichtert aus, und im übrigen atmete ich das erste Mal tief seit Betreten des Restaurants. Eine Institution, so sagt man, aber mir bedeutet es nichts. Ich wollte einfach nur wissen, wie das schmeckt, zwei Sterne, französische Küche. Ein Interview in einem Modemagazin hatte meine Neugierde geweckt, eher: die Sympathie für den Koch, mit dem es geführt worden war. Er klang so aufrichtig darin, so echt, ganz ohne Posieren und Aufmerksamkeitsheischen, ohne Show, ja, das ist es: er schien sich nicht zu maskieren, zu verkleiden, sondern erzählte von seinem Leben in der Spitzengastronomie, unaufgeregt und zugleich eindrücklich, sodaß ich ihn kennenlernen wollte über die Speisen, die er ersann und schuf und mir als Vegetarier sogar gewisserweise maßschneiderte. Zumindest mußte er eine fleisch-, fisch- und krustentierfreie Alternative kreieren, die trotz allem den Geist dessen trug, was ihn gerade interessierte am Kochen, an der Saisonalität.

Zwei Mal indes konnte ich mich nicht erwehren, an Afrika zu denken, meinen Aufenthalt in Uganda ein paar Monate zuvor. Ich möchte bitte nicht als Moralapostel oder Heuchlerin mißverstanden werden, aber mich versetzte es in einen ungeheuren Schock, als man mir vor den Amuse-Gueules und dem ersten von fünf Gängen Brot und Butter servierte, gesalzene Butter aus der Bretagne, wo die Kühe auf Kräuterwiesen grasen und mit Weinblüten zugefüttert werden, eine eiskugelgroße Portion Butter aus einem enormen hölzernen rechteckigen Buttertrog „geschöpft“, und dazu drei Brote, versteht man, nicht Scheiben dreier Sorten Brot, sondern drei verschiedene vollständige Brote dufteten da vor mir, französische Landkruste, in Sepiatinte eingefärbte kohlschwarze Buchweizennavette, ein Muffincroissant, jedes für sich eine vollständige Mahlzeit! Ich wollte mir den Appetit nicht nehmen damit, sondern wartete auf die Gemüsegänge, feinstens komponiert, raffiniert und vollmundig, Lyrik, Poiesie aus Textur, Farbe, Aroma, Erbsen an Zitrone-Ingwer, marinierter Stängelkohl, grüner Spargel an fermentiertem Knoblauch, weißer Spargel in leichtem Teigmantel, ein Kartoffelnockerl, gefüllt mit gehackten Pilzen, dazu allerliebste Verzierungen und zu recht gepriesene Soßen. Man verzeihe mir meine laienhaften Lobes-Schilderungen! Aber diese Brote zu Beginn, die entsetzten mich ihrer Maßlosigkeit wegen. Ist Sterneküche (vielleicht ein Klischee?) nicht konzentrierte Essenz eines Gedankens, Gefühls, einer Jahreszeit, jedenfalls etwas von Seltenheit und Maß, auch von Begrenzung irgendwie, Understatement bis zu einem Grade, etwas für Eingeweihte (wie ich es sicherlich nicht bin), für Kenner und Wertschätzende?

Ich habe vom Busfenster aus kürzlich wieder so viel Armut gesehen in einem Land, das von sich behauptet, es existiere dort kein Hunger – mir war also schon ganz elend, und dann ging die Sache los mit dem Besteck und ich hörte sie sagen: Wie ein Kind! Ich habe extrem gute Ohren, sie hat das ganz sicher gesagt. Im Spiegel kuckte ich auf das Blau der Ohrringe, der Brosche, beides Stücke gemeinsam entworfen von mir und dem Juwelier. Das Blau beruhigte mich. Vielleicht hatte sie etwas ganz anderes gemeint, eine andere Person, einen anderen Kontext. Oder es auf etwas anderes an mir bezogen, viele faszinieren meine zierlichen Hände, und der Nagel meines kleinen Fingers mißt gerade einmal sieben Millimeter in der Höhe, da sagte schon so manch einer, es sei wie bei einem Kind; einige Männer scheint das zu faszinieren, sie sprechen es anerkennend aus, als sei es ein Kompliment, aber die Zeiten, daß eine Frau verniedlicht werden möchte, sind längst vorbei, und so wische ich derlei Aussagen schnell und effektiv weg wie lästige Fruchtfliegen an der Limonade. – Wie kann ein Mensch, der so weit und so tief gereist ist wie ich, so vielseitig interessiert und fundiert belesen, wie kann der sich nur ständig wegen nichts und wieder nichts derart aus dem Konzept bringen lassen?? Die Frau im Spiegel, ihre pure Anwesenheit, machte mir Mut. Ein Raumspray duftete herrlich herb nach Kräutern, mich belebend, aufrichtend.

Ich kehrte zum Tisch zurück, wo ich gerade den Kellner vorfand, welcher mir üblich die einzelnen Gänge erläuterte. Ich hatte mich nicht abgemeldet, wozu auch, und bildete mir ein, er sei kurzfristig verwirrt gewesen über den leeren Platz, wahrscheinlich auch dies keine Tatsache der Realität, sondern eine Situationsverzerrung. Jedenfalls trat ich mit neuem Schwung auf ihn zu und rief fröhlich (wohl auch zu laut und zu überschwenglich) aus: „Na, haben Sie mich vermißt?“, was mit einem Lachen quittiert wurde. Ich hatte diesen meinen Heiterkeitsanfall sogleich wieder vergessen, doch als er mir kurz darauf den Hauptgang bringen ließ, fragte er schelmisch: „Haben Sie denn mich vermißt!?“, was ich wirklich absolut lustig fand. Diese seifenblasenzarte Anekdote von Humor und Gelöstheit – bitte, versierter Koch, exzellentes Team, nicht übel nehmen – war mir das besondere meiner Erfahrung im Spitzenrestaurant. Die Sekunden gegenseitiger, absichtsfreier Sympathie, spielerischer Resonanz.

Ich hätte ihn gerne einmal privat gesprochen; bei einem Kaffee. Und ich hätte ihm vom Geheimnis erzählt, wie man den Geschmack perfekter Hühnereier hinbekommt (indem man die Hennen unter anderem mit Ziegenkäse, Himbeeren, Melone, Sprossen und Pak Choi zufüttert), und das hätte ihn gewiß genau so sehr interessiert wie meinen Porzellandrachen die Frage, welche Flora am besten aufs Tuch gepaßt hätte (vielleicht Spinnenlilien und Kängurublume?).