34, Teil II: Ein Blau wird geboren

34, Teil II: Ein Blau wird geboren

Island, August 2018.

Die Kraterseen zeigten sich extravagant geformt, beinahe manieriert. Eine Vielfalt von Strukturen überzog die flachen Bergrücken, wellenförmige Streifenmuster bildend in Schwarz, Rost, Grün; letzteres changierte von Weiß bis Gelb bis hin zu Golden, es krallte sich in die Furchen des Gesteins wie Falten in einem gelebten Gesicht. Solitude? Es ist immer etwas anwesend, die Assoziationskette schläft nicht. Milows „Silver Linings“ in dem Gespinst aus reflektierendem Quecksilber parallelverlaufender, sich überschneidender Wasseradern. Manns Felix Krull  (der Hochstapler war ich, inwiefern spielt an dieser Stelle keine Rolle). Pierre Lotis Schilderungen aus seinem Werk Islandfischer. Carsten Egevang, der fast genau vor einem Jahr zu mir gesagt hatte: „Iceland is nice, I´m sure You will like it.“, in seiner unaufgeregten, geerdeten Art, seiner freundlichen Aufmerksamkeit, eine besondere Dukate in meinem anwachsenden Schatz außergewöhnlicher, wesensprägender Begegnungen. Hatte ich ihm je gedankt? Abgesondert von einer zufällig zusammengemischten Gruppe stierte ich in den gleißenden Abendspiegel eines der Seen, in mir der knurrende, lungernde, lauernde Wolf, mich zum Scheitern verdammt messend mit unerreichbaren Taten diverser Pioniere und Helden, aktuell Nelly Bly, jene Journalistin, die Vernes fiktive Weltumrundung nachahmte im Alter von 25 Jahren, und dies zu einer Zeit, da sowohl Frausein als auch Unterwegssein sehr beschwerlich gewesen war. Weshalb reiste ich? Wonach suchend? Wen ersehnend? Worauf wartend, hoffend?

Ich biß in die Zimtschnecke. Der Zucker explodierte in meinem Mund, ich verzog das Gesicht. Es schmeckte nach der Gewürzrinde und Pecanüssen, eigentlich ganz gut, wäre da nicht die ekelhafte Süße des Gebäcks gewesen. Ich hatte Hunger, aß weiter in Ermangelung anderer Optionen, die umherschwimmenden Robben beobachtend. Als ich am Herz der Schnecke angelangte, wurde es noch klebriger und intensiver an meinem Gaumen, ein kleines quälendes Inferno aus schierer Süßigkeit; ich mampfte ohne jede Lust und Freude einer Naschkatze, die ich sonst bin. Mit vollen Backen hörte ich plötzlich für einige Momente auf, zu kauen, denn ein Gedanke schlich sich ein. Vielleicht war es ja mit der Liebe genauso? Hatte sich schwelgerischer Nektar, seidenleichtes Ambrosia aus Überfluß, aus quantitativer Ausreizung in packende, erdrückende, Abscheu verursachende Fänge verwandelt?

Es blieb nicht viel Zeit, länger darüber nachzusinnen. Böllerschüsse zerschnitten verwirrend die Luft. Ein Krachen polterte auf, zog sich hin, dehnte sich aus, während in erstaunlicher Langsamkeit ein Brocken des schmutzig-weißen, in der Lagune treibenden Eisbergs vor mir sich löste, nach und nach herausbrechend, gelassen, in harmonisierender Slow Motion. Die Teilmasse fiel ins Wasser, mehrheitlich einfach unter der Oberfläche verschwindend. Ich wunderte mich über das anhaltende Donnern, als dröhnte eine Karawane Güterzüge vorüber, wirklich, es klang wie das schwere Rauschen auf den Schienen, wenn ganze Transportladungen neu produzierter Werkautos per Bahn von A nach B gebracht werden. Und dann begriff ich: durch die veränderte Form hatte sich nach dem Abbruch des stattlichen Brockenquaders der Schwerpunkt des Kolosses verlagert, sodaß der Gletschersproß sich allmählich zu wenden begann, das Untere nach oben kehrend. Die angetaute, Lavasand verschmierte, gräulich-matschige Seite glitt weg, wich einem Wunder aus kristallinem Blau. Aus diversen Öffnungen schoß sprudelnd Wasser, ein U-Boot, das auftauchte, ein Meeresungetüm der mittelalterlichen Seefahrerkarten. Gemächlich wankte und schwankte es, schaukelte unentschlossen, fauchte, spritzte, klatschte, kippelte. Ein kalter Hauch traf meine Wangen. Schließlich regte sich nichts mehr, keine Möwen, die in der Thermik segelten, keine Atem schöpfenden Robben, selbst der Himmel war ein dunkelgrau-metallener, statischer Balkenträger, unerschütterlich. Ein glänzendes, curaçaofarbenes, spotartig beleuchtetes Kunstwerk aus gläserner Geometrie lag unbewegt vor meinen Augen ausgebreitet, als sei es nicht etwa vor zwei Minuten geboren worden, sondern habe schon seit Anbeginn des Weltgeschehens existiert. Streng und verlockend zugleich stahl sich dieses blaueste aller Blaus in mich hinein, ohne anzuklopfen, durchgeisterte es mich ähnlich der Energien eines verlassenen Ruinenhauses.

Warum war sie vorausgegangen, hinein in den Tod, ohne ein einziges Adieu?

Flüssiges Porzellan ergoß sich schäumend auf den schwarzen Strand. Die aufbäumende, milchige, machtvolle Brandung erhielt einen romantischen Anstrich durch die fischenden oder auf den Wellenkämmen reitenden Vögel und zuweilen golden aufkeimenden Lichtkreisel einer schüchternen Sonne. Die plappernden, lauten, für Selfies posierenden Touristenscharen blendete ich aus, all die kreischend bunten Jacken und Hosen in Neonorange, -pink, -lila, -grün-, -gelb, die vielen zu Victorygesten geformten Finger, die eher einem Arktisdurchquerer gestanden hätten als jemandem, den gerade ein komfortabler Bus ausgespuckt hat, damit die Natur zur Kulisse der trendigen Selbstgefälligkeit und austauschbaren Arroganz würde. Ich fand eine tote Möwe, in vollkommener Perfektion lag sie hingestreckt in den Sand, Hals, Flügel, Beine anmutig gebogen, die Federn von austarierter, feingliedriger Struktur, der Schnabel ein zarter gelb-roter Kontrapunkt zur Grisaille von Körper und Grund. Woanders ruhte vergessen und unbeachtet ein falbenfarbener Tangstrang, blass und wächsern-glatt, den irgendjemand zu einem hübschen Zopf geflochten und zurückgelassen hatte, ein kreativer, einfühlsamer Reisender oder gar eine Nixe. Das sind die Dinge, die beglücken: zufällige Entdeckungen, die kaum sonst wer macht oder machen mag, weil ihm der Gegenstand zu nichtig dünkt, und die Assoziationen, die sie auslösen, denn alles ist mit allem verbunden, nichts kann isoliert betrachtet werden, ständig überlagern sich die Bilder, Gerüche, Empfindungen, Erinnerungen, ohne je für immer zu vergehen.

Das Chaos wird zu individuell, zu intim. Und so erzähle ich nicht weiter von den Farbräuschen der Liparitgebirge, deren ungeheuerlicher Zauber ohnehin keiner glauben wird, der sie nicht selbst geschaut hat, so wie ich meinen eigenen Fotografien nicht traute, als ich abends im Hotelzimmer die Bilder sichtete; erzähle nicht weiter von Schwefelschwaden, zischenden Quellen, sich verspritzenden Geysiren, von berstenden Firmamenten, Wollgrastupfen, Engelwurzwäldern, Wasserfällen, von jener extremen Landschaftsästhetik, die sich unablässig selbst überbietet, eine Wildnis in Weiberputz, in Ballrobe und Galaschmuck. Erzähle nicht von schief gesungenen Liedern – Everywhere You go, always take the weather, take the weather, the weather with You -, nicht von kleinen, flackernden Irrlichtern voller Talent und Zuversicht, von gesunden, frisch gedeihenden Pflanzen unter uns Menschen, die herrliche Blüten versprechen. Es verschmilzt miteinander, die Farbbahnen, Wolkenformationen, Tupfen arktischen Thymians, Regenbogen, die Eindrücke, das Erlebte, Gedankenfluchten, Träumereien, Eingebungen. Die Vergangenheit wird zur Zukunft und die Gegenwart zu uraltem Vulkangestein, zu Basaltsäulen, Obsidianriesen, zu purer, kalter Luft, die bis in die äußersten Spitzen der Lungen strömt, curaçaoblau, gläsern-funkelnd.

Hi Solitude, this is me.

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