301 Reisevorbereitung

301 Reisevorbereitung

München, August 2025.

Der Fensterflügel stand komplett offen, weit über mein Bett ragend, wo ich noch ein bißchen zusammengekuschelt in die Daunen dem Regen lauschte, den sich im seichten Wind bauschenden weißen Vorhang beobachtete (dabei immer an Menzels Gemälde denkend mit dem Stuhl), den frischen Luftzug auf der Haut spürte, der die Düfte des nassen Spätsommergartens hineintrug. Auf dem Garagendach wucherte ein Wall aus gelber Clematis, Kletterhortensie, Hopfengirlanden, als ich Decke und Kissen zum Lüften über die Balkonbrüstung hing; die Küche begrüßte mich mit der weißen Feldspat-Porzellanschale des Töpfermarktes letzte Woche, außen bossiert, gefüllt mit Wasser und einem üppigen Arrangement aus zwei Sorten Dahlien, creme mit violett-fuchsiafarbener Mitte, dunkelbordeaux die Pompons. Zusammen mit dem silbrig-fliederfarben schimmernden Leinentuch ergab sich ein elegant-apartes Bild, und genau dies beunruhigte mich: der behagliche Morgen im Bett, die pittoresken Annehmlichkeiten meiner Wohnung – war ich der Reise überhaupt gewachsen…?

Meine Zweifel mehrten sich, als ich das Hergerichtete und Vorbereitete betrachtete; nun, die Ausstattung war tadellos, alles vorhanden, über die Jahre perfekt und vorbildlich verstaut gewesen und daher in einwandfreiem Zustand. Top Schlafsack, dazu Thermarest (eine aufblasbare Unterlage), Trekking-Kopfkissen, stattlicher Tagesrucksack, Transportrucksack samt separatem Regenschutz, alles frisch desinfiziert. Ich kuckte auf die beiden Wäschekörbe, in denen sich gefaltet und gestapelt Merinoleggins, Wandersocken und -schuhe, Trekkinghosen, Westen, Unter- und Über- und Windjacken, Nässeschutz, Handschuhe, Schal, Mütze, Sonnenbrille, ein riesen Beutel Kosmetika befanden, die Stirnlampe, Kamera, Klopapier, um nur eine exemplarische Auswahl zu nennen, und mich befiel der Anflug einer leisen Panik: wie zum Teufel sollte ich das alles verstaut kriegen, komprimiert auf die erbetenen fünfzehn Kilo? Wie bitte hatte ich das früher gemacht?

Die Touren der letzten Zeit waren recht luxuriös gewesen, denn hatten sie zwar zuweilen in die weite Ferne geführt, Japan, Südkorea, so war man sicher und gewindelt wie ein Baby in sauberen, großen Hotelzimmern untergebracht gewesen, sogar während des Aufenthaltes im „schlichten“ Kloster (vgl. Beitrag 292). Hiking hatte in Europa stattgefunden, dabei in urigen B&Bs nächtigend, Cumbria, Portugal, Korfu, und die Unterkunft am Comer See hatte sich als nüchtern aber ausreichend und zweckmäßig erwiesen.

Wann nun hatte ich zuletzt gezeltet? Simien-Gebirge, Äthiopien, 2019 (vgl. Beiträge 59 folgende ) – die Pandemie hatte ein Loch in mein Reise-Sein gerissen, in meine Abenteuer-Mentalität. War das Netz überhaupt zu flicken? Gab es sie eigentlich noch, diese Laura? Die Helden anhimmelnde, im Angesicht des Sternenhimmels losheulende, konditions-zähe Laura, die ihr Trink- und Waschwasser aus Bächen schöpfte, zu denen erst mehrere hundert Meter unwegsames Gelände führte? Die fror und schlecht schlief und der ständig die Blase drückte, weil sie nicht schon wieder aus Schlafsack und Zelt krabbeln wollte, die sich nach Stille sehnte und doch meist von irgendwem vollgeschwafelt wurde (und sei es von den Stimmen im eigenen Kopf); der die Füße schmerzten wie blöd, weil nie ein Schuh je richtig paßte, die mit zusammengebissenen Zähnen eisige (schmale, untiefe) Flüsse querte und den akuten Unterzucker mit wenig wohlschmeckenden Energieriegeln versorgte; die noch immer keine Zeltstangen eigenständig aufgestellt bekam und den Gestank ungewaschener Leute (inklusive des eigenen) nur schwer zu ignorieren vermochte; die sich mit dem Fotoapparat abmühte und den Batterien der Stirnlampe, die sich übermäßig sorgte, weil es keinen Handyempfang gab und damit keine Nachricht von und nach zu Hause; die innerlich nörgelte und fluchte und mit dem unreifen Kind, das sie war, haderte. Also, existierte diese Laura oder war sie auf ein Nichts zusammengeschrumpft während des Lockdowns und des Wandels im sozialen Umfeld, das derart winzig geworden ist, daß man es als solches gar nicht titulieren dürfte?

Manchmal, sehr selten, schaue ich auf die Webseiten von Audun Rikardsen, Carsten Egevang, Zooom Fotoresor (letztere bieten 2026 eine Tour mit Steve McCurry an! STEVE MCCURRY – wow, man könnte mit dieser Legende des 20. Jahrhunderts auf Fotoreise gehen nach Indien!! Könnte sparen und einen Kredit aufnehmen und sich das Ereignis seines Lebens verschaffen, Tipps des Meisters folgen, seine Stimme hören, in seine Augen sehen, diese Augen, die unser kollektiver Zeuge gewesen sind in den Flüchtlingslagern Afghanistans, während diverser Bürger- und der Golfkriege – meine Güte, diesem Menschen begegnen… Aber Laura nicht, die nicht; die hat es sich nicht verdient, war nie mutig genug, engagiert genug, verzichtbereit genug, die ist nicht mit blanken Füßen in den Monsum überschwemmten Straßen gestanden, in denen Kadaver von Tier und Mensch und Fäkalien trieben; die hat sich nicht die Gewehrsalven um die Ohren fliegen lassen, hat nicht Verhungernden beigestanden oder sich zu Verstümmelten ans Krankenlager gesetzt. Die Laura, die arrangiert Dahlien in Porzellanschalen auf feinst gewebten Leinentischdecken und kriegt Bammel, weil sie einige Nächte im Zelt schlafen soll…). Jedenfalls Audun, der wird auch fast zeitgleich unterwegs sein, er nimmt an einer nordischen Expedition teil. Ich tagträume, ihm zufällig am Flughafen Islands oder Grönlands zu begegnen, was freilich nicht geschehen wird, und wenn, hätte er kaum Erinnerung an mich und eben nebenbei zwei, drei warmherzige Sätze übrig. Audun, der Meeresbiologieprofessor in Tromsö, der Shirts mit Strelitzien-Print trägt, die Mutter seiner Tochter auf Wolfsbeobachtung kennengelernt und Freundschaft zu einem Walroß geschlossen hat.

Und da ist es, die Frage, eine weitere. Wieso muß ich mich so niedermachen? Weshalb ist meine eigene Meinung eine solch schlechte? Kommentiere ich alles, was mich betrifft, mit harscher Kritik, beißendem Spott, mit Hohn und Verachtung? Ist irgendwo bei Zooom Fotoresor geschrieben, daß ausschließlich Fotoexperten, Kriegsveteranen, Extremjournalisten teilnehmen dürfen? Vielleicht, würde der Zufall ein Treffen organisieren, drückte Audun mich freudestrahlend an seine rotbärtige Backe, genau wie damals zum Abschied? Was ist abzuwerten an einem sauberen, geordneten, hübsch dekorierten Haus, einem üppigen Naturgarten?

Ich habe über fünfzehn Jahre lang irgendwie Schlafsack, Thermarest, Trinkflaschen, Apothekentäschchen, Klopapier, Klamotten und Co in genau diesen Transportrucksack gestopft bekommen, er ist schließlich nicht eingegangen. Ich habe mit einer Aldi Casio Kompaktkamera nette Bilder geknipst, es wird mir mit der Fuji gewiß gleichwohl gelingen.

Der Gefrierschrank ist bis oben hin voll mit vorgekochtem Hundefutter; das Hühnergehege ist frisch gepflegt und vorbereitet; Treppenhaus und Keller sind gesaugt wie gewischt, 1500 Quadratmeter Rasen gemäht; Dinge sind erledigt, versorgt, abgearbeitet.

Ich werde das uralte Gestein unter meinen Füßen spüren, den Ozean riechen und das Eis des Fjordes. Ich werde eine Gänsehaut spüren und den herabrinnenden Schweiß von der Anstrengung, werde Bachwasser trinken und mich damit reinigen, werde Sterne sehen und vielleicht Schneehühner oder Polarfüchse. Ich werde gehen, den Blick in die Ferne schweifen lassen, die Weite fühlen, die Stille Ostgrönlands. Ich werde lebendig sein und zufrieden, voller Emotionen und doch ruhig. Geschichten könnten mir einfallen oder verschüttete Erinnerungen auftrudeln, neue Gedanken keimen und Ideen aufblitzen. Man wird plaudern, Camps aufbauen und abbrechen, die Natur durchschreiten, die noch eine Form der Wildnis ist. Ich bin gut genug für Grönland.

 

Foto stammt von der Westgrönlandtour 2017