247, Teil IV: Impressionensammlung

247, Teil IV: Impressionensammlung

Cumbria und Manchester/England, April 2023.

Ich spürte die Anstrengung, ohne Frage. Eine Etappe von dreiunddreißig Kilometern mit vielen wechselnden steilen An- und Abstiegen, saugender, sumpfiger Untergrund, eine teils für mich zu schnelle Pace, lediglich zwei kurze Pausen von insgesamt fünfzehn Minuten, dazu der Schmerz am entzündeten Knöchel, unter der Fußsohle, wo sich eine stattliche Blase breit gemacht hatte. Ich fühlte die körperlichen Qualen bei jedem Schritt, ellen davon entfernt, sie als unerträglich einzustufen. Ich staunte über mich selbst: wer war diese Frau? Das Empfinden von physischem Leid hatte sich verschoben, die Grenze war neu gesetzt. Hieß es, ich war stark geworden oder einfach nur hart? Tausend Mal zerbrochen, tausend Mal zusammengefegt, sortiert, gekittet – abgestumpft? Kann sich der Schmetterling an die Raupe erinnern? Ich wundere mich über die schillernden, fröhlich gemusterten Flügel, genieße sie. Wenn dies Altern ist, dann bitte mehr davon.

Ich darf Menschen wieder ansprechen, ohne daß sie meinen Pesthauch fürchten. Ich tue es ausgiebig, habe meine Stimme nicht verloren, meinen Mut, auf Fremde zuzugehen für ein paar Minuten des wohlwollenden Miteinanders. Im von Einheimischen völlig überfüllten, brummenden, summenden Pub, schlicht, urig, atmosphärisch, nach Fett, nach Fish & Chips riechend, stand hinter dem Thresen ein bärtiger, pausbäckiger Jüngling am Ausschank, Craft Beer und Cider zapfend. Seinen Unterarm zierte ein meisterlich gestochenes Tattoo, ein naturalistisches, apartes Rotkehlchen in feinsten Nuancierungen, beinahe aquarellartig ausgeführt, begleitet von einem Datum aus dem Jahr 2022, woraus ich schloß, daß er Vater eines Buben namens Robin geworden war. “May I have a look?” fragte ich lächelnd, worauf er mir etwas verdutzt den Arm hinstreckte. Ich formulierte ein paar lobende Worte, gentle, smooth, subtile waren darunter, und er freute sich, so unbändig, daß das gesamte Gesicht in Flammen stand und die Augen wie Kohlen glitzerten. In Manchester Tage später sang ein Straßenmusiker in der Fußgängerzone, banal und nichtssagend wie die meisten Fußgängerzonen, eines meiner Lieblingslieder von Roxette covernd. Er war dunkelhäutig, die langen Rasta hatte er zum Zopf gebunden. Zum quietschfuchsiapinken Samtblazer hatte er eine weite Riesenkarohose kombiniert, die Lider hielt er geschlossen und das Mikro inbrünstig-zärtlich in den Händen. Seine Stimme war ohne Zweifel die einer ausgebildeten Person, und mir gefiel seine Version eines von mir ohnehin geschätzten Songs. In großem Kreis hatte sich eine Menge eingefunden, darunter auffällig viele Rollstuhlfahrer. Ich war ganz verzaubert von dem Gesang, von dieser offensichtlichen Leidenschaft, und als er endete, riß ich nach einigen Sekunden der allgemeinen Stille die Arme hoch, hoch in die Luft, laut und kräftig und überschwenglich klatschend, als einzige, angestarrt von dutzenden Leuten, die gar nichts anzufangen wußten mit meinem Begeisterungssturm, meine Begleitung wäre gewiß am liebsten im Boden versunken, aber es war mir egal, ich lachte innerlich und wollte diese Freude nach außen tragen. Der farbige Sänger in Pink und Karo verschränkte die Hände vor der Brust, ergriffen vom Anklang, den er gefunden hatte, und verneigte sich – verneigte sich mit der Grazie und Selbstverständlichkeit einer Callas, strahlend. Wir Menschen brauchen so wenig, um uns verbunden zu fühlen, sei es für Sekunden, und doch tun wir derart selten etwas dafür, daß es geschieht. Beim nächsten Lied wagten ein paar Passanten es, schüchtern zu tanzen.

“Keinesfalls gehe ich ins National Football Museum!” rief ich entrüstet, als ich bemerkte, daß er ein Hotel in der Nähe gebucht hatte. Wir blieben neunzig unterhaltsame Minuten darin, die Kulturgeschichte dieses Sportes nachvollziehend, das erste offizielle, handschriftliche Regelwerk musternd, tausende Fanartikel, uns schockiert über etliche Tragödien informierend – Mannschaften auslöschende Flugzeugabstürze, brennende Stadieninferni, erdrückte Zuschauer; Pokale und Fotografien betrachtend und über eine verblüffend emanzipierte Phase aufgeklärt werdend, die in den 1920ern dazu geführt hatte, daß es mehr Zuschauer für Frauenspiele gegeben hatte als für jene der Männer – weshalb auch der Weiblichkeit schließlich Turniere offiziell untersagt worden waren. Ja, ich gehöre mittlerweile zu dem schmalen Kreis, der gewillt ist, seine Meinung zu ändern und Neues zu erkunden, sogar bei Themen, für die Interesse aufzubringen es Überwindung kostet zunächst. Im Anschluß besuchten wir das Industriemuseum sowie eine fast original erhaltene Polizeistation aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, die in einen Dornröschenschlaf gefallen zu sein schien, und die mit Verve und Enthusiasmus von historisch uniformierten Senioren erläutert wurde; neben Schlagstöcken, Kutschen, Motorrädern, Wahlscheibentelefonen, geschilderten alten (meist gelösten) Delikten und Mordfällen (inklusive der in Vitrinen ausgestellten Tatwaffen, eigenwillig makaber…) waren es die restaurierten Gefängniszellen, die einem eine Mischung aus wohligem Grusel und Unbehagen einflößten.

Ich öffnete die Tür zur Damentoilette, heftig zurückprallend. Dieses Lokal war ohnehin schon exzentrisch gewesen mit seinen von unten beleuchteten, grünen Mineralsteinböden, den Kellnern in kitschig mint-brokatenen Livreen, den Insektenbildern an den Wänden, den Pflanzen überall, kurz: mit diesem Mehr an Mehr, einer grellen, platzenden Fülle, die einen auf Chic machte aber höchstens amüsant war. Ich schrak zuckend zusammen. Der Vorraum war kreisrund, eine Kuppel ausbildend, die über und über bestückt war mit pastellenen Stoffrosen, und in der Mitte erhob sich auf einem Sockel eine überlebensgroße, weiße Frauenstatue, deren nackte Brüste auf mich herabstarrten. Von diesem Vorraum gingen kreisförmig die eigentlichen Toiletten ab, die Tapeten goldschimmernd, die Schüsseln aus barbiefarbener Keramik, die Waschtische aus echtem lila Granit. Ich stand eine Weile nur dort, lachend. Auf jeder Reise gibt es tatsächlich immer  irgendetwas, das mich noch stutzen macht, sei es, daß man mir auf offener Straße eine Jesuskindfigur in die Hand drückt (vgl. Beitrag 238), ich in afrikanischem Gebirge auf einen urlaubenden Blauhelmsoldaten treffe (vgl. Beitrag 59) oder ich eben überwältigt werde vom gewagt-fantasievollen Design eines WCs… Umgehend sandte ich meine Begleitung auf die Herrentoilette, die sich zu unserer unsagbaren Enttäuschung als absolut bieder erwies und in simplem Schwarz-Weiß gehalten war – ganz ohne unbekleideten Männertorso, zu schade…

Die gotischen Rundbogenrelikte aus dem 12. Jahrhundert staken im Grund des höchst romantischen Klosterareals in Carlisle, einer ansonsten tristen, grauen Stadt. Man hatte Tulpen davor gepflanzt, die bunt aufnickten. Unweit davon stand eine Sitzbank; man muß dazu erwähnen, daß Bänke in England generell gestiftet und einer nahen, verstorbenen Person gewidmet werden, sodaß man auf den Plaketten die innigsten, intimsten, schmerzlichsten, schönsten Zeilen liest, die man sich nur vorstellen kann, bittersüße Geste des Gedenkens. Auf dieser Bank, mit Blick auf eintausend Jahre alte Rundbogenruinen und frühlingsfrohe Tulpen, vernahm ich mit Paukenschlag: “My child I love You so much”

 

 

 

 

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