309, Teil I: Das Kreischen der Eule

München, Januar 2026.
Das auf der körnigen schwarz-weißen Abbildung ist eindeutig mein Teenager-Ich, pausbäckig lächelnd, die langen Haare noch zopflos getragen, in der Mitte akkurat gescheitelt; das Mädchen hockt im meterhohen Farngebüsch am Rande einer Gruppe, und jetzt bitte kommt es, fressender Gorillas. Das Foto gehört zu einem Artikel, der in reißerisch fetten Lettern tönt: Sensation! 14jährige darf Forschungsexpedition begleiten! – Die Erinnerung bereitet mir ein seelenvolles Schmunzeln. Es handelt sich um ein Kunstprojekt der achten Klasse, bei der man mittels Papierfoto, Zeitschriftenmaterial und Kopiergerät eine Montage freien Themas zu erstellen hatte. Die meine ist mir, ohne anzugeben, wirklich nett gelungen, die Proportionen stimmen, und durch die allgemein mäßige Bildqualität fällt die Schummelei optisch gar nicht auf. Wie ich auf die Idee mit den Gorillas gekommen bin, entzieht sich meiner Kenntnis, aber wissenschaftliches, abenteuerliches Reisen scheint mich früh fasziniert zu haben.
Ich hebe den Kopf, scheinbar grundlos, um für wenige Sekunden einen Blick zu erhaschen auf den großen weißen Vogel, der den altbacken gefliesten, halb offen konzipierten Hotelflur entlangfliegt hinaus in die Gartenanlage. Eine Eule! Mein Reisepartner hat sie nicht bemerkt. Später werde ich auf der Schwelle zu meinem Zimmer – und nur dort! – eine einzelne flaumweiche, persilreine Feder vorfinden, fluffig, im Windhauch des Durchzuges zitternd. Guido!, flüstere ich leise und lächle.
Bis zu gewissem Grade mag ich das Okkulte, die harmlose, fantasievolle Variante davon, wie sie in den Zwanziger und Dreißiger Jahren beliebt war und bei Agatha Christie häufiger Erwähnung findet, deren messerscharf verständige, brillierender Poirot an Sitzungen mit Geisterscheinungen glaubt, an Séancen teilnimmt… Nicht das Satanische, Bösartige meine ich, auch kein Vodoo oder Schadenszauber, nichts davon. Eher eine Brücke im Raum-Zeit-Gefüge, ein Sehnen nach Unmöglichkeiten, Wiederbegegnungen, der Wunsch, nicht ganz allein zu sein, isoliert. Sich beschützt wissen, von wem immer, vage hoffend, daß der Kontakt nicht komplett abgerissen ist durch den Tod. Das Hingeben an faszinierte Gänsehautmomente, ein zartes Träumen hinein in ein Was-wäre-wenn, so wie man, ist man frisch aber unerwidert verliebt, sich glückvolle Geschichten ersinnt mit dem Angebeteten, so etwas.
Comer See, Mai 2023.
Sein eigens errichtetes Studio befand sich an der herrlichsten Stelle der kleinen Privatinsel, die spektakuläre Ausblicke bot auf den Comer See. Die hunderte Bücher in den Regalen dort hatte er eigenhändig akkurat in feines Leder gebunden; auf dem ausladenden Tisch pflegte er Landkarten zu studieren, mit denen er seine aufwendigen, teuren Expeditionen in oft unberührte Gefilde plante, mit besonderer Passion nach Grönland. Er hatte aber selbst ein Vorbild, den Grafen der Abruzzen, und dieser war bereits 1912 in einen entlegenen, ursprünglichen Bergsumpf mit endemischer Vegetation und Fauna gereist, schwarze Leoparden etwa oder Riesenlobelien. Diesem Helden war er mit Dekaden Abstand nachgefolgt, in den 1960er Jahren weiterhin ohne nennenswerte Erleichterung durch schützende, praktische, leichte Synthetikfaser oder GPS, etc. Ein unvorstellbarer Kraftakt! So ist Guido Monzino bedauerlicherweise auch früh einem Herzinfarkt erlegen.
Unser Guide erklärte gerade irgendeine architektonische Besonderheit im Inneren der gediegenen, geschmackvoll eingerichteten Villa, als sich seitlich neben uns lautlos die tapezierte Wand öffnete, eine unsichtbare Geheimtüre preisgebend. Manche schraken gewaltig zusammen, als zeitgleich ein Mann heraustrat, Buh! rufend. Er lachte beschwichtigend, er sei kein Gespenst, obwohl es hier eines gebe, ganz sicher, es sei häufiger gehört und gesichtet worden… Nein, er sei nur der Hausmeister! Ich glaube, weshalb einige derart geängstigt worden waren, hatte mit dieser unleugbaren Präsenz zu tun, die über den Räumen hing, eine namenlose Energie und Anwesenheit. Der einstige Supermarkterbe und Multimillionär hatte seinen Besitz am Comer See dem italienischen Staat vermacht mit der Auflage, Gebäude, Gärten, Anlage unverändert zu belassen und seine Kunstsammlung – Artefakte etwa der Inuit oder präkolumbinische Objekte – der Öffentlichkeit zugänglich zu machen; auf seinem Arbeitsplatz wartete die letzte, bereits angebrochene Schachtel Zigaretten darauf, aufgebraucht zu werden, und das seit Dekaden…
Ein mutiger, tatkräftiger Mann mit Forscherdrang und Kunstverstand, klar, das ist etwas für mich. Im Dachgeschoß waren unzählige Expeditionsgegenstände und Ausrüstungsteile präsentiert, darunter ganze Schlitten, und an den Wänden hingen feinfühlige Fotos des Hausherren, keine Poserbilder, sondern freundliche Portraits lokaler Helfer und Begleiter, Aufnahmen auf Augenhöhe voller Respekt, was mich am meisten beeindruckte im Kontext aktueller Protzerei und narzisstischer Zurschaustellung.
Ich stromerte durch den hügeligen Park, dem Weg folgend, der sich steil hinabwand zur winzigen Hafenpier; überhaupt war das Anwesen klein im Verhältnis zu den Besucherströmen, kaum fähig, diese aufzunehmen (vor Monzinos Kauf war es tatsächlich ein verlassenes Mönchskonvent gewesen, also ein eher isolierter, in sich gekehrter Ort). Da es regnete, war es nicht ganz so voll wie üblich, aber es reichte. Es troff von den bunten Schirmen der Leute und war relativ kühl. Meine Füße gingen wie von selbst, ich ließ mich treiben. Irgendwann stand ich vor einem urigen, niedlichen gemauerten Bau, eine Seite vergittert. Ich trat heran, spähte durch das Metallraster und staunte, weil ich nicht damit gerechnet hatte, daß sich eine Art Höhlung tief nach unten eröffnen würde. Im düsteren Halbdämmer breitete sich eine Stille aus, die eigentümlich sprechend war, angenehm und singend. Bilde ich mir die Kerzenflamme nachträglich ein? Die Erinnerung zeigt sich vage, verschwommen. Aber ich weiß noch, wie mich das Rieseln überkam, andächtig, berührend, als ich begriff, daß es sich um eine Gruft handelte. Völlig allein, allen Menschen enthoben, ohne die Nähe zu Freunden, Familie, Zeitgenossen ruhte dort unter einer schweren Steinplatte der unverheiratet gebliebene Monzino. Es war sein Wunsch gewesen. Eine Woge des Mitgefühls überkam mich, ich war aufgebracht und bis ins Mark berührt – ich hatte diesen Menschen doch nie kennengelernt, ja, bis vor zwei Stunden nicht einmal dessen Existenz erahnt, und nun verharrte ich am Gruftzugang wie eine trauernde Angehörige, verrrückt! Es war wohl der Moment, in dem ich ins Ruwenzori gerufen worden bin. Guido hat mich dorthin geschickt – knapp drei Jahre später bin ich dem Ruf gefolgt.
Die Feder hatte ich zwar aufgehoben, aber im Zimmer zurückgelassen. Keine magischen Gegenstände! Wer weiß, was sie entfesseln… Die Eule schrie verborgen im knorrigen Baum vor meinem Balkon, die gesamte Nacht über. Auf!, schrie sie rau und klagend, fast kojotengleich, Auf ins Abenteuer!


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