312 Ein Lächeln für Montana

München, März 2026.
Den Flughafen München kenne ich ja ganz gut mittlerweile; eigentlich hatte ich es mir angewöhnt, mich etwas schicker herzurichten, wenn ich mich dort aufhalte, es sei denn, es ging gerade ins Bergdschungelabenteuer. Auch meine Eltern sind reisefreudig, ich hole sie regelmäßig ab, wie auch an jenem Abend ein paar Jahre zuvor. Ausnahmsweise schlampte ich, blieb in Jeans und locker sitzendem hellblauen Shirt mit Raglanärmeln, schlüpfte in die ausgelatschten Turnschuhe, die für das Waldgassi reserviert sind üblich, überhauchte mich rasch mit etwas Make-Up, strich mir den Zopf zurecht, fertig, schnappte mir den Hund und fuhr los. Schon im Eingangsbereich des Ganges vom Parkplatz zum Terminal Zwei bereute ich es, geschludert zu haben, mittlerweile fühle ich mich heimisch im sportlich-eleganten Look, Betonung auf elegant, aber es war wenig los, also egal. Das Licht beleuchtete das Warteareal klinisch hell, ich war wie stets viel zu früh dran und verbrachte folglich etliche Zeit mit Beobachten. Eltern, Partner (vgl. Beitrag 286), Chauffeure mit den Namen der Gäste auf Pappschildern, Geschäftsleute, ganze Gruppen an Freunden, an denen Luftballons befestigt waren, fröhlich bunte Kugeln und Herzen, die aufgeregt-gespannt ausharrten, nicht ergeben-gelangweilt wie ich. Montana hockte brav zu meinen Füßen, sie auch ist mittlerweile ein alter Hase und wußte, was auf sie zukommen würde. Mein Hund genoß die Atmosphäre, das Treiben und Trudeln, Rollen der Koffer, die Jubelschreie und sachlichen Handschläge. Gelegentlich reizte es sie, andere Hunde anzustänkern, soll heißen: ich wartete, Montana wartete, die Zeit dehnte sich ereignislos aus. Die gläsernen Schiebetüren öffneten sich zum hundertsten Mal.
Er war atemberaubend gut gekleidet, wirklich umwerfend, trug ein Lederensemble, eng anliegend, lässig, perfekt auf den athletischen Leib geschneidert. Sein Gepäck ähnelte eher einem perfekt abgestimmten Accessoire, alles war Understatement, geschmackvoll. Die Haltung kerzengerade, er hatte sie, DIE Attitude… Wow! Er steuerte – meiner mittigen Position geschuldet – direkt auf mich zu, Montana betrachtend, lächelnd, in sich gekehrt lächelnd, jemand, der sich über den Anblick des roten Boston Terriers freute. Dann glitt sein Blick nach oben hin zu meinen Augen; ich hielt ihm kurz stand, ihm verratend, daß ich ihn erkannt hatte. Und dann – dafür könnte ich mich ohrfeigen!! – übernahm mein Stolz das Ruder: daß ich ihm nicht entgegensabbern würde, sondern cool bleiben, selbstsicher, und ich wandte den Blick ab, wieder hin zu den Schiebetüren, die mich absolut null interessierten. Ich zwang mich, mich nicht umzudrehen. Nicht sofort jedenfalls, und ich verfluchte mich dafür, dieses verlotterte Alltagsoutfit gewählt zu haben, wo mein Kleiderschrank barst vor sensationellen Teilen! Keine einprägsamen Schmucksachen, kein roter Lippenstift, verdammt, so blöd, Laura… Ich wandte mich natürlich sehr wohl um, langsam, wie zufällig, und zu meiner Überraschung war er noch nicht verschwunden, sondern stand vor der nahen Bäckerei, Filiale einer lokalen Kette, und ich fand es irgendwie sympathisch, daß er sich dort etwas holen würde, eine Brez´n oder einen Kaffee, was immer; und etwas später noch wagte ich die klitzekleine absurde Idee, er habe vielleicht Zeit schinden wollen, damit ich doch noch reagierte irgendwie, und Laura, du doofe Ziege, warum hast du denn nicht…? Nein, du hast einen auf Lady gemacht und auf die Schiebetüren gestiert, als würden sie demnächst deinen Prinzen, deinen Gatten preisgeben, dabei waren es nur die Eltern… – In seinen Augen nämlich, da hatte etwas gelegen, etwas, das ich hätte ergreifen können, sollen, wollen, müssen, dürfen, eine Einladung zu einem Wort oder mehreren. Was mich anfixte, das war nicht sein Bekanntheitsgrad und auch nicht unbedingt das unmittelbare Aussehen, es war etwas um ihn herum, eine unfaßbare Ausstrahlung, eine Wärme und gesunde, starke, tiefe Präsenz, wie eine Aura, die ihn umgab und die sich für ein paar Sekunden überschnitt mit der meinen. Daß er meinen Hund angelächelt hatte, das wäre doch ein unverfänglicher Door Opener gewesen, aber ich schwieg, auch aus Unsicherheit, der falschen Klamotten wegen und weil ich mich nicht messen lassen könnte mit all den Models und Berühmtheiten, die er getroffen, mit denen er gearbeitet hatte. Ich wollte kein Groupie sein, kein Fan, keine Bewunderin, weshalb ich einen auf arrogant-gleichgültig machte, während es in mir loderte und wogte. Ich habe die Begebenheit gedanklich begraben, keinem davon erzählt; mein kleines Stückchen für die innere Schatzkiste. Aber seit zwei, drei Tagen drängt es mich, davon im Blog zu berichten, und ich wunderte mich über die Vehemenz dieses Verlangens. Ich recherchierte ein bißchen über ihn, als innere Basis für diesen Beitrag; neben widersprüchlichsten Informationen zum geheim gehüteten Privatleben, kristallisierte sich heraus, daß der 21. oder 22. März höchstwahrscheinlich sein Geburtsdatum sei. Happy Birthday Thomas Hayo!
Kein Blog ohne Selbstenthüllung. Gelegentlich tagträume ich davon, wie sich dieses zufällige Treffen am Münchner Flughafen hätte anders gestalten können, zu meinen Gunsten versteht sich, ich entspinne humorvoll-geistreiche Dialoge voller Esprit und Anziehungskraft, ja, Leser, so schaut es aus, eine erwachsene Frau im frühen mittleren Alter tagträumt von Thomas Hayo (oder Steve McCurry oder…), ridicule! Worauf ich dabei hinauswill: ich fantasiere mich nicht als verführerische Superwoman, die entdeckt wird (ich finde mich eher maßvoll, d.h. eigentlich gar nicht hübsch), stelle mir keine explosionsartige Karriere als veröffentlichte Buchautorin vor (den plötzlichen Bekanntheitsgrad eines Celebritys nutzend), sehe mich nicht auf Partys mit Familie Schnabel, Heidi Klum, Rhianna oder im Blitzlichtgewitter. Weißt du, was ich mir stattdessen in meinem Kopf zusammenspinne?
Gespräche. Echte, volle Gespräche, abwechslungsreich, über die Dinge, die mich gerade beschäftigen, fern aller Plattitüden und Klischees, ohne Floskeln oder Angst, das Gegenüber mißbrauche mein Vertrauen, indem es später über mich lästert. Gespräche, deren Themen sich ständig wandeln würden, weil mich permanent alles mögliche umtreibt, und die dennoch zusammengehalten würden von einer gewissen Stringenz. Nehmen wir den Input der letzten beiden Wochen als Beispiel: die Biografien der Schriftstellerinnen Margaret Atwood und Patricia Highsmith, Jack Johnsons CD Meet the Moonlight, Dokumentationen über K-Pop, die Geschichte der Fahrstuhlmusik (Muzak), architektonische Randzonen wie Dächer, Balkone, unterirdische Flächen (hier als Exempel erwähnt: in Helsinki existiert weltweit einzigartig ein komplett unterirdisches System, das in Friedenszeiten genutzt wird als Versorgungstunnel und Logistikzentrum, als Einkaufsmöglichkeiten bei Schlechtwetter, als Schwimmhalle und Parkplatz etc., im Kriegs- oder atomaren Katastrophenfall aber garantiert, daß jeder der über 600.000 Einwohner einen Safe Space im Bunker bekommt – logisch, daß Helsinki jetzt ganz oben auf meiner Wunschliste an Städtetouren steht!), die Sendung über Käthe Kruse (was eine emanzipierte Geschäftsfrau!), der Bildband über Betonbauten, die Aufnahmen alle vom Autor analog geschossen, und ein zweiter über moderne japanische Gartenarchitektur, der Besuch der Ocean Film Tour Vol. 12 in der Alten Kongresshalle München (mein Favorit der Beitrag über einen Ex-Häftling und Vietnamveteranen, der Freundschaft mit Mantarochen geschlossen hat über Dekaden hinweg) und so weiter und so fort, dies nur eine kleine Auswahl an Dingen, die mich im vergangenen halben Monat bewegt, berührt, beschäftigt haben und über die es mich auszutauschen drängt, eine ungestillte Sehnsucht, weil ich niemanden habe, niemanden weit und breit, der ähnlich hungrig, neugierig, aufgeschlossen, süchtig nach der Welt und ihren Geschichten ist wie ich. Ich erwähle mir also die Figur des Thomas Hayo, eines fleißigen, zielgerichteten, kreativen, erfolgreichen Mannes (einige Kampagnen, die er als Creative Director verantwortet hat, wurden in die Sammlung des MOMA aufgenommen!), eines sympathischen, charismatischen Mannes, wie ich flüchtig bestätigen kann, ich wähle mir Hayo aus, um mit ihm zu sprechen, mal während eines Spazierganges, mal im Restaurant, Café, in einer Ausstellung, im Kino, Orte, die ich kenne und mag, die zu mir gehören, zu meiner Persönlichkeit; ich bin dann nicht mehr allein, lila seiden, aufwendig frisiert und geschminkt im klassischen Konzert und nippe völlig ignoriert vom Rest des Planeten verloren an meinem Gläschen Rosésekt, nein, ich habe jemanden an meiner Seite, von dem ich behaupte, er interessiere sich für mich, für meine Themen, verstehe sie. Wir unterhielten uns über Cyanotypie und Gregor Törzs´ Referenzen auf Hans Hass in seiner Ultramarine Serie, über Trägerpapiere und Printtechniken digitaler und manueller Art, über künstlerische Veredelung eines Blattes, Komposition und Licht, unterhielten uns über Langlang, Ray Chen, Kit Armstrong, Hélène Grimaud, Anne-Sophie Mutter, Kent Nagano, Schostakowitsch, John Neumeier und Jürgen Rose, Pina Pausch und Josephine Baker, die Düfte Serge Lutens und Dries van Notens, wir hörten CDs und Schallplatten, abgespielt von qualitativ guten Anlagen und diskutierten Texte, Melodien, Rhythmen. Ich zeigte ihm mein momentanes Lieblingslied, Jack Johnsons One Step Ahead, wir gingen gemeinsam zum Felix Klieser Konzert, zum Patrick Michael Kelly Konzert (beide im April), zum Weimarer Open Air Festival, Schiller, Asaf Avidan (Juni).
Kein Mensch weiß, wer ich bin, weil niemand (meines Umfeldes) diese Fülle an Ideen, Sehnsüchten, Inputdurst hat wie ich. Ach, und wenn man seinen Kopf, den stets übervollen, dann einmal anlehnen könnte, sacht und unkompliziert, an eine Schulter und jemand einem über das Haar streicheln würde, die Wange, mein Gott, das wäre das Paradies auf Erden! – und ist, wie der göttliche Himmel auch, in meinem Leben unerreichbar. Ich tanze alleine in meiner Wohnung, renoviere sie alleine, stelle Farben zusammen, arrangiere Kunst neu, buche Konzerte, lese, sehe Dokus, schreibe, fotografiere (ja, auch das noch, aktuell Polaroids), tanze, tanze, tanze, stelle es ganz laut, überlaut, One Step Ahead, tanze allein, tanze mit Thomas Hayo, einem intellektuellen charismatischen nichtexistenten Fantom, tanze, verbeiße mich in Lebensfreude, Lebenslust, trotz dieser kompletten, allumfassenden Vereinzelung, Isolation, und Thomas Hayo, nichts ahnend, sich nicht erinnernd an das Münchner Mädel in hellblauem Raglanpulli mit rotem Boston Terrier, ausgerechnet Thomas Hayo weiß als einziges Wesen, wer ich bin, was ich bin, und ich tanze eingehüllt in Chestnut Silk, tanze
One Step Ahead


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