330 An M

330 An M

München, Oktober 2026.

Obwohl wir uns seit zweieinhalb Jahren weder gesehen, noch gesprochen haben bei einer Wohndistanz von weniger als hundert Metern, gibst du mir – du, zusammen mit diesem Dorf – an jedem einzelnen Tag das Gefühl, nicht mehr zu sein als ein Stück Scheiße: etwas hochgradig unangenehmes, das man meidet bzw. dessen man sich entledigt hat, ohne weiter daran zu denken.

Nun, ich für meinen Teil habe an dich gedacht, an jedem einzelnen Tag dieser zweieinhalb Jahre, und ich muß dir sagen, es reicht. Ich habe geweint und getobt, mich wehmütig an Schönes erinnert, dich vermißt und unsere kleinen, beinahe rituellen  Unternehmungen (Stichwort Töpfermarkt, Kino, Christkindelsstände). Ich habe mich gefragt, was ich falsch gemacht habe, habe gezweifelt an mir, getrunken, Alpträume gehabt nachts, meine Geburtstage komplett unter den Tisch gekehrt (anstatt wie du an einer Location zu feiern mit der Happy Family am 40.), habe diskutiert mit dir, wieder und wieder und wieder, dich um Verzeihung gebeten, mich gerechtfertigt, erklärt, habe Anklage erhoben gegen dich, gehadert, mich hinterfragt. Und du? Du hast das „perfekte“ Leben jetzt, plötzlich eine eigene große Wohnung, eingerichtet nach deinen Vorstellungen, einen Partner, ein Ziehkind, bist mehrfache Tante, alles supi. Ich gönne dir das, sogar von Herzen, auch wenn du das bestreiten würdest. Der Punkt ist nur der: als du beschlossen hast, erwachsen zu werden, reif und selbständig, und dich deiner Jugend entledigt hast mit reichlich Verspätung, kistenweise Bücher und Klamotten und Gegenstände weggeben, da hast du einfach mich dazu gelegt. Der „Streit“, geführt in Briefen und What´s App-Nachrichten, der war doch bloß Vorwand, denn nichts davon hat derart schwer gewogen, daß man kommentarlos dreiunddreißig Jahre Freundschaft abbricht. Als ich mich entschuldigt hatte, per Karte in deinen Lieblingsfarben, obwohl ich – offen gestanden – eher fand, daß du hättest dich entschuldigen sollen, war es Mai, ich hatte gefragt, ob wir uns auf einen Kaffee treffen, und deine Antwort, wie lautete die? Du seist voll mit Arbeit, vor August hättest du keine Zeit. Mai. Juni. Juli. August. Für eine Tasse Kaffee bei einer Wohndistanz von weniger als hundert Metern hätten drei, vier Monate verstreichen sollen, du hast keine Vorstellung, wie weh das getan hat. Überhaupt dein Vorwurf, ich verstünde dich nicht, dich und deine stressige Arbeitssituation, für die ich mich nicht genügend interessiere. In unseren Gesprächen über Dekaden hinweg ging es zu 80 Prozent um deine Arbeit! Und als ich es reduziert habe auf 40 Prozent, warst du gekränkt und hast dich schriftlich darüber beklagt, anstatt es auszusprechen persönlich. Jeder Kontaktversuch, abgesehen von einem vor der Tür abgestellten Geschenk zum ersten Weihnachtsfest, ging von mir aus. Über das Geschenk hatte ich mich geärgert, weil es zwar good will zeigte aber keinerlei Klärung bot. Man muß doch Konflikte austragen, lösen, anstatt über sie hinwegzugehen, denn ungeschehen werden sie nun einmal nicht dadurch. Und jeder Kontaktversuch endete damit, daß du nicht mehr geantwortet hast, das nennt man Ghosting.

Weißt du, was mir bitter aufstößt? Daß du mir nie, nicht ein einziges Mal, eine Tasse Kaffee (schon wieder der Kaffee!) serviert hast bei dir daheim (klar, unbequem im Jugendzimmer). Was haben wir zwei in meiner Küche gesessen oder auf der Terrasse, was haben wir Cocktails gesüffelt und Pizza gemampft oder Kuchen, und das war natürlich gerne, denn das nennt sich Miteinander und Freundschaft, nur als du die Möglichkeit gehabt hättest, mich bei dir  einzuladen in einer eigenen Wohnung, ist es nicht dazu gekommen. Oh, wir haben gelacht und geratscht bei mir, herrliche Stunden verbracht, gejuxt und geklatscht und kleinere Pläne geschmiedet, ich habe mir deine Männergeschichtchen angehört und du dir meine, wir haben zusammengehalten, als die Gesellschaft (und übrigens deine Freunde) verlangte, daß wir die Hoheit über unseren Körper aufgeben sollten und uns Substanzen injizieren, die wir für nicht marktfähig und riskant hielten; und was wollte ich dir noch zeigen, hatte es aufgehoben für einen besonderen Anlaß: das britische Gurkensandwich-Champagner-Picknick bei den Wildpferden im Königsbrunner Kiefernwald, ja, das wäre meine Überraschung für dich gewesen, die Wildpferde; mittlerweile sind die Kiefern vor Dürre vertrocknet und der Forst fast komplett gerodet. Und zu deinem Runden, da hätte ich etwas parat gehabt für dich: erinnerst du dich, als wir zur Coronazeit im Advent am Ilsesee-Kiosk am Lagerfeuer saßen und diesem Jungen lauschten, der an der Gitarre spielte und mit schöner Stimme Popsongs vortrug? Tja, den wollte ich dir organisieren zum Geburtstag, damit er einen Abend lang dir und deiner Family und deinen Freunden deine Lieblingslieder trällert. Ach, a propos Family: da bin ich dreiunddreißig Jahre bei euch regelmäßig, bin zu diversen Geburtstagen geladen (nicht nur zu deinen), zu Trauerfeiern, am Heiligabend nachmittags bei deinen Eltern auf Punsch, sehe ich deine Geschwister aufwachsen, Papi werden, lerne die Partner kennen, Jahr für Jahr hockt man zusammen, ich verteile Geschenke (ich habe von deinem Bruder nie ein Geschenk erhalten und er jedes Jahr eines von mir), sitze mit deinen Onkeln und Tanten und Cousins zusammen, und dann? Was ist dann mit der Happy Family? Tut so, als hätte es die Laura nie bei euch gegeben. Lediglich eine Tante wohl erkundigt sich gelegentlich nach mir, und ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich ihr dafür bin, daß ich eben doch nicht einfach nur ein alter Dekoartikel war für alle, dem man überdrüssig geworden ist und wegwirft.

Wieso ich das im Blog schreibe? Ja, im Blog, weil ich weiß, daß du ihn nie, nicht ein einziges Mal, seit ich ihn im Jahr 2018 eröffnet habe, angeschaut oder gar gelesen hast. Wer interessierte sich nun für den anderen nicht? Gott, ich will dir nichts vorwerfen, dessen hast du mich von Anfang an beschuldigt, daß ich Vorwürfe an dich richte. Was hatte ich getan? Ich hatte gesagt: „Hey, was ist los? Wir sehen uns überhaupt nicht mehr? Du hast wenig Zeit wegen der Arbeit, aber andere Freunde triffst du doch auch immer mal wieder. Warum wir nicht?“ So fing es an. Das war mein Fehler. Das war der Anfang vom Ende gewesen. Du hast dich angegriffen gefühlt, es als Anschuldigung gedeutet. Ich wollte hingegen gesagt haben damit, daß ich dich vermisse und etwas unternehmen möchte mit dir.

Ja, es passiert, daß man auseinanderwächst, ohne daß der andere es merkt. Vielleicht ist es dir mit mir so ergangen, du hast eine eigenständige Entwicklung durchgemacht, zu der ich nicht mehr paßte. Wie oft habe ich selbst das erlebt! Dafür also hätte ich Verständnis gehabt, auch wenn es schmerzt. Daß du mich aber nicht losläßt, ich toben muß und weinen und trinken und Alpträume haben, das finde ich längst nicht mehr fair. Du und eure Happy Family, ihr lebt munter weiter; dieses Jahr in seiner Gesamtheit war das schlimmste meines Lebens, ich hätte wirklich, wirklich jemanden an meiner Seite gebraucht, ein Lächeln, ein erbauliches Wort. Klar war der Tod meiner Schwester als singuläres Ereignis härter, krasser, heftiger, aber als Jahr war es 2026, das mir die absolute Hölle bedeutete. Sobald ich die Straße betrete, muß ich mich wappnen. Wer wird mir über den Weg laufen? Wer wird mit zusammengepreßten Lippen wegschauen oder mich grantig anfunkeln oder falsch grinsen, um hinter meinem Rücken zu spotten und Lügen zu verbreiten? Wer wird mich geringschätzen, verachten, fürchten (einige Kinder im Dorf haben Angst vor mir)? Wann wird der Lärmterror wieder einsetzen? Werden die nächsten Fetzen fliegen? (Oder werde ich ausnahmsweise einmal auf ein freundliches Wort stoßen, auf einen kurzen netten Plausch, einen wohlmeinenden oder zumindest höflichen Blick? Ewige Lotterie…) – Als „Gegenmittel“ renoviere ich meine Wohnung. Ich möchte, daß du sie nicht wiedererkennen würdest, würdest du sie betreten. Nicht daß du jemals wieder eingeladen wärst. Sollten wir uns doch einmal begegnen irgendwo, was wir zweieinhalb Jahre lang nicht getan haben bei einer Wohndistanz von weniger als hundert Metern, hoffe ich, daß ich es schaffen werde, dich neutral zu grüßen, wie man es tut auf dem Land (wobei ich ja insgesamt geschnitten und gemobbt werde im Ort, vom Ort, wie das letzte Stück Dreck behandelt).

Ich bin froh, daß du diese Entwicklung durchgemacht hast endlich, daß du eine eigene Wohnung hast, einen Partner, Familie, Autarkie. Ich freue mich, daß du das geschafft hast und hege dafür größten Respekt, denn es ist wahnsinnig schwer, jahrzehntealte Muster aufzubrechen, um neu zu beginnen. Ich schreibe dir diese Zeilen, die du sowieso nicht lesen wirst, am heutigen Tag, weil es die Nacht der Toten ist, der Geister. Es reicht mir, daß meine Schwester mich quält und all die anderen Verstorbenen der Familie, ich will, daß wenigstens du mich läßt, in Frieden läßt. Wenn ich zurückblicke die vergangenen dreiundreißig Jahre, da war ich dir im Großen und Ganzen, das kann ich reinen Herzen aller Kritik zum Trotze behaupten, eine gute Freundin. Ich hatte immer geglaubt, wir zwei würden zusammen alt und daß sich nichts und niemand je zwischen uns drängen könnte; daß wir unsere Unterschiede in Charakter und Interessen ausgleichen, überbrücken, mit Humor nehmen würden.

Ich kann nicht zurück, mich nochmals entschuldigen bei dir, ganz von Vorne anfangen, weil ich, die Laura, die du gekannt hast, gar nicht mehr existiere. Dieses Jahr hat sie vernichtet, dieses Dorf. Ich war in meinem gesamten ohnehin einsamen Leben noch nie so alleine wie 2026. Ich habe begriffen, daß ich nun imstande bin, alles – egal was da je an Unbill noch kommen möge künftig – werde ohne Hilfe, ohne Begleitung, ohne Zuwendung, ohne Rückhalt durchstehen können. Nur möchte ich nicht die nächsten Dekaden weiter so gepeinigt werden von dir und deiner Nichtbeachtung.

Möge die Last des Ghosting in dieser Nacht zu Allerheiligen verschwinden. Ich werde morgen am Grab meiner Schwester stehen, das ich bepflanzt habe und gestaltet, vor dem Gesteck, das ich ich entworfen und zusammengesetzt habe, und hoffentlich in Frieden der Vergangenheit gedenken. Es war eine wunderschöne Zeit mit dir, sonst hätte es die letzten dreißig Monate nicht permanent durchgeschmerzt, aber nun darf es gut sein, ja?

Und als nächstes entledige ich mich dieses Dorfes: ich habe euch nie etwas getan, als die Wahrheit zu sagen, ok: herauszubrüllen. Wenn die Wahrheit in unserer Gesellschaft etwas Schmutziges ist, so ist das eine Bürde, die ich ertragen möchte. Mir nämlich sind die Wahrheit, die Offenheit, die Ehrlichkeit, der Anstand heilig.

So, M, ab morgen zieht das Gespenst weiter, spuke woanders herum. Als allerletztes dir: ich habe dich gerne gehabt. Ich – habe – dich – ganz – doll – sehr –  gern – gehabt. Adieu.

 

 

Illustration: im Kindergarten kennengelernt – Foto auf gemeinsamem Kurzurlaub nach Bad Füssing und Passau 2021 aufgenommen