314 Das Tanzbein schwingen

München, April 2026.
In den omanischen Wahiba Sands, als Einheimische einen Säbelreigen ums nächtliche Lagerfeuer aufführten, meinte ein Mitreisender ganz selbstverständlich an mich gewandt, daß ich doch gewiß auch eine hervorragende Tänzerin sei. Die Fehleinschätzung hätte lediglich größer sein können, indem man mir ein Gesangstalent angedichtet hätte; in der Regel treffe ich nicht einen einzigen Ton, egal wie bekannt mir das Lied ist. Nun, ich habe mich immer geschämt beim Schulsport: Bewegungen vor anderen, Turnen ein Graus, Leichtathletik oder eben gar Tanz – was hatte ich die anderen Mädchen nicht bewundert für deren anmutige Haltung, die edle Geste der Hände, das harmonisch-feminine Fließen, wo ich bloß zu trampeln und zu stampfen vermochte, zu ruckeln und zu zucken. Einzig Ballsport war mir erträglich, und im Volleyball war ich tatsächlich ausgezeichnet, mein Aufschlag gefürchtet. Na. Die Zeiten des Volleyballs sind lange vorüber. Ich baute meinen Körper auf, allein im Fitness Studio, auf Cardiogeräten, beim Joggen, Schwimmen, Radeln und Yoga, in dieser Reihenfolge, und stets ergab es sich mit den Jahren, daß mein Rücken fürchterlich zu schmerzen begann und ich pausieren mußte. Letzten Winter „erfand“ ich etwas, das ich Ugly Moves taufte, praktiziert nach Einbruch der Dunkelheit (also ab ca. siebzehn Uhr) und ausschließlich bei herabgelassenem Rollo. Für die Dauer einer CD, bei Jack Johnson oder Alanis Morissette sind es um die vierzig Minuten, versuche ich, auf der Fläche meiner Yogamatte (Übertreten nicht erlaubt!) möglichst viele komplexe Bewegungen auszuführen, bei denen jedes, wirklich jedes Körperteil irgendwann involviert ist. Es ist ein Hüpfen, Zappeln, Strampeln, Schütteln, Kreisen, das vom kleinen Zeh zum Daumen zum Kiefer alles einmal durchwirkt, mit Grimassieren und Juchzen und veräppelnden Balletthaltungen, ein Beugen, Verbiegen, mal rasch und im Stakkato, mal extrem sanft und langsam, ausladend, raumgreifend auf der Stelle verweilend, die Arme irgendwo in der Luft, die Beine austretend, gestreckt in die Höhe schlagend wie beim Karate, ich tat meiner Wortschöpfung Ugly Moves bewußt gänzlich Ehre, hauptsache, man spürt den Körper, fordert ihn, erprobt Grenzen der Kondition, der Steifheit. Selbst der Kindergarten-Ententanz ist integriert, an Lächerlichkeit kaum zu überbieten! Jedwedes, abgesehen von Stillstand. Die Begrenzung auf die kleine Mattenfläche erfordert einiges an Kreativität und Genauigkeit der Ausführung, man schnauft und das Herz pocht und es ist absolut piepegal, wie es ausschaut, da es ausschließlich ums Fühlen, sich Spüren und Erleben geht. Ohne feste Abfolge, ohne starres Vokabular verschwindet die Monotonie, die mir bei anderen Sportarten, insbesondere auch dem Joggen und Yoga, früher oder später zu schaffen gemacht hat. Ich tauche tief in die jeweilige CD ein, in die Liedtexte, Instrumente, Rhythmen, Melodien, Stimmlagen, den Künstler, die Künstlerin. Nach etlichen Monaten plötzlich fiel mir etwas auf: eigentlich brauchte ich meine Übungen nicht länger Ugly Moves zu nennen, weil meine Bewegungen, egal wie skurril und unorthodox in ihrer Natur, zu echtem Tanz geworden waren, ich vermochte, mit der Musik zu verschmelzen, ich war fließend geworden, weich und harmonisch. Ausgerechnet ich! Tatsächlich.
Mit Versprechen habe ich es nicht so, sie werden meistens halbherzig gegeben, im Überschwang, sie verblassen, verpuffen. Er versprach, daß die nächsten drei Stunden solche des Vergnügens sein würden, in denen man den Alltag und die Welt da draußen vergesse. Daß wir gemeinsam eine gute Zeit haben würden, voll positiver Vibes und aufbauender Energie, wir, an die zwölftausend Leute und die Band. Mit Erstaunen stellte ich hernach fest, daß Michael Patrick Kelly sein Versprechen eingehalten hatte. Das Konzert war eine Wucht! Eine Lebenserinnerung, etwas das eine Spur hinterlassen würde auf immer, so wie die Dolce & Gabbana Ausstellung in Paris vor zwei Jahren, so wie die Tiger Milk im Genter Lokal. Die Münchner Station der Traces-Tournee war mir ein unaussprechliches Geschenk. Freilich besuchte ich die Vorstellung unbegleitet – und vielleicht war das perfekt so! Beim Gin Tonic zuvor noch war ich traurig gewesen, der Cocktail zu warm, ich isoliert in der Menge, niemand, mit dem ich Ansprache halten konnte, mich gemeinsam vorfreuen (das Ticket hatte ich zehn Monate vorab besorgt). Ich stand doof und viel zu aufgetackelt herum, der Lederblouson zu stylisch, die geflochtene Amulettkette mit Jadestein, ein Souvenir aus Guatemala, „too big“, das Make Up reichlich kräftig, over the top im Meer der Nude Looks, der Undone- und Undressed Looks. Ich kam mir affektiert vor, falsch, zu auffällig, in jedem Fall ausgegrenzt. Darüberhinweg konnte mich auch nicht der alkoholhaltige Wacholdergeschmack meines laschen Getränks im Plastikbecher trösten.
Und dann wurde mir endlich einmal ein kleines, bescheidenes Glück zuteil: in der Mehrheit der träge Umherstehenden fanden sich vor mir zwei junge Frauen und links und rechts von mir je eine ältere Dame, die eines einte: die Lust am Tanzen! Und so konnte ich die Augen schließen, die Hüften schwingen, den Hintern wuppen, die Schultern schlenkern, das Haar herumwerfen (zum offenen Pferdeschwanz gebunden), ganz, als sei ich auf meiner kleinen Yogamatte, doch das war ich nicht, nein, denn da vorne, gar nicht mal so weit entfernt, stand Michael Patrick Kelly mit seiner Band, und sie sangen live, spielten live, der Beat durchhämmerte meinen Brustkorb, den Rumpf, es flogen Konfettisalven, bunte ellenlange Papierschlangen aus überdimensionierten Showkanonen, es zuckten Laserlichter, ich schwitze in der feuchtheißen Halle, dampfte regelrecht, kochte, krempelte die Lederaufschläge hoch, ließ das Amulett hüpfen und hatte einfach nur Spaß. Ja, ein biografisch-historischer Moment. Ich, Laura, habe einmal in meinem Leben unendlichen tiefen absichts- und wertfreien Spaß, der seinen persönlichen Höhepunkt während der Performence von „Rebellion“ fand. Ab und zu gewahrte ich im Augenwinkel die unmotivierte Trägheit unzähliger anderer im Umfeld, die zwar klatschten und standen, nicht aber wippten, schunkelten, ausflippten, so wie wir fünf fremde Ladys es taten, und ohne daß wir es aussprachen, waren wir nach Konzertende alle total dankbar, daß wir uns als Platznachbarn gehabt hatten, weil keiner die Bewegungen und Dancemoves der anderen bewertete, kritisierte, als störend wahrnahm. Ich war nie in der Disco gewesen (ok: vier, fünf Mal, ein grauenhaftes Klammern an Alkopops und dämlichstes Herumstehen und 110-prozentiges Unwohlsein), kenne das sich Auflösen und Transzendieren in Rhytmen, Lichter, späte Stunden, Alkohol, in Menschenmengen lediglich aus Fernsehszenen; mit Anfang vierzig war ich das erste Mal in meinem Leben jung. Eigentlich möchte ich sagen: ich war im Tanzen, im vollumfänglichen Erleben der Musik frei geworden. Danke Mr. Kelly! Danke Ugly Moves…
Ich fand kurz darauf zufällig heraus, daß das Münchner Kelly Konzert auf den Internationalen Tag des Tanzes gefallen war. Yeah! Wir sehen uns im Juni an der Loreley wieder. Ich werde allein dorthin fahren, und ich werde ungeniert tanzen, ohne daß sich eine Begleitung für mich schämen könnte, werde nicht gut tanzen, wohl affig tanzen, ungelenk, nicht immer im richtigen Rhythmus, aber hey: ist mir Gin Tonic egal.
Illustration zeigt eine koreanische Seniorin, die sich voller Hingabe noch im Weggehen das Graffitto zweier Mitglieder der K-Pop Band BTS ansieht


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