182 Auftrudelnde Bilder

182 Auftrudelnde Bilder

Verschiedene Orte, verschiedene Zeiten.

Ist es der Sekt aus Omas zartem Kristall, ist es die mangelnde Ansprache, die mir allmählich das Hirn vernebelt und zugleich Szenen aufsteigen läßt, die ich längst vergessen hatte und die sich nicht nach Erinnerung anfühlen, sondern weniger konkret, irgendwie als flatterhafter Traumeindruck mir vors innere Auge treten?

Eine Abfolge von kleinen, bewachsenen Innenhöfen, eingestrickt in koloniale Klosterarchitektur, Räume voller Luft und Schatten, die zwischen Bäumen tanzen, um Brunnen wehen. War es in Peru? In Ecuador? Jedenfalls während der neunwöchigen Tour 2009; Wohn- und Wirkungsstätte eines Nonnenkonvents. Kein Zusammenhang, nichts, bloß diese Empfindung von abgeschirmter, warm-weicher Ruhe.

Wie riecht das Meer? Kann man es vergessen…? Die Verbindung dazu habe ich verloren, die Verbindung zu fast allem, wie oft höre ich im Geiste Major Tom, ein Parabellied auf unsere Gegenwart, auf die meine. Ozeane, Bilder von Soqotra, Sri Lanka, Galápagos, Farben, Menschen, – da war doch was, kann es sein: Menschen? – Azoren, Irland, Ägypten. Das Geräusch schwer und satt brechender Wellenkämme, nasser Sand, der um die Füße herum weggesogen wird, Schaum, der die Knöchel umspült. Kindliche Freude, Muschelstückchen, angeschwemmtes Seegetier, Krebse, Schlangen. Bunte flitzende Bewegungen stromlinienförmiger Körper, das Gluckern des eigenen Atems, ah, die Muräne!, mit geöffnetem Maul wabert sie in der Brandung vor ihrer Korallenhöhle sacht umher. Pupillen, stecknadelkopfkleine Pupillen zu Hunderten, vielleicht Tausenden und ich mittendrin.

Sonnenbrand und Blasen an den Zehen. Vom Schweiß der Anstrengung verklebte Kleidung, flatternde Zeltplanen. Sternenhimmel, die pulsieren, wenn die tintenblauen Wolkenfetzen aufreißen. Monde, so groß und löchrig-rund und käsegelb, daß man eigentlich Marsianer sein muß, sie zu erleben. Lakonische Vogelrufe, vereinzelt und doch beharrlich, ein Zeitticker. Die heiße Brise, die einem über die Haut föhnt, ein trommelndes Herz, das davon verkündet, robust und lebendig zu sein. Klickende Kamera, klimpernde Schritte. Berge und Felsen und Leere, wohin der Blick streift, eine angereicherte Leere, kein Vakuum. Durch die Brust toben die Geschichten, man braucht sie bloß zu pflücken und niederzuschreiben, die Sätze sind da, wollen festgehalten werden.

Diese Kälte, unerträglich schmerzhaft, und doch muß ich hindurch durch den flachen aber breiten Fluß, wieder und wieder. Die Zähne klappern mir, die Lungenflügel setzen aus, solch eine Pein (nur für mich, die anderen finden es ok), Stiefel aus, Socken aus, eisiges Naß, das mich straucheln läßt. Von oben trommelt der Graupel herab, in den sich Regen mischt, das Cape tropft. Sogar das ist schön. Alles ist schön, was nicht Gleichgültigkeit heißt, Gleichförmigkeit, die Geist und Seele tötet.

Bedeudet Reisen ein Flüchten?

Wenn es möglich wäre, Haus und Garten exakt wie sie sind, aufzuheben und zu versetzen an einen Ort der Naturstille, keine Sekunde würde ich zögern. Weg von der Gier der Leute, die ihre Jagd nach dem Vorteil noch als gute Tat und dem Gemeinwohl dienend darstellen, weg von dieser permanenten Hektik und Unrast, vom Krach und Egoismus, vom Maschinengedröhn, Motorengekreisch, sogar weg von den Stimmen, die nichts tröstliches oder fröhliches haben, sondern stets eine Lästerei, einen Affront bergen. Weg von den Verwandten, die kaum zwanzig Kilometer entfernt wohnen und es doch nicht für nötig erachten, die weitere Familie über eine geglückte Schwangerschaft samt Geburt zu informieren. Weg von der vergötterten, geliebten, verstorbenen Tante, die nichts nichts nichts hinterlassen hat, als ihren Tod: ihren Füller nicht, ihr Halstuch nicht und kein einziges Wort des Abschiedes, keine Zeile oder Geste, obwohl das Sterben eineinhalb Jahre gedauert hat. Weg von den Nachbarn, die mich als arrogant ansehen, weil ich zum Joggen Lippenstift auflege. Weg von den Militärfliegern, die den Himmel zerkratzen.

Als ich auf dem Rücken lag, eine simpelste Yogahaltung einnehmend am frühen Abend, und eben weit, weit wegstarrte, da gewahrte ich ein mehrfarbiges, u-förmiges Lichtgebilde: einen Zirkumzenitalbogen. Als lächelte ein Wesen mich an. Etwas, das keine Maske trägt und keine Angst verspürt.

 

Verschiedene Orte, verschiedene Zeiten. Der Sekt perlt fruchtig-süß am Gaumen. Ich lasse die Bilder ziehen, weitgereiste Vögel, die einem inneren Kompass folgen. Es wird schon alles seine Ordnung haben, irgendwie.

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