169 Das Hirn vergrößern

169 Das Hirn vergrößern

München, April 2021.

Als ich das Badfenster putzte – Nummer acht von zwölf der Wohnung -, zeigte der Spiegel schmale Schulterchen, kantige Schlüsselbeine, zierliche Nackenstränge: ein Hänfling von Person, gewiß kaum in der Lage, den 15/16/17 Kilo-Rucksack zu schleppen, die 2000 Gramm- Kamera stundenlang um den Hals baumelnd durch bergiges Terrain zu tragen… Das Jahr des Ausharrens hat von den Muskeln genommen, von der selbstbestimmten Sicherheit, widrigen Umständen unterwegs zu trotzen, feuchter Hitze, klirrender Kälte, Bettwanzen, Blutegeln. Der mühsam antrainierte Mut, die Komforttoleranz, die Überwindung von Gedankenhindernissen, alles Konsequenzen regelmäßiger Reiseroutine, schrumpfen mit jedem verstreichenden Monat, während die Flugangst wieder anschwillt, überhaupt die Sorge, denn Machen und Tun, sich selbst ins Handeln bringen, hilft wunderbar gegen diffuse Befürchtungen. Ich möchte mich nicht bestehlen lassen, ich verweigere mich der sich etablierenden Panik um mich herum. Ich halte einen Vorsatz hoch: besonnen zu bleiben, auszusteigen, mich mit anderem zu beschäftigen, denn dies hatten die Ewigen Feuer (vgl. Betrag 116), die uralte Stille Grönlands (vgl. Beiträge 9 und 10), die Nebelwälder Costa Ricas (vgl. Beitrag 65), die Kargheit Soqotras (vgl. Beiträge 48 – 50) mich gelehrt, daß es Dinge gibt, die größer sind als der Mensch. Ich darf mich wohl wichtig nehmen in meinem Leben und meiner Individualität, aber niemals vergessen, daß ich trotzdem nur ein Millisekundenhauch im gigantschen Zeit- und Raumspiel der Erde bleibe und unweigerlich zu atmen aufhören werde, früher oder später. Unser Kopf nähert sich in seiner Vorstellungskraft der Unendlichkeit, doch ziehen wir es vor, Tag für Tag dieselben wenigen, winzigen Dinge zu denken, ein Paradox an Vergeudung, die Evolution beißt sich in den Schwanz. Ich bin mir bewußt, daß solche Äußerungen als Arroganz ausgelegt werden können, womöglich zu recht, doch verstehe ich sie in diesem Moment als Einladung: beschäftigt euch ganz gezielt mit anderem, sucht euch die Themen selbst, anstatt permanent hingeworfene Brocken zu verdauen, denn Geschenke sind selten und Opportunismus allgegenwärtig; jedes Fitzelchen Medienoutput beabsichtigt etwas, es verliert allein durch die Bereitstellung und Öffentlichwerdung von Information an Neutralität (das habe ich während des Ethnologiestudiums in einem Seminar über Visuelle Anthropologie gelernt). Gegen den Strom zu schwimmen heißt nicht Opposition aus Prinzip, es heißt Verantwortlichkeit und – um ein Lieblingswort heutiger Tage zu verwenden – Selbstfürsorge. Ich könnte genauso gut L´Oréal zitieren: Weil wir es uns wert sind.

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