197, Teil I: Die Zerrende

197, Teil I: Die Zerrende

Italien, November 2021.

Es ist eine Stadt, man muß aufpassen, daß sie einen nicht zerreißt; zum Weinen schön, zum Weinen traurig. Ein Pilgerort all jener, die – ob freiwillig oder nicht – der Melancholie unterworfen sind. Serenissima, Durchlauchteste, Schönste, Angebetete. Es dunkelte früh am Ankunftstag, der verstopft war mit Touristen, aber man brauchte bloß ein, zwei parallel verlaufende Gassen zu nehmen, um alleine zu stehen im elektrischen Grell stummer, improvisiert wirkender Lampen. Puppenhafte Brücken überspannten ein vages, flüssiges, teigiges Schwarz, das vereinzelt vertäute, abgedeckte Boote hüpfen machte. Putz blätterte, oft rohes, aufgequollenes, von Feuchteschäden gezeichnetes Mauerwerk offenbarend. Surreal eine Leine weißer Wäsche, Tücher, Laken, Unterhemden, pittoresk arrangiert in einer Verlassenheit, die etwas Totales an sich hatte; gelegentlich klackte scharf der Absatz eines Schuhpaares, ein Hämmern, das die leeren Fassaden erklomm. Eine Sackkarre rumpelte heran, beladen mit einer eingeklappen, verschnürten Doppelmatratze, die die Stufen hinauf-, dann wieder hinunterpolterte, von einem Miniaturplatz abbog und – so hörte ich es am Scharren und Fluchen des Transporteurs – unvermittelt steckenblieb irgendwo zwischen zwei Hauswänden. Wenn man sich solchen Stellen überließ – Wohngebäuden, Korridoren, abgehalfterten Arkaden -, dann roch man Venedig, roch milde Salzaromen, den Duft von Wasser, Kanalisations- und Uringerüche. Und obwohl ich diese Mischung als nicht angenehm empfad, zog ich es den Schwaden billigem, stechenden, süßen Parfüms und diverser (zu meinem Leidwesen oft deutscher) Waschmittel im Trubel der Attraktionen vor.

Trotzdem wandte ich mich der Rialtobrücke zu, einem der Ufer, das sie vermittelt. Vorbei an den Lokalen, deren Tische beladen waren mit Blumen, verliebtem Gemurmel, Aperolgläsern, vorbei auch an den schaukelnden, unwirklichen Gondeln, Kulisse, Wahrheit, irgendetwas dazwischen. Die Promenade tat einen Knick, weg vom Kanal, dort verharrte ich. Milchig-türkisen schwappte das Wasser hier, die Boote beklatschend, eine sanfte, einlullende Melodie. Allerletzte Oleanderblüten preßten sich aus einem Strauch – woher mochte der stammen? Die beiden reich gegliederten Palazzi mir gegenüber voller Bogenläufe, Simse, Postamente, Säulendekor waren thetralisch ausgeleuchtet, eine Art-Déco-Stummfilm-Dramaturgie, Greta Garbo würdig, zwei alternde Poeten. Hell marmorn, grau von Ruß und Flechten oder vielleicht Schimmel patiniert, imposant noch im Gewand der erodierten Jahrhunderte.

Bereits seit längerem war mir der junge Mann aufgefallen, ein dutzend Meter von mir entfernt, seine verlorene Mimik, die verschatteten Augen, die die gleiche Szenerie musterten wie ich, halb verschluckt von der Leere jenseits der Besucherpfropfen, auch er offensichtlich Tourist, indischer Abstammung wohl. Ich gewahrte sein Interesse an mir, das beinahe um Hilfe flehte, um Erlösung aus seiner einsamen Existenz. Da fühlte ich mich belästigt, wurde ich wütend. “Geh mir fort mit deiner Einsamkeit!” dachte ich forsch. “Ich habe nichts zu schaffen mit deiner Einsamkeit! Genug beschäftigt bin ich mit der meinen!”

Das Milchwasser schwappte, der Oleander blieb erstarrt, die Palazzi erhoben sich reglos in die Nacht (die erst ein früher Abend war). Wie in der Pathologie gelandet spürte ich einen Schnitt von oben nach unten durch meine gesamte Länge verlaufend, ein vernähter Schnitt, an welchem Venedig zerrte. Als wolle es Flügeltüren öffnen in mir; man muß aufpassen, daß sie einen nicht zerreißt, diese Stadt, bei der das Wort Stadt irgendwie nicht angemessen scheint.

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