318 Dorf 21. Jahrhundert, Teil II

München, Juni 2026.
Zu erzählen – schreiben – hätte ich genug. Ganz entfernt entsinne ich mich, daß es einmal, ursprünglich, um Stille ging, um den Raum zwischen der Stille, wo es tief, ruhig und anregend zugleich ist, friedlich und energiegeladen, dort, wo Dinge entstehen, neue Ideen, Projekte, Taten und im Idealfall: ein intellektuelles Miteinander.
Nun ist es so, ich kucke, Tag für Tag, auf eine tote Hecke, vertrocknete Äste, Löcher, und hinter dieser Hecke, da stapelt sich der Sperrmüll, die blauen Müllsäcke, und aus diesem Sperrmüll heraus, da quillt Lärm. Handygeschnatter in Megafonqualität, sogenannte Musik, schrilles Gequietsche, als würde jemand einen Dudelsack mißhandeln, pseudoorientalische Gesänge in für westeuropäisch geschulte Ohren dissonanten Lagen und, am unerträglichsten, Technodonnern in Überschallstakkato, daß die Scheiben meiner geschlossenen Fenster beben.
Das halbe Dorf stempelt mich als rechts ab, als aggressiv, beleidigend: zu sagen, es sei mir völlig egal, verfehle den Kern, aber der lautstarke Ausraster, der Eklat aller Eklats, hat dazu geführt, daß der Sperrmüll verräumt wurde und die Disco-Lautsprecheranlage weggeschafft. Still ist es immer noch nicht; ich kann wenigstens in Ruhe auf dem Klo mein Geschäft verrichten inzwischen, ich finde nicht, daß das zu viel verlangt ist. Monate und Jahre des höflichen Bittens, des Flehens, des Gesprächs, Geschreis, Pöbelns waren erfolglos geblieben, bis ich nach stundenlangem (und ich rede da von fünf, sechs, sieben, acht Stunden) Wumm-wumm-wuuuuummm-wumwum-wuuuuum am Pfingstwochenende auf die Straße gestürmt bin, „getanzt“ habe und skandiert, zehn Minuten, länger (ich habe nie zuvor in meinem Leben jemals irgendetwas skandiert): „Wir wollen mehr Bürgergeld! Wir wollen mehr Bürgergeld! Wir wollen mehr Bürgergeld!“, denn genau das ist es, was mich ankotzt, daß die als Clan von mehreren dutzend Personen den ganzen Tag auf der Sperrmüllterrasse hocken, vollkommen fett gefressen, und nichts tun, wirklich nichts anderes, als zu telefonieren, sich gegenseitig anzuplärrren (ihre Form der Unterhaltung) und laute Beats und fürchterlichstes Gejaule ins All zu schallen, auf Staatskosten, frech und dreist, und alle in diesem Kaff ducken sich, kuschen, machen sich klein, haben Angst, wollen nichts zu tun haben – ja, ich gleich gar nicht bitte schön, ich will auch nichts damit zu tun haben, nicht im geringsten, aber aufs Klo gehen können, das möchte ich, und jedenfalls habe ich nach dem Bürgergeld skandieren in die Luft geschrieen, daß diese ganzen Dorffeiglinge keinen Deut besser seien als die da drüben und daß sie mir mal helfen könnten, einfach Schulter an Schulter da stehen und klar machen, daß wir hier nicht in der Wallachei sind, sondern gesetzliche Vorlagen gemäß Ruhestörung haben und befolgen, und daß alle mich immer vorschickten, die kleine Ein-Meter-Sechzig-Laura, damit die für Ordnung sorgt, jeden einzelnen Tag mehrfach. Es war und ist ein Alptraum! Ich habe insgesamt bestimmt zwanzig Minuten geschrien, da auf der Straße, habe den Frust, Zorn, Ärger der letzten zwölf Jahre hinausgeschrien, denn genauso lange bin ich dieser Tyrannei schon ausgesetzt, und ich habe mich nicht geschämt dafür.
Jetzt ist seit Pfingsten Schluß mit der Barbarei. Nicht daß ich der Sache traue; und ich weiß genau, weshalb da die Stereoanlage aus bleibt bei denen: nicht, weil die mein Gebrülle interessiert oder gar eingeschüchtert hätte, nein, die halten sich zurück, weil sie Betrügereien mit dem Bürgergeld machen, so wie sie immer noch munter fremde Kennzeichen an ihre Schrottautos montieren und die von der Polizei aufgeklebten roten Kuckuckspunkte wieder abpulen. Jedenfalls hat die Pfingstkrise zwei Folgen: erstens kann ich die Vögel in meinem Garten zwitschern hören. Zweitens spricht niemand mehr mit mir, grüßt nicht, wechselt die Straßenseite mit gesenktem Kopf.
Es ist sehr viel kaputt gegangen seit Corona. Eigentlich ist jetzt alles zerbrochen, die Familie, letzte Freundschaften, Bekanntschaften. Nichts, nicht ein Mü, ist heil geblieben. Ich habe geheult, getrunken, Wochen im Bett verbracht. Habe mich zurückgezogen, selbst beschimpft als Versager und schlechten Menschen. Mein halbes Leben war ich am Boden, verzweifelt, traurig, im Stich gelassen. War die Freizeitanimateurin, der Goldesel, die Geschenkebereiterin, die, die für gute Laune und Abwechslung zu sorgen hat, die, die durch die Gegend kutschiert ist und Unternehmungen geplant hat, die die sich lächerlichste Sorgen geduldig und verständnisvoll angehört hat bis hin zu vollgeschissenen Babywindeln mir völlig fremder Leute, habe mir Flohmarktstories angehört und „Reisegeschichten“ ins Allgäu, habe beim Burger schlingen zugeschaut, lächelnd, und bin zum Billigshoppen mitgegangen, habe Essen und Drinks spendiert und Eintritte. Im Namen von Freundschaften habe ich Dekaden lang Aktivitäten mitgemacht, die mich nicht die Bohne interessieren, ja, teilweise zuwider sind, habe in Lokalen gespeist, die mich anekeln, habe selbstverständlich mein Niveau dem Gegenüber angepaßt, leider immerzu nach unten, und wenn du mich jetzt für arrogant hältst oder gemein, ist mir das schnuppe. In meinem ganzen Leben war noch nie irgendjemand für mich da. Immerzu wurde ich angezapft, von meiner Energie getankt. Mich hat nie, niemals, wer seit dem Tod meiner Schwester, 2009 war das, in den Arm genommen und mich gefragt, wie es mir damit geht.
– Mein Onkel hat meine Tante im Suff erschlagen, sie verscharrt und sich danach erhängt. – Es war ein sonniger Maiwandertag, als wir zurückkehrten und Oma in ihrem Erbrochenen tot einem Herzinfarkt erlegen im Bett lag. – Meine Schwester hat sich nach etlichen Jahren der Paranoia, Schizophrenie, manischen Depression umgebracht, als ich komplett alleine 11.000 Kilometer entfernt gerade versucht habe, erwachsen zu werden. – Meine Lieblingstante ist recht rasch überraschend an Krebs gestorben, und aufgrund der Corona-Lockdowns durfte ich nicht an ihrer Beerdigung in Amerika teilnehmen. – Mein Onkel besucht mich nachts manchmal im Traum, sich beschwerend, daß seine vier Kinder mittleren Alters ihm keinen Grabstein gekauft haben, obwohl es mit dem Erlös seines vererbten Jaguar-Oldtimers ein Leichtes gewesen wäre für sie. – Mein kunstversierter Gassi-Kumpel hat sich vor eine U-Bahn geworfen – jene U-Bahn, auf die ich gewartet hatte: Aufgrund eines Notfalleinsatzes kommt es zu Verzögerungen… – Meine längste Freundin hat mich aus lächerlichsten Gründen nach dreiunddreißig Jahren abserviert. Und all mein Geld habe ich in diese Wohnung gesteckt, die unentrinnbar auf eine ungepflegte, tote Hecke sieht und von unerträglichem Lärm gefoltert wird. Die Kaffleute dissen mich, so wie sie mich in der Schule haben fertig gemacht mit Gemeinheiten, Hänseleien, Mißbrauch, Falschheit (eines der schlimmsten Mädchen betreut nun gemobbte Schüler, lustig).
Ich sage euch etwas: es reicht.
Ich bin eine starke, intelligente, vielseitig interessierte Frau, weitgereist, belesen. Ich trinke nicht mehr, hasse mich nicht mehr. Ich nehme nun die Sonnenbrille, ein sündteures Designermodell, setze sie mir auf und trage sie mit der Nase weit, weit oben, so wie ihr es mir schon immer nachgesagt habt. Ich zelebriere meine Arroganz, mein Anderssein. Was disst du mich, du, der und die du jeden Tag dieselben Wege gehst, dieselben Sachen sagst und tust und dessen/deren Welt so winzig klein ist, daß ich längst erstickt wäre, müßte ich darin leben. Mein Pech, eher: meine Dummheit, war, daß ich zu gutmütig war, zu geduldig und rücksichtsvoll, daß ich mich zu euch hinabgebeugt habe und euch geholfen, wo es nur ging, euch inspiriert und zum Lachen gebracht habe und mich, um euch einen Gefallen zu tun, im Namen der Freundschaft, verstellt habe, verleugnet. Ihr findet mich ja nun sowieso alle scheiße. Da kann ich endlich werden und sein, wer und wie ich tatsächlich bin. Ich kann endlich frei sein. Kann eintauchen in die große, übergroße Welt mit all ihren Facetten, Möglichkeiten, Geheimnissen.
Erst war ich unendlich traurig, als ich begriff, daß nichts, absolut nichts heil geblieben ist in meinem Umfeld und Leben. Ich erkenne anderes mittlerweile.
Ich habe jetzt die Chance, mein Leben zu beginnen und nur noch Menschen hineinzulassen, die offen, wohlwollend, großmütig, intelligent und innerlich reich sind. Meine Sonnenbrille und ich, wir fangen ganz von vorne an. Ich tauche zurück zwischen die Stille, tauche nach ihren Perlen. Vielleicht werde ich es auf immer alleine tun, vollständig isoliert, doch werde ich frei sein.


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