315 Ungefragte Leihgabe

315 Ungefragte Leihgabe

München, Mai 2026.

 

Bleib nicht

an dem Ort, wo

niemand sieht

wieviel schöner

du bist.

                         (Bleiben, von Max Prosa)

 

Es ist eines der ersten Gedichte im bezaubernd illustrierten Band „Wildwuchs“, Zeilen für die Haut. Die Schädlichkeit der Tattoofarbe hält mich ab (Vernunft, Vernunft, du nervest mich), der geeignete Platz: nicht jeder sollte sehen können, was mich wie Seelenschlag durchfährt. Aber diese Worteansammlung zählte zu den Topkandidaten, sollte ich mir wirklich noch einmal etwas stechen lassen, als angedachte Konkurrenz bisher nur Cohen. Na, Max, ein Lob!

Den größten Bezug habe ich zu den wirklich kurzen seiner Gedichte. Wenn ich sie hier zitiere, ist das dann Diebstahl?

 

Ich hab so oft versucht,

jemand anderes zu sein,

doch als du mich dann so liebtest,

war ich nicht gemeint.

 

Ich habe mir den Balkon hergerichtet, für horrendes Geld Pflanzen besorgt, die nun vier Brüstungskästen zieren, lauter Pink- und Rosa- und Apricot- und Milkalilatöne, ein bißchen Weiß. Spanisches Gänseblümchen, Geranie, Verbene, Gaura, Ziersalbei und anderes. In einem dicken petrolgrünen Pot zwei Sorten Tomate, hängender Rosmarin, Kapuzinerkresse, Taguettes. Dort sitze ich dann auf der lackierten Holzbank, am eichenen Klapptisch à la  Biergarten und schmökere in Zeitschriften oder eben Lyrikbänden. Zu Max Prosa habe ich leichteren, angenehmeren Zugang als etwa zu Goethe, der faselt mir zu viel vom Liebchen – ich bin niemandes Liebchen und habe kein Liebchen, da erschöpft sich das Interesse für solcherlei Säuselei. Aber das was Max Prosa – welch kreativer Name – mir zu sagen hat, damit kann ich mich identifizieren. Ich verstehe, was ihn umtreibt, fühle mich gespiegelt und verstanden. Regelmäßig zieht er sich winters zurück nach Mallorca, um dort zu schreiben, in aller Ruhe inniglich zu schreiben. Welch ein Vorbild! Mich pariert und tritt und behindert der Alltag aufs scheußlichste.

 

Kein Gefäß

das zur Erde fällt

bricht wie das andere.

 

Entschuldige, daß ich mir einfach so deine Gedichte leihe, ungefragt, unerlaubt. Es ist doch gemeint als Kompliment! Ich selbst verweile gerade wieder in der Krötenphase, die Pechmarie´schen Kröten, lauter Blödsinn, ungehobelt, ungeschliffen, unsortiert, banal, Zeugs, das aus meinem Mund plumpst. Ich hätte so gerne einen Menschen wie dich, an den ich mich adressieren könnte – nicht als Frau! Als Schreibende, ja. Jemand, der mit Worten spielen kann, der nachdenkt und aus seinen Erkenntnissen, Erlebnissen etwas erschafft, das über ihn hinausgeht.

Kein Mensch, nicht ein einziger, weiß, wer ich wirklich bin. Zerbrochen und freundlich tuend und sich nach Orten sehnend, wo man meine – eine – Schönheit erkennt. Gehen soll man, sagst du, und es bleibt ein Rätsel:

 

WOHIN?

 

 

Illustration zeigt den Rotdorn in meinem Garten