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154, Teil IV: Falsche Rolle

Azoren, Juni 2012. Ich wurde häufiger angemotzt. Weil ich zu lange unter der Dusche stand (es wurde mit einer Gaskartusche geheizt und daher rationiert, aber wie soll man denn das Shampoo aus dem damals über Po langen Haar kriegen?); weil ich eine Ecke vegan belegter Pizza vom Lieferservice wünschte; weil ich zu oft einen über…
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153, Teil III: Blödelei

Azoren, Juni 2012. Es war eine zerklüftete Bucht. Der weiße Schaum der aufspritzenden Gischt kontrastierte mit dem porösen Schwarz des Lavagesteins, ein Schachspiel, wer setzt seine Figuren klug? Wir hatten den so ziemlich einzigen sonnenmilden Tag unserer Tour erwischt und uns gleich in die Fluten gestürzt; unten wuchsen Seeanemonen und -würmer, wogende Ghirlandenkreise, tänzelnde Tentakeln…
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152, Teil II: In und Out

Azoren, Juni 2012. Es war der reinste Shakespeare´sche Possenreigen. Wer sich da in wen verkuckt hatte oder sich gleich mehrere Eisen im Feuer behielt, wer dazugehörte und wer sich in die Nesseln setzte, und überhaupt, der verwandelte Esel, der war ich, Sommernachtstraum made by Pico… Eine Gruppe junger Leute, die meisten Mitte/Ende zwanzig, die Älteste…
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151, Teil I: Wendepunkte

München, Januar 2021. Ich glaubte, meine Worte verloren zu haben. Ich glaubte, es sei vorbei, der Seelenblick, das Teig kneten, formen, backen, genährt werden von eigenen Texten, weil sie in diesem wedgewoodblauen Metallsarg versenkt worden war in texanischer Juli-Erde, Adieu, Tante, ich vermisse dich, vermisse deine üppigen, türkisen Schlaufen, die nach Mehr baten in den…
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150 In der Schwebe

München, Januar 2021. Die Zeit zwischen den Jahren ist fragil; es heißt, die Geister fänden hier ein Einfallstor zurück auf die Erde. Ich selbst erlebe diese Tage stets als eine Art Schwebe, als etwas, das sich erst wieder ausbalancieren muß, wie ein alter, riesengroßer Stundenzeiger, der nach dem Vorrücken noch einige Sekunden wackelt, ehe er…
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149 Who cares

München, November 2020. Where do You go, where do You go if nobody cares? (Cat Stevens, Roadsinger) Chrysanthemen, Zwergmargheriten, Schleierkraut in einem Bett aus Pistaziengrün und Nußbaumlaub bilden ein zart-weißes Ensemble, irgendwie unschuldig und rein, tugendhaft, um veraltetes Vokabular zu verwenden. Ich war eigens in die Blumenwerkstatt des übernächsten Dorfes gefahren, um mir für fünf…
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148 Drei Minuten, acht Sekunden

München, Dezember 2020. Blumensträuße, soweit ich mich erinnern kann, erhielt ich (abgesehen von Gaben innerhalb der Familie), drei an der Zahl: ein Geburtstagsbouquet von meiner Gymnasialfreundin mit Spitznamen Marmotte, gelbe Orchideen von meinem Kumpel und Mathe-Nachhilfelehrer, sowie ein Dankeschön von einer scheidenden Arbeitsstelle (ach, und eine einzelne, miniaturhafte rosa Wildbüte von einem omanischen Verehrer, vgl.…
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147 Reifen

Guatemala, November 2016. Ein zerstörtes Land, vom Bürgerkrieg nach wie vor gezeichnet, über weite Strecken entsetzlich häßlich, Bordelle und Love Hotels, die sich nahtlos aneinanderreihen, kaputt gerodete Flächen kilometerweit, nackte Betonkuben oder rostende Wellblechverschläge, Altmetallhaufen auf den Wiesen, Plastikkitsch und Abgasgestank überall, latente Gewalt, metertiefe, nicht mit Warnschildern oder -bändern gekennzeichnete Löcher, die unvermittelt im…
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146 Global Kintsugi

München, Oktober 2020. Vielleicht habe ich versehentlich von einem Zaubertrank erwischt; ich komme mir vor wie ein Riese, ein Gigant, der wächst und immer weiter wächst, während die Umgebung zusammenschrumpft, mental- klaustrophobische Enge übriglassend. Scheinbar der literarischen Vorlage folgend, wähne ich mich gefangen und gefesselt, bewegungsunfähig, von Hunderschaften von Speerspitzen gepiesackt und gezwickt. Die Restriktionen…
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145, Teil II: Wo man Andorra findet

Andorra, August 2020. Am Flughafen erfahren wir: der Maulkorb ist plötzlich auch im Freien Pflicht, nicht nur in den Geschäften. Die Bergwelt durchwandernd dürfen wir ihn abnehmen; an den Tagen mit Kulturprogramm heißt es: sechs, sieben, acht Stunden lang Keime anzüchten, schön ins warm-feuchte Millieu atmen, den Erregern ein optimales Gedeihklima bietend. Eine Mitreisende reagierte…
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