311, Teil III: Anti-Heldin – schon wieder

311, Teil III: Anti-Heldin – schon wieder

Uganda, Februar 2026.

Steckt man in einer Krise, verblasst sie nicht, indem man einen Flieger besteigt, mehrere tausend Kilometer zurücklegend, sich in einen Bus hockt, der einen über nervenaufreibend mühsame Rumpelstraßen an den Fuß eines Bergwaldes bringt. Nö. – Meine Krise besteht darin, daß viele kleine Einzelwahlen, durchaus freiwillig und in bester Absicht vorgenommen, in einer Sackgassen ähnlichen Situation gemündet sind, die als solche jedenfalls ganz und gar nicht selbstgewählt, ausgesucht wurde, ein riesiges Mischdings aus Ausrufe- und Fragezeichen, von anderen kommentiert mit: „Das hast du doch so gewollt!“, eine garstige, oberflächliche Simplifizierung komplexer Prozesse; eine Krise macht einen blind für Richtungen wie für Lichtungen.

Was mir gefehlt hat während meines Aufenthaltes im Ruwenzori, war die Poesie, das lyrische Zittern. Mich überkam nicht plötzlich die Handlung einer neuen Kurzgeschichte, es erschienen keine stimmigen Satzpassagen, wie es etwa in Island der Fall gewesen war (vgl. Beitrag XXX). Ich wurde nicht emotional aufgerüttelt, in hellen Aufruhr versetzt. Spirituelle Erweckungen blieben aus, die Liebe fern (es war ja immerhin Valentinstag unterwegs; eine Big party in Uganda!, Big party, wie gewöhnlich, ohne mich). Ich hatte von wilden Tieren getagträumt, von Gänsehautbegegnungen in unbezwungener Natur, vielleicht doch der schwarze Leopard, der Waldelefant… Nun, ein paar vorüberflügelnde Schmetterlinge, blaue, orangefarbene; eine weiße Nacktschnecke mit kammartigem Auswuchs auf dem Rücken; Kolobusaffen im fernen Gegenlicht, Meerkatzen im Bambusdickicht, schillernde Kolobris, himbeerrotbäuchige Vögel, das schon, ja. Aber nichts, was einer neugierigen, kontaktfreudigen Ginsterkatze (vgl. Beitrag XXX) gleich käme. Einem blasenblubbernden Seelöwen (vgl. Beitrag XXX). Einem unvermuteten Tigergrollen (vgl. Beitrag XXX). Keine donnerrührenden Tattootexte auf Unterarmen (vgl. Beitrag XXX), nichts davon, ach weh!

Ich stelle mich an wie ein Volltrottel, rutsche aus, schlingere, benutze zum Abstieg die Popotechnik, greife nach helfenden Armen, klammere mich fest an Mitwanderern, werde teilweise die irre hohen Absätze hinaufgelüpft, puh!, Monzino hätte sich den Bauch gehalten vor Lachen, oder er hätte verächtlich ausgespuckt – sicherlich ist er seinem Idol, dem Grafen der Abruzzen, würdevoller gefolgt. Aber ich muß sagen, ich bin wahrhaftig stolz darauf, mir nichts getan zu haben, zumal uns zu Ohren gekommen ist, daß just ein Tag vor Beginn unserer Tour ein sportlicher fitter versierter junger Bergsteiger aus Österreich sich kompliziert das Bein gebrochen hatte und von einer Hilfsmannschaft evakuiert werden mußte – ähm, das spornt wirklich an… Mein Mantra lautete also: Nichts brechen nichts brechen nichts brechen nichts brechen nichts brechen…! Heldenhaft war meine Leistung trotzdem nicht.

Andere Helden hatten ja im übrigen in der Isarphilharmonie einen Auftritt, genau während meines Uganda-Aufenthaltes, ich sah Werbung dafür, als ich seidengewandet-feminin-glitzernd im Hélène Grimaud Konzert zu Gast war. Helden, die mich des Stalking bezichtigt hatten, indirekt, wo ein schlichtes (Mut erforderndes) Laura, wach auf! gereicht hätte; Helden, die Weltrettung mit reißerischer Aufmachung und Merchandising verknüpfen. Och, ich hätte mir das angekuckt – schon allein, um herauszufinden, ob er mir die Polizei auf den Hals gehetzt hätte… Den rebellischen Schalk kann ich nicht abschütteln, ich grinse gerade von einem Ohr zum anderen, mich königlich über die Vorstellung amüsierend. Jack Johnson (neue Dauerschleife, ja, ich höre altmodiscch CDs, und zwar ausschließlich) singt: It´s funny how blind/ All these dreams can be/ It seems like they look/ Off too far/ But it´s good to be right here/ It´s good not to miss/ Too many chances/ To follow love.

Und nein, Lieber Held, keine Bange, damit bist nicht du gemeint, Laura ist lange keines deiner Groupies mehr; aber weißt du, es hat eine Zeit gegeben, da habe ich sehr an dich geglaubt.

Ob einmal jemand an mich glaubt?

Tief, tief unten blinken zwei hintereinander gestaffelte Seen in grauem Blau. Hinter mir ragt schroff und abweisend ein Gebirge auf, kahl und nüchtern, und darauf klebt winzig klein ein Grat, beinahe nicht zu erkennen, von dort komme ich her, ist das zu fassen, ich!, das tolpatschige bayerische Dorfmädel. Wege gibt es keine, der Kraft raubende Matsch ist Felsgrund gewichen, bewachsen von hüfthohen weißen Strohblumennestern, sternförmigen Grasbuckeln und drachenartigen Bäumen, die an gigantische Sukkulenten erinnern, der Stamm wie Palmen, die Kronen eher ein Büschel Agaven (Botaniker und Wissenschaftler verzeiht mir meine laienhafte Schilderung, die auf Unkenntnis fußt). Es ist nicht nur trocken, Nebel und Wind sind verschwunden, Sonne lacht nieder. Was man nicht in Worte kleiden kann, ist die ungeheure räumliche Weite, die sich in sämtliche Richtungen erstreckt, eine beruhigte Weite, ausgefegt von Menschen, keine Anzeichen von Besiedelung, von Bemächtigung und damit in gewisser Weise Grönlands Osten ähnlich (vgl. Beiträge XXX-XXX), obwohl von der Vegetation völlig verschieden. Tausende der „Sukkulentenbäume“ in etlichen Größen und Altersstufen klammern sich in das Tal, Büsche sind schwer beladen von zerzaustem Flechtenwerk. Plötzlich steht Arthur Conan Doyle neben mir, wird Uganda zu Venezuela, befinde ich mich in einer urzeitlichen Welt, sodaß ich spontan Ausschau halte nach Raptoren und Flugsauriern, sie hätten mich nicht im mindesten überrascht (Fehlten nur noch die Dinosaurier!, rief auch eine andere Tourgängerin später an der Hütte aus – wir wanderten getrennt und trafen uns abends in den Unterkünften zum Essen und Nächtigen.). Unter uns die Seen schließen an weitere Gebirgszüge an, ringsum sind wir eingekesselt von solchen, schwere massive Steinkolosse, und Das da!, der Guide fuchtelt mit seinem Finger herum, Das ist der Kongo. Oh. Vor zwei Jahren waren Touristen von kongolesischer Miliz erschossen worden. Na, sind ja noch ein paar Kilometer.

Niedlich sind sie unbestreitbar, braun und kugelrund, die schwarzen Knopfaugen glänzen munter. Mäuse!, überstimmen sie mich, ganz klar Mäuse, sie sind zu Dritt und ich alleine mit meiner Meinung. Na, Meinung, ich weiß es, aber ich muß nicht mehr immer recht haben, Klappe halten, gut ist. Ratten, definitiv. Die Hütte, windschief, morsch und dunkel wie gehabt, liegt absolut traumhaft malerisch an einem der beiden Seen, direkt am Ufer, wo Angelikagewächse und Strohblumen blühen und das Wasser idyllisch glitzert – und eben die Nager herumwetzen, zufrieden fett gefressen von den Lagerabfällen. Ich für meinen Teil habe eine Matratze im oberen Stockteil der Unterkunft gewählt, obwohl das umständlich ist, wenn man zur Toilette – dem obligatorisch weit entfernten Plumpsklo – muß, habe den oberen Teil gewählt, weil ich mich auskenne mit Ratten (auf Reisen). Die hier waren so gemütlich und dick, die wären zu faul, hochzukraxeln. Sie fragen wirklich den Guide, Rats, antwortet er schlicht. Sie fragen wiederholt, mehrfach. Mice? – No, no, rats. Ich könnte mich wegwerfen vor Lachen, schlucke mein Schmunzeln jedoch höflich runter. Am nächsten Morgen treten die anderen aufgeregt an mich heran, ich käme nicht darauf, was passiert sei, abends gerade am Einschlafen gewesen, da husche eines der Fellviecher über den Kopf!! – Sie hatten sich die unteren, bodengleichen Matratzen ausgesucht… Diesmal grölte ich lauthals los, ich fand das unendlich lustig! Nicht, daß mir wer Schadenfreude unterstellt, mich amüsierte die Situation einfach köstlich.

Wir spielten MauMau, zu viert, hatten es alle seit Ewigkeiten nicht getan. Ich konnte das noch ziemlich genau benennen, bei mir war es 17 Jahre her, denn es war das Kartenspiel gewesen, das einzige, das ich konnte, mit dem ich mir zusammen mit meiner Schwester die Zeit vertrieben hatte, und sie war 2009 gestorben. Die Sonne schien mild, warm und hell, auf einem Feuer abseits köchelte unser Abendessen vor sich hin (zubereitet von Begleitköchen), das Wasser des Sees schimmerte und funkelte (man kann das nicht oft genug betonen, weil Regenschwälle und Nebel sonst deutlich überwogen). Die Engelwurzstauden leuchteten hellgrün, die Berge lagen still. Wir legten ab, zogen neu, ärgerten uns über ungünstige Konstellationen und freuten uns diebisch, wenn wir gewannen. Ich hatte ewig keinen solchen Spaß. Es war nichts trauriges dabei, nichts trauriges am MauMau. Es war wie früher: unkompliziert, unbeschwert, neckisch, harmlos, witzig. Es vertrieb die Langeweile des Nichtstuns und verankerte uns am Nachtplatz, direkt am Seeufer, den Kongo in Reichweite (das Feuerholz stammte von dort, weil es im ugandischen Ruwenzori verboten war, gesammelt zu werden und im Kongo erlaubt). Mau vergessen! Sieben Karten ziehen!, krähte einer. Och nee, so ein Mist!, schmollte ein anderer, und dann wieherten vier deutsche Erwachsene lauthals los, vergnügt und leicht, während die Begleitmannschaft neugierig herüberlugte.