310, Teil II: Herausforderung

Uganda, Februar 2026.
Ich habe mich nicht verliebt. Ich habe mir nichts gebrochen. Ein Gespenst ist ausgeblieben. Ein paar der Fotos sind recht hübsch geraten, ein Seelenbild findet sich nicht darunter – außer vielleicht eines, ganz am Schluß aufgenommen, als die Reise quasi schon fast vorüber war, im Botanischen Garten von Entebbe, eher ein Arboretum, da es Beete und Rabatten entbehrte und eine Sammlung Bäume und Sträucher barg, darunter ein über dreihundert Jahre alter roter Mahagoni, und als Kuriosität Drehorte eines Tarzanfilmes der 50er Jahre… Äffchen wuselten durch Astgewirr, schwarze Ibisse stromerten über die weitläufigen Wiesen, die von Einheimischen als Picknickplatz aufgesucht wurden (es war gerade irgendein Feiertag). Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich die Blüte eines Kanonenkugelbaumes, fremdartig, groß, molluskenhaft-fleischig und lieblich duftend, ähnlich der in den Tempelkiosken Sri Lankas feilgebotenen Lotusse damals. Ein Guide führte uns durch das Areal, er war es, der die frisch abgefallene Blüte vom Rasenstück aufgehoben hatte, sie uns zu zeigen. Auf diese Weise entstand ein Foto, das mir vielleicht das klingendste geworden ist, ein Hochformat in Nahaufnahme, eine hübsch geformte schwarze Hand, die elegant die exotische Kanonenkugelbaumblüte in pastell-rosé-zart-orange vor der gärtnergrünen Livree hält, ja die Geste war wirklich anmutig. Leider habe ich es ein bißchen unterbelichtet, aber das läßt sich ja leicht beheben. Die Blüte hatte ich dann mit zur Unterkunft genommen, eingeschossige Bungalows, pittoresk eingebettet. Es war der Abreiseabend, ich drapierte die Blume zusammen mit dem Trinkgeld der Zimmermädchen auf das baumwollene Tischtuch; da der Flug erst Mitternacht erfolgte, begegneten wir den Putzfrauen noch. Daß ich etwas vergessen hätte, meinten sie freundlich, die Blüte wedelnd. Daß es ein Geschenk sei für die Damen, antwortete ich – ob man es glaubt oder nicht, die zwei freuten sich mehr über die Kanonenkugelbaumblüte als über das üppige Geldbündel (ich hatte sämtliche restliche ugandische Schilling dagelassen), was wiederum mich froh stimmte. Es ist ein armes Land, auf der neunstündigen Busfahrt in den Nationalpark hatte ich etliche Zeugnisse davon erhalten, und doch kann man dort eine geschenkte Blume schätzen; das hat mich bewegt.
Ich habe nur etwa ein Drittel des Trekkings überhaupt fotografiert, vielleicht sogar nur ein Viertel. Wenn es herabschüttete und man verpackt war in Regenhose, Regenjacke, Gamaschen, Rucksackschutz und Regenponcho, wenn es ins Gesicht lief und durch die angeblich wasserdichten Handschuhe durch, dann machte ich keine Bilder. Wenn ich mich mit Händen und Füßen den Berg hinaufhievte, stundenlang, Verrenkungen vollführend, die mir nur die langjährige Yogapraxis erlaubte, um überhaupt die Spalten und natürlichen Tritte zu erreichen, knipste ich nicht. Wenn es donnerte und schmerzhaft spitz auf einen niedergraupelte und der steile Pfad hinab sich nicht nur in eine Schlammlawine, sondern gleich in einen platschenden, dunkelbraunen Bach verwandelte, ließ ich den Apparat weggesteckt. Wenn ich mit viel zu großen, da vor Ort geliehenen billigen Gummistiefeln auf waagerechten, roh gezimmerten, glitschigen Holzleitern ohne Geländer stand, die es zu überwinden galt, dutzende hintereinander!, und man durch die knorrigen Sprossen den Wasserfall unter sich sah und die Abgründe von fünfzig Metern und mehr, stand mir nicht der Sinn nach einem Bild. Wenn wir durch den Matsch stapften, der wadenhoch war, zäh und widerborstig, ein Matsch, der den wie erwähnt zu großen Plastikschuh in die Tiefe sog, und man ihn unter Kraftakten und Schmatzen wieder nach oben reißen mußte, Schritt für Schritt, Stunde über Stunde, zuweilen die Hände gebrauchend, um den feststeckenden Schaft wieder freizuziehen, nahm ich nichts auf. In den primitiven, alten, dunklen, kalten Hütten, deren winzige Mehrbettzimmer oft einer jeden Lichtquelle entbehrten (weder Lampen noch Fenster aufwiesen), wo die Matratzen zerrissen, die Wände mit gekrakelten Schriftzügen verschmiert waren, und man rätselte, wo man sein Gepäck lassen solle, na, in diesen Hütten beschäftigte man sich eher mit der Frage der Mindesthygiene. Am vorletzten Trekkingtag legten wir derart viele Höhenmeter in solch kurzer Zeit zurück, daß die Kamera unter dem Temperaturunterschied kollabierte und patschnaß von Kondenswasser war! Da wollte ich den subtropischen Wald zwar eigentlich gerne fotografieren, mußte aber ewig warten, ehe der ausgekühlte Apparat sich akklimatisiert hatte. Dann gab es noch die Bohlenwege, die angeblich das Wandern erleichtern sollten, rutschige Dinger, als bewege man sich auf Eis, die Abstände zwischen den krumm geschlagenen Bretten unregelmäßig, sodaß man permanent zu Boden kuckte, damit der Fuß nicht in den Leerraum geriet und man stürzte – auf den Hinterkopf oder seitlich hinab vom Steg, der manchmal ein, zwei Meter hoch war. Von den nächtlichen Wagnissen (es dunkelte ab circa 18 Uhr) zum stets weit entfernten, wenig einladenden Plumpsklo, dessen Holzpodeste meist morsch und instabil waren, spreche ich nicht, und auch nicht von den Qualen, die mir eine nicht auskurierte Blasenentzündung bescherte. Alles in allem war es mir die mental und physisch schwerste Tour, die ich jemals unternommen habe, mich definitiv über meine Grenzen bringend, aber was soll man machen, man kann ja nicht mitten auf dem Berg sagen: So, Schluß jetzt, ich geh heim! Das Trekking dauerte sieben Tage, wir bewältigten lächerliche sechs oder fünf Kilometer pro Etappe, doch auf diesen über 1000 und mehr Höhenmeter hinweg – noch nie hatte ich ein Trekking, bei dem es fast ausschließlich streng bergauf oder bergab ging, ebene, flache Passagen existierten quasi nicht! Dazu die Höhe an sich, ab 2500 Metern etwa bemerkte ich das rascher schlagende Herz, die kürzere, heftigere Atmung, und bei 4500 Metern hechelte man wie ein Rennhund auf der Bahn… Fluchte ich unterwegs? Fluchte ich bei Regen, Graupel, Schlammbad, Anstrengung? Fluchte ich über das Gelände, die unpassenden Schuhe? Die deprimierenden Hütten und verdreckten „Toiletten“? Die unausgewogenen Tage, die zur Hälfte aus Qual und Tortur bestanden und zur anderen aus Nichtstun und Langeweile? Denn nach fünf, sechs, sieben Stunden war es je überstanden. Dann hockte man bei Düsternis und Kälte untätig herum, mit anderen Teilnehmern plaudernd, Deutschen, Franzosen, einer Madagassin, sich entsetzlich langweilend, verzweifelnd an sinnfreier Untätigkeit, die nichts anheimelndes, behagliches hatte. Hm. Ich fluchte nicht, nie; ich ergab mich eher in die Situation. In das Kraxeln, Stolpern, Wanken, Rutschen, in schlechte Gerüche und allerlei Unbequemlichkeit; was ich nur bedauerte, neben den fehlenden Möglichkeiten, zu fotografieren, war der Umstand, daß man so wenig Muße hatte, die Landschaft zu betrachten, in sich aufzunehmen, darüber nachzudenken, sie zu genießen. Man war zu beschäftigt (bzw. die nächtlichen Unterkünfte ungünstig gelegen für weitere Streifzüge in die Natur). Einmal rauschte ein Adler vorüber – Guido! Einmal klebte an einem steilen, eingewachsenen, Nebel verhangenen Hang ein Red Decker (?), das argwöhnisch zu uns hinunterspähte – Guido! Und ganz zu Anfang, als die Sonne noch erstickend heiß gebrannt hatte, klaubte der Guide ein endemisches Dreihorn-Chamäleon (?) aus dem Gebüsch, zitronengelb und apfelgrün, das ich mir über den Arm staksen ließ, in gemächlichem Tempo, die putzigen Füßlein ausgreifend auf meiner Haut – Guido!
Was soll ich sagen. Es war natürlich nicht Guido Monzino, nichts davon. Es war einfach nur ein beschwerliches Trekking in einem sehr abgelegenen Winkel der Erde, der leider nicht abgeschieden genug war, denn der Wandel vollzog sich auch hier, direkt vor unseren Augen, es wurde Material geschleppt in Hundertschaften, arme Tagelöhner aus dem nahen Kasese, Männer, Frauen, die Leerrohre, Holzbohlen, Baumaterial in übermenschlicher Anstrengung schleppten, damit in Kürze weitere Bohlenwege entstehen könnten: leichter zu bewältigende Wege, mehr Touristen, größere Hütten, noch mehr Touristen etc., ein unguter Kreislauf, denn für diese kilometerlangen Stege wurden tatsächlich die uralten, langsam wachsenden Restbestände an Baumheide gefällt, paradoxer Irrsinn wie überall auf der Welt. Ich werfe den armen Leuten nichts vor, Tourismus bietet ihnen eine Lebensgrundlage. Aber meiner Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Unberührtheit, Naturtiefe und Einsamkeit herrlichster Ausprägung lief das zuwider. Fluchte ich? Nein. War ich besonders glücklich, von erhabenen Gefühlen überwältigt? Ebensowenig. Das Ruwenzori hatte, im Gegensatz zu mir, sein Versprechen nicht gehalten. Der Geist war ausgeblieben.


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