183 Mumien

183 Mumien

Bremen, August 2016.

Ich war durch das puppenhafte, pittoreske Schnorrviertel geschlendert mit seinen bunt getünchten Fachwerkhäusern, Rosen berankten Mauern, verspielten Figurenbrunnen, winzigen Touristenläden  (ich erstand ein Bastelset für eine naturnahe papiernerne Rauchschwalbe, die nun das Büro schmückt); war Teil einer Rathausführung gewesen, wo gigantische Holzschiffmodelle von den imposanten Decken hingen, und durch den düsteren Dom geschritten. Im dem diesem letzteren angegliederten Heilpflanzengarten saß ich vom warmen Sonnenschein geküßt müßig und träge auf einer Bank, umgeben von Frauenmantel, silbrigem Beifuß, Lavendel, zitronig-herben Nachtkerzen, die Namen samt Verwendungszweck fein säuberlich auf Schildchen vermerkt. Es war ein netter Ort, nicht spektakulär aber gemütlich, etwas zum Sammeln nach den vorangegangenen kulturellen Eindrücken. Lüneburg, Hamburg, Buxtehude, Bremen lautete meine Route anläßlich eines Verwandten-Überraschungsbesuches; es war viel geplaudert worden und gelacht, ich hatte einiges gesehen und unternommen, ich war es mir zufrieden. – Mutter und gelangweilter Bub betraten den schmalen, ruhigen Garten. Sie stieß entzückte, gurrende Laute aus, ach, gegen Menstruationsbeschwerden, interessant, und hier, gegen Kopfweh, ist das nicht spannend?, und schau!, die tolle Blüte, hübsch nicht? Und das Kind machte mit verkniffenem Gesicht Mmmmm mhhhmh mhhh, ja. Und dann sagte es: “Mama, wann gehen wir endlich zu den Mumien?”

Mit einem Schlag war ich hellwach. Mumien? Wie? In Bremen? Was? Ich beobachtete, wie sie beide einem unscheinbaren Eingang zusteuerten, Eintrittskarten zückten und verschwanden. Ich ließ den Beifuß Beifuß sein und den Ziest Ziest, schnappte mir den Rucksack und rannte erneut zur Domkasse, mir ein Ticket besorgend, von dem ich gar nicht genau wußte, wofür es gelten mochte…

Nun muß ich ergänzen, es gibt Dinge in der Welt, die ich seit jeher anziehend finde, nicht nur aus dem Kunst-, Kultur-, Designbereich; wahllos wie unvollständig aufgezählt: Verhaltensforschung und NLP; Apnoetauchen; U-Boot-Wracks; Schleimpilze; Höhlen; Quastenflosser; Glühwürmchen; Parfüm; und so weiter und so fort, aber insbesondere auch: Mumien. In Bozen hatte ich mir den Ötzi angeschaut und eine Ausstellung über die Chachapoyas; in Südamerika die Schrumpfköpfe; in Dublin die nordeuropäischen Moorleichen; in Paris und Lima die Gebeinkatakomben; in Hallstatt die Blumen und Muster bemalten Schädel. (Die Paradebeispiele im Kairoer Ägyptischen Museum hatte ich leider verpaßt: der Professor gab uns damals eine einzige Stunde, diesen Tempel der Archäologie zu erkunden, und ich verbrachte einen Großteil davon bei den Grabbeigaben Tutanchamuns.) Wahscheinlich klingt es morbider, als es mir selbst dünkt, aber für mich ist der Tod ohnehin nichts, das man in einen unterirdischen Atombunker sperrt, etwas von dem man tut, als existiere es nicht, bis man unweigerlich wie unfreiwillig eines besseren belehrt wird. Mumien sind mir Verstorbene, die Brücken schlagen über gigantische Zeiträume hinweg, die mich mitleidend und demütig machen, mich berühren ganz tief drinnen. Ich merke, ich befinde mich einmal mehr im Rechtfertigungsmodus.

Es brauchte ein bißchen, die Augen an die plötzliche relative Dunkelheit zu gewöhnen. Tatsächlich. Es herrschte eine sprechende Stille, dumpf. Bilde ich es mir ein, roch es staubig, trocken-abgestanden? Ist es die Fantasie, die mir einen Streich spielt nachträglich? In alten Eichensärgen lagen sie, etwa sieben Häuflein Mensch, gekleidet, frisiert. Faltig und braun, eingesunken, verformt, tot aber in jedem Fall Mensch. Ein, zwei Frauen, der Rest Männer. Gestorben in den Wirren des 30jährigen Krieges sollten sie ursprünglich dort im Kellergewölbe aufbewahrt werden, bis es ruhiger würde und eine Überführung in die fernen Heimatorte möglich. Man hatte nicht damit gerechnet, daß Elend, Not, Gewalt mehrere Dekaden umspannen würden und sie dann schlicht vergessen über die lange Zeit hinweg. Luftzug und ideale Temperatur- wie Feuchtigkeitsbedingungen in Kombination mit dem sandigen Grund der Gegend hatte die Leichen verwandelt, Verwesung wurde zu unbeabsichtigt stattfindender Mumifizierung. Ich blieb lange bei diesen Menschen, die ihr Leben gelebt hatten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Ich schenkte ihnen ein Vaterunser und beste Wünsche ins Jenseits. Und wie bei jeder Mumie oder jedem zu Schau gestelltem Gebein fragte ich mich, was sie davon gehalten hätten, hätten sie in die Zukunft blicken können und sich selbst als Objekt gesehen, nicht bestattet und verschwunden auf Nimmerwiedersehen, sondern konserviert und zugänglich gemacht dem öffentlichen Blick. Hätte es sie entsetzt? Ihnen geschmeichelt? Hätten sie es in Ordnung gefunden oder völlig abgelehnt? Und ebenfalls wie immer fragte ich mich, welche Charaktere sie gewesen sein mochten, sympathisch, neugierig, offen, verhärmt, gierig, mißgünstig? Welchen Alltag hatten sie verbracht, war er nur Mühsal gewesen oder auch Freude?

Mumien in Bremen. Ich lasse mich gerne überraschen. Dem Unerwarteten applaudieren, mitgerissen werden vom Zufall. Nicht alles bestimmen, kontrollieren, herbeizwingen, einfach Kucken und Lauschen und selbst im Müßiggang durchlässig bleiben für das, was einem begegnen mag, wenn man nicht rechnet damit.

 

 

(Anmerkung: Ich erzähle oft aus dem Gedächtnis heraus. Das Internet verrät es: es handelt sich um acht Mumien, einige davon verstorben im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts. Den Kern des Geschilderten trifft dies nicht.)

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