327 Stör-Kiesel

München, September 2026.
I
Kann man nicht klingeln, sich vorstellen, sagen, daß man gerne eine große Drohne steigen lassen möchte, die ungefähre Uhrzeit nennen und den Verwendungszweck der Aufnahmen? Stattdessen sirrt sie hoch oben, wirklich weit, im heiter blauen Himmel, einen stattlichen Winkel abdeckend, schwirrt trotz der Rufe, trotz Gebrüll, spottend, drei frühe Abende hintereinander, ohne daß man das Gesicht, die Person erkennen kann, die sich ihrer bedient, voyeuristisch-spionierend, anonym. Ich muß jetzt dazu erklären, daß vor wenigen Monaten eine ältere Witwe der Nebenstraße per Telefonbetrug um 60.000 Euro Bargeld gebracht worden ist und meine Krach-Nachbarn gegenüber in diverse kriminelle Handlingen verstrickt sind (vom Boarding House über moderne Sklaverei, Automatensprengung, Überfälle auf Kindertageseinrichtungen – noch Fragen?), und ich wirklich extrem empfindlich geworden bin, was Sicherheit anbelangt. Ich weiß z.B. daß ich von gegenüber gefilmt werde, ohne es beweisen zu können. Ich habe mir nun für mehr als tausend Euro Sichtschutz-Plissés installieren lassen; mein Garten ist mein Heiligtum. Und dann ist eine große Drohne im Einsatz, ohne daß man sie zuordnen könnte. Mein Nervenkostüm in diesem Kaff ist quasi nicht länger vorhanden, ich also getobt und gehüpft und geplärrt auf der Straße, hat den Drohnen-Führer nicht interessiert, dafür andere Dörfler. Ich frage sie, ob sie das denn in Ordnung fänden, die Drohne über unseren Hausdächern und Gärten, unseren privaten Rückzugsräumen, und sie verneinen vehement, eine Dame nutzt täglich ihre Gartendusche, nackt. Aber etwas unternehmen wollen sie auch nicht, typisch deutsch. Plötzlich steht ein Mann neben mir. Er sagt, er habe ein Problem mit mir, weil sein Bruder vor zwei Wochen gestorben sei und er Ruhe brauche, die ich ihm raubte. Sein Bruder sei nur 60 Jahre alt geworden.
Es sind mit diesen Worten zwei Dinge passiert in mir. Meine Schwester ist mit dreiunddreißg gestorben, nicht mit sechzig. Nie wieder wurde sie erwähnt, von Freunden nicht, Verwandten, Bekannten. Sie ist komplett ausgelöscht, ausradiert. Mir, die ich zurückgeblieben bin, hat nie irgendjemand Mitgefühl entgegengebracht, Anteilnahme, etwas getan für mich, mit keiner Geste. Man hat mich bis heute völlig allein gelassen damit. Kann sich irgendjemand eigentlich im entferntesten vorstellen, was dieser Vorwurf, ich verhalte mich rücksichtslos und unsensibel dem Trauernden gegenüber, in mir angerichtet hat, wie sehr er mich entsetzt hat, vernichtet? Und dann zum Zweiten: meine Krach-Nachbarn sind seit Jahren (Dekade plus) über das halbe Dorf hinweg zu hören mit mannigfaltigsten Lärm- und Störquellen, und denen hat nie jemand die Meinung gegeigt außer mir, da hat sich keiner auf die Straße gewagt, den Mund aufgemacht… Ich wurde auf eine Stufe mit diesen Leuten gestellt, ich, die ich meine Fenster schließe, wenn ich staubsauge und Ruhezeiten einhalte, die es im Dorf offiziell gar nicht gibt (etwa beim Rasen mähen), die nie so laut Musik hört, daß es durch Scheiben hindurch zu hören wäre.
Jetzt ulken die einen über die Drohnenaufnahmen, wo ein kleiner Rumpelzwerg in roter Jacke und pinken Gartenschlappen auf dem Asphalt herumwütet, es vielleicht ins Netz stellend, sich den Arsch ablachend; andere schmähen mich, der Ausraster wegen, des Geschreis, solch eine Asoziale (bin ich, ja, mittlerweile). Kinder laufen weg vor mir aus Angst (allerdings laufen manche vor allem und jeden weg, sogar vor einem 3-Kilo-Handtaschenhund, egal).
Fun fact: ich singe mir beinahe jeden Tag ein Geburtstagsständchen. Wirklich wahr! Hey, noch einen geschafft. Noch einen Tag überstanden; manchmal heule ich Rotz und Wasser dabei und denke mir, so viel Flüssigkeit und Salz und Schleim und chemische Botenstoffe kann man doch gar nicht haben in sich. Das Dorf tötet mich – und freut sich darüber.
Ich habe mich bei dem Mann übrigens entschuldigt und ihm gesagt, daß ich weiß, wie es ist, vor der Zeit ein Geschwister zu verlieren. Der Drohnenflieger hat sich nicht entschuldigt, er hat sich nicht einmal gezeigt. Es ist einfacher, zu tun, was man will, wie und wo und Spaß zu haben auf Kosten anderer. Ich hoffe, du gewinnst den Klick-Rekord und wirst berühmt und reich. Eventuell wirst du derart reich, daß du mir ein klitzklein bißchen ´was abgeben kannst für ein Mega-Plissé, das sich über meinen Garten spannt. Dann brauche ich mir nur noch die Ohrenstöpsel reinzuhauen und kann unbeobachtet meinen Beschäftigungen nachgehen, und wenn es ein Dösen in der Hortensienrabatte ist.
II
Es hat Klick! gemacht in meinem Kopf, ich habe etwas verstanden, verinnerlicht. Für andere bin ich die Störquelle. Das möchte ich nicht sein. Ich möchte nicht am selben Egoismus kranken wie ringsum üblich; ich würde gerne schweigen. Eigentlich ist es gar nicht so schwer, die Leute behandeln mich eh wie einen Geist. Warum nicht mitspielen? Mit-ignorieren? In Stille verharren. Die Satelliten Musks und Chinas filmen uns eh ununterbrochen, soll es der Nachbar, der Fremde auch tun.
Ich wünsche mir gar kein Haus in Alleinlage mehr, ein Haus, das auf Streuobstwiesen blickt und Wälder, das umgeben ist von einem Rosarium, zu dem ein Teich gehört voller Koi, ein Grund, über den Pfauen schlendern, Hühner gackern, Pommerngänse schnattern. Ich wünsche mir nicht wie früher einen Gemüsegarten und gesunde Staudenbeete, White Boarders, Mixed Boarders, Brunnen, Skulpturen, ach was! Kein Yogazimmer, kein Gymnastikstudio, keinen Meditationsstein, keine riesige Bergkristalldruse, keine gediegene Bibliothek, nichts, überhaupt nichts davon möchte ich noch.
Ich wünschte, ich wäre ein Kiesel. Ein weich geschliffener, zart grauer Kiesel, weiß gebändert, amorph in der Form. Ein Kiesel, der am Spülsaum einer entlegenen kleinen Bucht ruht, umarmt von niedrigen Steilküsten, weiter hinten Gräser bestandene Dünen. Am Spülsaum aber liege ich (natürlich nur bei Flut), das Wasser bricht schwappend und rauschend über mir zusammen, gurgelt, rotiert, kreischt und schmatzt, es schießt weiter gen Gezeitengrenze des schmalen verwaisten Strandes; wenn es allmählich innehält und anfängt, sich zurückzuziehen, klingeln und klimpern die feinen Sandkörnchen unter und neben mir eine anmutige Melodie, wie helle Tonscherben so zart. Schaum knistert, kitzelt mich, dann liege ich bar und blank, nur ganz kurz. Eine grüne Alge hält mich umschlungen. Und schon höre ich das Wasser neuerlich heranrauschen. Ja. Ich wünsche mir nichts mehr weiter, als dieser eine Kiesel zu sein, so lange, bis ich von der Brandung aufgerieben sein würde und selbst zum Sandkorn geworden.


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