313 Vespa Vibes

München, April 2026.
Da werden die Nachbarn aber staunen!, dachte ich schmunzelnd bei mir, während ich meinen Tagtraum immer mehr ausschmückte. Ich saß in einem Meer zitronener, cremeweißer, puder-apricotfarbener Narzissen, über die gelegentlich ein Aurorafalter hinwegflügelte, ein Kohlweißling, Tagpfauenauge. Endlich sah man den Frühling schwellen, starrte voller Vorfreude auf Knospen der Mandel- und Zierkirschenblüte, der Apfelbeere, auf die sich bald öffnenden Tulpen, entdeckte zwei, drei Schachbrettblumen und Teppiche aus hellen und dunklen Veilchen. Mein Tagtraum führte mich weg aus dem Garten hinauf auf den Sitz einer Vespa, wie sie die Landstraßen entlangsurrte, eine metallic rosa lackierte Vespa im Retrostil inklusive Gepäckfach und lässig gebogener Schutzscheibe, der Helm passend zum Old School Look; die Vespa surrte, weil sie einen Elektroantrieb hatte, nichts also mit dem Lärm und Gestank hektischer italienischer Altstädte, nein, das war modern-urban, war cool, charmant, versprühte Lebensfreude. Ein Blick auf die Webseite verriet, daß es das Modell nicht in Rosa gebe, nur in Mint oder Rot (Langweiler wie Silber kamen nicht infrage), und Minze wäre das, was M. sich gekauft hätte, und ich tat seit unserem Bruch so ziemlich von allem das Gegenteil, was M. lieb und teuer gewesen war (eine Frau, kein Mann, meine längste Freundin), also blieb nur Rot, Ferarri-Rot bei einer Reichweite von maximal achtzig Kilomtern, na ja… Ich googelte nach Möglichkeiten, meinen Hund mitnehmen zu können, eine Art TÜV geprüfter Anhänger für Mopeds, addierte die Kosten, seufzte, die Vernunft diffundierte in meinen Tagtraum wie Giftgas; eine Elektro-Vespa würde von mir nicht benötigt und entbehrte daher jeder Daseinsberechtigung, sie diente lediglich der Lebensfreude, dem Spaß am jugendlichen Eifer, sie war zu teuer, um sie als Spielzeug, als müßigen Zeitvertreib zu verwenden. Sie würde im Weg stehen und Unterhalt kosten. Man könnte nichts transportieren damit (wie es mein Hagel zerbeulter Kombi fleißig tut mehrmals die Woche), könnte nicht rasen (wie der spritzige Kombi auf der Autobahn), der Hund fände es doof, in einem zugigen „Körbchen“ zu hocken für nichts und wieder nichts. Der Tagtraum von der rosa Vespa war zu einem alten Kaugummi geworden, hart, kaum mehr für lustige Blasen tauglich, am Gaumen scheuernd, und so spuckte ich ihn aus.
Gestaunt habe dann ich, und zwar exakt am nächsten Morgen, als ich zum Lüften den Fenstergriff in der Hand hielt und nach unten auf die Straße spähte, wo ein schwarzer, fescher Roller entlangcruiste, glänzend, fast geräuschlos da Elektro, das Design einer Vespa, Gepäckhalter und Schutzschild inklusive, tja, und auf diesem Roller, deshalb staunte ich so, hockte mein Nachbar, und ich kriegte quasi – ich bitte um Entschuldigung für diesen Ausdruck – die Arschkarte der Gesellschaft vorgezeigt, in der aktuell jeder auf Fun und Action achtet und der Vernunft – Verzeihung – etwas scheißt, wo jeder das Geld zum Fenster heraushaut, ob er es hat oder nicht, Klarna-Ratenkauf-auf-zwei Jahre sei Dank, Pay Pal – Ich -zahle – in – dreißig – Tagen macht es möglich, wo man Home Office absolviert vier Tage die Woche oder eben gleich das Sabbatical oder die Elternzeit, egal was, wo alle sich Schwimmteiche anschaffen und neue Wagen in frischen, schicken Lackierungen, wo Heiratsanträge auf dem Chimborazo getätigt (und angenommen) werden und das Dirndl achthundert Euro kostet und man einfach Arbeitslosengeld beantragt, wenn man schwanger wird und keinen Bock auf den Verkauf von Versicherungen mehr hat (weil man per kosmischer Bestimmung eh Fulltime- Content Creator ist). Ja, einer der Gründe, weshalb ich die Regelmäßigkeit des Bloggens einstelle, liegt darin, daß ich unabhängig vom Ausgangspunkt immer wieder im Zynischen lande, beim Beklagen ankomme, Anprangern, und ich das eigentlich nicht möchte, motzen, geifern, lamentieren.
Sie zeigte mir mehrere Videos und Fotos auf dem Handy. Eine schlanke hellblonde blutjunge Frau, lachend, beim Fallschirm springen, beim Bungee Jumpen von einer Brücke, auf der zu stehen mir bereits Übelkeit erzeugen würde, so hoch war sie bzw. so tief die Schlucht mit dem reißenden Fluß darin. Bauchfrei mit Röckchen am Strand, jedem Honigkuchenpferd die Show stehlend; erst Thailand, jetzt Australien. Medizin studieren würde sie ab dem Wintersemester, aber jetzt sei sie unterwegs. Sie klang ehrfürchtig. Sie, das war meine Mutter, und das Mädchen, noch keine zwanzig, die Enkelin ihrer Freundin aus Kindertagen. Sie kuckte mich an. „Das könnte deine Tochter sein.“ Und ich fragte mich, ob dieses Mädchen auch das Treppenhaus der Mehrgenerationeneinheit saugte und wischte, die Keller saugte und wischte, das Auto putzte und in die Waschanlage fuhr, Stauden und Zwiebeln und Sträucher setzte, einkaufte (und Körbe schleppte), die Wäsche tätigte und faltete, Geschenke ersann und verpackte, das Grab gestaltete und pflegte, und ich fragte mich, warum sie niemals stolz gewesen war, als ich studiert hatte in München, die Antwort kennend. Es passiert mir bis heute, erst kürzlich wieder; es kommt zur Sprache, daß ich Kunsthistorikerin bin, und hier in meinem Umfeld, da verziehen sie als Reaktion spontan heftig das Gesicht, als hätten sie auf etwas Widerwärtiges gebissen. Eine hatte sogar direkt geantwortet: „Igitt! Ich hasse Kunst!“, andere stufen dich als restlos langweilig ein. Der Bungee Sprung hingegen war aus fünf Perspektiven gefilmt, reißerisch geschnitten und mit draufgängerischer Musik unterlegt worden, dazu das unerschrockene Mädchen, lächelnd, die langen hellblonden Haare im Wind flatternd, die spektakuläre Naturkulisse, die lange, unheimliche Brücke, das Blau des Wassers darunter, das Grün üppiger Vegetation. Meine neun Wochen Südamerika nach dem Studium hatten aus Wandern, Museen, archäologischen Stätten, etwas Schnorcheln bestanden, keine zehn Fotos von mir gibt es. Da war nichts, mit dem sich hätte meine Mutter brüsten können, so wie sie sich insgesamt schämen für mich, beide Eltern, aus genau diesem Grund: sie können nichts vorweisen mit mir, keinen Porsche, keinen Geschäftsmann (bzw. Fußballer, das akzeptiert man auch hier in der Gegend als Statusobjekt), keine adretten Kinder, keine aufregenden Videobeweise eines Abenteuers, keinen Hausbau, keine Ballettkariere (mit entsprechendem Body). Die anerzogene Vernunft und Bescheidenheit wird mir nun negativ angelastet; klassische Konzerte? Spinnerei. Elegante Kleidung? Arrogantes Schickimicki. Sachliteratur? Ja, du hältst dich für die Größte… Kunst? Pfui Teufel, unnützer Kram, Sammelsurium Verrückter. Hätte ich die über dreihundertausend Follower (kaum zu glauben, daß ausgerechnet in diesem meinen Kaff jemand wohnt, eine Frau aus Künstlerkreisen, die genau das erreicht hat bisher, Prognose steigend: über 300.000 Follower), dann sähe das anders aus, das wäre was, aber so, na. Das bißchen Putzen, das bißchen Haushalt, das bißchen Vernunft. Eine Blamage, ein Totalflop, diese Tochter, besser nicht darüber reden.
Vielleicht hätte ich einen Kredit aufnehmen sollen für die Fotoreise nach Indien unter der Leitung von Steve McCurry. Vielleicht hätte ich die rote Elektro-Vespa kaufen sollen, die Pommern Gänse und Quessant Schafe, das Percheron, die Leica Kamera zum 40. Geburtstag, hätte ich die Einladungen nicht ausschlagen sollen, die Design- und Kunst-Vernissage-Einladungen nach Paris, nach Namur, nach Miami. Ich hätte nach Miami fliegen können! Hatte ein Ticket, hatte es in den Händen, für eine geschlossene Gesellschaft dort, und ich löste es nicht ein, weil der Flug so teuer gewesen wäre und obendrein eine Umweltsünde. Und ich hasse sie, meine Vernunft, weil sie mir nicht nur Schmerz beschert, verpaßte Gelegenheiten und Langeweile, sondern weil sie mir zum Vorwurf gemacht wird, das moralisch Richtige, das mit Verzicht einhergeht, das wird mir angekreidet. Ja, wenn ich damals in Südamerika Bettenhüpfen ohne Verhütung gespielt hätte, dann wäre mein Kind jetzt exakt in dem Alter der gefeierten Fallschirm springenden Australien Bereisenden; das Gesicht der Eltern hätte ich ja gerne gesehen, wenn ich mit einem vaterlosen „Balg“ im Bauch nach Hause gekommen wäre… Final kann ich dazu nur sagen: hätte ich das mal gemacht –
Illustration stammt aus dem Jahr 2008 – Kompaktkamera von Aldi, Motorrad mit Beiwagen in Kairo. DAS wäre das perfekte Gefährt für Montana und mich…


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