174 Gesehen worden

174 Gesehen worden

Schottland, Mai 2016.

Ich ließ mich von der Stadt leiten, ein Konzept, das sich als nützlich erwiesen hat, zumindest wenn es sich um eine historisch gewachsene und nicht aus dem Boden gestampfte Örtlichkeit handelt. Atmenden Organismen gleich befolgen die Bauten und Verkehrswege ein geheimes Regelmuster, das alles wichtige miteinander verbindet, sodaß man – gesetzt man bringt genügend Kondition und Zeit mit – zwangsläufig das wesentliche abschreitet, ohne permanent auf eine Karte starren oder unter dem Zwang leiden zu müssen, etwas zu verpassen. Auf diese Weise hatte ich bereits allerlei erkundet, den gotischen Kern Edinburghs, die ehrwürdige Burg, Parkanlagen, Einkaufsmeilen, Wohnareale aus dem 18. Und 19. Jahrhundert, Museen wie ein ehemaliges Adelshaus oder einen Teil der Kunstsammlung der Queen (herausragende altniederländische und flämische Malerei). Nun entfernte ich mich vom Zentrum, strebte hinaus vor die einstigen Tore, wo eine Erhebung, als Arthur´s Seat bezeichnet, über Edinburgh wacht, die zum Besteigen einlud, ein wenig sportliche Betätigung weiß ich stets zu schätzen, wobei es sich eher um einen rauen und romantischen Hügel handelt als um einen Gipfel. Touristen keuchten und schnauften die Pfade herauf, fröhlich, aus der Puste geraten, schäkernd. Goldfarben prangte der Ginster am Fuße der sanft geschwungenen Flanken, ganze dornige Wiesen vollbestanden, das Trüb des Nebeltages erleuchtend, denn es war kühl und verregnet. Als ich an dem Ginster angelangte, joggte mir ein Mann entgegen, der offensichtlich auf Schnelligkeit trainierte, ein etwas entfernt wartender Kamerad stoppte sekundengenau mit der Uhr die Leistung; er roch nach Kokosöl, der Läufer, was mich verblüffte. Erneut rannte er vorbei an mir, eine Schwade Kokosduft hintersichherziehend. Einige Male wiederholte sich das. Bis ich begriff: es war nicht der Mann, der den süßen Duft verbreitete, sondern die Unmengen an Ginsterbüschen, die im Zugwind der Bewegung ihr Parfüm in die Lüfte hoben…

Wie erwähnt: es regnete. Aus fetten, adipösen, niederträchtigen Wolken ergoß sich Schwall um Schwall. Ich troff und triefte, meine Laune hatte ich gleich auf dem Friedhof gelassen. Obwohl sich mir dort eine fantastische Charles-Dickens-Szene geboten hatte mit ehrwürdigen Gemäuern, pittoresken Kaminschloten der uralten, windschiefen Nachbarhäuser, verwitterten Grabsteinen (die perfekte Kulisse für eine Fortsetzung des Jackson-Thriller-Videos), knorrigen Kirschbäumen, famosen Metallschmiedearbeiten und der rührenden Geschichte eines um seinen verstorbenen Herrn trauernden Hundes, der im 19. Jahrhundert dessen Grab nicht mehr verlassen hatte und von der Bevölkerung gemeinschaftlich durchgefüttert und umsorgt worden war, obwohl ich eben einen interessanten Platz erstöbert hatte, grollte meine Stimmung ärger als das pantherwilde Firmament. Sogar die billige, kompakte Unterwasserkamera (ich habe im Gepäck meist Wetterpech auf vielen meiner Touren, sodaß ich stets samt Unterwasserkamera reise) kapitulierte, die Linse blieb trotz Abschirmung partout nicht schlierenfrei, von qualitätsvollen Aufnahmen ganz zu schweigen…

Ich zog die Tür eines Cafés auf, irgendwo in den mittelalterlichen Gassen gelegen, nicht jenes, in welchem J.K. Rowling ihre berühmten Figuren erschaffen hatte, angeblich auf Servietten gekritzelt als Arbeitslose, sondern ein kleines, apartes, rustikales, eine Mischung aus englisch-Pop und Kneipe. Ich bestellte beim kupferrot gelockten Jüngling hinter dem Thresen einen Latte Macchiato, ein siffendes Cape um den Körper geschlungen, in der blau gefrorenen Hand den rotzenden Schirm, welcher ganze Wasserfall-Lachen auf den rauen Dielen hinterließ. Der Jüngling, Anfang zwanzig, hager, groß und eben mit der Klischeefarbe im Schopf, begann eine Plauderei, freundlich, in höllischem Dialekt, manchmal ist Schottisch eine Sprache für sich. Ich hörte ihm gar nicht recht zu, war noch beschäftigt mit innerlichen Motzereien, Klagen, mit verzogenem Dauergegrummel. Ich nahm Platz, irgendwo, alleine, allmählich in der Lokalwärme dampfend, was das Gefühl des Klammseins bloß noch verstärkte, beinahe glaubte ich, Schimmel anzusetzen. Langsam, sehr langsam kam ich an, dort am roh gezimmerten Mobiliar, nahm ich die Leute um mich herum wahr, Pärchen, schnatternde Freundinnen, Eltern mit Kind. Ich hatte, so weit möglich, das nasse Zeug abgelegt, betrachtete das Prasseln vor dem Fenster, eher: Schwappen, überlegend, worauf an Programm ich überhaupt noch Lust hätte in Anbetracht der Sintflut draußen, die einfach nicht enden wollte… Das aufwendige, mehrstufige Kakaoschablonenherz auf meinem Latte Macchiato-Schaum hatte ich bis dahin umlöffelt, ich fand es so hübsch. Eine Frau rückt auf, es wird enger um mich herum. Auf ihrem Cappuccino liegt Kakaostaub. Ich kucke zur anderen Seite: eine heiße Schokolade, garniert mit Sahnehaube und Kakaopuder. Ich schere mich nicht mehr um Unauffälligkeit und inspiziere die Tassen ringsumher; alle ziert nichts als ein bißchen loser Kakao, selbst bei den Latte Macchiato-Gläsern ist es so. Ein wenig verschrumpelt ist es mittlerweile, aber noch immer gut zu erkennen: ein mehrstufiges, kunstvolles Kakaoschablonenherz. Ich schiele zum Jüngling hinter dem Thresen, er lächelt versonnen. Pure Freude ergreift mich. Er hat mich aufmuntern wollen, der Fremde, und es ist ihm gelungen. Danke, daß du mich gesehen hast, dir deinen Teil gedacht und mich getröstet. Neu gestärkt setzte ich meine Besichtigungen fort. Die Idee eines romantischen Flirts kam mir erst um einiges hinterher – mit manchen Gaben bin ich schlichtweg nicht gesegnet…

 

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