181 Das andere Geschlecht, Teil II

181 Das andere Geschlecht, Teil II

München, August 2021.

Stille. Fotografie. Reisen. Echo. Poesie. Darum geht es hier im Blog, alles miteinander verwoben wie das Fasziengewebe im Körper. Schon früh hatte ich meiner Brieffreundin gegenüber geäußert, beim (über die Gebühr geschilderten) Helden ginge es nicht um ihn an sich (eine mir unbekannte Persönlichkeit), sondern darum, was er als Stachel in mir auslöse. Aber weil das Schwärmen so schön ist und bequem, weil es diese Endorphine aussendet, Serotonin, Oxymoron, weil man dann quasi als erwachsener Robin Hood ohne Anstrengung zum Hero der eigenen Bildwelt wird, vielleicht sogar bewundert, ach, weil es einen so glücklich lächeln macht, deshalb nur trieb ich es immer weiter mit dem Tagträumen, obwohl man sich der schillernden Seifenblase bewußt war, in welcher man sich die Monate und Jahre hindurch bewegte. Beinahe eine Dekade lang konnte ich mir auf diese Art Geschichten ersinnen voller Humor, Abenteuertum, Tatkraft, Erfolg, geschliffener Wortwechsel, konnte ich mondän sein, kompetent, unerschrocken, waghalsig, anziehend – wirklich kaum Unterschiede gab es zum Fantasiereigen meiner Kindheit. Nicht Zurückweisung oder Ablehnung waren es, die mich schließlich erwachen ließen. Es war die Tatsache, daß der bejubelte Adressat den Ansprüchen nicht hat genügen können, daß die Fantasie stets reicher gewesen war, beschönigend, erhebend. Der Stachel des Antriebs in meinem Fleisch ist verschwunden, die Stiche versetze ich mir längst. Sein und Soll, Wirklichkeit und Wunsch. Von den neun Jahren hatte ich sieben vollauf gewußt, in einem selbst gesponnenen Kokon zu verharren. Trotzdem war es in diesem Kokon behaglicher gewesen, als er noch nicht zerrissen war. Ungeschützt bin ich nun, der Empörung ungehindert ausgesetzt, ausgeliefert der Wut, Verzweiflung, politisch, sozial, ökologisch. Glaube du, Held, nur ruhig weiterhin, ich sei verrückt, krankhaft vernarrt (sogar mich hast du eine Weile davon überzeugen können) und sei froh, mich losgeworden zu sein. Menschen, die träumen, verletzen niemanden. Ich sage zwar Du, aber es hat mit dir nichts zu tun, schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Dieses Du habe ich erschaffen, weil ich auf der Suche war nach dem Wir.

Ein Wir, das findet sich in der Stille, der Fotografie, im Reisen, Echo, in der Poesie und vielleicht hier im Blog.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.