300 Weiße Welt

München, August 2025.
Das Dorf hat Ferien; die Nachbarschaft ist ausgeflogen und eingekehrt eine liebliche Ruhe, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne, als noch Grashüpfer zu fangen gewesen waren in den Wiesen (auf denen jetzt Toskanahäuser stehen und Mähroboter herumorgeln) und man ohne Helm, Warnweste und Zebrastreifen auskam, weil man zu Fuß in die Schule ging und nicht von Mami im Van oder SUV dorthingebracht wurde, die nun eben genau jene Gefahr darstellen, dessentwegen man Helm, Warnweste und Zebrastreifen benötigt. Man konnte beim Bäcker (vor Jahrzehnten geschlossen) Gummibärchen kaufen unerlaubterweise vor dem Unterricht und mit heimlichen Genuß naschen. Statt Trampolins und Poolbecken gab es Stockrosen und Johannisbeersträucher, und man entdeckte immer etwas: eine Kröte, eine Blindschleiche; Schmetterlinge, winzige knallrote Milben, Kreuzspinnen, Ackerwinde, und alles, wirklich alles war spannend, eine Entdeckungstour wert. Wo man denn abgeblieben sei, das Mittagessen längst kalt geworden, lautete die regelmäßige, nicht sonderlich ernst genommene Schelte nach Schulende, weil man eben trödeln mußte bei dem, was unterwegs geboten war.
Ein bißchen von diesem früheren Frieden herrscht nun vor, jetzt, wo die mürrischen Mienen sich verzogen haben an die Ostsee oder zum Campen nach Kroatien. Man kann in der relativen Stille seinen Gedanken folgen und sein Herz weiten für Dinge außerhalb eines selbst (Hektik, Unfreundlichkeit und Streß reduzieren einen immer in die winzigste eigene Mitte: Fluchtort, Schutzhütte, Enklave). Im Nußbaumgarten blüht am langgezogenen, windschiefen Schuppen eine Wand aus Hortensien, wippen Japangräser, Farne, Riesenfunkien und Schaublätter, einen Dschungelsaum bildend, der in Rosen übergeht und kleine Hochbeete mit Kräutern. Die Hühner in der Voliere, mannshoch und von zwanzig Quadratmetern Grundfläche, scharren fidel im Schatten; ein dichter Bambushorst hängt über sie hinweg, Zwergkirsche, Apfelbeere, Stachelbeere strukturieren zusammen mit urigem, verdrehten, knorrigen Totholz den Auslauf, der mit Rindenmulch und Sand ausgelegt ist. Der eichenhölzerne Stall, erdrosa gestrichen, prangt auf Stelzen, ein wenig ein Baumhaus imitierend. Meine Hennen, sieben an der Zahl momentan, sind ganz unterschiedlich in Form, Größe, Gefieder; samtbraun mit weißen Tupfen und Sprenkeln, creme-lachs mit champignonfarbener Halskrause, bronzegolden gesäumt (das bedeutet mit lauter Dreiecken versehen, die eine Art Schuppenbild ergeben), weiß mit schwarzer Krause, dunkelgrau-beige gesäumt, kupferrot und uni-hellgrau, gedrungen, länglich, schlank, pummelig, glatt, flauschig, dazu die abweichenden Charaktere, die sich im Verhalten spiegeln, neugierig-wild, verfressen, heroisch-zurückhaltend, elegant, frech wie Oskar, ängstlich bis schüchtern oder einfach nur heiter. Zusammen, das heißt die Hühnchen als Schar, aber auch die gestaltete Voliere, der üppige Garten, zusammen ergibt sich eine Szene allertiefsten Wohlgefühls. Es verströmt Behaglichkeit, Geborgenheit, Schönheit, Zufriedenheit, es ist ein Idyll. Ich miste täglich zwei Mal, füttere drei Mal (Körner zum Frühstück, große Jause aus Saaten, Käsestücken, Obst, eingeweichtem Brot nachmittags, getrocknete Würmchen abends), rede und kuschle mit ihnen mindestens einmal, pflege das Gelände und den Stall zusätzlich wöchentlich, und bei großer Hitze werden die Pflanzen der Voliere gewässert, weil der Sonnenschutz auch Regen abhält weitgehend. Ich will damit zum Ausdruck bringen: ich liebe meine Hühnchen, den Garten (den Hund), sie bereiten Freude wie Arbeit, es ist untrennbar verwoben miteinander. Ich nehme die Jahreszeiten intensiver wahr seit ich das Federvieh habe, weil ich täglich meinen Pflichten dort nachgehe, nach fester Struktur, ob es schüttet, schneit oder die Sonne brennt, egal. Ich liebe meine Hühnchen und den stillen, unaufgeregten Frieden, den sie mir bescheren, Zen-Augenblicke, Verweilen im ungeteilten Jetzt und Hier. Gelegentlich, wenn die Zeit es erlaubt, lese ich Goethe-Gedichte dort oder Interior-Magazine, Modezeitschriften, trinke ich ein Bier oder einen kühlen Spritz (gerade mag ich Ramazotti Rosato oder Pimms mit Prosecco gemischt). Die Hennen kommen dann angetrottet und lassen sich an dem Flecken nieder, der mir am nahsten ist (je nachdem, ob ich mich auf der neonpinken Metallbank, dem Plastikstuhl oder in der Hängematte eingefunden habe), kuckend, dösend, sich putzend. All das schätze ich sehr, koste ich aus. Und zugleich, ganz ohne jeden Zweifel, ist es mein Gefängnis, denn in dieser Zeit bin ich nicht draußen, raus aus dem Dorf, mache ich weder Sport, noch unternehme ich etwas (Töpfermärkte, Radtouren, Ausflüge an Seen, in die Berge), ich treffe niemanden, spreche niemanden. Ich bin allein in meinem Idyll, was gut ist, wenn man reflektieren, sich sortieren möchte oder einfach ausspannen, aber der Kontakt zu Menschen bleibt aus. Mehr noch: ich bin nicht auf Reisen, wo mich doch so vieles lockt und reizt! Wandern in der Gegend um Bezau etwa (gelegen in Österreich nahe des Bodensees), Kultur mit Scala-Besuch in Mailand, Architektenhausbesichtigung in Devon samt Abstecher zum Dartmoor, Kochkurs im buddhistischen Kloster bei Bordeaux, das Vitra Designmuseum samt Oudolf Garten bei Basel – meine Güte!! Ich bin so gierig, begierig, neugierig! Ich möchte sehen, mich bewegen, möchte riechen, lernen, Freude spüren, unter Leute, mich inspirieren lassen! Ich habe so viele Ideen, Neigungen, einen Lebenshunger!
Da ich mich aber verantwortlich fühle, den Hühnchen gegenüber, meinem Hund, dem Garten, auch dem Haus, ja, das ich pflege und putze und hege; da es insgesamt viel, sehr, sehr viel Arbeit ist (von anderen meist nicht gesehen oder belächelt) und ich nicht der Egoist, für den man mich hält, ich also diese Arbeit nicht unnötig abwälzen möchte auf Dritte (übrigens auch argwöhnend, daß sie nicht sorgfältig genug ausgeführt würde), nun, deswegen verbleibe ich daheim, mich an den Hortensien labend und der zweiten Rosenblüte und den Büscheln aus Japananemonen, die ulkigen Hennen beobachtend, den Hund knuddelnd (und die x-dutzend Kübel gießend wie blöd), verbleibe im Idyll, das mich umklammert und nicht freigibt.
Dann denkt man nach, denkt über seine Fehler nach und dieses Gefühl in einem, das beständig zwickt und zwackt und herumzuckt wie Mückenlarven im Wasser: es ist leichter, das Gefühl in einen Satz zu kleiden, der da lautet: „Es tut mir leid.“ Ich meine damit nicht unbedingt Reue, die kenne ich auch, die ist aber punktueller. Bedauern nicht, hm, was bedaure ich? Etliches, ohne Frage. Das Gefühl, das in mir bohrt, mich wahnsinnig macht, dieses „Es tut mir leid“, das ist etwas anderes, es ist eine permanent innerlich ausgesprochene Entschuldigung. Ich entschuldige mich bei allem und jeden für alles und jedwedes. Es tut mir leid, daß ich dich mit einer überschwenglichen Mail belästigt habe. Es tut mir leid, daß ich dich ohne Punkt und Komma vollgequatscht habe. Es tut mir leid, daß ich so ungeduldig bin und nicht Rücksicht nehmen kann auf deine Schwächen, daß ich nicht milde bin und liebevoll, verständnisvoll. Es tut mir leid, daß ich mich mit Händen und Füßen wehre, mich verteidige und die Pranken ausfahre wie ein Löwe. Daß meine Antwort scharf ausgefallen ist, überreagiert. Daß ich mich nicht immer genug interessiere für dich und deine Belange. Es tut mir leid, daß wir auseinandergegangen sind, banal und endgültig zugleich. Es tut mir leid, daß ich zu wenig Sport mache und keine Projekte vorantreibe. Es tut mir leid, daß ich dir keine Karriere bieten konnte, nichts auf das du stolz sein kannst in deiner kleinen Welt. Es tut mir leid, daß dich nie jemand wirklich gemocht hat, so richtig. Es tut mir leid, daß ich nicht aufrichtig war zu dir, immer auf Abstand war und große Teile meines Selbst verborgen gehalten habe. Es tut mir leid, daß ich in bürokratischen Angelegenheiten und Dokumenten keine Ordnung halten kann. Es tut mir leid, daß ich dich nicht geboren habe. Es tut mir leid, daß ich mich so oft von mieser Laune hinwegspülen lasse und als Treibgut irgendwo nutzlos verrotte. Es tut mir leid, daß ich nicht häufiger „wir“ sage. Es tut mir dies leid und das und einfach fast alles, und das Du, an das ich mich wende, ist jedes Mal ein anderes. Ich fühle mich schlecht mit diesem ewigen „Es tut mir leid“, ungenügend, immerzu. Man dreht und windet sich, ruht und bäumt sich auf, wirklich, ganz genau wie diese Mückenlarven in der Regentonne, die manchmal mit im Wasser der Blumenvase landen, die dann Bouquethalterung und Miniaquarium zugleich wird.
Und sie sagen, daß ich endlich meinen inneren Schweinehund überwinden müsse, blockieren mich als Stalker, zeigen mich an, weil ich angeblich „Blödmann!“ ausgerufen habe, sie gehen, wenn es schwierig wird oder ich keine Lust mehr habe, ausschließlich die Rolle der Seelsorge oder des Animateurs zu spielen, sagen, ich sei unerträglich als Gesellschaft und Mensch, langweilig, faul, arrogant, wechselhaft. Sie lassen mich fallen und kramen mich bei Bedarf oder Laune wieder heraus. Vergessen mich, verspotten. Aus der Ferne bewundern und beneiden sie mich, und Nähe möchte keiner ertragen lernen, weil ich so viel bin, zu viel. Und ich entschuldige mich, Sekunde für Sekunde, und manchmal, wenn ich auf die weißen Hortensien kucke, die sahnecremigen Kugeln, die ich gesetzt habe, auf die fidel scharrenden Hühnchen und den glücklich schnarchenden Hund, wenn ich kühlen Rosato nippe und zum xten Mal ein Lieblingsgedicht lese, wenn es still ist um mich, weil Urlaubszeit ist und das Dorf ausgeflogen, wenn ich expandieren kann im Kopf und nachdenken über meine Fehler, Makel, Versäumnisse, wenn ich mich umschaue in meinem Idyll, das weiß ist und nostalgisch und mystisch, dann kitzelt eine Frage auf, leise und zart.
Tut dir eigentlich auch einmal etwas leid?
Tut dir leid, wie du mich behandelst? Wie du mit mir umspringst, mit mir sprichst? Welche Signale der Mißachtung, Geringschätzung du sendest? Tut es dir eigentlich leid, daß du mich polizeilich angezeigt hast mit der (noch dazu unwahren) Behauptung, ich hätte dich als Blödmann beleidigt? Tut es dir leid, daß du meinen Gruß auf der Dorfstraße mit mürrisch-tödlicher Miene ignorierst? Tut es dir leid, daß du mich digital blockierst anstatt einfach kurz zu sagen, daß du bitte keine weiteren Nachrichten wünschst, weil sie dich irritieren? Tut es dir leid, daß du immer nur gefordert hast und nicht einmal mit dem Herzen großzügig und milde sein konntest? Tut es dir leid, daß wir nicht öfter ein „Wir“, ein echtes, gehabt haben? Daß du mich in deinem Terminkalender herumschiebst wie eine Figur auf dem Spielbrett? Daß du nicht ein einziges Mal ein Blümchen aufs Grab gestellt hast zum Todestag meiner Schwester? Tut es dir leid, daß du nicht sehen kannst, was ich Schönes schaffe, Ordnung, Gartenmeer, Texte, Bilder? Tut es dir leid, daß du mir vermittelst, ich gehöre nicht auf diesen Planeten? Daß dich meine Energie, meine Wortfülle erschlägt? Tut es dir leid, daß du mich zum Weinen bringst und zur Verzweiflung, zu Trübsal, Frust, Resignation und dazu, daß ich es mit mir selbst nicht mehr aushalte, weil du mir nur schlechtes über mich signalisierst?
Ich weiß, ich habe viel zu arbeiten an mir, zu ändern. Zuvorderst muß ich dieses schreckliche, permanente „Ich“ wegbekommen, ohne Zweifel.
Aber vielleicht bin ich mit diesem Wissen dir einen Schritt voraus…
Die Hortensien, Hühnchen, Blumenmassen, Antiquitäten schränken ein, hindern am Aufbruch, ja. Sie machen die Wahrscheinlichkeit, Menschen kennenzulernen und Freunde zu finden, Gesellschaft, geringer. Sie sind andererseits ein Zeugnis dessen, was ich kreiert habe; sie sind die Fortsetzung meiner kinderzeitlichen Grashüpferwiesen, Gummibärchennaschereien, Schulwegsentdeckungen. Sie sind hübscher als Mähroboter, Trampoline und Plastikpools.
Ich bin nicht besser als ihr. – Ebensowenig bin ich schlechter, egal was ihr mir einreden wollt.
Meine Welt ist weiß und mystisch und schön. Du darfst mich gerne besuchen dort.
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