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	<title>Kunstfotografie Between Silence</title>
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	<description>Laura Burggraf  - Fotografie </description>
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	<title>Kunstfotografie Between Silence</title>
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		<title>323 Selbstbetrug</title>
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		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Aug 2026 10:50:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>München, August 2026. Das Schöne am Bewundern ist, daß man diesen Zustand herrlich in die Länge ziehen kann, ihn pfeffern und salzen mit Fantasie und Stellvertreter-Emotionen. Etwas von der Großartigkeit der angebeteten Person streift einen, badet ihn in einem Hauch Wichtigkeit, Bedeutung. Das Luftschloß, daß man sich erbaut, zusammenspinnt aus absurdesten Garn, täuscht hinweg über&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/323-selbstbetrug/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, August 2026.</p>
<p>Das Schöne am Bewundern ist, daß man diesen Zustand herrlich in die Länge ziehen kann, ihn pfeffern und salzen mit Fantasie und Stellvertreter-Emotionen. Etwas von der Großartigkeit der angebeteten Person streift einen, badet ihn in einem Hauch Wichtigkeit, Bedeutung. Das Luftschloß, daß man sich erbaut, zusammenspinnt aus absurdesten Garn, täuscht hinweg über die mickrige, armselige Wahrheit; daß man selbst keine Spuren hinterläßt, nirgends. Daß man objektiv von außen betrachtet das Langweiligste darstellt, das es nur geben kann. Also schnell wieder zurückhuschen, hinaus aus der Erkenntnis, dem Wissen um die eigene Irrelevanz hin zur Blaupause des Ideal-Seins, denn eine Blaupause ist es, vervielfältigbar, auf dutzende Personen anzuwenden. Musiker, Maler, Designer, Architekten, Abenteurer, Sportler, Wissenschaftler, Fotografen, alles läßt sich nach gleichem Schema anhimmeln, überhöhen. Eine Entzauberung gelänge rasend schnell: eine einzige nervige Angewohnheit oder Wesensart, eine minimale Lappalie, und schon krachte das Kartenhaus zusammen. Keinen Sinn für Poesie haben oder Natur, Kultur – Adieu chéri, mit sofortiger Wirkung hinweggejagt! Oder das Essen schlingen, nicht wertschätzen, billige Massenproduktion bevorzugen, nur Fleisch in sich hineinstopfen, Tschüss my dear! Rauchen ist schon kritisch, wenn es nicht gerade mit der Attitüde einer Gauloise geschieht, <em>Liberté, toujours!</em>, stilvoll, cool, lässig, übrigens auch die Adjektive der Bekleidung. Zerfetztes, ausgeleiertes Zeug? Jogginghosen im Supermarkt? Sneakers auf dem Konzert? Hasta la vista baby! Ein Haar am falschen Platz, ein unangenehmer Geruch, säuerlicher Schweiß, ein Rülpser, ciao amico. Kurz, man braucht aus einem Idol einfach nur einen Menschen zu machen, und schon wird aus begehrlicher, sehnsuchtsvoller Anziehung ein Reißaus im wildesten Galopp.</p>
<p>Bewunderung, korrekt adressiert, kann Gefühle der Verliebtheit simulieren. Man tänzelt durch den Alltag, durch die lästigen Pflichten, federleicht und lächelnd, man träumt und träumt, kann nie erhört werden, und das wohl ist das reizvolle daran, das lockende, daß sich der Faden für das Stickbild nicht dem Ende zuneigt oder gar mit Kränkung aufwartet, Verletzung, Enttäuschung. Es ist der perfekte Kuchen aus dem Schlaraffenland! Aber wenn man sich einmal hinsetzt und das ganze seziert, vernünftig, klar, und das sich-selbst-Anlügen oder in Illusionen-schwelgen einstellt kurzfristig und sich fragt: was würde ich wirklich wollen, hätte ich die Chance zu einer Begegnung real life? Kein Meet and Greet, Interview, keine Signierstunde. Nein, angenommen, man hockte eines chilligen, launigen Abends in einer Tapasbar nebeneinander am Tresen, worum würde es gehen? Um das Wahrgenommen werden? Geküßt, berührt? Gehört, gesehen? Nett ja, nicht das schlechteste, Zucker-Beiwerk. Wenn ich da hinunterschaue in den Keller des Fantasieschlosses, ungestört, ehrlich und alles überflüssige wegmontiere, dann würde als Restgerippe ein tiefes Bedürfnis verbleiben. Ich möchte einmal, ein einzige Mal nur, mit einer gleichgesinnten Person über den Prozeß der Kunstwerdung sprechen wollen, lauschen, nachdenken, austauschen. (Wie machst du das? Was brauchst du? Was empfindest du? Auf welche Weise gehst du vor? Wo arbeitest du?) Die Krux dabei: es müßte sich um einen vermeintlich extrem ähnlichen Prozeß handeln &#8211; ein Echo, das zurückgeworfen wird und einen dabei verwandelt hin zu etwas besserem, bedeutenderen…</p>
<p>Und dann, noch eine Stufe tatsachennäher eingestanden: das was übriggeblieben ist im Verlauf der vergangenen Jahre, übrig nicht von schwärmerischer Illusion, sondern vom Charakter, das was man nun noch ist, ein Abklatsch, ein Trümmerfeld, aggressiv und ungeduldig, hart und eitel, das was man ist, wenn man die rosa Brille der Bewunderung abnimmt, das was der andere sehen würde, erfahren, ist es das, was man zeigen möchte von sich, teilen? &#8211; Und so springt man zurück ins Meer der Ideen, Gefühle, Vorstellungen, Ausgeburten, fiktiven Handlungen und Gespräche, froh darum, einen Avatar zu haben in der Enklave des Geistes, der all das Schöne verkörpert, das man einmal gewesen ist, das man werden möchte. Dieser Avatar bewundert nicht nur, er tauscht aus, erzeugt Resonanz. Wozu entzaubern?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Illustration: Farbenspiel im Glas wie gesehen (nicht bearbeitet); Sänger ist mir unbekannt; die gefährliche Nähe zu nationalsozialistischem Sprachstil ist mir damals in Südkorea bereits aufgefallen, ich distanziere mich davon. Geht man auf den Wortkern zurück, trifft es aber die im Beitrag behandelte Glorifizierung perfekt</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>322 Dieser eine</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/322-dieser-eine/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 02 Aug 2026 09:46:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Weimar, Juli 2026. I Wann beginnt sommers eine Nacht? Die dreißig Grad dampften noch aus dem platt getrampelten, dörren Gras, während die Wolken aufkochten gelb und gräulich, Wolken gesprenkelt mit Schwalben-Pünktchen. Das Licht schwand, kaschiert vom bunten Sirren der Lasershow. Pink, Grün, Blau, meist hielt ich die Augen geschlossen, auf die Untermalungen der Manga-Filmchen verzichtend,&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/322-dieser-eine/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Weimar, Juli 2026.</p>
<p>I</p>
<p>Wann beginnt sommers eine Nacht? Die dreißig Grad dampften noch aus dem platt getrampelten, dörren Gras, während die Wolken aufkochten gelb und gräulich, Wolken gesprenkelt mit Schwalben-Pünktchen. Das Licht schwand, kaschiert vom bunten Sirren der Lasershow. Pink, Grün, Blau, meist hielt ich die Augen geschlossen, auf die Untermalungen der Manga-Filmchen verzichtend, süße Miezen, heiße Maschinen, Sportwagen, schnittige Motorräder. Hinter den Lidern pulsierte das An und Aus der Bühnenscheinwerfer, ein unregelmäßiger Tango aus Grelle und Düster. Früher, in meiner Teenagerzeit, wurden regelmäßig Dream Dance CDs (obligatorisch auf dem Cover: ein Delphin) herausgebracht, Ende der Neunziger, Anfang 2000er, da waren Techno, House, Dance etc. en vogue gewesen. Wenn ich die Augen zumachte, und nur dann, konnte ich die Leute vergessen, ein überraschend alterndes Publikum, Techno als neuer Schlager?, Menschen, die zumeist zu Salzsäulen erstarrt auf dem Wiesenanger aufgepflanzt verharrten, höchstens ein wenig schunkelnd, wenn es akustisch gerade richtig abging. Ich tat so, als befände ich mich auf meiner Yogamatte im abgeschotteten Raum, als praktizierte ich die Ugly Moves, das Beweglichkeits-Motion-Workout alleine daheim. Ich hüpfte und sprang und kreiste die Hüften, riß die Arme hoch, wedelte mit den Händen, sprühte, versprühte Lebendigkeit, innere. Egal, wie es wirkte! Ungelenk, billig, unfreiwillig lachhaft, lasziv oder gar cool, völlig piepe, Hauptsache, der Musik lauschen, aufgehen in ihr, sich selbst transzendieren wohin immer. Das Haar rauschte über Schultern und Rücken, und ich kuckte nur gelegentlich auf zu den Schwalben weit droben, zu den restlichen, bald vom Abend verschluckten Wolken, manchmal auch zu Schiller, der mit zwei Bandkollegen Energie und Power in die Kleinstadt jagte, und nein, obwohl ich an der Schallkultur Weimar teilnahm, handelte es sich logischerweise nicht um den auferstandenen klassizistischen Dichter, sondern den Musiker. Hektisch, beinahe panisch kramte die Menge durchsichtige Schutzhüllen heraus, Plastikmäntel, Schirme, als der zarte Regen niederprasselte, ein schüchterner, kaum merklicher nasser Film, warm wie eine Dusche, nicht der Rede wert. Die schrägen Fäden waren so hübsch anzuschauen im künstlichen farbigen Licht, flüssig gewordene Wolle, mit der wir unsere Erinnerungen stricken konnten noch in der Gegenwart. Ich wartete darauf, daß die leichte Kleidung am Körper kleben bliebe, das Make Up verschmierte, der Zopf schwer würde wie frisch dem Pool entstiegen, aber der Schirme und Mäntel und Folien zum Trotz gebar der Himmel nicht genug an Nässe. Ich war gelaufen wie dämlich, zweieinhalb Tage lang, hatte besichtigt, klischeehaft, dauerfotografiert, Schiller-Haus (nun der Dichter), Goethe-Haus, Goethes Gartenhaus, Stadtführung inklusive Bibliothek und Universität, Buchenwaldführung (Grauen), Bauhausmuseum, Schlösser Dornbach samt Gärten, Bauhaus-Keramikmuseum, historischer Friedhof sowie orthodoxe Kirche und Fürstengruft, habe mein Hirn vollgepreßt mit Informationen und Eindrücken, nur  –</p>
<p>II</p>
<p>daß nichts davon zählte, zählte in diesem Moment, nicht einmal das Schiller-Konzert (ja, der DJ), denn nun war ich dort, wofür ich angereist war, und das Licht stammte weder von der Bühne, noch von der letzten Julisonne, sie umflorte <em>ihn</em>, ein Licht, das aus jeder Pore seiner Haut drang, ein Musiker, ein Sänger, ein Künstler – <em>dieser </em>Mann oder keiner!, und damit war die Entscheidung gefallen, es würde nie einen geben, und sie würden mich Stalker nennen oder Groupie oder naiv Verrückte, wo ich doch ganz still bleibe, klein, unauffällig, inexistent quasi, und es ist nicht Schiller, sondern der Act des nächsten Abends, A.A. samt Band. Goldenes Kalb! Ich entrollte einen roten Teppich, entsandte hunderte, tausende Blumen, Rosen, bleichblauviolette Novalis-Rosen. Ich kenne ihn nicht. Er kennt mich nicht. Vielleicht bin ich geblockt, digital, wer weiß das schon, ein israelischer Künstler muß achtgeben auf sich. Was vermag ein Mensch mit seiner Stimme anzustellen? Vergeßt die Opern-Interpreten! Was kann ein Mensch an Texten freisetzen? Wer ist Bob Dylan, was der Nobelpreis? Fort damit! Und er sprach darüber, erzählte von seinem Schreibprozeß, daß er nämlich währenddessen sein Herz an die Wand werfe, es an die Wand schmettere (to smash), wieder und wieder, bis es blutig hinabschliere, und daß er in Kellerhöhlen steige, dort in tiefe Wasser blicke, und daß manchmal, nur selten, aus dem Chaos und der Angst und dem Schmerz eine bestimmte Form der Entropie (Grad der Unordnung, Verteilung von Energie) entstünde, und wie er davon sprach, ganz zum Schluß auf der Bühne, darüber sang, da weinte er, und viele werden gedacht haben, es sei Effekthascherei, Show, Pathos, Theatralik, Aufmerksamkeitsbuhlen, aber – ohne ihn zu kennen, Worte gewechselt, ihn berührt zu haben: es war stattdessen dieses andere, dieses <em>Oh Mama can´t You see I´ve got a darkness shine through me. </em>Ein Mensch, der birst vor Geschmeidigkeit und Licht, der ist geboren aus Dunklem, Melancholischem, Abgründigem. Er entkleidete das Jaket als erstes, ein offensichtlich maßgeschneiderter hellgrauer Anzug, ehe er die hellorange Krawatte ablegte, das weiße Hemd aufknöpfte… Viele der Songs kamen spritzig daher, fetzig, rockig, groovig, amüsant, sollten die Leute unterhalten, die Menge vor der Bühne. Meine Lieblingslieder fehlten wieder, jene der Wahrheit, der Absolution, der katharsis´schen Schwärze, doch entschädigten mich seine Tränen, die die meinen waren. Nach einer einzigen, deutlich geplanten Zugabe der Band verschwanden sie von der Bühne, zwei Männer, zwei Frauen. Von meiner Warte aus, seitlich vorne,  konnte ich das dicht an geparkte Auto sehen, ein schwarzer Mercedes Mini Van. Inzwischen hatte die Nacht sich komplett herabgesenkt. Ich stand abgesondert unter einem Ahornbaum. Der Wagen fuhr an, gemächlich ohne jede Eile, und auf surreale Art entfernten im Schneckentempo sich die roten Rücklichter. Eine Tür wurde zugezogen, leise und unaufgeregt. Zurück blieb ein Wesen, vereinzelt, geschlechtlos, alterslos, ohne jede Perspektive und Freundschaft, von Liebe nicht zu reden, denn Liebe existiert nicht in meinem Kosmos. Ich hatte das Konzert eines Genies genossen, hatte achtzig Minuten in seinem Licht gebadet. Dieser Mann oder keiner, ganz ohne Stalker-Attitüde, auch wenn das niemand glaubte, und wenn man auf Menschen nicht zählen kann, so bleibt doch die Kunst. Schreiben als Weg, das habe ich gelernt in jenen Sekunden, als die roten Scheinwerfer sich zusammenzogen und ihr Nimmerwiedersehen hauchten irgendwo in ostdeutscher Stadt; ein neues Wort hat er mich gelehrt, Entropie, das kannte ich nicht (Physik zählte nie zu meinen Stärken). Man muß seinen Platz kennen, der zugleich in Schranken verweist, Grenzen aufzeigt, Bewunderung hat mich zwei Jahrzehnte lang immer wieder diese Linien ungefragt und verletzend übertreten lassen, Pardon (ehrlich ausgerufen, nicht zynisch). Das unaufgeregt still abfahrende Auto, glänzend dunkelelegant der Lack, die Lichter zinnoberfarbene aufwärts strebende Striemen, das sich wegbewegte von mir in die Nacht hinein, das war kein geplatzter Traum, keine verpasste Chance, es war eine Befreiung. Es nahm sie alle mit, das Auto, die nach dreiunddreißig Jahren auf absurdeste Art zerriebene Freundschaft, den ungerechten Schmerz der Corona-Verfolgungen, die unerledigten Möglichkeiten (Möglichkeit als Pflicht, als Zwang, Aufgabe), das Ausgestoßensein und Gemiedenwerden, die Straßenkämpfe und Lärmkriege, die zu eng gewordenen Überzeugungen, Beziehungen, Denknarrative. Ich durfte Zeuge werden, wie ein Künstler (ein wahrer) seinen Prozess der kreativen Entstehung offenbarte, das intimste und schützenswerteste preisgebend, vor Tausenden Fremden, wie er sich entblößte, offenlegte; er tat es nicht aus Exhibitionismus, aus dem Verlangen narzisstischer Selbstdarstellung heraus. Er tat es, weil er es mußte, der Kunst wegen, die eine eigenständige Triebkraft ist, nichts, das man wählen kann. Wieviele im Publikum mochten ihn verstanden haben? – Als der Wagen anfuhr, Schritttempo, fast provokante Slow Motion, wegkriechend, nicht sich nähernd, da blieb unter dem Ahornbaum im schwachrostenen Laternenschein etwas zurück, und das war tatsächlich nicht alters-, geschlechts-, aussichts-, seelenlos, das war Literat, der begriffen hat: es gibt uns, da sind wir, wir brauchen uns nicht zu verstellen, zu verstecken oder zu schämen. Wir sind die Schamanen moderner Gesellschaften, Geistbeschwörer, Medizinleute. Wir haben es uns nicht ausgesucht. Es hat sich für uns entschieden. Und wenn nie ein anderer die Worte je verstehen werden mag, egal, wir greifen in das Chaos und machen sie sichtbar für Milliardstel Millisekunden, die Entropie…</p>
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		<title>321 Gedeckter Tisch</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/321-gedeckter-tisch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Jul 2026 11:10:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Juli 2026. „Bist du blöd oder was?!“ schreit mich die Göre über die Mauer hinweg an, hasserfüllt und frech, und läßt weitere ähnliche Schwälle los, ehe die Mutter sie packt, in den Schwitzkasten zerrt und mit der freien Faust fest auf ihren Kopf einschlägt, mehrfach, sieben, acht Mal, vor Verblüffung zähle ich nicht genau&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/321-gedeckter-tisch/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Juli 2026.</p>
<p>„Bist du blöd oder was?!“ schreit mich die Göre über die Mauer hinweg an, hasserfüllt und frech, und läßt weitere ähnliche Schwälle los, ehe die Mutter sie packt, in den Schwitzkasten zerrt und mit der freien Faust fest auf ihren Kopf einschlägt, mehrfach, sieben, acht Mal, vor Verblüffung zähle ich nicht genau mit. Auf über fünfzig Touren in unterschiedlichste Länder, darunter die allerärmsten und gefährlichsten, habe ich das so noch nicht erlebt, keine zehn Meter von meinem Zaun entfernt. Es gehört zu meinem Alltag.</p>
<p>Geräuschterror. Lärmkrieg. Permanente Belästigung täglich, stundenlang, in jeden Lebens- und Privatsphärebereich vordringend, als lebte ich gar nicht allein in der Wohnung, sondern zu dutzenden, quasi inmitten einer Krawallkolonie.</p>
<p><em>Bist du blöd oder was?</em></p>
<p>Dreißigtausend Euro. Was würde ich jetzt mit dreißigtausend Euro anfangen? Rücklagen bilden für eine offensichtlich nicht sonderlich rosige Zukunft, Grundstock einer Flucht vor Geschrei, Gegröle, Gezanke, „Musik“gewummere, Handygeplärre? Doch die Vespa besorgen für das italienische Flair, das <em>Dolce Far Niente</em>, das mir ewig unerschlossen bleiben wird? Anlegen? Kunst kaufen? Eine Weltreise planen (die nicht angetreten werden würde, solange Hund und Hennen noch gesund und munter wären)?</p>
<p>Gut, gehen wir es von der anderen Seite an; dreißigtausend Euro, futsch, weg, ausgegeben in den letzten fünfzehn Jahren. Es ist die allervorsichtigste Schätzung. Ganz ehrlich: das doppelte wäre weitaus realistischer, oder zumindest eine Summe dazwischen. Aber dreißigtausend Euro waren es mindestens fest, sind nachgezählt und errechnet, überschlagen.</p>
<p>Gedeckte Tische habe ich bereitet, liebevoll, engagiert, heiter, wohlmeinend, uneigennützig. Gedeckte Tische &#8211; dreißigtausend Euro, die ich <em>verschenkt </em>habe. V e r s c h e n k t. Präsente an Freunde, Ganztagesausflüge komplett spendiert, Essenseinladungen; Porto für ebensolche Präsente, ein einzelnes Paket in die USA, zack!, fünfzig Euro flöten, nur der Versand; Trinkgelder in Restaurants, Cafés, Bars, zwanzig Prozent, bei besonderem Service nicht ungewöhnliche vierzig Prozent, großzügige Scheine für Paketfahrer und Spediteure, Handwerker; Spenden (Shark Project, Sea Shepherds, LBV, Andheri Hilfe, Auf Augenhöhe, für bedürftige Rentner, Geschenk mit Herz, Stiftung Pfennigparade u.s.w. u.s.w.). Es war mir stets selbstverständlich gewesen. Ich habe so gerne Geschenke ausgesucht, hochwertige, Kunsthandwerkermarktstücke, Handarbeiten, Bio Qualität, Naturkosmetik, Feinkost (Dallmayr), habe genau überlegt, wem ich womit eine Freude bereiten könnte zu allen möglichen Anlässen, nicht nur Geburtstag und Weihnachten. Und die ganzen Unternehmungen, Aktivitäten, Exkursionen, Konzerte; noch immer habe ich eine lieb gewonnene, sporadische Brieffreundin, die ich vor einundzwanzig Jahren kennengelernt hatte bei einer Überblicksveranstaltung der Uni, die sich unerwartet in die Länge zog und zog, uns grummelte der Magen, und ich hatte zwei Brote dabei: Vollkorn mit Paprikaaufstrich und Salatblatt, und das eine Brot gab ich ihr. Es ist eine Erinnerung an eine winzige Begebenheit, die ich im Grunde vergessen hatte, derer ich mich aber plötzlich entsann. Es kam wieder an dem Tag, als das Mädchen schrie: Bist du blöd oder was?</p>
<p>Nix oder was. Ich bin blöd. Ich bin so etwas von unendlich blöd. Ich werde tyrannisiert, schikaniert, ausgenutzt, gemieden und gemobbt, Tag für Tag, von etlichen Seiten, obwohl – nein, ich führe die Höflichkeiten und Taten frei von Hintergedanken und Vorteil und Gewinn, die Eigenschaften, Worte jetzt nicht auf, die mich verteidigen würden, das auf mich fallende Licht gerade rücken, denn diese Entgegenkommen und hilfsbereiten Dienste sind einfach selbstverständlich. (So selbstverständlich wie das Verschenken von dreißig-, vierzig, fünfzigtausend Euro binnen eineinhalb Dekaden?) Ich wollte nie etwas zurück, habe nie einen Euro vermißt davon bisher. Wie Dreck behandelt zu werden, abgewertet, verunglimpft, ignoriert, ausgesaugt, nun, das stimmt allmählich nachdenklich.</p>
<p>Mit den fehlenden dreißigtausend Euro könnte ich hölzerne Schallschutzfenster einbauen lassen. Mehr wünsche ich momentan gar nicht vom restlichen Leben: endlich Ruhe.</p>
<p>Das schönste ergibt sich manchmal aus dem Zwie, aus der Spannung heraus, die ein Kontrast zuwege bringt. Ein Hain junger Ebereschen wurde von der Sonne kräftig beleuchtet, als sei ein Bühnenscheinwerfer auf die Bäume gerichtet. Das gefiederte silbergrüne Laub, die aquarellierten, noch bleich orangen Früchte barsten zu einem Sommerbild, während am Horizont, wie abgeschnitten und per Collage wieder zusammengefügt, eine düster stahlblaue Wolkenfront drohte, brodelnd und schwer. Sie würde nicht abregnen, nein. Ab und zu, völlig lautlos, bizarr, zuckte limonengelb-surreal ein Blitzzacken heraus. Kein Donner grummelte, nichts schepperte, Windstille lag über der Atmosphäre, einem Geisterreich gleich. Die Ebereschen, nach einigen Jahren des Krankens und Darbens, strotzten resolut. Ihnen schien die Zukunft zu gehören. Sie wirkten unbekümmert. Ihr schwaches, fast weißliches Beerenorange würde sich Woche für Woche saftiger färben, bis es in verschiedenen Stufen zu einem lodernden Feuer geworden sein würde – das wäre der Beginn des Herbstes, die erste Ahnung davon. Die Natur, fußläufig zu erreichen, kostenfrei, ist meine Rettung, der einzig wahre Anker, ist Meditation und der Ort, an dem man nicht am Wahnsinn verzweifelt, am sirrenden Chaos, nervenzerfetzenden Krach. Die Natur ist es, und nur sie, die mir sagt: du bist nicht blöd, du bist genau richtig.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>320 Bumerang</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/320-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 12 Jul 2026 17:48:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Juli 2026. Ich habe noch nie einen Bumerang geworfen, stelle es mir aber ähnlich vor: ich habe den Blog weit ins Leere hinausgeschleudert, nicht ahnend, daß er zurückkehren würde auf zwiespältige, absolut unbeabsichtigte Weise: er wird gelesen. Warum veröffentlicht man einen Blog, wenn man gar nicht gelesen werden möchte? Um nicht verrückt zu werden.&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/320-2/">Weiterlesen</a></p>
<p>Der Beitrag <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu/320-2/">320 Bumerang</a> erschien zuerst auf <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu">Kunstfotografie Between Silence</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Juli 2026.</p>
<p>Ich habe noch nie einen Bumerang geworfen, stelle es mir aber ähnlich vor: ich habe den Blog weit ins Leere hinausgeschleudert, nicht ahnend, daß er zurückkehren würde auf zwiespältige, absolut unbeabsichtigte Weise: er wird gelesen.</p>
<p>Warum veröffentlicht man einen Blog, wenn man gar nicht gelesen werden möchte?</p>
<p>Um nicht verrückt zu werden. Nicht im eigenen Saft zu verschmoren und zu ersticken. Um sich selbst zu beweisen, daß man kein Gespenst ist. Um sich zu rechtfertigen? Seine Existenz, eher: Daseinsberechtigung zu proklamieren? Weil man so gerne schreibt, mit Worten spielt, ihnen Sinnlichkeit, Witz, Esprit verleihend (gelegentlich). Oder weil man sich mit der nur in Bruchteilen ernsten Idee tröstet, daß es in einhundert Jahren (so das digitale System nicht zusammengebrochen sein möge) einmal einen Leser geben werde eventuell, der sich bei den eigenen Zeilen denkt: „<em> Die </em>Frau war toll, mit der hätte ich mich verstanden!“, so wie ich etwa während der Lektüre der „Pflanzenjäger“ ins Schwärmen gerate, Georg Schweinfurth anschmachtend oder Wilhelm Micholitz, wagemutige, gebildete (Forschungs-) Abenteurer des neunzehnten, frühen zwanzigsten Jahrhunderts… Warum veröffentlicht man in einem Blog, Publikum scheuend, es so gering haltend wie nur irgend (keine Werbung trommelnd, nicht einmal Reisegefährten gegenüber)?</p>
<p>Hm. Es folgt einem Sinn, der inhärent ist aber nicht erklärbar. Der Text, obwohl authentisch, löst sich von der Person. Der Text ist etwas eigenständiges, nicht Mensch, nicht Ding, nicht Fantasie. Bei Fotografien (echten!) könnte es ähnlich sein, doch. Ganz ursprünglich hatte ich auf Resonanz gehofft ein bißchen, auf Austausch. Spätestens die aktuell 3648 (!) Spam-Fake-Kommentare haben dies erübrigt, ich mußte die Kommentarfunktion bei Word Press deaktivieren, die Webseite hätte sonst nur gewimmelt vor Porno-Links und Wunderfinanztipps, ja, die KI, die hat mich entdeckt und „kommuniziert“ recht eifrig.</p>
<p>Ich stecke mitten in einem Kurzgeschichtenprojekt, das ein wenig konkurriert mit dem Blog, weil Zeit und geistige Ressourcen limitiert sind. Wird das schon wieder ein Kröten-Beitrag? Sind alle meine Beiträge Kröten, Pechmarie´scher Stuß? Eine Doku über die recht neuen Genres <em>Young Adult </em> sowie <em>Dark Romance </em>inklusive vorgetragener Kostproben aus den gängigsten, kommerziell erfolgreichsten Romanen und Interviews der (eben meist weiblichen) Autoren waren mir eine Art Erweckungserlebnis: es wird so viel allerschlimmster Schund fabriziert, aufgelegt und verkauft (wo intellektuell-hilflose Frauen darum winseln, von einer in einer Männerhand gehaltenen, geladenen Pistole in der Vagina befriedigt zu werden, <em>Yeah!, dafür haben Frauen gekämpft mit Kopf und Kragen, uns diese Art Freiheit und Gleichberechtigung bescherend)</em>, Texte, die mich durch Sprache und Inhalt zutiefst erschüttert, verstört, befremdet, angeekelt haben und die laut Fernsehbericht en gros von minderjährigen Mädchen konsumiert werden, Erfolgszahlen im Verkauf bescherend, sodaß ganze neue Inprint Verlage wie Lyx entstanden sind: ich spreche mir nicht länger das Recht ab, in einem Rand- und Nischenblog zu veröffentlichen, was mich gerade beschäftigt und umtreibt. Ich möchte eine Stimme haben dürfen, eine Schriftstimme.</p>
<p>Ich veröffentliche einen Blog. Wenn er entdeckt wird, beschämt mich das, ist es mir höchst unangenehm (und die Vorstellung, daß er weiter publik gehen könnte im Ort, beschäftigt mich derart, daß ich nachts wach liege). Was tut das Gegenüber mit der ureigenen Aufrichtigkeit, die im Zeitalter der Lügen extrem angreifbar macht, wie richtet dieses Gegenüber im Zeitalter permanenter (Negativ-) Meinungen? Viele Beiträge, gerade auch neueren Datums, hätte ich nur zensiert oder gar nicht hochgeladen&#8230;</p>
<p>Und trotzdem; die Worte schlüpfen hinaus, suchen sich ihren Weg. Moleküle, die ausgeatmet werden, aufsteigen und sich irgendwo irgendwie verbinden atomar – oder auch nicht. Das ist ihnen egal; aber geatmet werden, das möchten sie, aus, ein. Sie flimmern durch die Luft; Goldmarie lächelt.</p>
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		<title>319 Kleines Glück</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/319-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Jul 2026 10:06:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Juli 2026. Hitzewarnung; wie ein Fön auf höchster Stufe bläst mich der Fahrtwind an. Ich strample und trete, bevorzuge die schweren Gänge, will mich spüren, mich anstrengen. Der Schweiß rinnt mir überall herab, die Arme, Handgelenke glänzen naß, die Uhr reflektiert berstend. Das gleißende Licht wird durch die Sonnenbrille gefiltert, ein Cap verhindert den&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/319-2/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Juli 2026.</p>
<p>Hitzewarnung; wie ein Fön auf höchster Stufe bläst mich der Fahrtwind an. Ich strample und trete, bevorzuge die schweren Gänge, will mich spüren, mich anstrengen. Der Schweiß rinnt mir überall herab, die Arme, Handgelenke glänzen naß, die Uhr reflektiert berstend. Das gleißende Licht wird durch die Sonnenbrille gefiltert, ein Cap verhindert den Stich auf dem dunklen Haupt. Der Gegenstrom ist stark, fast stürmisch. In der Ferne türmen und türmen sich grollend düster die Wolken, wie Bauklötze stapeln sie sich immer wackliger in die Höhe, drohend, leere Versprechungen aussprechend, der Regen wird nicht sein, wieder nicht, seit Monaten. Über mir spottet der Feuerball, stickig-grell. Unterwegs riecht es nach Asphalt, nach reifem Getreide, Heu und, passiert man ein Waldstück, Harz. Es zischen und springen wie Maiskörner in der Pfanne abertausende Grashüpfer und Zikaden in den dörrenden Wiesen. Kein anderer radelt bei 36 Grad über die Landstraßen, Hügel hinauf und hinab, Äcker entlang, monoton und verlassen, nur einmal erspähe ich ein Roggenfeld, gespickt mit Kornblumen, solch ein Blau, wie Lapislazuli leuchten sie azurn, seltener wohl inzwischen als der Edelstein. Ich werde müde, habe Durst. Die Gedanken endlich sind stiller geworden. In den Dörfern blühen Rosenbüsche und Taglilien, schlierende Tupfen von rosa, rot und orange. Ich bin mittendrin im Sommer. Ich kann atmen.</p>
<p>Das rechteckige Bassin befindet sich in einem Senkgarten. Naturplatten gehen in Beete über, harmonisch besetzt mit rosa-gelb changierender Lantana und rosa Ziest, sehr pastellen und ladylike („damenhaft“ klänge unpassend verstaubt). Im Becken posieren Seerosen, die exotischen, nicht unsere heimische Teichrose. Große elegante Sterne treiben auf dem Wasser, wie aus dem All gefallen. Die glänzenden grünen Blätter quietschen und knurpsen gelegentlich; es sind die Fische, die von unten dagegen stoßen, um Schnecken- und anderes Gelege abzufressen. Etliche Juvenile, schwarz gesprenkelt auf Dotterorange, aber auch mächtige Exemplare in Weiß, Lachs, Sorbetkupfern, die gelassen-behäbig ihre Runden ziehen, prächtige ausgewachsene Goldkarpfen. Sie interessieren sich für meinen Hund, schwimmen ihm immer wieder entgegen, drehen ab, kehren zurück – mich ignorieren sie, Menschen sind langweilig. Montana steht am Beckenrand, vor Aufregung starr und angespannt, Kopf und Ohren auf die Koi gerichtet, sich mit ihnen bewegend. Ab und zu wird gefiebt, gewimmert, werden Anstalten unternommen, ins Wasser zu springen, was ich unterbinde. Es ist so schön, dieser stimmige Dreiklang aus zartem Pink, Gelb, Orange, untermalt mit Creme und Sahne, die Wandelröschen, die Seerosen, Goldkarpfen, mein Hund, und ich mittendrin, ruhig und glücklich, absichtsfrei. Die gesamten vier Stunden, die ich im Botanischen Garten Augsburg verbringe, sind wie eine Heimkehr, ein zu Hause, ich kenne ihn seit Kindesbeinen an, vom allerersten Moment verzaubert.</p>
<p>Wenn es einmal ein guter Tag ist, einer bei dem die Nachbarn nicht durchplärren, durchstören, durchrumoren, durchfeiern in Asozialenqualität, wenn man also Muße verspüren darf in eigenem Heim und Grund, sitze ich vor der Hühnervoliere, eher: Hühnervilla und – park, bestückt mit großen Bambushorsten, Zierkirschen, Aroniasträuchern, Johannis- und Stachelbeeren, mit gewundenem Totholz, Kletterästen, Sitzgelegenheiten, zwei Schlechtwetterunterständen und dem mehrstöckigen Stall sowie Ersatznistmöglichkeit. Wenn du ein hervorragendes Karma hast, wirst du als Zwerghuhn bei mir geboren… Habe ich zum zweiten Mal gemistet und zum dritten Mal gefüttert – pro Tag –, nehme ich bei ihnen Platz, auf einer französischen Gartenbank oder einem niedrigen Plastikstuhl, je nachdem, wo sie sich gerade aufhalten, und während sie sich das Gefieder putzen oder mit geschlossenen Augen dösen, lese ich Gedichte. Max Prosa, Goethe, Haiku. Letztere passen besonders gut, irgendwie, glaube ich, schlummert in mir eine altjapanische Seele… Ab und zu betrachte ich meine Hennen, bunt und abwechslungsreich, gefleckt, gepunktet, gesäumt, in diversen Farben. Sie sind hübsch, und ihre Schönheit macht mich froh. Ich hasse alles Häßliche, Billige, Vulgäre, Gewöhnliche, Langweilige, und genau deswegen verabscheue ich dieses Dorf so sehr. Einfallslose Geschmacklosigkeit beleidigt einen kultivierten Geist auf Schritt und Tritt. Dabei wäre es solch ein Leichtes, Ästhetik und Wohlgefallen zu schaffen… Es braucht bloß etwas Mühe, Fleiß, Neugier, Lebensfreude, Willen, Genußfähigkeit. Es ist mir inzwischen egal, ob ich arrogant wirke. Lieber arrogant als proletisch. Jedenfalls verrinnt der Abend, zieht die Nacht auf, meine Mädels wandern in den Stall. Im gigantischen sechzig Jahre alten Nußbaum brummt es: die Schwärmer umfloren das Laub auf der Suche nach Nahrung. In der Lücke zwischen der Krone ein paar angehauchte Wölkchen, dann plötzlich eine flügelnde Sichel, schwipp-schwupp-schwapp weg, eine Fledermaus, die sich die fetten Falter schnappt, und dann wieder!, und hier noch eine!, lautlos, effektiv. Geißblattschwaden schleichen heran, die samtiger werdende Dunkelheit parfümierend. Es glimmt. Irrlichternd. Grünlich-gelb keimen die Punkte auf, langsam taumelnd, umherwabernd. Seit zwei Wochen fliegen sie schon, trotz Fußball-WM-Gebrüll und Techno-Feten ringsum, lassen sich nicht beirren vom Krach. Heute aber ist es still; kein Gestank gegrillten Fleisches, keine röhrenden Automotoren, kein Gegröle, Gejaule, Beat, nichts. Die Schwärmer brummen, ja, die hört man. Zack!, eine Fledermaus. Und gemächlich, beinahe zärtlich, wimmeln dutzende winziger Gespenster über die hängenden Grasähren, die ich eigens für sie habe stehen gelassen, Gräser, in denen die Igel rascheln. Die schwarzblaue Luft ist hauchzart wie Seide, voll behangen mit Glühwürmchen.</p>
<p>Ich bin sehr oft sehr tief glücklich. Ich sauge Momente auf mit jeder Faser meines Körpers, meiner Sinne, Gefühle, Gedanken, Nervenenden. Ich bin in ihnen präsent, leicht und dankbar. Satt, zufrieden. Ja, ich bin sehr oft sehr tief glücklich; es sind dies ausschließlich Momente ganz frei von anderen Menschen. So sieht die Wahrheit aus. Es sind übrigens oft auch Momente, die nichts kosten, nichts außer Aufmerksamkeit und manchmal etwas Mühe (wie beim Fahrrad fahren oder der Haustierhaltung oder Pflanzenpflege). Ich weiß, ich werde einmal am Ende meines Lebens hadern über all die verpatzten Gelegenheiten, die Chancen, die ich aus Trägheit, Angst oder auch Rücksichtnahme auf Dritte nicht habe ergriffen, werde mich grämen und mir Vorwürfe machen. Ich werde aber zugleich das Bewußtsein haben, daß ich aktiv sämtliche Türen und Tore geöffnet habe für Schönheit, Glück, Poesie und stillen Taumel. Daß ich wahre Gefährten hatte: Vieh wie Blumen, Landschaften, Orte, Kunstwerke. Von ihnen fühle ich mich verstanden, umsorgt und geschätzt. Selbst wenn die Rosen mich blutig kratzen und der Stall von Milben befallen wird, deren Beseitigung einen gesamten Tag in Anspruch nimmt, man hunderte Liter (fast tausend!) Wasser schleppt jede Blühsaison und die Sonne den Sport zur Herausforderung macht. Ich wasche mir dann Schweiß und Dreck und Ärger und Sorgen ab unter der Gartendusche (in Badezeug), lasse mich vom eiskalten Strahl schocken, reinigen, kräftigen. Daran werde ich denken am Ende meines Lebens: daß Schönheit und Zufriedenheit nicht protokolliert zu werden brauchen via Instagram Pic, Life Stream, Biografie. Daß man in den stillen Momenten, im Schönen, zu sich selbst findet und auflöst dabei und so lauter wird, wie man es sich nur wünschen kann.</p>
<p>Der Bach fließt bleiern-schlammgrün vorüber, gesäumt von Schichten aus wogend-raschelndem Ried und tuffig weißem Mädesüß. Ich sitze auf den aufgeheizten groben Stufen des Miniaturamphitheaters, das man am Dorfrand bei der Kirche angelegt hat (nicht die Ortschaft, in der ich wohne, das wäre zu apart). In der Ferne thront ausladend eine Gruppe dicht gepflanzter Weiden, die Kronen mächtig-silbern, fast arkadisch in der Anmutung. Es gibt Himmelsblau und Schäfchenwölkchen, weitgehend belassene feuchte Grünflächen, die an das Naturschutzgebiet grenzen. Die Wiese gleich hinter dem Bach prangt vor hohen blühenden Gräsern und hellen Doldenblütlern, welche genau, vermag ich nicht auszumachen. Über dieses pittoreske Bild hinweg studiere ich seit Ewigkeiten das Highlight: Hundertschaften, ach was, tausende wie trunkener Kohlweißlinge. Sie flügeln, blinken, tanzen, wehen, wirbeln, fallen, steigen auf, zu zweit, dritt, viert, alleine, schaffen eine stumme und zugleich singende Choreografie. Selten habe ich so viele der Falter versammelt gesehen. Sie verschmelzen mit den Blütenknollen am Boden, mit der optisch knisternden Weide, den Flugzeugkondensstreifen. Die Wiese lebt. Mein Hund schnarcht genüßlich neben mir, dankbar über die Gassipause, die Pfoten zucken im Traum, zucken wie die Schmetterlinge, das Riedgras, meine innere Freude.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Illustration zeigt meine zahmste Henne Dotti, ein Zwergsussex, zum Beitragszeitpunkt fünfeinhalb Jahre alt</em></p>
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		<title>318 Dorf 21. Jahrhundert, Teil II</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/318-dorf-21-jahrhundert-teil-ii/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 10:06:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Juni 2026. Zu erzählen – schreiben – hätte ich genug. Ganz entfernt entsinne ich mich, daß es einmal, ursprünglich, um Stille ging, um den Raum zwischen der Stille, wo es tief, ruhig und anregend zugleich ist, friedlich und energiegeladen, dort, wo Dinge entstehen, neue Ideen, Projekte, Taten und im Idealfall: ein intellektuelles Miteinander. Nun&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/318-dorf-21-jahrhundert-teil-ii/">Weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Juni 2026.</p>
<p>Zu erzählen – schreiben – hätte ich genug. Ganz entfernt entsinne ich mich, daß es einmal, ursprünglich, um Stille ging, um den Raum zwischen der Stille, wo es tief, ruhig und anregend zugleich ist, friedlich und energiegeladen, dort, wo Dinge entstehen, neue Ideen, Projekte, Taten und im Idealfall: ein intellektuelles Miteinander.</p>
<p>Nun ist es so, ich kucke, Tag für Tag, auf eine tote Hecke, vertrocknete Äste, Löcher, und hinter dieser Hecke, da stapelt sich der Sperrmüll, die blauen Müllsäcke, und aus diesem Sperrmüll heraus, da quillt Lärm. Handygeschnatter in Megafonqualität, sogenannte Musik, schrilles Gequietsche, als würde jemand einen Dudelsack mißhandeln, pseudoorientalische Gesänge in für westeuropäisch geschulte Ohren dissonanten Lagen und, am unerträglichsten, Technodonnern in Überschallstakkato, daß die Scheiben meiner geschlossenen Fenster beben.</p>
<p>Das halbe Dorf stempelt mich als rechts ab, als aggressiv, beleidigend: zu sagen, es sei mir völlig egal, verfehle den Kern, aber der lautstarke Ausraster, der Eklat aller Eklats, hat dazu geführt, daß der Sperrmüll verräumt wurde und die Disco-Lautsprecheranlage weggeschafft. Still ist es immer noch nicht; ich kann wenigstens in Ruhe auf dem Klo mein Geschäft verrichten inzwischen, ich finde nicht, daß das zu viel verlangt ist. Monate und Jahre des höflichen Bittens, des Flehens, des Gesprächs, Geschreis, Pöbelns waren erfolglos geblieben, bis ich nach stundenlangem (und ich rede da von fünf, sechs, sieben, acht Stunden) Wumm-wumm-wuuuuummm-wumwum-wuuuuum am Pfingstwochenende auf die Straße gestürmt bin, „getanzt“ habe und skandiert, zehn Minuten, länger (ich habe nie zuvor in meinem Leben jemals irgendetwas skandiert): „Wir wollen mehr Bürgergeld! Wir wollen mehr Bürgergeld! Wir wollen mehr Bürgergeld!“, denn genau das ist es, was mich ankotzt, daß die als Clan von mehreren dutzend Personen den ganzen Tag auf der Sperrmüllterrasse hocken, vollkommen fett gefressen, und nichts tun, wirklich nichts anderes, als zu telefonieren, sich gegenseitig anzuplärrren (ihre Form der Unterhaltung) und laute Beats und fürchterlichstes Gejaule ins All zu schallen, auf Staatskosten, frech und dreist, und alle in diesem Kaff ducken sich, kuschen, machen sich klein, haben Angst, wollen nichts zu tun haben – ja, ich gleich gar nicht bitte schön, ich will auch nichts damit zu tun haben, nicht im geringsten, aber aufs Klo gehen können, das möchte ich, und jedenfalls habe ich nach dem Bürgergeld skandieren in die Luft geschrieen, daß diese ganzen Dorffeiglinge keinen Deut besser seien als die da drüben und daß sie mir mal helfen könnten, einfach Schulter an Schulter da stehen und klar machen, daß wir hier nicht in der Wallachei sind, sondern gesetzliche Vorlagen gemäß Ruhestörung haben und befolgen, und daß alle mich immer vorschickten, die kleine Ein-Meter-Sechzig-Laura, damit die für Ordnung sorgt, jeden einzelnen Tag mehrfach. Es war und ist ein Alptraum! Ich habe insgesamt bestimmt zwanzig Minuten geschrien, da auf der Straße, habe den Frust, Zorn, Ärger der letzten zwölf Jahre hinausgeschrien, denn genauso lange bin ich dieser Tyrannei schon ausgesetzt, und ich habe mich nicht geschämt dafür.</p>
<p>Jetzt ist seit Pfingsten Schluß mit der Barbarei. Nicht daß ich der Sache traue; und ich weiß genau, weshalb da die Stereoanlage aus bleibt bei denen: nicht, weil die mein Gebrülle interessiert oder gar eingeschüchtert hätte, nein, die halten sich zurück, weil sie Betrügereien mit dem Bürgergeld machen, so wie sie immer noch munter fremde Kennzeichen an ihre Schrottautos montieren und die von der Polizei aufgeklebten roten Kuckuckspunkte wieder abpulen. Jedenfalls hat die Pfingstkrise zwei Folgen: erstens kann ich die Vögel in meinem Garten zwitschern hören. Zweitens spricht niemand mehr mit mir, grüßt nicht, wechselt die Straßenseite mit gesenktem Kopf.</p>
<p>Es ist sehr viel kaputt gegangen seit Corona. Eigentlich ist jetzt alles zerbrochen, die Familie, letzte Freundschaften, Bekanntschaften. Nichts, nicht ein Mü, ist heil geblieben. Ich habe geheult, getrunken, Wochen im Bett verbracht. Habe mich zurückgezogen, selbst beschimpft als Versager und schlechten Menschen. Mein halbes Leben war ich am Boden, verzweifelt, traurig, im Stich gelassen. War die Freizeitanimateurin, der Goldesel, die Geschenkebereiterin, die, die für gute Laune und Abwechslung zu sorgen hat, die, die durch die Gegend kutschiert ist und Unternehmungen geplant hat, die die sich lächerlichste Sorgen geduldig und verständnisvoll angehört hat bis hin zu vollgeschissenen Babywindeln mir völlig fremder Leute, habe mir Flohmarktstories angehört und „Reisegeschichten“ ins Allgäu, habe beim Burger schlingen zugeschaut, lächelnd, und bin zum Billigshoppen mitgegangen, habe Essen und Drinks spendiert und Eintritte. Im Namen von Freundschaften habe ich Dekaden lang Aktivitäten mitgemacht, die mich nicht die Bohne interessieren, ja, teilweise zuwider sind, habe in Lokalen gespeist, die mich anekeln, habe selbstverständlich mein Niveau dem Gegenüber angepaßt, leider immerzu nach unten, und wenn du mich jetzt für arrogant hältst oder gemein, ist mir das schnuppe. In meinem ganzen Leben war noch nie irgendjemand für <em>mich </em>da. Immerzu wurde ich angezapft, von meiner Energie getankt. Mich hat nie, niemals, wer seit dem Tod meiner Schwester, 2009 war das, in den Arm genommen und mich gefragt, wie es mir damit geht.</p>
<p>&#8211; Mein Onkel hat meine Tante im Suff erschlagen, sie verscharrt und sich danach erhängt. &#8211; Es war ein sonniger Maiwandertag, als wir zurückkehrten und Oma in ihrem Erbrochenen tot einem Herzinfarkt erlegen im Bett lag. &#8211; Meine Schwester hat sich nach etlichen Jahren der Paranoia, Schizophrenie, manischen Depression umgebracht, als ich komplett alleine 11.000 Kilometer entfernt gerade versucht habe, erwachsen zu werden. &#8211; Meine Lieblingstante ist recht rasch überraschend an Krebs gestorben, und aufgrund der Corona-Lockdowns durfte ich nicht an ihrer Beerdigung in Amerika teilnehmen. &#8211; Mein Onkel besucht mich nachts manchmal im Traum, sich beschwerend, daß seine vier Kinder mittleren Alters ihm keinen Grabstein gekauft haben, obwohl es mit dem Erlös seines vererbten Jaguar-Oldtimers ein Leichtes gewesen wäre für sie. &#8211; Mein kunstversierter Gassi-Kumpel hat sich vor eine U-Bahn geworfen – jene U-Bahn, auf die ich gewartet hatte: <em>Aufgrund eines Notfalleinsatzes kommt es zu Verzögerungen</em>… &#8211; Meine längste Freundin hat mich aus lächerlichsten Gründen nach dreiunddreißig Jahren abserviert. Und all mein Geld habe ich in diese Wohnung gesteckt, die unentrinnbar auf eine ungepflegte, tote Hecke sieht und von unerträglichem Lärm gefoltert wird. Die Kaffleute dissen mich, so wie sie mich in der Schule haben fertig gemacht mit Gemeinheiten, Hänseleien, Mißbrauch, Falschheit (eines der schlimmsten Mädchen betreut nun gemobbte Schüler, lustig).</p>
<p>Ich sage euch etwas: es reicht.</p>
<p>Ich bin eine starke, intelligente, vielseitig interessierte Frau, weitgereist, belesen. Ich trinke nicht mehr, hasse mich nicht mehr. Ich nehme nun die Sonnenbrille, ein sündteures Designermodell, setze sie mir auf und trage sie mit der Nase weit, weit oben, so wie ihr es mir schon immer nachgesagt habt. Ich zelebriere meine Arroganz, mein Anderssein. Was disst du mich, du, der und die du jeden Tag dieselben Wege gehst, dieselben Sachen sagst und tust und dessen/deren Welt so winzig klein ist, daß ich längst erstickt wäre, müßte ich darin leben. Mein Pech, eher: meine Dummheit, war, daß ich zu gutmütig war, zu geduldig und rücksichtsvoll, daß ich mich zu euch hinabgebeugt habe und euch geholfen, wo es nur ging, euch inspiriert und zum Lachen gebracht habe und mich, um euch einen Gefallen zu tun, im Namen der Freundschaft, verstellt habe, verleugnet. Ihr findet mich ja nun sowieso alle scheiße. Da kann ich endlich werden und sein, wer und wie ich tatsächlich bin. Ich kann endlich frei sein. Kann eintauchen in die große, übergroße Welt mit all ihren Facetten, Möglichkeiten, Geheimnissen.</p>
<p>Erst war ich unendlich traurig, als ich begriff, daß nichts, absolut nichts heil geblieben ist in meinem Umfeld und Leben. Ich erkenne anderes mittlerweile.</p>
<p>Ich habe jetzt die Chance, mein Leben zu beginnen und nur noch Menschen hineinzulassen, die offen, wohlwollend, großmütig, intelligent und innerlich reich sind. Meine Sonnenbrille und ich, wir fangen ganz von vorne an. Ich tauche zurück zwischen die Stille, tauche nach ihren Perlen. Vielleicht werde ich es auf immer alleine tun, vollständig isoliert, doch werde ich frei sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>317 Dorf 21. Jahrhundert, Teil I</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/317-dorf-21-jahrhundert-teil-i/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 10:04:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Mai 2026. Manchmal muß ich auf der Autobahn mit 230 Sachen rasen, um das Gefühl zu haben, von der Stelle zu kommen, vom Fleck weg. Ich fühle mich umfänglich festgeklebt, eingesperrt in Routinen und gesellschaftliche Zwänge, familiäre Erwartungen, ersticke am Stumpfsinn, am ewigen Einerlei. Den anderen, das andere als langweilig zu erleben, sei eine&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/317-dorf-21-jahrhundert-teil-i/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Mai 2026.</p>
<p>Manchmal muß ich auf der Autobahn mit 230 Sachen rasen, um das Gefühl zu haben, von der Stelle zu kommen, vom Fleck weg. Ich fühle mich umfänglich festgeklebt, eingesperrt in Routinen und gesellschaftliche Zwänge, familiäre Erwartungen, ersticke am Stumpfsinn, am ewigen Einerlei. Den anderen, das andere als langweilig zu erleben, sei eine Form grober Unhöflichkeit, las ich kürzlich. Ist nicht viel mehr das Gegenüber unhöflich, das es sich einrichtet in seiner monotonen Blase und sich auch noch genüßlich rekelt darin? Das mich jedoch anzapft, meinen Gegenentwurf, um durch mich, quasi als Stellvertretung, Frische, Esprit, Kreativität zu erfahren, während ich vorzugeben habe, mich zu interessieren für jemanden, der jeden Tag dieselben Wege beschreitet, dieselben Handgriffe tätigt, Gedankenwiederholungen schamlos zelebriert? Und gleichzeitig entfallen durch meine soziale Isolation sämtliche biografische, gemeinschaftliche Marker, muß ich auf fast alle essentiellen Entscheidungen eines üblichen Menschenseins  verzichten. Keine Babypartys für mich (auf denen den Eltern das Geschlecht des Sprößlings enthüllt wird), keine Junggesellinnenabschiede, keine Hochzeitsriten (der eigene schon gar nicht). Keine Verlobungsfeier, keine Einschulung, Taufe. Keine Initiation zum Erwachsenwerden (Stichwort „Maibäume“ zur Volljährigkeit). Ich wähle nicht den Namen meines Kindes, ziehe es nicht nach meinen Prinzipien auf. Ich begebe mich nicht auf Brautkleidsuche oder auf jene nach einem Grundstück fürs Eigenheim. Aus Vernunftgründen (eine Mischung aus Moralgesinnung, Ressourcenschonung, Sparsamkeit) verzichte ich auf das Auto, das ich gerne fahren würde, ersetze ich die alten Möbel nicht, bescheide ich mich. Obwohl mich viele beneiden (wofür konkret??), kann ich nicht abschütteln, übergangen worden zu sein… Betrogen… Getäuscht… Als Vegetarier schränkt sich sogar die Auswahl auf dem Menü ein, bleiben Grillfeiern sommerliche Illusion gemeinsamer Ausgelassenheit (ganz ehrlich: wer grillt eine Zucchini??); der Sekt oder Cocktail, das erfrischende Bier machen auf Dauer bloß unförmig. Ich würde mich so gerne austauschen – tief austauschen, aber sie lesen alle dasselbe, quatschen dasselbe, Quadtratinhalte.</p>
<p>Wo sind sie? Die Leute, wo? Die ihre Wege abwechseln und ihren Jahren vaiierende Inhalte verleihen, die trinken von der Freiheit, der Freiheit ihres Kopfes, ihrer Seele? Wo sind sie, die Orte, an denen eine Frau auch von Wert ist ohne dick geschwängerten Bauch, ohne Kinderreigen und Ehemann? Hier werde ich verspottet, bemitleidet, weil ich als Single meine Bahnen ziehe.</p>
<p>Ich bin böse über die überzähligen Entscheidungen, die ich nicht treffen darf, über das Gefühl, am Ramschausverkaufstag übrig geblieben zu sein, ein Stück fürchterlichen Stoffes, das auf dem Grabeltisch unansehnlich darauf wartet, verschrottet zu werden. Das häßliche Entlein, das noch immer irgendwo die Hoffnung glimmend hält, eine Schwanenfamilie hole es endlich ab.</p>
<p>Und dann rase ich mit 230 Sachen auf der Autobahn, vorsichtig, achtsam, aber furchtlos. Eine Frau im sportlichen Wagen, unterwegs mit flotter Sohle, auf dem Asphalt unabhängig, ungebremst (solange die Schleicher es mal zu lassen und die linke Spur nicht mit 140 blockieren). Ich höre sie geifern. Verantwortungslos! Irre! Gefährlich! &#8211;  sind die Momente in meinem Leben, in denen ich unendlich froh bin, nicht bei 140 abzuriegeln. In denen ich eine Pace habe, die zu mir paßt, zu meinem Geist und Drang, dieses schrecklich Durchschnittliche zu sprengen.</p>
<p>Es flanierten zwei Grundschulkinder mit Ränzen vorüber, als ich gerade Einkäufe auslud. „Die brauchst du nicht zu grüßen.“ sagte der Junge zu seinem Freund. „Die ist blöd.“ Erstaunt hob ich den Kopf, ich hatte keine Ahnung, wer diese beiden Buben waren, zu wem sie gehörten. Nach erster Verblüffung über das mir geltende respektlose Urteil breitete sich ein Schmunzeln aus. Danke für das Kompliment! Klar ist man blöd, wer in diesem Kaff mit 230 über die Autobahn brettert. Wenn man keinen dicken Bauch die Straße entlangschiebt und sich nicht die Birne mit Lokalpolitik vollknallt. Wenn man ungebrochen ist, es allen Schlägen und Ausgrenzungen zu Trotze bleibt. Wenn man sich weigert, sich in diese winzige und immer kleiner werdende Welt aus Banalitäten, Verschwendung, Neid ziehen zu lassen. Ich möchte mir andere Entscheidungen suchen: meine eigenen. Ich bin, im 21. Jahrhundert, <em>vollständig</em> ohne Mann, ganz, richtig als einzelne Frau.</p>
<p>Und ohne Mann, das schwöre ich, werde ich sicher bleiben, solange ich keinen auf Augenhöhe finde. &#8211; Ja, ich weiß: <em>Die ist blöd</em>.</p>
<p>Mit Vergnügen!</p>
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		<item>
		<title>316 Festmahl mit Drachen</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/316-festmahl-mit-drachen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 May 2026 09:32:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Mai 2026. Ein kleiner abstrakter Drache grinst mich an, eines von drei Maskottchen des Lokals. Dasjenige auf meinem Tisch gefällt mir am besten, weißes Biskuitporzellan, ein Fantasiewesen streng formal, asiatisch-distinguiert mit einem Hauch Augenzwinkern, gefertigt in Nymphenburg. „Wo hast du die Blumen gelassen?“ flüstere ich ihm zu, freilich nur in Gedanken. „Aufgefressen?“ Er antwortet&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/316-festmahl-mit-drachen/">Weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Mai 2026.</p>
<p>Ein kleiner abstrakter Drache grinst mich an, eines von drei Maskottchen des Lokals. Dasjenige auf meinem Tisch gefällt mir am besten, weißes Biskuitporzellan, ein Fantasiewesen streng formal, asiatisch-distinguiert mit einem Hauch Augenzwinkern, gefertigt in Nymphenburg. „Wo hast du die Blumen gelassen?“ flüstere ich ihm zu, freilich nur in Gedanken. „Aufgefressen?“ Er antwortet nicht. „Und die Kerzen, die etwa auch??“</p>
<p>Die Nacht zuvor schlief ich außerordentlich schlecht. Ich erwachte immer wieder mit klopfendem Herzen. Meine Aufregung, Aufgeregtheit war größer als jene vor dem entbehrungsreichen, kräftezehrenden Ruwenzori-Trekking im Februar…! Ich hatte fleißig online-Studien betrieben, Benimm- und vor allem Besteckregeln gepaukt. Doch o-weh: Mein schlichtes großes rundes Tuch ist nicht eingedeckt… Stattdessen wird zu jedem Gang ein Bänkchen platziert. Uff, und jetzt? Wenn man pausiert mit einem Besteckteil, wohin damit? Auf den Teller in korrekter Position wie gelernt oder doch zurück aufs Bänkchen…? Innerlich schwitze ich. Ich gehöre zu den ersten Gästen, Spicken wird schwierig (selbst das ein Tipp aus dem Internet: Kucken, was die Nachbarn tun…). <em>Wie ein Kind!, </em>höre ich eine Angestellte lachen. Gott im Himmel, bin ich etwa gemeint? <em>Wie ein Kind!</em>, wiederholt sie, perfekt gestylt, top sitzende Kurzhaarfrisur, die Lippen makellos rot, die beneidenswerte Figur in schicken schwarzen Dreiteiler gewandet. Mir wird schlecht vor Scham, vor Unsicherheit. Ist meine Handhabung des Besteckes, des Geschirrs ein solcher Faux-Pas? Sage ich die falschen Dinge, wenn man mir das Menü erläutert, sich nach meinen Champagner-Wünschen erkundigt?</p>
<p>Ich bin, was sonst, die einzig allein Speisende. Bei den meisten Gästen handelt es sich um Paare. Vermissen sie denn für die Romantik nicht die Blumen? Ich war so neugierig gewesen darauf, auf den Blumenschmuck, die Wahl der Kerzen; gut, es war ein Lunch, unter der Woche, vielleicht sparte man sich die Accessoires für den festlicheren, reizvolleren Abend auf? Der Drache grinst. Ich würde ihn gerne in die Hand nehmen, mit der Fingerkuppe über die Oberfläche streichen, seine Konturen nachziehen. Mich verwirrte die große Anzahl der Servicekräfte, die mich umschwirrten wie Falter eine Lichtquelle. Die mir Wasser nachschenkten aus der Karaffe, mir die Handtasche am Tischhaken befestigten, die Teller und Speisen servierten, wieder abräumten, Weinempfehlungen aussprachen, ein halbes dutzend oder mehr eifriger Personen, versiert, routiniert, ein Ausbund an Etikette, ich suchte nach Namensschildern, an denen ich mich verankern könnte, aber die Höflichkeit blieb professionell-anonym. Ich wußte, wie der Koch hieß, den ich logischerweise nicht zu Gesicht bekam, wir kommunizierten indirekt über die Gerichte. Ohne den Drachen auf dem Tisch, freundlichst mir schräg gegenüber platziert, wäre ich mir vorgekommen wie ein haltlos aufsteigender Gasballon.</p>
<p>Nach dem Hauptgang ziehe ich mich kurz zum frisch Machen zurück; das Orange-Schwarz des Gastraums tauscht man dabei gegen ein Pink-Grün aus: ich wurde merkwürdig ruhig darüber. Es mochte auch daran liegen, daß mir im Spiegel kein infantiler Trampel entgegenblickte, sondern zu größter Überraschung eine kultivierte, elegante Frau. Ich hatte Ohrringe und Brosche in Blau gewählt, weil diese Farbe den Komplementärkontrast zum ikonischen 70er Jahre-Orange des Restaurants bildet. Eigentlich, glaube ich, war ich ganz gut geschminkt, frisiert, gekleidet, kein Clowns-Chamäleon, keine Olivia Jones (oder Mallorca-Katzenberger), ich atmete erleichtert aus, und im übrigen atmete ich das erste Mal tief seit Betreten des Restaurants. Eine Institution, so sagt man, aber mir bedeutet es nichts. Ich wollte einfach nur wissen, wie das schmeckt, zwei Sterne, französische Küche. Ein Interview in einem Modemagazin hatte meine Neugierde geweckt, eher: die Sympathie für den Koch, mit dem es geführt worden war. Er klang so aufrichtig darin, so echt, ganz ohne Posieren und Aufmerksamkeitsheischen, ohne Show, ja, das ist es: er schien sich nicht zu maskieren, zu verkleiden, sondern erzählte von seinem Leben in der Spitzengastronomie, unaufgeregt und zugleich eindrücklich, sodaß ich ihn kennenlernen wollte über die Speisen, die er ersann und schuf und mir als Vegetarier sogar gewisserweise maßschneiderte. Zumindest mußte er eine fleisch-, fisch- und krustentierfreie Alternative kreieren, die trotz allem den Geist dessen trug, was ihn gerade interessierte am Kochen, an der Saisonalität.</p>
<p>Zwei Mal indes konnte ich mich nicht erwehren, an Afrika zu denken, meinen Aufenthalt in Uganda ein paar Monate zuvor. Ich möchte bitte nicht als Moralapostel oder Heuchlerin mißverstanden werden, aber mich versetzte es in einen ungeheuren Schock, als man mir vor den Amuse-Gueules und dem ersten von fünf Gängen Brot und Butter servierte, gesalzene Butter aus der Bretagne, wo die Kühe auf Kräuterwiesen grasen und mit Weinblüten zugefüttert werden, eine eiskugelgroße Portion Butter aus einem enormen hölzernen rechteckigen Buttertrog „geschöpft“, und dazu drei Brote, versteht man, nicht Scheiben dreier Sorten Brot, sondern drei verschiedene vollständige Brote dufteten da vor mir, französische Landkruste, in Sepiatinte eingefärbte kohlschwarze Buchweizennavette, ein Muffincroissant, jedes für sich eine vollständige Mahlzeit! Ich wollte mir den Appetit nicht nehmen damit, sondern wartete auf die Gemüsegänge, feinstens komponiert, raffiniert und vollmundig, Lyrik, Poiesie aus Textur, Farbe, Aroma, Erbsen an Zitrone-Ingwer, marinierter Stängelkohl, grüner Spargel an fermentiertem Knoblauch, weißer Spargel in leichtem Teigmantel, ein Kartoffelnockerl, gefüllt mit gehackten Pilzen, dazu allerliebste Verzierungen und zu recht gepriesene Soßen. Man verzeihe mir meine laienhaften Lobes-Schilderungen! Aber diese Brote zu Beginn, die entsetzten mich ihrer Maßlosigkeit wegen. Ist Sterneküche (vielleicht ein Klischee?) nicht konzentrierte Essenz eines Gedankens, Gefühls, einer Jahreszeit, jedenfalls etwas von Seltenheit und Maß, auch von Begrenzung irgendwie, Understatement bis zu einem Grade, etwas für Eingeweihte (wie ich es sicherlich nicht bin), für Kenner und Wertschätzende?</p>
<p>Ich habe vom Busfenster aus kürzlich wieder so viel Armut gesehen in einem Land, das von sich behauptet, es existiere dort kein Hunger – mir war also schon ganz elend, und dann ging die Sache los mit dem Besteck und ich hörte sie sagen: <em>Wie ein Kind! </em>Ich habe extrem gute Ohren, sie hat das ganz sicher gesagt. Im Spiegel kuckte ich auf das Blau der Ohrringe, der Brosche, beides Stücke gemeinsam entworfen von mir und dem Juwelier. Das Blau beruhigte mich. Vielleicht hatte sie etwas ganz anderes gemeint, eine andere Person, einen anderen Kontext. Oder es auf etwas anderes an mir bezogen, viele faszinieren meine zierlichen Hände, und der Nagel meines kleinen Fingers mißt gerade einmal sieben Millimeter in der Höhe, da sagte schon so manch einer, es sei wie bei einem Kind; einige Männer scheint das zu faszinieren, sie sprechen es anerkennend aus, als sei es ein Kompliment, aber die Zeiten, daß eine Frau verniedlicht werden möchte, sind längst vorbei, und so wische ich derlei Aussagen schnell und effektiv weg wie lästige Fruchtfliegen an der Limonade. &#8211; Wie kann ein Mensch, der so weit und so tief gereist ist wie ich, so vielseitig interessiert und fundiert belesen, wie kann der sich nur ständig wegen nichts und wieder nichts derart aus dem Konzept bringen lassen?? Die Frau im Spiegel, ihre pure Anwesenheit, machte mir Mut. Ein Raumspray duftete herrlich herb nach Kräutern, mich belebend, aufrichtend.</p>
<p>Ich kehrte zum Tisch zurück, wo ich gerade den Kellner vorfand, welcher mir üblich die einzelnen Gänge erläuterte. Ich hatte mich nicht abgemeldet, wozu auch, und bildete mir ein, er sei kurzfristig verwirrt gewesen über den leeren Platz, wahrscheinlich auch dies keine Tatsache der Realität, sondern eine Situationsverzerrung. Jedenfalls trat ich mit neuem Schwung auf ihn zu und rief fröhlich (wohl auch zu laut und zu überschwenglich) aus: „Na, haben Sie mich vermißt?“, was mit einem Lachen quittiert wurde. Ich hatte diesen meinen Heiterkeitsanfall sogleich wieder vergessen, doch als er mir kurz darauf den Hauptgang bringen ließ, fragte er schelmisch: „Haben <em>Sie </em>denn <em>mich</em> vermißt!?“, was ich wirklich absolut lustig fand. Diese seifenblasenzarte Anekdote von Humor und Gelöstheit – bitte, versierter Koch, exzellentes Team, nicht übel nehmen – war mir das besondere meiner Erfahrung im Spitzenrestaurant. Die Sekunden gegenseitiger, absichtsfreier Sympathie, spielerischer Resonanz.</p>
<p>Ich hätte ihn gerne einmal privat gesprochen; bei einem Kaffee. Und ich hätte ihm vom Geheimnis erzählt, wie man den Geschmack perfekter Hühnereier hinbekommt (indem man die Hennen unter anderem mit Ziegenkäse, Himbeeren, Melone, Sprossen und Pak Choi zufüttert), und das hätte ihn gewiß genau so sehr interessiert wie meinen Porzellandrachen die Frage, welche Flora am besten aufs Tuch gepaßt hätte (vielleicht Spinnenlilien und Kängurublume?).</p>
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		<title>315 Ungefragte Leihgabe</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/315-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 May 2026 10:07:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Mai 2026. &#160; Bleib nicht an dem Ort, wo niemand sieht wieviel schöner du bist.                          (Bleiben, von Max Prosa)   Es ist eines der ersten Gedichte im bezaubernd illustrierten Band „Wildwuchs“, Zeilen für die Haut. Die Schädlichkeit der Tattoofarbe hält mich ab (Vernunft, Vernunft, du nervest mich), der geeignete Platz: nicht jeder sollte&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/315-2/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Mai 2026.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Bleib nicht</em></p>
<p><em>an dem Ort, wo</em></p>
<p><em>niemand sieht</em></p>
<p><em>wieviel schöner</em></p>
<p><em>du bist.</em></p>
<p><em>                         (Bleiben, von Max Prosa)</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Es ist eines der ersten Gedichte im bezaubernd illustrierten Band „Wildwuchs“, Zeilen für die Haut. Die Schädlichkeit der Tattoofarbe hält mich ab (Vernunft, Vernunft, du nervest mich), der geeignete Platz: nicht jeder sollte sehen können, was mich wie Seelenschlag durchfährt. Aber diese Worteansammlung zählte zu den Topkandidaten, sollte ich mir wirklich noch einmal etwas stechen lassen, als angedachte Konkurrenz bisher nur Cohen. Na, Max, ein Lob!</p>
<p>Den größten Bezug habe ich zu den wirklich kurzen seiner Gedichte. Wenn ich sie hier zitiere, ist das dann Diebstahl?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>I</em><em>ch hab so oft versucht,</em></p>
<p><em>jemand anderes zu sein,</em></p>
<p><em>doch als du mich dann so liebtest,</em></p>
<p><em>war ich nicht gemeint.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Ich habe mir den Balkon hergerichtet, für horrendes Geld Pflanzen besorgt, die nun vier Brüstungskästen zieren, lauter Pink- und Rosa- und Apricot- und Milkalilatöne, ein bißchen Weiß. Spanisches Gänseblümchen, Geranie, Verbene, Gaura, Ziersalbei und anderes. In einem dicken petrolgrünen Pot zwei Sorten Tomate, hängender Rosmarin, Kapuzinerkresse, Taguettes. Dort sitze ich dann auf der lackierten Holzbank, am eichenen Klapptisch à la  Biergarten und schmökere in Zeitschriften oder eben Lyrikbänden. Zu Max Prosa habe ich leichteren, angenehmeren Zugang als etwa zu Goethe, der faselt mir zu viel vom Liebchen – ich bin niemandes Liebchen und habe kein Liebchen, da erschöpft sich das Interesse für solcherlei Säuselei. Aber das was Max Prosa – welch kreativer Name – mir zu sagen hat, damit kann ich mich identifizieren. Ich verstehe, was ihn umtreibt, fühle mich gespiegelt und verstanden. Regelmäßig zieht er sich winters zurück nach Mallorca, um dort zu schreiben, in aller Ruhe inniglich zu schreiben. Welch ein Vorbild! Mich pariert und tritt und behindert der Alltag aufs scheußlichste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Kein Gefäß</em></p>
<p><em>das zur Erde fällt</em></p>
<p><em>bricht wie das andere.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Entschuldige, daß ich mir einfach so deine Gedichte leihe, ungefragt, unerlaubt. Es ist doch gemeint als Kompliment! Ich selbst verweile gerade wieder in der Krötenphase, die Pechmarie´schen Kröten, lauter Blödsinn, ungehobelt, ungeschliffen, unsortiert, banal, Zeugs, das aus meinem Mund plumpst. Ich hätte so gerne einen Menschen wie dich, an den ich mich adressieren könnte – nicht als Frau! Als Schreibende, ja. Jemand, der mit Worten spielen kann, der nachdenkt und aus seinen Erkenntnissen, Erlebnissen etwas erschafft, das über ihn hinausgeht.</p>
<p>Kein Mensch, nicht ein einziger, weiß, wer ich wirklich bin. Zerbrochen und freundlich tuend und sich nach Orten sehnend, wo man meine – eine – Schönheit erkennt. Gehen soll man, sagst du, und es bleibt ein Rätsel:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WOHIN?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Illustration zeigt den Rotdorn in meinem Garten</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>314 Das Tanzbein schwingen</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/314-das-tanzbein-schwingen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 May 2026 09:49:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, April 2026. In den omanischen Wahiba Sands, als Einheimische einen Säbelreigen ums nächtliche Lagerfeuer aufführten, meinte ein Mitreisender ganz selbstverständlich an mich gewandt, daß ich doch gewiß auch eine hervorragende Tänzerin sei. Die Fehleinschätzung hätte lediglich größer sein können, indem man mir ein Gesangstalent angedichtet hätte; in der Regel treffe ich nicht einen einzigen&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/314-das-tanzbein-schwingen/">Weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>München, April 2026.</p>
<p>In den omanischen Wahiba Sands, als Einheimische einen Säbelreigen ums nächtliche Lagerfeuer aufführten, meinte ein Mitreisender ganz selbstverständlich an mich gewandt, daß ich doch gewiß auch eine hervorragende Tänzerin sei. Die Fehleinschätzung hätte lediglich größer sein können, indem man mir ein Gesangstalent angedichtet hätte; in der Regel treffe ich nicht einen einzigen Ton, egal wie bekannt mir das Lied ist. Nun, ich habe mich immer geschämt beim Schulsport: Bewegungen vor anderen, Turnen ein Graus, Leichtathletik oder eben gar Tanz – was hatte ich die anderen Mädchen nicht bewundert für deren anmutige Haltung, die edle Geste der Hände, das harmonisch-feminine Fließen, wo ich bloß zu trampeln und zu stampfen vermochte, zu ruckeln und zu zucken. Einzig Ballsport war mir erträglich, und im Volleyball war ich tatsächlich ausgezeichnet, mein Aufschlag gefürchtet. Na. Die Zeiten des Volleyballs sind lange vorüber. Ich baute meinen Körper auf, allein im Fitness Studio, auf Cardiogeräten, beim Joggen, Schwimmen, Radeln und Yoga, in dieser Reihenfolge, und stets ergab es sich mit den Jahren, daß mein Rücken fürchterlich zu schmerzen begann und ich pausieren mußte. Letzten Winter „erfand“ ich etwas, das ich <em>Ugly Moves</em> taufte, praktiziert nach Einbruch der Dunkelheit (also ab ca. siebzehn Uhr) und ausschließlich bei herabgelassenem Rollo. Für die Dauer einer CD, bei Jack Johnson oder Alanis Morissette sind es um die vierzig Minuten, versuche ich, auf der Fläche meiner Yogamatte (Übertreten nicht erlaubt!) möglichst viele komplexe Bewegungen auszuführen, bei denen jedes, wirklich jedes Körperteil irgendwann involviert ist. Es ist ein Hüpfen, Zappeln, Strampeln, Schütteln, Kreisen, das vom kleinen Zeh zum Daumen zum Kiefer alles einmal durchwirkt, mit Grimassieren und Juchzen und veräppelnden Balletthaltungen, ein Beugen, Verbiegen, mal rasch und im Stakkato, mal extrem sanft und langsam, ausladend, raumgreifend auf der Stelle verweilend, die Arme irgendwo in der Luft, die Beine austretend, gestreckt in die Höhe schlagend wie beim Karate, ich tat meiner Wortschöpfung Ugly Moves bewußt gänzlich Ehre, hauptsache, man spürt den Körper, fordert ihn, erprobt Grenzen der Kondition, der Steifheit. Selbst der Kindergarten-Ententanz ist integriert, an Lächerlichkeit kaum zu überbieten! Jedwedes, abgesehen von Stillstand. Die Begrenzung auf die kleine Mattenfläche erfordert einiges an Kreativität und Genauigkeit der Ausführung, man schnauft und das Herz pocht und es ist absolut piepegal, wie es ausschaut, da es ausschließlich ums Fühlen, sich Spüren und Erleben geht. Ohne feste Abfolge, ohne starres Vokabular verschwindet die Monotonie, die mir bei anderen Sportarten, insbesondere auch dem Joggen und Yoga, früher oder später zu schaffen gemacht hat. Ich tauche tief in die jeweilige CD ein, in die Liedtexte, Instrumente, Rhythmen, Melodien, Stimmlagen, den Künstler, die Künstlerin. Nach etlichen Monaten plötzlich fiel mir etwas auf: eigentlich brauchte ich meine Übungen nicht länger Ugly Moves zu nennen, weil meine Bewegungen, egal wie skurril und unorthodox in ihrer Natur, zu echtem Tanz geworden waren, ich vermochte, mit der Musik zu verschmelzen, ich war fließend geworden, weich und harmonisch. Ausgerechnet ich! Tatsächlich.</p>
<p>Mit Versprechen habe ich es nicht so, sie werden meistens halbherzig gegeben, im Überschwang, sie verblassen, verpuffen. Er versprach, daß die nächsten drei Stunden solche des Vergnügens sein würden, in denen man den Alltag und die Welt da draußen vergesse. Daß wir gemeinsam eine gute Zeit haben würden, voll positiver Vibes und aufbauender Energie, wir, an die zwölftausend Leute und die Band. Mit Erstaunen stellte ich hernach fest, daß Michael Patrick Kelly sein Versprechen eingehalten hatte. Das Konzert war eine Wucht! Eine Lebenserinnerung, etwas das eine Spur hinterlassen würde auf immer, so wie die Dolce &amp; Gabbana Ausstellung in Paris vor zwei Jahren, so wie die <em>Tiger Milk</em> im Genter Lokal. Die Münchner Station der Traces-Tournee war mir ein unaussprechliches Geschenk. Freilich besuchte ich die Vorstellung unbegleitet – und vielleicht war das perfekt so! Beim Gin Tonic zuvor noch war ich traurig gewesen, der Cocktail zu warm, ich isoliert in der Menge, niemand, mit dem ich Ansprache halten konnte, mich gemeinsam vorfreuen (das Ticket hatte ich zehn Monate vorab besorgt). Ich stand doof und viel zu aufgetackelt herum, der Lederblouson zu stylisch, die geflochtene Amulettkette mit Jadestein, ein Souvenir aus Guatemala, „too big“, das Make Up reichlich kräftig, over the top im Meer der Nude Looks, der Undone- und Undressed Looks. Ich kam mir affektiert vor, falsch, zu auffällig, in jedem Fall ausgegrenzt. Darüberhinweg konnte mich auch nicht der alkoholhaltige Wacholdergeschmack meines laschen Getränks im Plastikbecher trösten.</p>
<p>Und dann wurde mir endlich einmal ein kleines, bescheidenes Glück zuteil: in der Mehrheit der träge Umherstehenden fanden sich vor mir zwei junge Frauen und links und rechts von mir je eine ältere Dame, die eines einte: die Lust am Tanzen! Und so konnte ich die Augen schließen, die Hüften schwingen, den Hintern wuppen, die Schultern schlenkern, das Haar herumwerfen (zum offenen Pferdeschwanz gebunden), ganz, als sei ich auf meiner kleinen Yogamatte, doch das war ich nicht, nein, denn da vorne, gar nicht mal so weit entfernt, stand Michael Patrick Kelly mit seiner Band, und sie sangen live, spielten live, der Beat durchhämmerte meinen Brustkorb, den Rumpf, es flogen Konfettisalven, bunte ellenlange Papierschlangen aus überdimensionierten Showkanonen, es zuckten Laserlichter, ich schwitze in der feuchtheißen Halle, dampfte regelrecht, kochte, krempelte die Lederaufschläge hoch, ließ das Amulett hüpfen und hatte einfach nur Spaß. Ja, ein biografisch-historischer Moment. Ich, Laura, habe einmal in meinem Leben unendlichen tiefen absichts- und wertfreien Spaß, der seinen persönlichen Höhepunkt während der Performence von „Rebellion“ fand. Ab und zu gewahrte ich im Augenwinkel die unmotivierte Trägheit unzähliger anderer im Umfeld, die zwar klatschten und standen, nicht aber wippten, schunkelten, ausflippten, so wie wir fünf fremde Ladys es taten, und ohne daß wir es aussprachen, waren wir nach Konzertende alle total dankbar, daß wir uns als Platznachbarn gehabt hatten, weil keiner die Bewegungen und Dancemoves der anderen bewertete, kritisierte, als störend wahrnahm. Ich war nie in der Disco gewesen (ok: vier, fünf Mal, ein grauenhaftes Klammern an Alkopops und dämlichstes Herumstehen und 110-prozentiges Unwohlsein), kenne das sich Auflösen und Transzendieren in Rhytmen, Lichter, späte Stunden, Alkohol, in Menschenmengen lediglich aus Fernsehszenen; mit Anfang vierzig war ich das erste Mal in meinem Leben jung. Eigentlich möchte ich sagen: ich war im Tanzen, im vollumfänglichen Erleben der Musik frei geworden. Danke Mr. Kelly! Danke Ugly Moves…</p>
<p>Ich fand kurz darauf zufällig heraus, daß das Münchner Kelly Konzert auf den <em>Internationalen Tag des Tanzes </em>gefallen war. Yeah! Wir sehen uns im Juni an der Loreley wieder. Ich werde allein dorthin fahren, und ich werde ungeniert tanzen, ohne daß sich eine Begleitung für mich schämen könnte, werde nicht gut tanzen, wohl affig tanzen, ungelenk, nicht immer im richtigen Rhythmus, aber hey: ist mir Gin Tonic egal.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Illustration zeigt eine koreanische Seniorin, die sich voller Hingabe noch im Weggehen das Graffitto zweier Mitglieder der K-Pop Band BTS ansieht </em></p>
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