317 Dorf 21. Jahrhundert, Teil I

317 Dorf 21. Jahrhundert, Teil I

München, Mai 2026.

Manchmal muß ich auf der Autobahn mit 230 Sachen rasen, um das Gefühl zu haben, von der Stelle zu kommen, vom Fleck weg. Ich fühle mich umfänglich festgeklebt, eingesperrt in Routinen und gesellschaftliche Zwänge, familiäre Erwartungen, ersticke am Stumpfsinn, am ewigen Einerlei. Den anderen, das andere als langweilig zu erleben, sei eine Form grober Unhöflichkeit, las ich kürzlich. Ist nicht viel mehr das Gegenüber unhöflich, das es sich einrichtet in seiner monotonen Blase und sich auch noch genüßlich rekelt darin? Das mich jedoch anzapft, meinen Gegenentwurf, um durch mich, quasi als Stellvertretung, Frische, Esprit, Kreativität zu erfahren, während ich vorzugeben habe, mich zu interessieren für jemanden, der jeden Tag dieselben Wege beschreitet, dieselben Handgriffe tätigt, Gedankenwiederholungen schamlos zelebriert? Und gleichzeitig entfallen durch meine soziale Isolation sämtliche biografische, gemeinschaftliche Marker, muß ich auf fast alle essentiellen Entscheidungen eines üblichen Menschenseins  verzichten. Keine Babypartys für mich (auf denen den Eltern das Geschlecht des Sprößlings enthüllt wird), keine Junggesellinnenabschiede, keine Hochzeitsriten (der eigene schon gar nicht). Keine Verlobungsfeier, keine Einschulung, Taufe. Keine Initiation zum Erwachsenwerden (Stichwort „Maibäume“ zur Volljährigkeit). Ich wähle nicht den Namen meines Kindes, ziehe es nicht nach meinen Prinzipien auf. Ich begebe mich nicht auf Brautkleidsuche oder auf jene nach einem Grundstück fürs Eigenheim. Aus Vernunftgründen (eine Mischung aus Moralgesinnung, Ressourcenschonung, Sparsamkeit) verzichte ich auf das Auto, das ich gerne fahren würde, ersetze ich die alten Möbel nicht, bescheide ich mich. Obwohl mich viele beneiden (wofür konkret??), kann ich nicht abschütteln, übergangen worden zu sein… Betrogen… Getäuscht… Als Vegetarier schränkt sich sogar die Auswahl auf dem Menü ein, bleiben Grillfeiern sommerliche Illusion gemeinsamer Ausgelassenheit (ganz ehrlich: wer grillt eine Zucchini??); der Sekt oder Cocktail, das erfrischende Bier machen auf Dauer bloß unförmig. Ich würde mich so gerne austauschen – tief austauschen, aber sie lesen alle dasselbe, quatschen dasselbe, Quadtratinhalte.

Wo sind sie? Die Leute, wo? Die ihre Wege abwechseln und ihren Jahren vaiierende Inhalte verleihen, die trinken von der Freiheit, der Freiheit ihres Kopfes, ihrer Seele? Wo sind sie, die Orte, an denen eine Frau auch von Wert ist ohne dick geschwängerten Bauch, ohne Kinderreigen und Ehemann? Hier werde ich verspottet, bemitleidet, weil ich als Single meine Bahnen ziehe.

Ich bin böse über die überzähligen Entscheidungen, die ich nicht treffen darf, über das Gefühl, am Ramschausverkaufstag übrig geblieben zu sein, ein Stück fürchterlichen Stoffes, das auf dem Grabeltisch unansehnlich darauf wartet, verschrottet zu werden. Das häßliche Entlein, das noch immer irgendwo die Hoffnung glimmend hält, eine Schwanenfamilie hole es endlich ab.

Und dann rase ich mit 230 Sachen auf der Autobahn, vorsichtig, achtsam, aber furchtlos. Eine Frau im sportlichen Wagen, unterwegs mit flotter Sohle, auf dem Asphalt unabhängig, ungebremst (solange die Schleicher es mal zu lassen und die linke Spur nicht mit 140 blockieren). Ich höre sie geifern. Verantwortungslos! Irre! Gefährlich! –  sind die Momente in meinem Leben, in denen ich unendlich froh bin, nicht bei 140 abzuriegeln. In denen ich eine Pace habe, die zu mir paßt, zu meinem Geist und Drang, dieses schrecklich Durchschnittliche zu sprengen.

Es flanierten zwei Grundschulkinder mit Ränzen vorüber, als ich gerade Einkäufe auslud. „Die brauchst du nicht zu grüßen.“ sagte der Junge zu seinem Freund. „Die ist blöd.“ Erstaunt hob ich den Kopf, ich hatte keine Ahnung, wer diese beiden Buben waren, zu wem sie gehörten. Nach erster Verblüffung über das mir geltende respektlose Urteil breitete sich ein Schmunzeln aus. Danke für das Kompliment! Klar ist man blöd, wer in diesem Kaff mit 230 über die Autobahn brettert. Wenn man keinen dicken Bauch die Straße entlangschiebt und sich nicht die Birne mit Lokalpolitik vollknallt. Wenn man ungebrochen ist, es allen Schlägen und Ausgrenzungen zu Trotze bleibt. Wenn man sich weigert, sich in diese winzige und immer kleiner werdende Welt aus Banalitäten, Verschwendung, Neid ziehen zu lassen. Ich möchte mir andere Entscheidungen suchen: meine eigenen. Ich bin, im 21. Jahrhundert, vollständig ohne Mann, ganz, richtig als einzelne Frau.

Und ohne Mann, das schwöre ich, werde ich sicher bleiben, solange ich keinen auf Augenhöhe finde. – Ja, ich weiß: Die ist blöd.

Mit Vergnügen!