308 Lange Pause

308 Lange Pause

München, Januar 2026.

Über das letzte Drittel des alten Jahres sprechen wir besser nicht; Freude oder Harmonie suchte man vergeblich darin. Ich praktiziere visuelle Haiku, blähe Unbedeutendes auf unter dem Deckmantel der beschworenen Achtsamkeit, versichere mich so eines Sinnes – irgendeines… Raureif in den Kronen (oder das was nach den Forstmassakern übrig bleibt davon); eine rostrote Viertelmondsichel am Nachthimmel; der Duft frisch gebackener Croissants in der Küche, Kunstbildbände, Musik. Eben läuft Tell me straight der Rolling Stones, das deren Dreamy Skies abgelöst hat in der Dauerschleife. Zum Yoga abends gibt es Jack Johnsons In Between Dreams, eine CD, die jahrelang Dornröschenschlaf gehalten hat, weil sie mir langweilig, eintönig, zu heiter plätschernd dünkte, bis ich sie unlängst zur Putzbegleitung einlegte und nicht mehr stoppen konnte. Plötzlich sprachen die Rhythmen und Melodien zu mir, die Texte, Stimme, erkannte ich die Liebenswürdigkeit darin, die Tiefe und Authentizität, alles Seltenheiten unserer Hausse der Wichtigtuer, Protzer, Narzissten, der Helden, Experten, perfekten Unperfekten, der Lauten und Mächtigen (deren Macht jeder Basis entbehrt), Masse statt Klasse, hauptsache selbstbewußt und omnipräsent, exhibitionistisch. Macht man da automatisch mit, indem man einen Blog schreibt?

Etwas hat sich geändert; ich weiß nicht wann, warum. Ich muß nicht mehr meine Meinung herausposaunen. Es drängt mich nicht weiter nach Gegendarstellungen, Verteidigungen, Mahnung zu Wahrheit, Maß, Respekt, vielleicht hat man kapituliert, das System aufgegeben, die Gesellschaft, sein Umfeld, die Nachbarschaft, hat den Glauben verloren an deren Ratio, Einsicht, Empathie, an das große, dringend notwendige Erwachen. Vielleicht hat man es mit sich selbst ausgemacht, kann deshalb in den Spiegel sehen morgens, mehr oder weniger jedenfalls. Wenn man aber sein Gegenüber, und seien es anonyme Leser (falls derer existieren sollten), nicht achten kann als Adressaten, entfällt der Drang, sich an jemanden zu richten. Das Schreiben, so scheint es, ist obsolet geworden.