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	<title>Kunstfotografie Between Silence</title>
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	<description>Laura Burggraf  - Fotografie </description>
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	<title>Kunstfotografie Between Silence</title>
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		<title>318 Dorf 21. Jahrhundert, Teil II</title>
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		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 10:06:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Juni 2026. Zu erzählen – schreiben – hätte ich genug. Ganz entfernt entsinne ich mich, daß es einmal, ursprünglich, um Stille ging, um den Raum zwischen der Stille, wo es tief, ruhig und anregend zugleich ist, friedlich und energiegeladen, dort, wo Dinge entstehen, neue Ideen, Projekte, Taten und im Idealfall: ein intellektuelles Miteinander. Nun&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/318-dorf-21-jahrhundert-teil-ii/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Juni 2026.</p>
<p>Zu erzählen – schreiben – hätte ich genug. Ganz entfernt entsinne ich mich, daß es einmal, ursprünglich, um Stille ging, um den Raum zwischen der Stille, wo es tief, ruhig und anregend zugleich ist, friedlich und energiegeladen, dort, wo Dinge entstehen, neue Ideen, Projekte, Taten und im Idealfall: ein intellektuelles Miteinander.</p>
<p>Nun ist es so, ich kucke, Tag für Tag, auf eine tote Hecke, vertrocknete Äste, Löcher, und hinter dieser Hecke, da stapelt sich der Sperrmüll, die blauen Müllsäcke, und aus diesem Sperrmüll heraus, da quillt Lärm. Handygeschnatter in Megafonqualität, sogenannte Musik, schrilles Gequietsche, als würde jemand einen Dudelsack mißhandeln, pseudoorientalische Gesänge in für westeuropäisch geschulte Ohren dissonanten Lagen und, am unerträglichsten, Technodonnern in Überschallstakkato, daß die Scheiben meiner geschlossenen Fenster beben.</p>
<p>Das halbe Dorf stempelt mich als rechts ab, als aggressiv, beleidigend: zu sagen, es sei mir völlig egal, verfehle den Kern, aber der lautstarke Ausraster, der Eklat aller Eklats, hat dazu geführt, daß der Sperrmüll verräumt wurde und die Disco-Lautsprecheranlage weggeschafft. Still ist es immer noch nicht; ich kann wenigstens in Ruhe auf dem Klo mein Geschäft verrichten inzwischen, ich finde nicht, daß das zu viel verlangt ist. Monate und Jahre des höflichen Bittens, des Flehens, des Gesprächs, Geschreis, Pöbelns waren erfolglos geblieben, bis ich nach stundenlangem (und ich rede da von fünf, sechs, sieben, acht Stunden) Wumm-wumm-wuuuuummm-wumwum-wuuuuum am Pfingstwochenende auf die Straße gestürmt bin, „getanzt“ habe und skandiert, zehn Minuten, länger (ich habe nie zuvor in meinem Leben jemals irgendetwas skandiert): „Wir wollen mehr Bürgergeld! Wir wollen mehr Bürgergeld! Wir wollen mehr Bürgergeld!“, denn genau das ist es, was mich ankotzt, daß die als Clan von mehreren dutzend Personen den ganzen Tag auf der Sperrmüllterrasse hocken, vollkommen fett gefressen, und nichts tun, wirklich nichts anderes, als zu telefonieren, sich gegenseitig anzuplärrren (ihre Form der Unterhaltung) und laute Beats und fürchterlichstes Gejaule ins All zu schallen, auf Staatskosten, frech und dreist, und alle in diesem Kaff ducken sich, kuschen, machen sich klein, haben Angst, wollen nichts zu tun haben – ja, ich gleich gar nicht bitte schön, ich will auch nichts damit zu tun haben, nicht im geringsten, aber aufs Klo gehen können, das möchte ich, und jedenfalls habe ich nach dem Bürgergeld skandieren in die Luft geschrieen, daß diese ganzen Dorffeiglinge keinen Deut besser seien als die da drüben und daß sie mir mal helfen könnten, einfach Schulter an Schulter da stehen und klar machen, daß wir hier nicht in der Wallachei sind, sondern gesetzliche Vorlagen gemäß Ruhestörung haben und befolgen, und daß alle mich immer vorschickten, die kleine Ein-Meter-Sechzig-Laura, damit die für Ordnung sorgt, jeden einzelnen Tag mehrfach. Es war und ist ein Alptraum! Ich habe insgesamt bestimmt zwanzig Minuten geschrien, da auf der Straße, habe den Frust, Zorn, Ärger der letzten zwölf Jahre hinausgeschrien, denn genauso lange bin ich dieser Tyrannei schon ausgesetzt, und ich habe mich nicht geschämt dafür.</p>
<p>Jetzt ist seit Pfingsten Schluß mit der Barbarei. Nicht daß ich der Sache traue; und ich weiß genau, weshalb da die Stereoanlage aus bleibt bei denen: nicht, weil die mein Gebrülle interessiert oder gar eingeschüchtert hätte, nein, die halten sich zurück, weil sie Betrügereien mit dem Bürgergeld machen, so wie sie immer noch munter fremde Kennzeichen an ihre Schrottautos montieren und die von der Polizei aufgeklebten roten Kuckuckspunkte wieder abpulen. Jedenfalls hat die Pfingstkrise zwei Folgen: erstens kann ich die Vögel in meinem Garten zwitschern hören. Zweitens spricht niemand mehr mit mir, grüßt nicht, wechselt die Straßenseite mit gesenktem Kopf.</p>
<p>Es ist sehr viel kaputt gegangen seit Corona. Eigentlich ist jetzt alles zerbrochen, die Familie, letzte Freundschaften, Bekanntschaften. Nichts, nicht ein Mü, ist heil geblieben. Ich habe geheult, getrunken, Wochen im Bett verbracht. Habe mich zurückgezogen, selbst beschimpft als Versager und schlechten Menschen. Mein halbes Leben war ich am Boden, verzweifelt, traurig, im Stich gelassen. War die Freizeitanimateurin, der Goldesel, die Geschenkebereiterin, die, die für gute Laune und Abwechslung zu sorgen hat, die, die durch die Gegend kutschiert ist und Unternehmungen geplant hat, die die sich lächerlichste Sorgen geduldig und verständnisvoll angehört hat bis hin zu vollgeschissenen Babywindeln mir völlig fremder Leute, habe mir Flohmarktstories angehört und „Reisegeschichten“ ins Allgäu, habe beim Burger schlingen zugeschaut, lächelnd, und bin zum Billigshoppen mitgegangen, habe Essen und Drinks spendiert und Eintritte. Im Namen von Freundschaften habe ich Dekaden lang Aktivitäten mitgemacht, die mich nicht die Bohne interessieren, ja, teilweise zuwider sind, habe in Lokalen gespeist, die mich anekeln, habe selbstverständlich mein Niveau dem Gegenüber angepaßt, leider immerzu nach unten, und wenn du mich jetzt für arrogant hältst oder gemein, ist mir das schnuppe. In meinem ganzen Leben war noch nie irgendjemand für <em>mich </em>da. Immerzu wurde ich angezapft, von meiner Energie getankt. Mich hat nie, niemals, wer seit dem Tod meiner Schwester, 2009 war das, in den Arm genommen und mich gefragt, wie es mir damit geht.</p>
<p>&#8211; Mein Onkel hat meine Tante im Suff erschlagen, sie verscharrt und sich danach erhängt. &#8211; Es war ein sonniger Maiwandertag, als wir zurückkehrten und Oma in ihrem Erbrochenen tot einem Herzinfarkt erlegen im Bett lag. &#8211; Meine Schwester hat sich nach etlichen Jahren der Paranoia, Schizophrenie, manischen Depression umgebracht, als ich komplett alleine 11.000 Kilometer entfernt gerade versucht habe, erwachsen zu werden. &#8211; Meine Lieblingstante ist recht rasch überraschend an Krebs gestorben, und aufgrund der Corona-Lockdowns durfte ich nicht an ihrer Beerdigung in Amerika teilnehmen. &#8211; Mein Onkel besucht mich nachts manchmal im Traum, sich beschwerend, daß seine vier Kinder mittleren Alters ihm keinen Grabstein gekauft haben, obwohl es mit dem Erlös seines vererbten Jaguar-Oldtimers ein Leichtes gewesen wäre für sie. &#8211; Mein kunstversierter Gassi-Kumpel hat sich vor eine U-Bahn geworfen – jene U-Bahn, auf die ich gewartet hatte: <em>Aufgrund eines Notfalleinsatzes kommt es zu Verzögerungen</em>… &#8211; Meine längste Freundin hat mich aus lächerlichsten Gründen nach dreiunddreißig Jahren abserviert. Und all mein Geld habe ich in diese Wohnung gesteckt, die unentrinnbar auf eine ungepflegte, tote Hecke sieht und von unerträglichem Lärm gefoltert wird. Die Kaffleute dissen mich, so wie sie mich in der Schule haben fertig gemacht mit Gemeinheiten, Hänseleien, Mißbrauch, Falschheit (eines der schlimmsten Mädchen betreut nun gemobbte Schüler, lustig).</p>
<p>Ich sage euch etwas: es reicht.</p>
<p>Ich bin eine starke, intelligente, vielseitig interessierte Frau, weitgereist, belesen. Ich trinke nicht mehr, hasse mich nicht mehr. Ich nehme nun die Sonnenbrille, ein sündteures Designermodell, setze sie mir auf und trage sie mit der Nase weit, weit oben, so wie ihr es mir schon immer nachgesagt habt. Ich zelebriere meine Arroganz, mein Anderssein. Was disst du mich, du, der und die du jeden Tag dieselben Wege gehst, dieselben Sachen sagst und tust und dessen/deren Welt so winzig klein ist, daß ich längst erstickt wäre, müßte ich darin leben. Mein Pech, eher: meine Dummheit, war, daß ich zu gutmütig war, zu geduldig und rücksichtsvoll, daß ich mich zu euch hinabgebeugt habe und euch geholfen, wo es nur ging, euch inspiriert und zum Lachen gebracht habe und mich, um euch einen Gefallen zu tun, im Namen der Freundschaft, verstellt habe, verleugnet. Ihr findet mich ja nun sowieso alle scheiße. Da kann ich endlich werden und sein, wer und wie ich tatsächlich bin. Ich kann endlich frei sein. Kann eintauchen in die große, übergroße Welt mit all ihren Facetten, Möglichkeiten, Geheimnissen.</p>
<p>Erst war ich unendlich traurig, als ich begriff, daß nichts, absolut nichts heil geblieben ist in meinem Umfeld und Leben. Ich erkenne anderes mittlerweile.</p>
<p>Ich habe jetzt die Chance, mein Leben zu beginnen und nur noch Menschen hineinzulassen, die offen, wohlwollend, großmütig, intelligent und innerlich reich sind. Meine Sonnenbrille und ich, wir fangen ganz von vorne an. Ich tauche zurück zwischen die Stille, tauche nach ihren Perlen. Vielleicht werde ich es auf immer alleine tun, vollständig isoliert, doch werde ich frei sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>317 Dorf 21. Jahrhundert, Teil I</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/317-dorf-21-jahrhundert-teil-i/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jun 2026 10:04:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Mai 2026. Manchmal muß ich auf der Autobahn mit 230 Sachen rasen, um das Gefühl zu haben, von der Stelle zu kommen, vom Fleck weg. Ich fühle mich umfänglich festgeklebt, eingesperrt in Routinen und gesellschaftliche Zwänge, familiäre Erwartungen, ersticke am Stumpfsinn, am ewigen Einerlei. Den anderen, das andere als langweilig zu erleben, sei eine&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/317-dorf-21-jahrhundert-teil-i/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Mai 2026.</p>
<p>Manchmal muß ich auf der Autobahn mit 230 Sachen rasen, um das Gefühl zu haben, von der Stelle zu kommen, vom Fleck weg. Ich fühle mich umfänglich festgeklebt, eingesperrt in Routinen und gesellschaftliche Zwänge, familiäre Erwartungen, ersticke am Stumpfsinn, am ewigen Einerlei. Den anderen, das andere als langweilig zu erleben, sei eine Form grober Unhöflichkeit, las ich kürzlich. Ist nicht viel mehr das Gegenüber unhöflich, das es sich einrichtet in seiner monotonen Blase und sich auch noch genüßlich rekelt darin? Das mich jedoch anzapft, meinen Gegenentwurf, um durch mich, quasi als Stellvertretung, Frische, Esprit, Kreativität zu erfahren, während ich vorzugeben habe, mich zu interessieren für jemanden, der jeden Tag dieselben Wege beschreitet, dieselben Handgriffe tätigt, Gedankenwiederholungen schamlos zelebriert? Und gleichzeitig entfallen durch meine soziale Isolation sämtliche biografische, gemeinschaftliche Marker, muß ich auf fast alle essentiellen Entscheidungen eines üblichen Menschenseins  verzichten. Keine Babypartys für mich (auf denen den Eltern das Geschlecht des Sprößlings enthüllt wird), keine Junggesellinnenabschiede, keine Hochzeitsriten (der eigene schon gar nicht). Keine Verlobungsfeier, keine Einschulung, Taufe. Keine Initiation zum Erwachsenwerden (Stichwort „Maibäume“ zur Volljährigkeit). Ich wähle nicht den Namen meines Kindes, ziehe es nicht nach meinen Prinzipien auf. Ich begebe mich nicht auf Brautkleidsuche oder auf jene nach einem Grundstück fürs Eigenheim. Aus Vernunftgründen (eine Mischung aus Moralgesinnung, Ressourcenschonung, Sparsamkeit) verzichte ich auf das Auto, das ich gerne fahren würde, ersetze ich die alten Möbel nicht, bescheide ich mich. Obwohl mich viele beneiden (wofür konkret??), kann ich nicht abschütteln, übergangen worden zu sein… Betrogen… Getäuscht… Als Vegetarier schränkt sich sogar die Auswahl auf dem Menü ein, bleiben Grillfeiern sommerliche Illusion gemeinsamer Ausgelassenheit (ganz ehrlich: wer grillt eine Zucchini??); der Sekt oder Cocktail, das erfrischende Bier machen auf Dauer bloß unförmig. Ich würde mich so gerne austauschen – tief austauschen, aber sie lesen alle dasselbe, quatschen dasselbe, Quadtratinhalte.</p>
<p>Wo sind sie? Die Leute, wo? Die ihre Wege abwechseln und ihren Jahren vaiierende Inhalte verleihen, die trinken von der Freiheit, der Freiheit ihres Kopfes, ihrer Seele? Wo sind sie, die Orte, an denen eine Frau auch von Wert ist ohne dick geschwängerten Bauch, ohne Kinderreigen und Ehemann? Hier werde ich verspottet, bemitleidet, weil ich als Single meine Bahnen ziehe.</p>
<p>Ich bin böse über die überzähligen Entscheidungen, die ich nicht treffen darf, über das Gefühl, am Ramschausverkaufstag übrig geblieben zu sein, ein Stück fürchterlichen Stoffes, das auf dem Grabeltisch unansehnlich darauf wartet, verschrottet zu werden. Das häßliche Entlein, das noch immer irgendwo die Hoffnung glimmend hält, eine Schwanenfamilie hole es endlich ab.</p>
<p>Und dann rase ich mit 230 Sachen auf der Autobahn, vorsichtig, achtsam, aber furchtlos. Eine Frau im sportlichen Wagen, unterwegs mit flotter Sohle, auf dem Asphalt unabhängig, ungebremst (solange die Schleicher es mal zu lassen und die linke Spur nicht mit 140 blockieren). Ich höre sie geifern. Verantwortungslos! Irre! Gefährlich! &#8211;  sind die Momente in meinem Leben, in denen ich unendlich froh bin, nicht bei 140 abzuriegeln. In denen ich eine Pace habe, die zu mir paßt, zu meinem Geist und Drang, dieses schrecklich Durchschnittliche zu sprengen.</p>
<p>Es flanierten zwei Grundschulkinder mit Ränzen vorüber, als ich gerade Einkäufe auslud. „Die brauchst du nicht zu grüßen.“ sagte der Junge zu seinem Freund. „Die ist blöd.“ Erstaunt hob ich den Kopf, ich hatte keine Ahnung, wer diese beiden Buben waren, zu wem sie gehörten. Nach erster Verblüffung über das mir geltende respektlose Urteil breitete sich ein Schmunzeln aus. Danke für das Kompliment! Klar ist man blöd, wer in diesem Kaff mit 230 über die Autobahn brettert. Wenn man keinen dicken Bauch die Straße entlangschiebt und sich nicht die Birne mit Lokalpolitik vollknallt. Wenn man ungebrochen ist, es allen Schlägen und Ausgrenzungen zu Trotze bleibt. Wenn man sich weigert, sich in diese winzige und immer kleiner werdende Welt aus Banalitäten, Verschwendung, Neid ziehen zu lassen. Ich möchte mir andere Entscheidungen suchen: meine eigenen. Ich bin, im 21. Jahrhundert, <em>vollständig</em> ohne Mann, ganz, richtig als einzelne Frau.</p>
<p>Und ohne Mann, das schwöre ich, werde ich sicher bleiben, solange ich keinen auf Augenhöhe finde. &#8211; Ja, ich weiß: <em>Die ist blöd</em>.</p>
<p>Mit Vergnügen!</p>
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		<item>
		<title>316 Festmahl mit Drachen</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/316-festmahl-mit-drachen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 May 2026 09:32:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Mai 2026. Ein kleiner abstrakter Drache grinst mich an, eines von drei Maskottchen des Lokals. Dasjenige auf meinem Tisch gefällt mir am besten, weißes Biskuitporzellan, ein Fantasiewesen streng formal, asiatisch-distinguiert mit einem Hauch Augenzwinkern, gefertigt in Nymphenburg. „Wo hast du die Blumen gelassen?“ flüstere ich ihm zu, freilich nur in Gedanken. „Aufgefressen?“ Er antwortet&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/316-festmahl-mit-drachen/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Mai 2026.</p>
<p>Ein kleiner abstrakter Drache grinst mich an, eines von drei Maskottchen des Lokals. Dasjenige auf meinem Tisch gefällt mir am besten, weißes Biskuitporzellan, ein Fantasiewesen streng formal, asiatisch-distinguiert mit einem Hauch Augenzwinkern, gefertigt in Nymphenburg. „Wo hast du die Blumen gelassen?“ flüstere ich ihm zu, freilich nur in Gedanken. „Aufgefressen?“ Er antwortet nicht. „Und die Kerzen, die etwa auch??“</p>
<p>Die Nacht zuvor schlief ich außerordentlich schlecht. Ich erwachte immer wieder mit klopfendem Herzen. Meine Aufregung, Aufgeregtheit war größer als jene vor dem entbehrungsreichen, kräftezehrenden Ruwenzori-Trekking im Februar…! Ich hatte fleißig online-Studien betrieben, Benimm- und vor allem Besteckregeln gepaukt. Doch o-weh: Mein schlichtes großes rundes Tuch ist nicht eingedeckt… Stattdessen wird zu jedem Gang ein Bänkchen platziert. Uff, und jetzt? Wenn man pausiert mit einem Besteckteil, wohin damit? Auf den Teller in korrekter Position wie gelernt oder doch zurück aufs Bänkchen…? Innerlich schwitze ich. Ich gehöre zu den ersten Gästen, Spicken wird schwierig (selbst das ein Tipp aus dem Internet: Kucken, was die Nachbarn tun…). <em>Wie ein Kind!, </em>höre ich eine Angestellte lachen. Gott im Himmel, bin ich etwa gemeint? <em>Wie ein Kind!</em>, wiederholt sie, perfekt gestylt, top sitzende Kurzhaarfrisur, die Lippen makellos rot, die beneidenswerte Figur in schicken schwarzen Dreiteiler gewandet. Mir wird schlecht vor Scham, vor Unsicherheit. Ist meine Handhabung des Besteckes, des Geschirrs ein solcher Faux-Pas? Sage ich die falschen Dinge, wenn man mir das Menü erläutert, sich nach meinen Champagner-Wünschen erkundigt?</p>
<p>Ich bin, was sonst, die einzig allein Speisende. Bei den meisten Gästen handelt es sich um Paare. Vermissen sie denn für die Romantik nicht die Blumen? Ich war so neugierig gewesen darauf, auf den Blumenschmuck, die Wahl der Kerzen; gut, es war ein Lunch, unter der Woche, vielleicht sparte man sich die Accessoires für den festlicheren, reizvolleren Abend auf? Der Drache grinst. Ich würde ihn gerne in die Hand nehmen, mit der Fingerkuppe über die Oberfläche streichen, seine Konturen nachziehen. Mich verwirrte die große Anzahl der Servicekräfte, die mich umschwirrten wie Falter eine Lichtquelle. Die mir Wasser nachschenkten aus der Karaffe, mir die Handtasche am Tischhaken befestigten, die Teller und Speisen servierten, wieder abräumten, Weinempfehlungen aussprachen, ein halbes dutzend oder mehr eifriger Personen, versiert, routiniert, ein Ausbund an Etikette, ich suchte nach Namensschildern, an denen ich mich verankern könnte, aber die Höflichkeit blieb professionell-anonym. Ich wußte, wie der Koch hieß, den ich logischerweise nicht zu Gesicht bekam, wir kommunizierten indirekt über die Gerichte. Ohne den Drachen auf dem Tisch, freundlichst mir schräg gegenüber platziert, wäre ich mir vorgekommen wie ein haltlos aufsteigender Gasballon.</p>
<p>Nach dem Hauptgang ziehe ich mich kurz zum frisch Machen zurück; das Orange-Schwarz des Gastraums tauscht man dabei gegen ein Pink-Grün aus: ich wurde merkwürdig ruhig darüber. Es mochte auch daran liegen, daß mir im Spiegel kein infantiler Trampel entgegenblickte, sondern zu größter Überraschung eine kultivierte, elegante Frau. Ich hatte Ohrringe und Brosche in Blau gewählt, weil diese Farbe den Komplementärkontrast zum ikonischen 70er Jahre-Orange des Restaurants bildet. Eigentlich, glaube ich, war ich ganz gut geschminkt, frisiert, gekleidet, kein Clowns-Chamäleon, keine Olivia Jones (oder Mallorca-Katzenberger), ich atmete erleichtert aus, und im übrigen atmete ich das erste Mal tief seit Betreten des Restaurants. Eine Institution, so sagt man, aber mir bedeutet es nichts. Ich wollte einfach nur wissen, wie das schmeckt, zwei Sterne, französische Küche. Ein Interview in einem Modemagazin hatte meine Neugierde geweckt, eher: die Sympathie für den Koch, mit dem es geführt worden war. Er klang so aufrichtig darin, so echt, ganz ohne Posieren und Aufmerksamkeitsheischen, ohne Show, ja, das ist es: er schien sich nicht zu maskieren, zu verkleiden, sondern erzählte von seinem Leben in der Spitzengastronomie, unaufgeregt und zugleich eindrücklich, sodaß ich ihn kennenlernen wollte über die Speisen, die er ersann und schuf und mir als Vegetarier sogar gewisserweise maßschneiderte. Zumindest mußte er eine fleisch-, fisch- und krustentierfreie Alternative kreieren, die trotz allem den Geist dessen trug, was ihn gerade interessierte am Kochen, an der Saisonalität.</p>
<p>Zwei Mal indes konnte ich mich nicht erwehren, an Afrika zu denken, meinen Aufenthalt in Uganda ein paar Monate zuvor. Ich möchte bitte nicht als Moralapostel oder Heuchlerin mißverstanden werden, aber mich versetzte es in einen ungeheuren Schock, als man mir vor den Amuse-Gueules und dem ersten von fünf Gängen Brot und Butter servierte, gesalzene Butter aus der Bretagne, wo die Kühe auf Kräuterwiesen grasen und mit Weinblüten zugefüttert werden, eine eiskugelgroße Portion Butter aus einem enormen hölzernen rechteckigen Buttertrog „geschöpft“, und dazu drei Brote, versteht man, nicht Scheiben dreier Sorten Brot, sondern drei verschiedene vollständige Brote dufteten da vor mir, französische Landkruste, in Sepiatinte eingefärbte kohlschwarze Buchweizennavette, ein Muffincroissant, jedes für sich eine vollständige Mahlzeit! Ich wollte mir den Appetit nicht nehmen damit, sondern wartete auf die Gemüsegänge, feinstens komponiert, raffiniert und vollmundig, Lyrik, Poiesie aus Textur, Farbe, Aroma, Erbsen an Zitrone-Ingwer, marinierter Stängelkohl, grüner Spargel an fermentiertem Knoblauch, weißer Spargel in leichtem Teigmantel, ein Kartoffelnockerl, gefüllt mit gehackten Pilzen, dazu allerliebste Verzierungen und zu recht gepriesene Soßen. Man verzeihe mir meine laienhaften Lobes-Schilderungen! Aber diese Brote zu Beginn, die entsetzten mich ihrer Maßlosigkeit wegen. Ist Sterneküche (vielleicht ein Klischee?) nicht konzentrierte Essenz eines Gedankens, Gefühls, einer Jahreszeit, jedenfalls etwas von Seltenheit und Maß, auch von Begrenzung irgendwie, Understatement bis zu einem Grade, etwas für Eingeweihte (wie ich es sicherlich nicht bin), für Kenner und Wertschätzende?</p>
<p>Ich habe vom Busfenster aus kürzlich wieder so viel Armut gesehen in einem Land, das von sich behauptet, es existiere dort kein Hunger – mir war also schon ganz elend, und dann ging die Sache los mit dem Besteck und ich hörte sie sagen: <em>Wie ein Kind! </em>Ich habe extrem gute Ohren, sie hat das ganz sicher gesagt. Im Spiegel kuckte ich auf das Blau der Ohrringe, der Brosche, beides Stücke gemeinsam entworfen von mir und dem Juwelier. Das Blau beruhigte mich. Vielleicht hatte sie etwas ganz anderes gemeint, eine andere Person, einen anderen Kontext. Oder es auf etwas anderes an mir bezogen, viele faszinieren meine zierlichen Hände, und der Nagel meines kleinen Fingers mißt gerade einmal sieben Millimeter in der Höhe, da sagte schon so manch einer, es sei wie bei einem Kind; einige Männer scheint das zu faszinieren, sie sprechen es anerkennend aus, als sei es ein Kompliment, aber die Zeiten, daß eine Frau verniedlicht werden möchte, sind längst vorbei, und so wische ich derlei Aussagen schnell und effektiv weg wie lästige Fruchtfliegen an der Limonade. &#8211; Wie kann ein Mensch, der so weit und so tief gereist ist wie ich, so vielseitig interessiert und fundiert belesen, wie kann der sich nur ständig wegen nichts und wieder nichts derart aus dem Konzept bringen lassen?? Die Frau im Spiegel, ihre pure Anwesenheit, machte mir Mut. Ein Raumspray duftete herrlich herb nach Kräutern, mich belebend, aufrichtend.</p>
<p>Ich kehrte zum Tisch zurück, wo ich gerade den Kellner vorfand, welcher mir üblich die einzelnen Gänge erläuterte. Ich hatte mich nicht abgemeldet, wozu auch, und bildete mir ein, er sei kurzfristig verwirrt gewesen über den leeren Platz, wahrscheinlich auch dies keine Tatsache der Realität, sondern eine Situationsverzerrung. Jedenfalls trat ich mit neuem Schwung auf ihn zu und rief fröhlich (wohl auch zu laut und zu überschwenglich) aus: „Na, haben Sie mich vermißt?“, was mit einem Lachen quittiert wurde. Ich hatte diesen meinen Heiterkeitsanfall sogleich wieder vergessen, doch als er mir kurz darauf den Hauptgang bringen ließ, fragte er schelmisch: „Haben <em>Sie </em>denn <em>mich</em> vermißt!?“, was ich wirklich absolut lustig fand. Diese seifenblasenzarte Anekdote von Humor und Gelöstheit – bitte, versierter Koch, exzellentes Team, nicht übel nehmen – war mir das besondere meiner Erfahrung im Spitzenrestaurant. Die Sekunden gegenseitiger, absichtsfreier Sympathie, spielerischer Resonanz.</p>
<p>Ich hätte ihn gerne einmal privat gesprochen; bei einem Kaffee. Und ich hätte ihm vom Geheimnis erzählt, wie man den Geschmack perfekter Hühnereier hinbekommt (indem man die Hennen unter anderem mit Ziegenkäse, Himbeeren, Melone, Sprossen und Pak Choi zufüttert), und das hätte ihn gewiß genau so sehr interessiert wie meinen Porzellandrachen die Frage, welche Flora am besten aufs Tuch gepaßt hätte (vielleicht Spinnenlilien und Kängurublume?).</p>
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			</item>
		<item>
		<title>315 Ungefragte Leihgabe</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/315-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 May 2026 10:07:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Mai 2026. &#160; Bleib nicht an dem Ort, wo niemand sieht wieviel schöner du bist.                          (Bleiben, von Max Prosa)   Es ist eines der ersten Gedichte im bezaubernd illustrierten Band „Wildwuchs“, Zeilen für die Haut. Die Schädlichkeit der Tattoofarbe hält mich ab (Vernunft, Vernunft, du nervest mich), der geeignete Platz: nicht jeder sollte&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/315-2/">Weiterlesen</a></p>
<p>Der Beitrag <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu/315-2/">315 Ungefragte Leihgabe</a> erschien zuerst auf <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu">Kunstfotografie Between Silence</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Mai 2026.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Bleib nicht</em></p>
<p><em>an dem Ort, wo</em></p>
<p><em>niemand sieht</em></p>
<p><em>wieviel schöner</em></p>
<p><em>du bist.</em></p>
<p><em>                         (Bleiben, von Max Prosa)</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Es ist eines der ersten Gedichte im bezaubernd illustrierten Band „Wildwuchs“, Zeilen für die Haut. Die Schädlichkeit der Tattoofarbe hält mich ab (Vernunft, Vernunft, du nervest mich), der geeignete Platz: nicht jeder sollte sehen können, was mich wie Seelenschlag durchfährt. Aber diese Worteansammlung zählte zu den Topkandidaten, sollte ich mir wirklich noch einmal etwas stechen lassen, als angedachte Konkurrenz bisher nur Cohen. Na, Max, ein Lob!</p>
<p>Den größten Bezug habe ich zu den wirklich kurzen seiner Gedichte. Wenn ich sie hier zitiere, ist das dann Diebstahl?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>I</em><em>ch hab so oft versucht,</em></p>
<p><em>jemand anderes zu sein,</em></p>
<p><em>doch als du mich dann so liebtest,</em></p>
<p><em>war ich nicht gemeint.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Ich habe mir den Balkon hergerichtet, für horrendes Geld Pflanzen besorgt, die nun vier Brüstungskästen zieren, lauter Pink- und Rosa- und Apricot- und Milkalilatöne, ein bißchen Weiß. Spanisches Gänseblümchen, Geranie, Verbene, Gaura, Ziersalbei und anderes. In einem dicken petrolgrünen Pot zwei Sorten Tomate, hängender Rosmarin, Kapuzinerkresse, Taguettes. Dort sitze ich dann auf der lackierten Holzbank, am eichenen Klapptisch à la  Biergarten und schmökere in Zeitschriften oder eben Lyrikbänden. Zu Max Prosa habe ich leichteren, angenehmeren Zugang als etwa zu Goethe, der faselt mir zu viel vom Liebchen – ich bin niemandes Liebchen und habe kein Liebchen, da erschöpft sich das Interesse für solcherlei Säuselei. Aber das was Max Prosa – welch kreativer Name – mir zu sagen hat, damit kann ich mich identifizieren. Ich verstehe, was ihn umtreibt, fühle mich gespiegelt und verstanden. Regelmäßig zieht er sich winters zurück nach Mallorca, um dort zu schreiben, in aller Ruhe inniglich zu schreiben. Welch ein Vorbild! Mich pariert und tritt und behindert der Alltag aufs scheußlichste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Kein Gefäß</em></p>
<p><em>das zur Erde fällt</em></p>
<p><em>bricht wie das andere.</em></p>
<p><em> </em></p>
<p>Entschuldige, daß ich mir einfach so deine Gedichte leihe, ungefragt, unerlaubt. Es ist doch gemeint als Kompliment! Ich selbst verweile gerade wieder in der Krötenphase, die Pechmarie´schen Kröten, lauter Blödsinn, ungehobelt, ungeschliffen, unsortiert, banal, Zeugs, das aus meinem Mund plumpst. Ich hätte so gerne einen Menschen wie dich, an den ich mich adressieren könnte – nicht als Frau! Als Schreibende, ja. Jemand, der mit Worten spielen kann, der nachdenkt und aus seinen Erkenntnissen, Erlebnissen etwas erschafft, das über ihn hinausgeht.</p>
<p>Kein Mensch, nicht ein einziger, weiß, wer ich wirklich bin. Zerbrochen und freundlich tuend und sich nach Orten sehnend, wo man meine – eine – Schönheit erkennt. Gehen soll man, sagst du, und es bleibt ein Rätsel:</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>WOHIN?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Illustration zeigt den Rotdorn in meinem Garten</em></p>
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		<title>314 Das Tanzbein schwingen</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/314-das-tanzbein-schwingen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 May 2026 09:49:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, April 2026. In den omanischen Wahiba Sands, als Einheimische einen Säbelreigen ums nächtliche Lagerfeuer aufführten, meinte ein Mitreisender ganz selbstverständlich an mich gewandt, daß ich doch gewiß auch eine hervorragende Tänzerin sei. Die Fehleinschätzung hätte lediglich größer sein können, indem man mir ein Gesangstalent angedichtet hätte; in der Regel treffe ich nicht einen einzigen&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/314-das-tanzbein-schwingen/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, April 2026.</p>
<p>In den omanischen Wahiba Sands, als Einheimische einen Säbelreigen ums nächtliche Lagerfeuer aufführten, meinte ein Mitreisender ganz selbstverständlich an mich gewandt, daß ich doch gewiß auch eine hervorragende Tänzerin sei. Die Fehleinschätzung hätte lediglich größer sein können, indem man mir ein Gesangstalent angedichtet hätte; in der Regel treffe ich nicht einen einzigen Ton, egal wie bekannt mir das Lied ist. Nun, ich habe mich immer geschämt beim Schulsport: Bewegungen vor anderen, Turnen ein Graus, Leichtathletik oder eben gar Tanz – was hatte ich die anderen Mädchen nicht bewundert für deren anmutige Haltung, die edle Geste der Hände, das harmonisch-feminine Fließen, wo ich bloß zu trampeln und zu stampfen vermochte, zu ruckeln und zu zucken. Einzig Ballsport war mir erträglich, und im Volleyball war ich tatsächlich ausgezeichnet, mein Aufschlag gefürchtet. Na. Die Zeiten des Volleyballs sind lange vorüber. Ich baute meinen Körper auf, allein im Fitness Studio, auf Cardiogeräten, beim Joggen, Schwimmen, Radeln und Yoga, in dieser Reihenfolge, und stets ergab es sich mit den Jahren, daß mein Rücken fürchterlich zu schmerzen begann und ich pausieren mußte. Letzten Winter „erfand“ ich etwas, das ich <em>Ugly Moves</em> taufte, praktiziert nach Einbruch der Dunkelheit (also ab ca. siebzehn Uhr) und ausschließlich bei herabgelassenem Rollo. Für die Dauer einer CD, bei Jack Johnson oder Alanis Morissette sind es um die vierzig Minuten, versuche ich, auf der Fläche meiner Yogamatte (Übertreten nicht erlaubt!) möglichst viele komplexe Bewegungen auszuführen, bei denen jedes, wirklich jedes Körperteil irgendwann involviert ist. Es ist ein Hüpfen, Zappeln, Strampeln, Schütteln, Kreisen, das vom kleinen Zeh zum Daumen zum Kiefer alles einmal durchwirkt, mit Grimassieren und Juchzen und veräppelnden Balletthaltungen, ein Beugen, Verbiegen, mal rasch und im Stakkato, mal extrem sanft und langsam, ausladend, raumgreifend auf der Stelle verweilend, die Arme irgendwo in der Luft, die Beine austretend, gestreckt in die Höhe schlagend wie beim Karate, ich tat meiner Wortschöpfung Ugly Moves bewußt gänzlich Ehre, hauptsache, man spürt den Körper, fordert ihn, erprobt Grenzen der Kondition, der Steifheit. Selbst der Kindergarten-Ententanz ist integriert, an Lächerlichkeit kaum zu überbieten! Jedwedes, abgesehen von Stillstand. Die Begrenzung auf die kleine Mattenfläche erfordert einiges an Kreativität und Genauigkeit der Ausführung, man schnauft und das Herz pocht und es ist absolut piepegal, wie es ausschaut, da es ausschließlich ums Fühlen, sich Spüren und Erleben geht. Ohne feste Abfolge, ohne starres Vokabular verschwindet die Monotonie, die mir bei anderen Sportarten, insbesondere auch dem Joggen und Yoga, früher oder später zu schaffen gemacht hat. Ich tauche tief in die jeweilige CD ein, in die Liedtexte, Instrumente, Rhythmen, Melodien, Stimmlagen, den Künstler, die Künstlerin. Nach etlichen Monaten plötzlich fiel mir etwas auf: eigentlich brauchte ich meine Übungen nicht länger Ugly Moves zu nennen, weil meine Bewegungen, egal wie skurril und unorthodox in ihrer Natur, zu echtem Tanz geworden waren, ich vermochte, mit der Musik zu verschmelzen, ich war fließend geworden, weich und harmonisch. Ausgerechnet ich! Tatsächlich.</p>
<p>Mit Versprechen habe ich es nicht so, sie werden meistens halbherzig gegeben, im Überschwang, sie verblassen, verpuffen. Er versprach, daß die nächsten drei Stunden solche des Vergnügens sein würden, in denen man den Alltag und die Welt da draußen vergesse. Daß wir gemeinsam eine gute Zeit haben würden, voll positiver Vibes und aufbauender Energie, wir, an die zwölftausend Leute und die Band. Mit Erstaunen stellte ich hernach fest, daß Michael Patrick Kelly sein Versprechen eingehalten hatte. Das Konzert war eine Wucht! Eine Lebenserinnerung, etwas das eine Spur hinterlassen würde auf immer, so wie die Dolce &amp; Gabbana Ausstellung in Paris vor zwei Jahren, so wie die <em>Tiger Milk</em> im Genter Lokal. Die Münchner Station der Traces-Tournee war mir ein unaussprechliches Geschenk. Freilich besuchte ich die Vorstellung unbegleitet – und vielleicht war das perfekt so! Beim Gin Tonic zuvor noch war ich traurig gewesen, der Cocktail zu warm, ich isoliert in der Menge, niemand, mit dem ich Ansprache halten konnte, mich gemeinsam vorfreuen (das Ticket hatte ich zehn Monate vorab besorgt). Ich stand doof und viel zu aufgetackelt herum, der Lederblouson zu stylisch, die geflochtene Amulettkette mit Jadestein, ein Souvenir aus Guatemala, „too big“, das Make Up reichlich kräftig, over the top im Meer der Nude Looks, der Undone- und Undressed Looks. Ich kam mir affektiert vor, falsch, zu auffällig, in jedem Fall ausgegrenzt. Darüberhinweg konnte mich auch nicht der alkoholhaltige Wacholdergeschmack meines laschen Getränks im Plastikbecher trösten.</p>
<p>Und dann wurde mir endlich einmal ein kleines, bescheidenes Glück zuteil: in der Mehrheit der träge Umherstehenden fanden sich vor mir zwei junge Frauen und links und rechts von mir je eine ältere Dame, die eines einte: die Lust am Tanzen! Und so konnte ich die Augen schließen, die Hüften schwingen, den Hintern wuppen, die Schultern schlenkern, das Haar herumwerfen (zum offenen Pferdeschwanz gebunden), ganz, als sei ich auf meiner kleinen Yogamatte, doch das war ich nicht, nein, denn da vorne, gar nicht mal so weit entfernt, stand Michael Patrick Kelly mit seiner Band, und sie sangen live, spielten live, der Beat durchhämmerte meinen Brustkorb, den Rumpf, es flogen Konfettisalven, bunte ellenlange Papierschlangen aus überdimensionierten Showkanonen, es zuckten Laserlichter, ich schwitze in der feuchtheißen Halle, dampfte regelrecht, kochte, krempelte die Lederaufschläge hoch, ließ das Amulett hüpfen und hatte einfach nur Spaß. Ja, ein biografisch-historischer Moment. Ich, Laura, habe einmal in meinem Leben unendlichen tiefen absichts- und wertfreien Spaß, der seinen persönlichen Höhepunkt während der Performence von „Rebellion“ fand. Ab und zu gewahrte ich im Augenwinkel die unmotivierte Trägheit unzähliger anderer im Umfeld, die zwar klatschten und standen, nicht aber wippten, schunkelten, ausflippten, so wie wir fünf fremde Ladys es taten, und ohne daß wir es aussprachen, waren wir nach Konzertende alle total dankbar, daß wir uns als Platznachbarn gehabt hatten, weil keiner die Bewegungen und Dancemoves der anderen bewertete, kritisierte, als störend wahrnahm. Ich war nie in der Disco gewesen (ok: vier, fünf Mal, ein grauenhaftes Klammern an Alkopops und dämlichstes Herumstehen und 110-prozentiges Unwohlsein), kenne das sich Auflösen und Transzendieren in Rhytmen, Lichter, späte Stunden, Alkohol, in Menschenmengen lediglich aus Fernsehszenen; mit Anfang vierzig war ich das erste Mal in meinem Leben jung. Eigentlich möchte ich sagen: ich war im Tanzen, im vollumfänglichen Erleben der Musik frei geworden. Danke Mr. Kelly! Danke Ugly Moves…</p>
<p>Ich fand kurz darauf zufällig heraus, daß das Münchner Kelly Konzert auf den <em>Internationalen Tag des Tanzes </em>gefallen war. Yeah! Wir sehen uns im Juni an der Loreley wieder. Ich werde allein dorthin fahren, und ich werde ungeniert tanzen, ohne daß sich eine Begleitung für mich schämen könnte, werde nicht gut tanzen, wohl affig tanzen, ungelenk, nicht immer im richtigen Rhythmus, aber hey: ist mir Gin Tonic egal.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Illustration zeigt eine koreanische Seniorin, die sich voller Hingabe noch im Weggehen das Graffitto zweier Mitglieder der K-Pop Band BTS ansieht </em></p>
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		<title>313 Vespa Vibes</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/313-vespa-vibes/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 Apr 2026 09:58:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, April 2026. Da werden die Nachbarn aber staunen!, dachte ich schmunzelnd bei mir, während ich meinen Tagtraum immer mehr ausschmückte. Ich saß in einem Meer zitronener, cremeweißer, puder-apricotfarbener Narzissen, über die gelegentlich ein Aurorafalter hinwegflügelte, ein Kohlweißling, Tagpfauenauge. Endlich sah man den Frühling schwellen, starrte voller Vorfreude auf Knospen der Mandel- und Zierkirschenblüte, der&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/313-vespa-vibes/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, April 2026.</p>
<p><em>Da werden die Nachbarn aber staunen!</em>, dachte ich schmunzelnd bei mir, während ich meinen Tagtraum immer mehr ausschmückte. Ich saß in einem Meer zitronener, cremeweißer, puder-apricotfarbener Narzissen, über die gelegentlich ein Aurorafalter hinwegflügelte, ein Kohlweißling, Tagpfauenauge. Endlich sah man den Frühling schwellen, starrte voller Vorfreude auf Knospen der Mandel- und Zierkirschenblüte, der Apfelbeere, auf die sich bald öffnenden Tulpen, entdeckte zwei, drei Schachbrettblumen und Teppiche aus hellen und dunklen Veilchen. Mein Tagtraum führte mich weg aus dem Garten hinauf auf den Sitz einer Vespa, wie sie die Landstraßen entlangsurrte, eine metallic rosa lackierte Vespa im Retrostil inklusive Gepäckfach und lässig gebogener Schutzscheibe, der Helm passend zum Old School Look; die Vespa surrte, weil sie einen Elektroantrieb hatte, nichts also mit dem Lärm und Gestank hektischer italienischer Altstädte, nein, das war modern-urban, war cool, charmant, versprühte Lebensfreude. Ein Blick auf die Webseite verriet, daß es das Modell nicht in Rosa gebe, nur in Mint oder Rot (Langweiler wie Silber kamen nicht infrage), und Minze wäre das, was M. sich gekauft hätte, und ich tat seit unserem Bruch so ziemlich von allem das Gegenteil, was M. lieb und teuer gewesen war (eine Frau, kein Mann, meine längste Freundin), also blieb nur Rot, Ferarri-Rot bei einer Reichweite von maximal achtzig Kilomtern, na ja… Ich googelte nach Möglichkeiten, meinen Hund mitnehmen zu können, eine Art TÜV geprüfter Anhänger für Mopeds, addierte die Kosten, seufzte, die Vernunft diffundierte in meinen Tagtraum wie Giftgas; eine Elektro-Vespa würde von mir nicht <em>benötigt</em> und entbehrte daher jeder Daseinsberechtigung, sie diente lediglich der Lebensfreude, dem Spaß am jugendlichen Eifer, sie war zu teuer, um sie als Spielzeug, als müßigen Zeitvertreib zu verwenden. Sie würde im Weg stehen und Unterhalt kosten. Man könnte nichts transportieren damit (wie es mein Hagel zerbeulter Kombi fleißig tut mehrmals die Woche), könnte nicht rasen (wie der spritzige Kombi auf der Autobahn), der Hund fände es doof, in einem zugigen „Körbchen“ zu hocken für nichts und wieder nichts. Der Tagtraum von der rosa Vespa war zu einem alten Kaugummi geworden, hart, kaum mehr für lustige Blasen tauglich, am Gaumen scheuernd, und so spuckte ich ihn aus.</p>
<p>Gestaunt habe dann ich, und zwar exakt am nächsten Morgen, als ich zum Lüften den Fenstergriff in der Hand hielt und nach unten auf die Straße spähte, wo ein schwarzer, fescher Roller entlangcruiste, glänzend, fast geräuschlos da Elektro, das Design einer Vespa, Gepäckhalter und Schutzschild inklusive, tja, und auf diesem Roller, deshalb staunte ich so, hockte mein Nachbar, und ich kriegte quasi – ich bitte um Entschuldigung für diesen Ausdruck – die Arschkarte der Gesellschaft vorgezeigt, in der aktuell jeder auf Fun und Action achtet und der Vernunft – Verzeihung – etwas scheißt, wo jeder das Geld zum Fenster heraushaut, ob er es hat oder nicht, Klarna-Ratenkauf-auf-zwei Jahre sei Dank, Pay Pal – Ich -zahle – in – dreißig – Tagen macht es möglich, wo man Home Office absolviert vier Tage die Woche oder eben gleich das Sabbatical oder die Elternzeit, egal was, wo alle sich Schwimmteiche anschaffen und neue Wagen in frischen, schicken Lackierungen, wo Heiratsanträge auf dem Chimborazo getätigt (und angenommen) werden und das Dirndl achthundert Euro kostet und man einfach Arbeitslosengeld beantragt, wenn man schwanger wird und keinen Bock auf den Verkauf von Versicherungen mehr hat (weil man per kosmischer Bestimmung eh Fulltime- Content Creator ist). Ja, einer der Gründe, weshalb ich die Regelmäßigkeit des Bloggens einstelle, liegt darin, daß ich unabhängig vom Ausgangspunkt immer wieder im Zynischen lande, beim Beklagen ankomme, Anprangern, und ich das eigentlich nicht möchte, motzen, geifern, lamentieren.</p>
<p>Sie zeigte mir mehrere Videos und Fotos auf dem Handy. Eine schlanke hellblonde blutjunge Frau, lachend, beim Fallschirm springen, beim Bungee Jumpen von einer Brücke, auf der zu stehen mir bereits Übelkeit erzeugen würde, so hoch war sie bzw. so tief die Schlucht mit dem reißenden Fluß darin. Bauchfrei mit Röckchen am Strand, jedem Honigkuchenpferd die Show stehlend; erst Thailand, jetzt Australien. Medizin studieren würde sie ab dem Wintersemester, aber jetzt sei sie unterwegs. Sie klang ehrfürchtig. Sie, das war meine Mutter, und das Mädchen, noch keine zwanzig, die Enkelin ihrer Freundin aus Kindertagen. Sie kuckte mich an. „Das könnte deine Tochter sein.“ Und ich fragte mich, ob dieses Mädchen auch das Treppenhaus der Mehrgenerationeneinheit saugte und wischte, die Keller saugte und wischte, das Auto putzte und in die Waschanlage fuhr, Stauden und Zwiebeln und Sträucher setzte, einkaufte (und Körbe schleppte), die Wäsche tätigte und faltete, Geschenke ersann und verpackte, das Grab gestaltete und pflegte, und ich fragte mich, warum sie niemals stolz gewesen war, als <em>ich </em>studiert hatte in München, die Antwort kennend. Es passiert mir bis heute, erst kürzlich wieder; es kommt zur Sprache, daß ich Kunsthistorikerin bin, und hier in meinem Umfeld, da verziehen sie als Reaktion spontan heftig das Gesicht, als hätten sie auf etwas Widerwärtiges gebissen. Eine hatte sogar direkt geantwortet: „Igitt! Ich hasse Kunst!“, andere stufen dich als restlos langweilig ein. Der Bungee Sprung hingegen war aus fünf Perspektiven gefilmt, reißerisch geschnitten und mit draufgängerischer Musik unterlegt worden, dazu das unerschrockene Mädchen, lächelnd, die langen hellblonden Haare im Wind flatternd, die spektakuläre Naturkulisse, die lange, unheimliche Brücke, das Blau des Wassers darunter, das Grün üppiger Vegetation. Meine neun Wochen Südamerika nach dem Studium hatten aus Wandern, Museen, archäologischen Stätten, etwas Schnorcheln bestanden, keine zehn Fotos von mir gibt es. Da war nichts, mit dem sich hätte meine Mutter brüsten können, so wie sie sich insgesamt schämen für mich, beide Eltern, aus genau diesem Grund: sie können nichts vorweisen mit mir, keinen Porsche, keinen Geschäftsmann (bzw. Fußballer, das akzeptiert man auch hier in der Gegend als Statusobjekt), keine adretten Kinder, keine aufregenden Videobeweise eines Abenteuers, keinen Hausbau, keine Ballettkariere (mit entsprechendem Body). Die anerzogene Vernunft und Bescheidenheit wird mir nun negativ angelastet; klassische Konzerte? Spinnerei. Elegante Kleidung? Arrogantes Schickimicki. Sachliteratur? <em>Ja, du hältst dich für die Größte…</em> Kunst? Pfui Teufel, unnützer Kram, Sammelsurium Verrückter. Hätte <u>ich</u> die über dreihundertausend Follower (kaum zu glauben, daß ausgerechnet in diesem meinen Kaff jemand wohnt, eine Frau aus Künstlerkreisen, die genau das erreicht hat bisher, Prognose steigend: über 300.000 Follower), dann sähe das anders aus, das wäre was, aber so, na. Das bißchen Putzen, das bißchen Haushalt, das bißchen Vernunft. Eine Blamage, ein Totalflop, diese Tochter, besser nicht darüber reden.</p>
<p>Vielleicht hätte ich einen Kredit aufnehmen sollen für die Fotoreise nach Indien unter der Leitung von Steve McCurry. Vielleicht hätte ich die rote Elektro-Vespa kaufen sollen, die Pommern Gänse und Quessant Schafe, das Percheron, die Leica Kamera zum 40. Geburtstag, hätte ich die Einladungen nicht ausschlagen sollen, die Design- und Kunst-Vernissage-Einladungen nach Paris, nach Namur, nach <em>Miami</em>. Ich hätte nach <u>Miami</u> fliegen können! Hatte ein Ticket, hatte es in den Händen, für eine geschlossene Gesellschaft dort, und ich löste es nicht ein, <em>weil der Flug so teuer gewesen wäre und obendrein eine Umweltsünde</em>. Und ich hasse sie, meine Vernunft, weil sie mir nicht nur Schmerz beschert, verpaßte Gelegenheiten und Langeweile, sondern weil sie mir zum Vorwurf gemacht wird, das moralisch Richtige, das mit Verzicht einhergeht, das wird mir angekreidet. Ja, wenn ich damals in Südamerika Bettenhüpfen ohne Verhütung gespielt hätte, dann wäre mein Kind jetzt exakt in dem Alter der gefeierten Fallschirm springenden Australien Bereisenden; das Gesicht der Eltern hätte ich ja gerne gesehen, wenn ich mit einem vaterlosen „Balg“ im Bauch nach Hause gekommen wäre… Final kann ich dazu nur sagen: hätte ich das mal gemacht &#8211;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><span style="font-size: 12pt;"><em>Illustration stammt aus dem Jahr 2008 &#8211; Kompaktkamera von Aldi, Motorrad mit Beiwagen in Kairo. DAS wäre das perfekte Gefährt für Montana und mich&#8230; </em></span></p>
<p>&nbsp;</p>
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			</item>
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		<title>312 Ein Lächeln für Montana</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/312-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Mar 2026 11:44:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, März 2026. Den Flughafen München kenne ich ja ganz gut mittlerweile; eigentlich hatte ich es mir angewöhnt, mich etwas schicker herzurichten, wenn ich mich dort aufhalte, es sei denn, es ging gerade ins Bergdschungelabenteuer. Auch meine Eltern sind reisefreudig, ich hole sie regelmäßig ab, wie auch an jenem Abend ein paar Jahre zuvor. Ausnahmsweise&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/312-2/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, März 2026.</p>
<p>Den Flughafen München kenne ich ja ganz gut mittlerweile; eigentlich hatte ich es mir angewöhnt, mich etwas schicker herzurichten, wenn ich mich dort aufhalte, es sei denn, es ging gerade ins Bergdschungelabenteuer. Auch meine Eltern sind reisefreudig, ich hole sie regelmäßig ab, wie auch an jenem Abend ein paar Jahre zuvor. Ausnahmsweise schlampte ich, blieb in Jeans und locker sitzendem hellblauen Shirt mit Raglanärmeln, schlüpfte in die ausgelatschten Turnschuhe, die für das Waldgassi reserviert sind üblich, überhauchte mich rasch mit etwas Make-Up, strich mir den Zopf zurecht, fertig, schnappte mir den Hund und fuhr los. Schon im Eingangsbereich des Ganges vom Parkplatz zum Terminal Zwei bereute ich es, geschludert zu haben, mittlerweile fühle ich mich heimisch im sportlich-eleganten Look, Betonung auf elegant, aber es war wenig los, also egal. Das Licht beleuchtete das Warteareal klinisch hell, ich war wie stets viel zu früh dran und verbrachte folglich etliche Zeit mit Beobachten. Eltern, Partner (vgl. Beitrag 286), Chauffeure mit den Namen der Gäste auf Pappschildern, Geschäftsleute, ganze Gruppen an Freunden, an denen Luftballons befestigt waren, fröhlich bunte Kugeln und Herzen, die aufgeregt-gespannt ausharrten, nicht ergeben-gelangweilt wie ich. Montana hockte brav zu meinen Füßen, sie auch ist mittlerweile ein alter Hase und wußte, was auf sie zukommen würde. Mein Hund genoß die Atmosphäre, das Treiben und Trudeln, Rollen der Koffer, die Jubelschreie und sachlichen Handschläge. Gelegentlich reizte es sie, andere Hunde anzustänkern, soll heißen: ich wartete, Montana wartete, die Zeit dehnte sich ereignislos aus. Die gläsernen Schiebetüren öffneten sich zum hundertsten Mal.</p>
<p>Er war atemberaubend gut gekleidet, wirklich umwerfend, trug ein Lederensemble, eng anliegend, lässig, perfekt auf den athletischen Leib geschneidert. Sein Gepäck ähnelte eher einem minutiös abgestimmten Accessoire, alles war Understatement, geschmackvoll. Die Haltung kerzengerade, er hatte sie, DIE <em>Attitude</em>… Wow! Er steuerte – meiner mittigen Position geschuldet – direkt auf mich zu, Montana betrachtend, lächelnd, in sich gekehrt lächelnd, jemand, der sich über den Anblick des roten Boston Terriers freute. Dann glitt sein Blick nach oben hin zu meinen Augen; ich hielt ihm kurz stand, ihm verratend, daß ich ihn erkannt hatte. Und dann – dafür könnte ich mich ohrfeigen!! – übernahm mein Stolz das Ruder: daß ich ihm nicht entgegensabbern würde, sondern cool bleiben, selbstsicher, und ich wandte den Blick ab, wieder hin zu den Schiebetüren, die mich absolut null interessierten. Ich zwang mich, mich nicht umzudrehen. Nicht sofort jedenfalls, und ich verfluchte mich dafür, dieses verlotterte Alltagsoutfit gewählt zu haben, wo mein Kleiderschrank barst vor sensationellen Teilen! Keine einprägsamen Schmucksachen, kein roter Lippenstift, verdammt, so blöd, Laura… Ich wandte mich natürlich sehr wohl um, langsam, wie zufällig, und zu meiner Überraschung war er noch nicht verschwunden, sondern stand vor der nahen Bäckerei, Filiale einer lokalen Kette, und ich fand es irgendwie sympathisch, daß er sich dort etwas holen würde, eine Brez´n oder einen Kaffee, was immer; und etwas später noch wagte ich die klitzekleine absurde Idee, er habe vielleicht Zeit schinden wollen, damit ich doch noch reagierte irgendwie, und Laura, du doofe Ziege, warum hast du denn nicht…? Nein, du hast einen auf Lady gemacht und auf die Schiebetüren gestiert, als würden sie demnächst deinen Prinzen, deinen Gatten preisgeben, dabei waren es nur die Eltern… &#8211; In seinen Augen nämlich, da hatte etwas gelegen, etwas, das ich hätte ergreifen können, sollen, wollen, müssen, dürfen, eine Einladung zu einem Wort oder mehreren. Was mich anfixte, das war nicht sein Bekanntheitsgrad und auch nicht unbedingt das unmittelbare Aussehen, es war etwas um ihn herum, eine unfaßbare Ausstrahlung, eine Wärme und gesunde, starke, tiefe Präsenz, wie eine Aura, die ihn umgab und die sich für ein paar Sekunden überschnitt mit der meinen. Daß er meinen Hund angelächelt hatte, das wäre doch ein unverfänglicher Door Opener gewesen, aber ich schwieg, auch aus Unsicherheit, der falschen Klamotten wegen und weil ich mich nicht messen lassen könnte mit all den Models und Berühmtheiten, die er getroffen, mit denen er gearbeitet hatte. Ich wollte kein Groupie sein, kein Fan, keine Bewunderin, weshalb ich einen auf arrogant-gleichgültig machte, während es in mir loderte und wogte. Ich habe die Begebenheit gedanklich begraben, keinem davon erzählt; mein kleines Stückchen für die innere Schatzkiste. Aber seit zwei, drei Tagen drängt es mich, davon im Blog zu berichten, und ich wunderte mich über die Vehemenz dieses Verlangens. Ich recherchierte ein bißchen über ihn, als innere Basis für diesen Beitrag; neben widersprüchlichsten Informationen zum geheim gehüteten Privatleben, kristallisierte sich heraus, daß der 21. oder 22. März höchstwahrscheinlich sein Geburtsdatum sei. Happy Birthday Thomas Hayo!</p>
<p>Kein Blog ohne Selbstenthüllung. Gelegentlich tagträume ich davon, wie sich dieses zufällige Treffen am Münchner Flughafen hätte anders gestalten können, zu meinen Gunsten versteht sich, ich entspinne humorvoll-geistreiche Dialoge voller Esprit und Anziehungskraft, ja, Leser, so schaut es aus, eine erwachsene Frau im frühen mittleren Alter tagträumt von Thomas Hayo (oder Steve McCurry oder…), <em>ridicule! </em>Worauf ich dabei hinauswill: ich fantasiere mich nicht als verführerische Superwoman, die entdeckt wird (ich finde mich eher maßvoll, d.h. eigentlich gar nicht hübsch), stelle mir keine explosionsartige Karriere als veröffentlichte Buchautorin vor (den plötzlichen Bekanntheitsgrad eines Celebritys nutzend), sehe mich nicht auf Partys mit Familie Schnabel, Heidi Klum, Rhianna oder im Blitzlichtgewitter. Weißt du, was ich mir stattdessen in meinem Kopf zusammenspinne?</p>
<p>Gespräche. Echte, volle Gespräche, abwechslungsreich, über die Dinge, die mich gerade beschäftigen, fern aller Plattitüden und Klischees, ohne Floskeln oder Angst, das Gegenüber mißbrauche mein Vertrauen, indem es später über mich lästert. Gespräche, deren Themen sich ständig wandeln würden, weil mich permanent alles mögliche umtreibt, und die dennoch zusammengehalten würden von einer gewissen Stringenz. Nehmen wir den Input der letzten beiden Wochen als Beispiel: die Biografien der Schriftstellerinnen Margaret Atwood und Patricia Highsmith, Jack Johnsons CD <em>Meet the Moonlight</em>, Dokumentationen über K-Pop, die Geschichte der Fahrstuhlmusik (Muzak), architektonische Randzonen wie Dächer, Balkone, unterirdische Flächen (hier als Exempel erwähnt: in Helsinki existiert weltweit einzigartig ein komplett unterirdisches System, das in Friedenszeiten genutzt wird als Versorgungstunnel und Logistikzentrum, als Einkaufsmöglichkeiten bei Schlechtwetter, als Schwimmhalle und Parkplatz etc., im Kriegs- oder atomaren Katastrophenfall aber garantiert, daß jeder der über 600.000 Einwohner einen Safe Space im Bunker bekommt – logisch, daß Helsinki jetzt ganz oben auf meiner Wunschliste an Städtetouren steht!), die Sendung über Käthe Kruse (was eine emanzipierte Geschäftsfrau!), der Bildband über Betonbauten, die Aufnahmen alle vom Autor analog geschossen, und ein zweiter über moderne japanische Gartenarchitektur, der Besuch der Ocean Film Tour Vol. 12 in der Alten Kongresshalle München (mein Favorit der Beitrag über einen Ex-Häftling und Vietnamveteranen, der Freundschaft mit Mantarochen geschlossen hat über Dekaden hinweg) und so weiter und so fort, dies nur eine kleine Auswahl an Dingen, die mich im vergangenen halben Monat bewegt, berührt, beschäftigt haben und über die es mich auszutauschen drängt, eine ungestillte Sehnsucht, weil ich niemanden habe, niemanden weit und breit, der ähnlich hungrig, neugierig, aufgeschlossen, süchtig nach der Welt und ihren Geschichten ist wie ich. Ich erwähle mir also die Figur des Thomas Hayo, eines fleißigen, zielgerichteten, kreativen, erfolgreichen Mannes (einige Kampagnen, die er als Creative Director verantwortet hat, wurden in die Sammlung des MOMA aufgenommen!), eines sympathischen, charismatischen Mannes, wie ich flüchtig bestätigen kann, ich wähle mir Hayo aus, um mit ihm zu <u>sprechen</u>, mal während eines Spazierganges, mal im Restaurant, Café, in einer Ausstellung, im Kino, Orte, die ich kenne und mag, die zu mir gehören, zu meiner Persönlichkeit; ich bin dann nicht mehr allein, lila seiden, aufwendig frisiert und geschminkt im klassischen Konzert und nippe völlig ignoriert vom Rest des Planeten verloren an meinem Gläschen Rosésekt, nein, ich habe jemanden an meiner Seite, von dem ich behaupte, er interessiere sich für mich, für meine Themen, verstehe sie. Wir unterhielten uns über Cyanotypie und Gregor Törzs´ Referenzen auf Hans Hass in seiner Ultramarine Serie, über Trägerpapiere und Printtechniken digitaler und manueller Art, über künstlerische Veredelung eines Blattes, Komposition und Licht, unterhielten uns über Langlang, Ray Chen, Kit Armstrong, Hélène Grimaud, Anne-Sophie Mutter, Kent Nagano, Schostakowitsch, John Neumeier und Jürgen Rose, Pina Pausch und Josephine Baker, die Düfte Serge Lutens und Dries van Notens, wir hörten CDs und Schallplatten, abgespielt von qualitativ guten Anlagen und diskutierten Texte, Melodien, Rhythmen. Ich zeigte ihm mein momentanes Lieblingslied, Jack Johnsons <em>One Step Ahead</em>, wir gingen gemeinsam zum Felix Klieser Konzert, zum Patrick Michael Kelly Konzert (beide im April), zum Weimarer Open Air Festival, Schiller, Asaf Avidan (Juni).</p>
<p>Kein Mensch weiß, wer ich bin, weil niemand (meines Umfeldes) diese Fülle an Ideen, Sehnsüchten, Inputdurst hat wie ich. Ach, und wenn man seinen Kopf, den stets übervollen, dann einmal anlehnen könnte, sacht und unkompliziert, an eine Schulter und jemand einem über das Haar streicheln würde, die Wange, mein Gott, das wäre das Paradies auf Erden! &#8211; und ist, wie der göttliche Himmel auch, in meinem Leben unerreichbar. Ich tanze alleine in meiner Wohnung, renoviere sie alleine, stelle Farben zusammen, arrangiere Kunst neu, buche Konzerte, lese, sehe Dokus, schreibe, fotografiere (ja, auch das noch, aktuell Polaroids), tanze, tanze, tanze, stelle es ganz laut, überlaut, <em>One Step Ahead</em>, tanze allein, tanze mit Thomas Hayo, einem intellektuellen charismatischen nichtexistenten Fantom, tanze, verbeiße mich in Lebensfreude, Lebenslust, trotz dieser kompletten, allumfassenden Vereinzelung, Isolation, und Thomas Hayo, nichts ahnend, sich nicht erinnernd an das Münchner Mädel in hellblauem Raglanpulli mit rotem Boston Terrier, ausgerechnet Thomas Hayo weiß als einziges Wesen, <em>wer</em> ich bin, <em>was</em> ich bin, und ich tanze eingehüllt in <em>Chestnut Silk</em>, tanze</p>
<p>One Step Ahead</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>311, Teil III: Anti-Heldin &#8211; schon wieder</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/311-teil-iii-anti-heldin-schon-wieder/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 14:26:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Uganda, Februar 2026. Steckt man in einer Krise, verblasst sie nicht, indem man einen Flieger besteigt, mehrere tausend Kilometer zurücklegend, sich in einen Bus hockt, der einen über nervenaufreibend mühsame Rumpelstraßen an den Fuß eines Bergwaldes bringt. Nö. &#8211; Meine Krise besteht darin, daß viele kleine Einzelwahlen, durchaus freiwillig und in bester Absicht vorgenommen, in&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/311-teil-iii-anti-heldin-schon-wieder/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Uganda, Februar 2026.</p>
<p>Steckt man in einer Krise, verblasst sie nicht, indem man einen Flieger besteigt, mehrere tausend Kilometer zurücklegend, sich in einen Bus hockt, der einen über nervenaufreibend mühsame Rumpelstraßen an den Fuß eines Bergwaldes bringt. Nö. &#8211; Meine Krise besteht darin, daß viele kleine Einzelwahlen, durchaus freiwillig und in bester Absicht vorgenommen, in einer Sackgassen ähnlichen Situation gemündet sind, die als solche jedenfalls ganz und gar nicht selbstgewählt, ausgesucht wurde, ein riesiges Mischdings aus Ausrufe- und Fragezeichen, von anderen kommentiert mit: „Das hast du doch so gewollt!“, eine garstige, oberflächliche Simplifizierung komplexer Prozesse; eine Krise macht einen blind für Richtungen wie für Lichtungen.</p>
<p>Was mir gefehlt hat während meines Aufenthaltes im Ruwenzori, war die Poesie, das lyrische Zittern. Mich überkam nicht plötzlich die Handlung einer neuen Kurzgeschichte, es erschienen keine stimmigen Satzpassagen, wie es etwa in Island der Fall gewesen war (vgl. Beitrag 33). Ich wurde nicht emotional aufgerüttelt, in hellen Aufruhr versetzt. Spirituelle Erweckungen blieben aus, die Liebe fern (es war ja immerhin Valentinstag unterwegs; eine Big party in Uganda!, Big party, wie gewöhnlich, ohne mich). Ich hatte von wilden Tieren getagträumt, von Gänsehautbegegnungen in unbezwungener Natur, vielleicht doch der schwarze Leopard, der Waldelefant… Nun, ein paar vorüberflügelnde Schmetterlinge, blaue, orangefarbene; eine weiße Nacktschnecke mit kammartigem Auswuchs auf dem Rücken; Kolobusaffen im fernen Gegenlicht, Meerkatzen im Bambusdickicht, schillernde Kolobris, himbeerrotbäuchige Vögel, das schon, ja. Aber nichts, was einer neugierigen, kontaktfreudigen Ginsterkatze (vgl. Beitrag 30) gleich käme. Einem blasenblubbernden Seelöwen (vgl. Beitrag XXX). Einem unvermuteten Tigergrollen (vgl. Beitrag 293). Keine donnerrührenden Tattootexte auf Unterarmen (vgl. Beitrag 7), nichts davon, ach weh!</p>
<p>Ich stelle mich an wie ein Volltrottel, rutsche aus, schlingere, benutze zum Abstieg die Popotechnik, greife nach helfenden Armen, klammere mich fest an Mitwanderern, werde teilweise die irre hohen Absätze hinaufgelüpft, puh!, Monzino hätte sich den Bauch gehalten vor Lachen, oder er hätte verächtlich ausgespuckt – sicherlich ist er <em>seinem</em> Idol, dem Grafen der Abruzzen, würdevoller gefolgt. Aber ich muß sagen, ich bin wahrhaftig stolz darauf, mir nichts getan zu haben, zumal uns zu Ohren gekommen ist, daß just ein Tag vor Beginn unserer Tour ein sportlicher fitter versierter junger Bergsteiger aus Österreich sich kompliziert das Bein gebrochen hatte und von einer Hilfsmannschaft evakuiert werden mußte – ähm, das spornt wirklich an… Mein Mantra lautete also: <em>Nichts brechen nichts brechen nichts brechen nichts brechen nichts brechen…! </em>Heldenhaft war meine Leistung trotzdem nicht.</p>
<p>Andere Helden hatten ja im übrigen in der Isarphilharmonie einen Auftritt, genau während meines Uganda-Aufenthaltes, ich sah Werbung dafür, als ich seidengewandet-feminin-glitzernd im Hélène Grimaud Konzert zu Gast war. Helden, die mich des Stalking bezichtigt hatten, indirekt, wo ein schlichtes (Mut erforderndes) <em>Laura, wach auf! </em>gereicht hätte; Helden, die Weltrettung mit reißerischer Aufmachung und Merchandising verknüpfen. Och, ich hätte mir das angekuckt – schon allein, um herauszufinden, ob er mir die Polizei auf den Hals gehetzt hätte… Den rebellischen Schalk kann ich nicht abschütteln, ich grinse gerade von einem Ohr zum anderen, mich königlich über die Vorstellung amüsierend. Jack Johnson (neue Dauerschleife, ja, ich höre altmodiscch CDs, und zwar ausschließlich) singt: <em>It´s funny how blind/ All these dreams can be/ It seems like they look/ Off too far/ But it´s good to be right here/ It´s good not to miss/ Too many chances/ To follow love. </em></p>
<p>Und nein, Lieber Held, keine Bange, damit bist nicht du gemeint, Laura ist lange keines deiner Groupies mehr; aber weißt du, es hat eine Zeit gegeben, da habe ich sehr an dich geglaubt.</p>
<p>Ob einmal jemand an mich glaubt?</p>
<p>Tief, tief unten blinken zwei hintereinander gestaffelte Seen in grauem Blau. Hinter mir ragt schroff und abweisend ein Gebirge auf, kahl und nüchtern, und darauf klebt winzig klein ein Grat, beinahe nicht zu erkennen, von dort komme ich her, ist das zu fassen, ich!, das tolpatschige bayerische Dorfmädel. Wege gibt es keine, der Kraft raubende Matsch ist Felsgrund gewichen, bewachsen von hüfthohen weißen Strohblumennestern, sternförmigen Grasbuckeln und drachenartigen Bäumen, die an gigantische Sukkulenten erinnern, der Stamm wie Palmen, die Kronen eher ein Büschel Agaven (Botaniker und Wissenschaftler verzeiht mir meine laienhafte Schilderung, die auf Unkenntnis fußt). Es ist nicht nur trocken, Nebel und Wind sind verschwunden, Sonne lacht nieder. Was man nicht in Worte kleiden kann, ist die ungeheure räumliche Weite, die sich in sämtliche Richtungen erstreckt, eine beruhigte Weite, ausgefegt von Menschen, keine Anzeichen von Besiedelung, von Bemächtigung und damit in gewisser Weise Grönlands Osten ähnlich (vgl. Beiträge 302-305), obwohl von der Vegetation völlig verschieden. Tausende der „Sukkulentenbäume“ in etlichen Größen und Altersstufen klammern sich in das Tal, Büsche sind schwer beladen von zerzaustem Flechtenwerk. Plötzlich steht Arthur Conan Doyle neben mir, wird Uganda zu Venezuela, befinde ich mich in einer urzeitlichen Welt, sodaß ich spontan Ausschau halte nach Raptoren und Flugsauriern, sie hätten mich nicht im mindesten überrascht (<em>Fehlten nur noch die Dinosaurier!</em>, rief auch eine andere Tourgängerin später an der Hütte aus – wir wanderten getrennt und trafen uns abends in den Unterkünften zum Essen und Nächtigen.). Unter uns die Seen schließen an weitere Gebirgszüge an, ringsum sind wir eingekesselt von solchen, schwere massive Steinkolosse, und <em>Das da!</em>, der Guide fuchtelt mit seinem Finger herum, <em>Das ist der Kongo</em>. Oh. Vor zwei Jahren waren Touristen von kongolesischer Miliz erschossen worden. Na, sind ja noch ein paar Kilometer.</p>
<p>Niedlich sind sie unbestreitbar, braun und kugelrund, die schwarzen Knopfaugen glänzen munter. Mäuse!, überstimmen sie mich, ganz klar Mäuse, sie sind zu Dritt und ich alleine mit meiner Meinung. Na, Meinung, ich <em>weiß</em> es, aber ich muß nicht mehr immer recht haben, Klappe halten, gut ist. Ratten, definitiv. Die Hütte, windschief, morsch und dunkel wie gehabt, liegt absolut traumhaft malerisch an einem der beiden Seen, direkt am Ufer, wo Angelikagewächse und Strohblumen blühen und das Wasser idyllisch glitzert – und eben die Nager herumwetzen, zufrieden fett gefressen von den Lagerabfällen. Ich für meinen Teil habe eine Matratze im oberen Stockteil der Unterkunft gewählt, obwohl das umständlich ist, wenn man zur Toilette – dem obligatorisch weit entfernten Plumpsklo – muß, habe den oberen Teil gewählt, weil ich mich auskenne mit Ratten (auf Reisen). Die hier waren so gemütlich und dick, die wären zu faul, hochzukraxeln. Sie fragen wirklich den Guide, <em>Rats</em>, antwortet er schlicht. Sie fragen wiederholt, mehrfach. <em>Mice? – No, no, rats. </em>Ich könnte mich wegwerfen vor Lachen, schlucke mein Schmunzeln jedoch höflich runter. Am nächsten Morgen treten die anderen aufgeregt an mich heran, ich käme nicht darauf, was passiert sei, abends gerade am Einschlafen gewesen, da husche eines der Fellviecher über den Kopf!! – Sie hatten sich die unteren, bodengleichen Matratzen ausgesucht… Diesmal grölte ich lauthals los, ich fand das unendlich lustig! Nicht, daß mir wer Schadenfreude unterstellt, mich amüsierte die Situation einfach köstlich.</p>
<p>Wir spielten MauMau, zu viert, hatten es alle seit Ewigkeiten nicht getan. Ich konnte das noch ziemlich genau benennen, bei mir war es 17 Jahre her, denn es war das Kartenspiel gewesen, das einzige, das ich konnte, mit dem ich mir zusammen mit meiner Schwester die Zeit vertrieben hatte, und sie war 2009 gestorben. Die Sonne schien mild, warm und hell, auf einem Feuer abseits köchelte unser Abendessen vor sich hin (zubereitet von Begleitköchen), das Wasser des Sees schimmerte und funkelte (man kann das nicht oft genug betonen, weil Regenschwälle und Nebel sonst deutlich überwogen). Die Engelwurzstauden leuchteten hellgrün, die Berge lagen still. Wir legten ab, zogen neu, ärgerten uns über ungünstige Konstellationen und freuten uns diebisch, wenn wir gewannen. Ich hatte ewig keinen solchen Spaß. Es war nichts trauriges dabei, nichts trauriges am MauMau. Es war wie früher: unkompliziert, unbeschwert, neckisch, harmlos, witzig. Es vertrieb die Langeweile des Nichtstuns und verankerte uns am Nachtplatz, direkt am Seeufer, den Kongo in Reichweite (das Feuerholz stammte von dort, weil es im ugandischen Ruwenzori verboten war, gesammelt zu werden und im Kongo erlaubt). <em>Mau vergessen! Sieben Karten ziehen!, </em>krähte einer. <em>Och nee, so ein Mist!, </em>schmollte ein anderer, und dann wieherten vier deutsche Erwachsene lauthals los, vergnügt und leicht, während die Begleitmannschaft neugierig herüberlugte.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>310, Teil II: Herausforderung</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/310-teil-ii-herausforderung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 14:24:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Uganda, Februar 2026. Ich habe mich nicht verliebt. Ich habe mir nichts gebrochen. Ein Gespenst ist ausgeblieben. Ein paar der Fotos sind recht hübsch geraten, ein Seelenbild findet sich nicht darunter – außer vielleicht eines, ganz am Schluß aufgenommen, als die Reise quasi schon fast vorüber war, im Botanischen Garten von Entebbe, eher ein Arboretum,&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/310-teil-ii-herausforderung/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Uganda, Februar 2026.</p>
<p>Ich habe mich nicht verliebt. Ich habe mir nichts gebrochen. Ein Gespenst ist ausgeblieben. Ein paar der Fotos sind recht hübsch geraten, ein Seelenbild findet sich nicht darunter – außer vielleicht eines, ganz am Schluß aufgenommen, als die Reise quasi schon fast vorüber war, im Botanischen Garten von Entebbe, eher ein Arboretum, da es Beete und Rabatten entbehrte und eine Sammlung Bäume und Sträucher barg, darunter ein über dreihundert Jahre alter roter Mahagoni, und als Kuriosität Drehorte eines Tarzanfilmes der 50er Jahre… Äffchen wuselten durch Astgewirr, schwarze Ibisse stromerten über die weitläufigen Wiesen, die von Einheimischen als Picknickplatz aufgesucht wurden (es war gerade irgendein Feiertag). Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich die Blüte eines Kanonenkugelbaumes, fremdartig, groß, molluskenhaft-fleischig und lieblich duftend, ähnlich der in den Tempelkiosken Sri Lankas feilgebotenen Lotusse damals. Ein Guide führte uns durch das Areal, er war es, der die frisch abgefallene Blüte vom Rasenstück aufgehoben hatte, sie uns zu zeigen. Auf diese Weise entstand ein Foto, das mir vielleicht das klingendste geworden ist, ein Hochformat in Nahaufnahme, eine hübsch geformte schwarze Hand, die elegant die exotische Kanonenkugelbaumblüte in pastell-rosé-zart-orange vor der gärtnergrünen Livree hält, ja die Geste war wirklich anmutig. Leider habe ich es ein bißchen unterbelichtet, aber das läßt sich ja leicht beheben. Die Blüte hatte ich dann mit zur Unterkunft genommen, eingeschossige Bungalows, pittoresk eingebettet. Es war der Abreiseabend, ich drapierte die Blume zusammen mit dem Trinkgeld der Zimmermädchen auf das baumwollene Tischtuch; da der Flug erst Mitternacht erfolgte, begegneten wir den Putzfrauen noch. Daß ich etwas vergessen hätte, meinten sie freundlich, die Blüte wedelnd. Daß es ein Geschenk sei für die Damen, antwortete ich – ob man es glaubt oder nicht, die zwei freuten sich mehr über die Kanonenkugelbaumblüte als über das üppige Geldbündel (ich hatte sämtliche restliche ugandische Schilling dagelassen), was wiederum mich froh stimmte. Es ist ein armes Land, auf der neunstündigen Busfahrt in den Nationalpark hatte ich etliche Zeugnisse davon erhalten, und doch kann man dort eine geschenkte Blume schätzen; das hat mich bewegt.</p>
<p>Ich habe nur etwa ein Drittel des Trekkings überhaupt fotografiert, vielleicht sogar nur ein Viertel. Wenn es herabschüttete und man verpackt war in Regenhose, Regenjacke, Gamaschen, Rucksackschutz und Regenponcho, wenn es ins Gesicht lief und durch die angeblich wasserdichten Handschuhe durch, dann machte ich keine Bilder. Wenn ich mich mit Händen und Füßen den Berg hinaufhievte, stundenlang, Verrenkungen vollführend, die mir nur die langjährige Yogapraxis erlaubte, um überhaupt die Spalten und natürlichen Tritte zu erreichen, knipste ich nicht. Wenn es donnerte und schmerzhaft spitz auf einen niedergraupelte und der steile Pfad hinab sich nicht nur in eine Schlammlawine, sondern gleich in einen platschenden, dunkelbraunen Bach verwandelte, ließ ich den Apparat weggesteckt. Wenn ich mit viel zu großen, da vor Ort geliehenen billigen Gummistiefeln auf waagerechten, roh gezimmerten, glitschigen Holzleitern ohne Geländer stand, die es zu überwinden galt, dutzende hintereinander!, und man durch die knorrigen Sprossen den Wasserfall unter sich sah und die Abgründe von fünfzig Metern und mehr, stand mir nicht der Sinn nach einem Bild. Wenn wir durch den Matsch stapften, der wadenhoch war, zäh und widerborstig, ein Matsch, der den wie erwähnt zu großen Plastikschuh in die Tiefe sog, und man ihn unter Kraftakten und Schmatzen wieder nach oben reißen mußte, Schritt für Schritt, Stunde über Stunde, zuweilen die Hände gebrauchend, um den feststeckenden Schaft wieder freizuziehen, nahm ich nichts auf. In den primitiven, alten, dunklen, kalten Hütten, deren winzige Mehrbettzimmer oft einer jeden Lichtquelle entbehrten (weder Lampen noch Fenster aufwiesen), wo die Matratzen zerrissen, die Wände mit gekrakelten Schriftzügen verschmiert waren, und man rätselte, wo man sein Gepäck lassen solle, na, in diesen Hütten beschäftigte man sich eher mit der Frage der Mindesthygiene. Am vorletzten Trekkingtag legten wir derart viele Höhenmeter in solch kurzer Zeit zurück, daß die Kamera unter dem Temperaturunterschied kollabierte und patschnaß von Kondenswasser war! Da wollte ich den subtropischen Wald zwar eigentlich gerne fotografieren, mußte aber ewig warten, ehe der ausgekühlte Apparat sich akklimatisiert hatte. Dann gab es noch die Bohlenwege, die angeblich das Wandern erleichtern sollten, rutschige Dinger, als bewege man sich auf Eis, die Abstände zwischen den krumm geschlagenen Bretten unregelmäßig, sodaß man permanent zu Boden kuckte, damit der Fuß nicht in den Leerraum geriet und man stürzte – auf den Hinterkopf oder seitlich hinab vom Steg, der manchmal ein, zwei Meter hoch war. Von den nächtlichen Wagnissen (es dunkelte ab circa 18 Uhr) zum stets weit entfernten, wenig einladenden Plumpsklo, dessen Holzpodeste meist morsch und instabil waren, spreche ich nicht, und auch nicht von den Qualen, die mir eine nicht auskurierte Blasenentzündung bescherte. Alles in allem war es mir die mental und physisch schwerste Tour, die ich jemals unternommen habe, mich definitiv über meine Grenzen bringend, aber was soll man machen, man kann ja nicht mitten auf dem Berg sagen: <em>So, Schluß jetzt, ich geh heim!</em> Das Trekking dauerte sieben Tage, wir bewältigten lächerliche sechs oder fünf Kilometer pro Etappe, doch auf diesen über 1000 und mehr Höhenmeter hinweg – noch nie hatte ich ein Trekking, bei dem es fast ausschließlich streng bergauf oder bergab ging, ebene, flache Passagen existierten quasi nicht! Dazu die Höhe an sich, ab 2500 Metern etwa bemerkte ich das rascher schlagende Herz, die kürzere, heftigere Atmung, und bei 4500 Metern hechelte man wie ein Rennhund auf der Bahn… Fluchte ich unterwegs? Fluchte ich bei Regen, Graupel, Schlammbad, Anstrengung? Fluchte ich über das Gelände, die unpassenden Schuhe? Die deprimierenden Hütten und verdreckten „Toiletten“?  Die unausgewogenen Tage, die zur Hälfte aus Qual und Tortur bestanden und zur anderen aus Nichtstun und Langeweile? Denn nach fünf, sechs, sieben Stunden war es je überstanden. Dann hockte man bei Düsternis und Kälte untätig herum, mit anderen Teilnehmern plaudernd, Deutschen, Franzosen, einer Madagassin, sich entsetzlich langweilend, verzweifelnd an sinnfreier Untätigkeit, die nichts anheimelndes, behagliches hatte. Hm. Ich fluchte nicht, nie; ich ergab mich eher in die Situation. In das Kraxeln, Stolpern, Wanken, Rutschen, in schlechte Gerüche und allerlei Unbequemlichkeit; was ich nur bedauerte, neben den fehlenden Möglichkeiten, zu fotografieren, war der Umstand, daß man so wenig Muße hatte, die Landschaft zu betrachten, in sich aufzunehmen, darüber nachzudenken, sie zu genießen. Man war zu beschäftigt (bzw. die nächtlichen Unterkünfte ungünstig gelegen für weitere Streifzüge in die Natur). Einmal rauschte ein Adler vorüber – <em>Guido! </em> Einmal klebte an einem steilen, eingewachsenen, Nebel verhangenen Hang ein Red Decker (?), das argwöhnisch zu uns hinunterspähte – <em>Guido! </em>Und ganz zu Anfang, als die Sonne noch erstickend heiß gebrannt hatte, klaubte der Guide ein endemisches Dreihorn-Chamäleon (?) aus dem Gebüsch, zitronengelb und apfelgrün, das ich mir über den Arm staksen ließ, in gemächlichem Tempo, die putzigen Füßlein ausgreifend auf meiner Haut – <em>Guido!  </em></p>
<p>Was soll ich sagen. Es war natürlich nicht Guido Monzino, nichts davon. Es war einfach nur ein beschwerliches Trekking in einem sehr abgelegenen Winkel der Erde, der leider nicht abgeschieden genug war, denn der Wandel vollzog sich auch hier, direkt vor unseren Augen, es wurde Material geschleppt in Hundertschaften, arme Tagelöhner aus dem nahen Kasese, Männer, Frauen, die Leerrohre, Holzbohlen, Baumaterial in übermenschlicher Anstrengung schleppten, damit in Kürze weitere Bohlenwege entstehen könnten: leichter zu bewältigende Wege, mehr Touristen, größere Hütten, noch mehr Touristen etc., ein unguter Kreislauf, denn für diese kilometerlangen Stege wurden tatsächlich die uralten, langsam wachsenden Restbestände an Baumheide gefällt, paradoxer Irrsinn wie überall auf der Welt. Ich werfe den armen Leuten nichts vor, Tourismus bietet ihnen eine Lebensgrundlage. Aber meiner Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Unberührtheit, Naturtiefe und Einsamkeit herrlichster Ausprägung lief das zuwider. Fluchte ich? Nein. War ich besonders glücklich, von erhabenen Gefühlen überwältigt? Ebensowenig. Das Ruwenzori hatte, im Gegensatz zu mir, sein Versprechen nicht gehalten. Der Geist war ausgeblieben.</p>
<p>Der Beitrag <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu/310-teil-ii-herausforderung/">310, Teil II: Herausforderung</a> erschien zuerst auf <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu">Kunstfotografie Between Silence</a>.</p>
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			</item>
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		<title>309, Teil I: Das Kreischen der Eule</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/309-teil-i-das-kreischen-der-eule/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 14:22:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Januar 2026. Das auf der körnigen schwarz-weißen Abbildung ist eindeutig mein Teenager-Ich, pausbäckig lächelnd, die langen Haare noch zopflos getragen, in der Mitte akkurat gescheitelt; das Mädchen hockt im meterhohen Farngebüsch am Rande einer Gruppe, und jetzt bitte kommt es, fressender Gorillas. Das Foto gehört zu einem Artikel, der in reißerisch fetten Lettern tönt:&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/309-teil-i-das-kreischen-der-eule/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Januar 2026.</p>
<p>Das auf der körnigen schwarz-weißen Abbildung ist eindeutig mein Teenager-Ich, pausbäckig lächelnd, die langen Haare noch zopflos getragen, in der Mitte akkurat gescheitelt; das Mädchen hockt im meterhohen Farngebüsch am Rande einer Gruppe, und jetzt bitte kommt es, fressender Gorillas. Das Foto gehört zu einem Artikel, der in reißerisch fetten Lettern tönt: <em>Sensation! 14jährige darf Forschungsexpedition begleiten!</em> &#8211; Die Erinnerung bereitet mir ein seelenvolles Schmunzeln. Es handelt sich um ein Kunstprojekt der achten Klasse, bei der man mittels Papierfoto, Zeitschriftenmaterial und Kopiergerät eine Montage freien Themas zu erstellen hatte. Die meine ist mir, ohne anzugeben, wirklich nett gelungen, die Proportionen stimmen, und durch die allgemein mäßige Bildqualität fällt die Schummelei optisch gar nicht auf. Wie ich auf die Idee mit den Gorillas gekommen bin, entzieht sich meiner Kenntnis, aber wissenschaftliches, abenteuerliches Reisen scheint mich früh fasziniert zu haben.</p>
<p>Ich hebe den Kopf, scheinbar grundlos, um für wenige Sekunden einen Blick zu erhaschen auf den großen weißen Vogel, der den altbacken gefliesten, halb offen konzipierten Hotelflur entlangfliegt hinaus in die Gartenanlage. Eine Eule! Mein Reisepartner hat sie nicht bemerkt. Später werde ich auf der Schwelle zu meinem Zimmer – und nur dort! – eine einzelne flaumweiche, persilreine Feder vorfinden, fluffig, im Windhauch des Durchzuges zitternd. <em>Guido!</em>, flüstere ich leise und lächle.</p>
<p>Bis zu gewissem Grade mag ich das Okkulte, die harmlose, fantasievolle Variante davon, wie sie in den Zwanziger und Dreißiger Jahren beliebt war und bei Agatha Christie häufiger Erwähnung findet, deren messerscharf verständige, brillierender Poirot an Sitzungen mit Geisterscheinungen glaubt, an Séancen teilnimmt… Nicht das Satanische, Bösartige meine ich, auch kein Vodoo oder Schadenszauber, nichts davon. Eher eine Brücke im Raum-Zeit-Gefüge, ein Sehnen nach Unmöglichkeiten, Wiederbegegnungen, der Wunsch, nicht ganz allein zu sein, isoliert. Sich beschützt wissen, von wem immer, vage hoffend, daß der Kontakt nicht komplett abgerissen ist durch den Tod. Das Hingeben an faszinierte Gänsehautmomente, ein zartes Träumen hinein in ein Was-wäre-wenn, so wie man, ist man frisch aber unerwidert verliebt, sich glückvolle Geschichten ersinnt mit dem Angebeteten, so etwas.</p>
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<p>Comer See, Mai 2023.</p>
<p>Sein eigens errichtetes Studio befand sich an der herrlichsten Stelle der kleinen Privatinsel, die spektakuläre Ausblicke bot auf den Comer See. Die hunderte Bücher in den Regalen dort hatte er eigenhändig akkurat in feines Leder gebunden; auf dem ausladenden Tisch pflegte er Landkarten zu studieren, mit denen er seine aufwendigen, teuren Expeditionen in oft unberührte Gefilde plante, mit besonderer Passion nach Grönland. Er hatte aber selbst ein Vorbild, den Grafen der Abruzzen, und dieser war bereits 1912 in einen entlegenen, ursprünglichen Bergsumpf mit endemischer Vegetation und Fauna gereist, schwarze Leoparden etwa oder Riesenlobelien. Diesem Helden war er mit Dekaden Abstand nachgefolgt, in den 1960er Jahren weiterhin ohne nennenswerte Erleichterung durch schützende, praktische, leichte Synthetikfaser oder GPS, etc. Ein unvorstellbarer Kraftakt! So ist Guido Monzino bedauerlicherweise auch früh einem Herzinfarkt erlegen.</p>
<p>Unser Guide erklärte gerade irgendeine architektonische Besonderheit im Inneren der gediegenen, geschmackvoll eingerichteten Villa, als sich seitlich neben uns lautlos die tapezierte Wand öffnete, eine unsichtbare Geheimtüre preisgebend. Manche schraken gewaltig zusammen, als zeitgleich ein Mann heraustrat, <em>Buh! </em>rufend. Er lachte beschwichtigend, <em>er </em>sei kein Gespenst, obwohl es hier eines gebe, ganz sicher, es sei häufiger gehört und gesichtet worden… Nein, er sei nur der Hausmeister! Ich glaube, weshalb einige derart geängstigt worden waren, hatte mit dieser unleugbaren Präsenz zu tun, die über den Räumen hing, eine namenlose Energie und Anwesenheit. Der einstige Supermarkterbe und Multimillionär hatte seinen Besitz am Comer See dem italienischen Staat vermacht mit der Auflage, Gebäude, Gärten, Anlage unverändert zu belassen und seine Kunstsammlung – Artefakte etwa der Inuit oder präkolumbinische Objekte – der Öffentlichkeit zugänglich zu machen; auf seinem Arbeitsplatz wartete die letzte, bereits angebrochene Schachtel Zigaretten darauf, aufgebraucht zu werden, und das seit Dekaden…</p>
<p>Ein mutiger, tatkräftiger Mann mit Forscherdrang und Kunstverstand, klar, das ist etwas für mich. Im Dachgeschoß waren unzählige Expeditionsgegenstände und Ausrüstungsteile präsentiert, darunter ganze Schlitten, und an den Wänden hingen feinfühlige  Fotos des Hausherren, keine Poserbilder, sondern freundliche Portraits lokaler Helfer und Begleiter, Aufnahmen auf Augenhöhe voller Respekt, was mich am meisten beeindruckte im Kontext  aktueller Protzerei und narzisstischer Zurschaustellung.</p>
<p>Ich stromerte durch den hügeligen Park, dem Weg folgend, der sich steil hinabwand zur winzigen Hafenpier; überhaupt war das Anwesen klein im Verhältnis zu den Besucherströmen, kaum fähig, diese aufzunehmen (vor Monzinos Kauf war es tatsächlich ein verlassenes Mönchskonvent gewesen, also ein eher isolierter, in sich gekehrter Ort). Da es regnete, war es nicht ganz so voll wie üblich, aber es reichte. Es troff von den bunten Schirmen der Leute und war relativ kühl. Meine Füße gingen wie von selbst, ich ließ mich treiben. Irgendwann stand ich vor einem urigen, niedlichen gemauerten Bau, eine Seite vergittert. Ich trat heran, spähte durch das Metallraster und staunte, weil ich nicht damit gerechnet hatte, daß sich eine Art Höhlung tief nach unten eröffnen würde. Im düsteren Halbdämmer breitete sich eine Stille aus, die eigentümlich sprechend war, angenehm und singend. Bilde ich mir die Kerzenflamme nachträglich ein? Die Erinnerung zeigt sich vage, verschwommen. Aber ich weiß noch, wie mich das Rieseln überkam, andächtig, berührend, als ich begriff, daß es sich um eine Gruft handelte. Völlig allein, allen Menschen enthoben, ohne die Nähe zu Freunden, Familie, Zeitgenossen ruhte dort unter einer schweren Steinplatte der unverheiratet gebliebene Monzino. Es war sein Wunsch gewesen. Eine Woge des Mitgefühls überkam mich, ich war aufgebracht und bis ins Mark berührt – ich hatte diesen Menschen doch nie kennengelernt, ja, bis vor zwei Stunden nicht einmal dessen Existenz erahnt, und nun verharrte ich am Gruftzugang wie eine trauernde Angehörige, verrrückt! Es war wohl der Moment, in dem ich ins Ruwenzori gerufen worden bin. Guido hat mich dorthin geschickt – knapp drei Jahre später bin ich dem Ruf gefolgt.</p>
<p>Die Feder hatte ich zwar aufgehoben, aber im Zimmer zurückgelassen. Keine magischen Gegenstände! Wer weiß, was sie entfesseln… Die Eule schrie verborgen im knorrigen Baum vor meinem Balkon, die gesamte Nacht über. <em>Auf!, </em>schrie sie rau und klagend, fast kojotengleich, <em>Auf ins Abenteuer!</em></p>
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