113: Der graue Umschlag

113: Der graue Umschlag

München, Oktober 2019.

 

Während ich diese Zeilen tippe, dampft ein Becher Mokka auf, intensiver Kakaokaffee, der mich trösten soll.

Harmlos war er in der Post gelegen, der hellgraue Umschlag mit seiner in einer mir unbekannten Handschrift verfaßten Adresszeile, Absender fehlend. Er enthielt den großen Paukenschlag, der mich gleich mehrfach heftig ohrfeigte. Eine Wanderfreundin, betagt und rüstig, zäh, sportlich, fit, ausdauernd, humorvoll, sie ist verstorben. Auf dem schwarz gerahmten Bildchen sehe ich das charakteristische kecke Lachen, das neckisch gereckte Kinn, ein jugendlich-verschmitztes Gesicht im Alter. Brauner Lockenbob und Brille. Ich erkenne ihr immer gleiches Outfit: hellblaues T-Shirt, kirschrote Fleecejacke, beiger Anorak. Ich könnte weinen. Und das soll nun nicht mehr sein? Dieser Mensch verschwunden, einfach weg, für ewiglich?

Ich erinnerte mich unserer Jordanientour 2011, auf welcher wir uns erstmals begegnet waren. An die Ostseereise zum Kranichzug 2012; jene zum Bafasee 2016 (vgl. Beiträge 100- 102), an Spaziergänge durch Nymphenburg, den Münchner Botanischen Garten, von Pasing nach Ebersberg, vom Maisinger See nach Kloster Andechs und so weiter. Ebenso deutlich präsent war mir ein marginaler, überflüssiger, törichter Streit, eine Lappalie, unnütze, überbewertete Wut – und wurde voll reumütiger Scham der Tatsache gewahr, daß ich sie in den letzten zwei, drei Jahren irgendwie vergessen hatte. Ich vergaß sie, meine Wandergefährtin, strich sie von meiner Bekanntenliste, und nun ist lediglich ein Sterbebildchen übrig geblieben, an das ich letzte Worte richten könnte. Was bin ich schrecklich kleinlich, nachtragend, stolz, dämlich gewesen! Meine Entschuldigungen treffen auf kein lebendes Ohr mehr. Adieu, Erika, mach´s gut. Danke für unsere Gespräche, unsere gemeinsamen Schritte durch die Natur.

Dein rot metallener, transportabler Miniaturaschenbecher, er wird mir stets der Inbegriff deiner freiheitsliebenden Lässigkeit sein.

 

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