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	<title>Kunstfotografie Between Silence</title>
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	<description>Laura Burggraf  - Fotografie </description>
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	<title>Kunstfotografie Between Silence</title>
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		<title>312 Ein Lächeln für Montana</title>
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		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Mar 2026 11:44:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, März 2026. Den Flughafen München kenne ich ja ganz gut mittlerweile; eigentlich hatte ich es mir angewöhnt, mich etwas schicker herzurichten, wenn ich mich dort aufhalte, es sei denn, es ging gerade ins Bergdschungelabenteuer. Auch meine Eltern sind reisefreudig, ich hole sie regelmäßig ab, wie auch an jenem Abend ein paar Jahre zuvor. Ausnahmsweise&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/312-2/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, März 2026.</p>
<p>Den Flughafen München kenne ich ja ganz gut mittlerweile; eigentlich hatte ich es mir angewöhnt, mich etwas schicker herzurichten, wenn ich mich dort aufhalte, es sei denn, es ging gerade ins Bergdschungelabenteuer. Auch meine Eltern sind reisefreudig, ich hole sie regelmäßig ab, wie auch an jenem Abend ein paar Jahre zuvor. Ausnahmsweise schlampte ich, blieb in Jeans und locker sitzendem hellblauen Shirt mit Raglanärmeln, schlüpfte in die ausgelatschten Turnschuhe, die für das Waldgassi reserviert sind üblich, überhauchte mich rasch mit etwas Make-Up, strich mir den Zopf zurecht, fertig, schnappte mir den Hund und fuhr los. Schon im Eingangsbereich des Ganges vom Parkplatz zum Terminal Zwei bereute ich es, geschludert zu haben, mittlerweile fühle ich mich heimisch im sportlich-eleganten Look, Betonung auf elegant, aber es war wenig los, also egal. Das Licht beleuchtete das Warteareal klinisch hell, ich war wie stets viel zu früh dran und verbrachte folglich etliche Zeit mit Beobachten. Eltern, Partner (vgl. Beitrag 286), Chauffeure mit den Namen der Gäste auf Pappschildern, Geschäftsleute, ganze Gruppen an Freunden, an denen Luftballons befestigt waren, fröhlich bunte Kugeln und Herzen, die aufgeregt-gespannt ausharrten, nicht ergeben-gelangweilt wie ich. Montana hockte brav zu meinen Füßen, sie auch ist mittlerweile ein alter Hase und wußte, was auf sie zukommen würde. Mein Hund genoß die Atmosphäre, das Treiben und Trudeln, Rollen der Koffer, die Jubelschreie und sachlichen Handschläge. Gelegentlich reizte es sie, andere Hunde anzustänkern, soll heißen: ich wartete, Montana wartete, die Zeit dehnte sich ereignislos aus. Die gläsernen Schiebetüren öffneten sich zum hundertsten Mal.</p>
<p>Er war atemberaubend gut gekleidet, wirklich umwerfend, trug ein Lederensemble, eng anliegend, lässig, perfekt auf den athletischen Leib geschneidert. Sein Gepäck ähnelte eher einem perfekt abgestimmten Accessoire, alles war Understatement, geschmackvoll. Die Haltung kerzengerade, er hatte sie, DIE <em>Attitude</em>… Wow! Er steuerte – meiner mittigen Position geschuldet – direkt auf mich zu, Montana betrachtend, lächelnd, in sich gekehrt lächelnd, jemand, der sich über den Anblick des roten Boston Terriers freute. Dann glitt sein Blick nach oben hin zu meinen Augen; ich hielt ihm kurz stand, ihm verratend, daß ich ihn erkannt hatte. Und dann – dafür könnte ich mich ohrfeigen!! – übernahm mein Stolz das Ruder: daß ich ihm nicht entgegensabbern würde, sondern cool bleiben, selbstsicher, und ich wandte den Blick ab, wieder hin zu den Schiebetüren, die mich absolut null interessierten. Ich zwang mich, mich nicht umzudrehen. Nicht sofort jedenfalls, und ich verfluchte mich dafür, dieses verlotterte Alltagsoutfit gewählt zu haben, wo mein Kleiderschrank barst vor sensationellen Teilen! Keine einprägsamen Schmucksachen, kein roter Lippenstift, verdammt, so blöd, Laura… Ich wandte mich natürlich sehr wohl um, langsam, wie zufällig, und zu meiner Überraschung war er noch nicht verschwunden, sondern stand vor der nahen Bäckerei, Filiale einer lokalen Kette, und ich fand es irgendwie sympathisch, daß er sich dort etwas holen würde, eine Brez´n oder einen Kaffee, was immer; und etwas später noch wagte ich die klitzekleine absurde Idee, er habe vielleicht Zeit schinden wollen, damit ich doch noch reagierte irgendwie, und Laura, du doofe Ziege, warum hast du denn nicht…? Nein, du hast einen auf Lady gemacht und auf die Schiebetüren gestiert, als würden sie demnächst deinen Prinzen, deinen Gatten preisgeben, dabei waren es nur die Eltern… &#8211; In seinen Augen nämlich, da hatte etwas gelegen, etwas, das ich hätte ergreifen können, sollen, wollen, müssen, dürfen, eine Einladung zu einem Wort oder mehreren. Was mich anfixte, das war nicht sein Bekanntheitsgrad und auch nicht unbedingt das unmittelbare Aussehen, es war etwas um ihn herum, eine unfaßbare Ausstrahlung, eine Wärme und gesunde, starke, tiefe Präsenz, wie eine Aura, die ihn umgab und die sich für ein paar Sekunden überschnitt mit der meinen. Daß er meinen Hund angelächelt hatte, das wäre doch ein unverfänglicher Door Opener gewesen, aber ich schwieg, auch aus Unsicherheit, der falschen Klamotten wegen und weil ich mich nicht messen lassen könnte mit all den Models und Berühmtheiten, die er getroffen, mit denen er gearbeitet hatte. Ich wollte kein Groupie sein, kein Fan, keine Bewunderin, weshalb ich einen auf arrogant-gleichgültig machte, während es in mir loderte und wogte. Ich habe die Begebenheit gedanklich begraben, keinem davon erzählt; mein kleines Stückchen für die innere Schatzkiste. Aber seit zwei, drei Tagen drängt es mich, davon im Blog zu berichten, und ich wunderte mich über die Vehemenz dieses Verlangens. Ich recherchierte ein bißchen über ihn, als innere Basis für diesen Beitrag; neben widersprüchlichsten Informationen zum geheim gehüteten Privatleben, kristallisierte sich heraus, daß der 21. oder 22. März höchstwahrscheinlich sein Geburtsdatum sei. Happy Birthday Thomas Hayo!</p>
<p>Kein Blog ohne Selbstenthüllung. Gelegentlich tagträume ich davon, wie sich dieses zufällige Treffen am Münchner Flughafen hätte anders gestalten können, zu meinen Gunsten versteht sich, ich entspinne humorvoll-geistreiche Dialoge voller Esprit und Anziehungskraft, ja, Leser, so schaut es aus, eine erwachsene Frau im frühen mittleren Alter tagträumt von Thomas Hayo (oder Steve McCurry oder…), <em>ridicule! </em>Worauf ich dabei hinauswill: ich fantasiere mich nicht als verführerische Superwoman, die entdeckt wird (ich finde mich eher maßvoll, d.h. eigentlich gar nicht hübsch), stelle mir keine explosionsartige Karriere als veröffentlichte Buchautorin vor (den plötzlichen Bekanntheitsgrad eines Celebritys nutzend), sehe mich nicht auf Partys mit Familie Schnabel, Heidi Klum, Rhianna oder im Blitzlichtgewitter. Weißt du, was ich mir stattdessen in meinem Kopf zusammenspinne?</p>
<p>Gespräche. Echte, volle Gespräche, abwechslungsreich, über die Dinge, die mich gerade beschäftigen, fern aller Plattitüden und Klischees, ohne Floskeln oder Angst, das Gegenüber mißbrauche mein Vertrauen, indem es später über mich lästert. Gespräche, deren Themen sich ständig wandeln würden, weil mich permanent alles mögliche umtreibt, und die dennoch zusammengehalten würden von einer gewissen Stringenz. Nehmen wir den Input der letzten beiden Wochen als Beispiel: die Biografien der Schriftstellerinnen Margaret Atwood und Patricia Highsmith, Jack Johnsons CD <em>Meet the Moonlight</em>, Dokumentationen über K-Pop, die Geschichte der Fahrstuhlmusik (Muzak), architektonische Randzonen wie Dächer, Balkone, unterirdische Flächen (hier als Exempel erwähnt: in Helsinki existiert weltweit einzigartig ein komplett unterirdisches System, das in Friedenszeiten genutzt wird als Versorgungstunnel und Logistikzentrum, als Einkaufsmöglichkeiten bei Schlechtwetter, als Schwimmhalle und Parkplatz etc., im Kriegs- oder atomaren Katastrophenfall aber garantiert, daß jeder der über 600.000 Einwohner einen Safe Space im Bunker bekommt – logisch, daß Helsinki jetzt ganz oben auf meiner Wunschliste an Städtetouren steht!), die Sendung über Käthe Kruse (was eine emanzipierte Geschäftsfrau!), der Bildband über Betonbauten, die Aufnahmen alle vom Autor analog geschossen, und ein zweiter über moderne japanische Gartenarchitektur, der Besuch der Ocean Film Tour Vol. 12 in der Alten Kongresshalle München (mein Favorit der Beitrag über einen Ex-Häftling und Vietnamveteranen, der Freundschaft mit Mantarochen geschlossen hat über Dekaden hinweg) und so weiter und so fort, dies nur eine kleine Auswahl an Dingen, die mich im vergangenen halben Monat bewegt, berührt, beschäftigt haben und über die es mich auszutauschen drängt, eine ungestillte Sehnsucht, weil ich niemanden habe, niemanden weit und breit, der ähnlich hungrig, neugierig, aufgeschlossen, süchtig nach der Welt und ihren Geschichten ist wie ich. Ich erwähle mir also die Figur des Thomas Hayo, eines fleißigen, zielgerichteten, kreativen, erfolgreichen Mannes (einige Kampagnen, die er als Creative Director verantwortet hat, wurden in die Sammlung des MOMA aufgenommen!), eines sympathischen, charismatischen Mannes, wie ich flüchtig bestätigen kann, ich wähle mir Hayo aus, um mit ihm zu <u>sprechen</u>, mal während eines Spazierganges, mal im Restaurant, Café, in einer Ausstellung, im Kino, Orte, die ich kenne und mag, die zu mir gehören, zu meiner Persönlichkeit; ich bin dann nicht mehr allein, lila seiden, aufwendig frisiert und geschminkt im klassischen Konzert und nippe völlig ignoriert vom Rest des Planeten verloren an meinem Gläschen Rosésekt, nein, ich habe jemanden an meiner Seite, von dem ich behaupte, er interessiere sich für mich, für meine Themen, verstehe sie. Wir unterhielten uns über Cyanotypie und Gregor Törzs´ Referenzen auf Hans Hass in seiner Ultramarine Serie, über Trägerpapiere und Printtechniken digitaler und manueller Art, über künstlerische Veredelung eines Blattes, Komposition und Licht, unterhielten uns über Langlang, Ray Chen, Kit Armstrong, Hélène Grimaud, Anne-Sophie Mutter, Kent Nagano, Schostakowitsch, John Neumeier und Jürgen Rose, Pina Pausch und Josephine Baker, die Düfte Serge Lutens und Dries van Notens, wir hörten CDs und Schallplatten, abgespielt von qualitativ guten Anlagen und diskutierten Texte, Melodien, Rhythmen. Ich zeigte ihm mein momentanes Lieblingslied, Jack Johnsons <em>One Step Ahead</em>, wir gingen gemeinsam zum Felix Klieser Konzert, zum Patrick Michael Kelly Konzert (beide im April), zum Weimarer Open Air Festival, Schiller, Asaf Avidan (Juni).</p>
<p>Kein Mensch weiß, wer ich bin, weil niemand (meines Umfeldes) diese Fülle an Ideen, Sehnsüchten, Inputdurst hat wie ich. Ach, und wenn man seinen Kopf, den stets übervollen, dann einmal anlehnen könnte, sacht und unkompliziert, an eine Schulter und jemand einem über das Haar streicheln würde, die Wange, mein Gott, das wäre das Paradies auf Erden! &#8211; und ist, wie der göttliche Himmel auch, in meinem Leben unerreichbar. Ich tanze alleine in meiner Wohnung, renoviere sie alleine, stelle Farben zusammen, arrangiere Kunst neu, buche Konzerte, lese, sehe Dokus, schreibe, fotografiere (ja, auch das noch, aktuell Polaroids), tanze, tanze, tanze, stelle es ganz laut, überlaut, <em>One Step Ahead</em>, tanze allein, tanze mit Thomas Hayo, einem intellektuellen charismatischen nichtexistenten Fantom, tanze, verbeiße mich in Lebensfreude, Lebenslust, trotz dieser kompletten, allumfassenden Vereinzelung, Isolation, und Thomas Hayo, nichts ahnend, sich nicht erinnernd an das Münchner Mädel in hellblauem Raglanpulli mit rotem Boston Terrier, ausgerechnet Thomas Hayo weiß als einziges Wesen, <em>wer</em> ich bin, <em>was</em> ich bin, und ich tanze eingehüllt in <em>Chestnut Silk</em>, tanze</p>
<p>One Step Ahead</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>311, Teil III: Anti-Heldin &#8211; schon wieder</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/311-teil-iii-anti-heldin-schon-wieder/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 14:26:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Uganda, Februar 2026. Steckt man in einer Krise, verblasst sie nicht, indem man einen Flieger besteigt, mehrere tausend Kilometer zurücklegend, sich in einen Bus hockt, der einen über nervenaufreibend mühsame Rumpelstraßen an den Fuß eines Bergwaldes bringt. Nö. &#8211; Meine Krise besteht darin, daß viele kleine Einzelwahlen, durchaus freiwillig und in bester Absicht vorgenommen, in&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/311-teil-iii-anti-heldin-schon-wieder/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Uganda, Februar 2026.</p>
<p>Steckt man in einer Krise, verblasst sie nicht, indem man einen Flieger besteigt, mehrere tausend Kilometer zurücklegend, sich in einen Bus hockt, der einen über nervenaufreibend mühsame Rumpelstraßen an den Fuß eines Bergwaldes bringt. Nö. &#8211; Meine Krise besteht darin, daß viele kleine Einzelwahlen, durchaus freiwillig und in bester Absicht vorgenommen, in einer Sackgassen ähnlichen Situation gemündet sind, die als solche jedenfalls ganz und gar nicht selbstgewählt, ausgesucht wurde, ein riesiges Mischdings aus Ausrufe- und Fragezeichen, von anderen kommentiert mit: „Das hast du doch so gewollt!“, eine garstige, oberflächliche Simplifizierung komplexer Prozesse; eine Krise macht einen blind für Richtungen wie für Lichtungen.</p>
<p>Was mir gefehlt hat während meines Aufenthaltes im Ruwenzori, war die Poesie, das lyrische Zittern. Mich überkam nicht plötzlich die Handlung einer neuen Kurzgeschichte, es erschienen keine stimmigen Satzpassagen, wie es etwa in Island der Fall gewesen war (vgl. Beitrag 33). Ich wurde nicht emotional aufgerüttelt, in hellen Aufruhr versetzt. Spirituelle Erweckungen blieben aus, die Liebe fern (es war ja immerhin Valentinstag unterwegs; eine Big party in Uganda!, Big party, wie gewöhnlich, ohne mich). Ich hatte von wilden Tieren getagträumt, von Gänsehautbegegnungen in unbezwungener Natur, vielleicht doch der schwarze Leopard, der Waldelefant… Nun, ein paar vorüberflügelnde Schmetterlinge, blaue, orangefarbene; eine weiße Nacktschnecke mit kammartigem Auswuchs auf dem Rücken; Kolobusaffen im fernen Gegenlicht, Meerkatzen im Bambusdickicht, schillernde Kolobris, himbeerrotbäuchige Vögel, das schon, ja. Aber nichts, was einer neugierigen, kontaktfreudigen Ginsterkatze (vgl. Beitrag 30) gleich käme. Einem blasenblubbernden Seelöwen (vgl. Beitrag XXX). Einem unvermuteten Tigergrollen (vgl. Beitrag 293). Keine donnerrührenden Tattootexte auf Unterarmen (vgl. Beitrag 7), nichts davon, ach weh!</p>
<p>Ich stelle mich an wie ein Volltrottel, rutsche aus, schlingere, benutze zum Abstieg die Popotechnik, greife nach helfenden Armen, klammere mich fest an Mitwanderern, werde teilweise die irre hohen Absätze hinaufgelüpft, puh!, Monzino hätte sich den Bauch gehalten vor Lachen, oder er hätte verächtlich ausgespuckt – sicherlich ist er <em>seinem</em> Idol, dem Grafen der Abruzzen, würdevoller gefolgt. Aber ich muß sagen, ich bin wahrhaftig stolz darauf, mir nichts getan zu haben, zumal uns zu Ohren gekommen ist, daß just ein Tag vor Beginn unserer Tour ein sportlicher fitter versierter junger Bergsteiger aus Österreich sich kompliziert das Bein gebrochen hatte und von einer Hilfsmannschaft evakuiert werden mußte – ähm, das spornt wirklich an… Mein Mantra lautete also: <em>Nichts brechen nichts brechen nichts brechen nichts brechen nichts brechen…! </em>Heldenhaft war meine Leistung trotzdem nicht.</p>
<p>Andere Helden hatten ja im übrigen in der Isarphilharmonie einen Auftritt, genau während meines Uganda-Aufenthaltes, ich sah Werbung dafür, als ich seidengewandet-feminin-glitzernd im Hélène Grimaud Konzert zu Gast war. Helden, die mich des Stalking bezichtigt hatten, indirekt, wo ein schlichtes (Mut erforderndes) <em>Laura, wach auf! </em>gereicht hätte; Helden, die Weltrettung mit reißerischer Aufmachung und Merchandising verknüpfen. Och, ich hätte mir das angekuckt – schon allein, um herauszufinden, ob er mir die Polizei auf den Hals gehetzt hätte… Den rebellischen Schalk kann ich nicht abschütteln, ich grinse gerade von einem Ohr zum anderen, mich königlich über die Vorstellung amüsierend. Jack Johnson (neue Dauerschleife, ja, ich höre altmodiscch CDs, und zwar ausschließlich) singt: <em>It´s funny how blind/ All these dreams can be/ It seems like they look/ Off too far/ But it´s good to be right here/ It´s good not to miss/ Too many chances/ To follow love. </em></p>
<p>Und nein, Lieber Held, keine Bange, damit bist nicht du gemeint, Laura ist lange keines deiner Groupies mehr; aber weißt du, es hat eine Zeit gegeben, da habe ich sehr an dich geglaubt.</p>
<p>Ob einmal jemand an mich glaubt?</p>
<p>Tief, tief unten blinken zwei hintereinander gestaffelte Seen in grauem Blau. Hinter mir ragt schroff und abweisend ein Gebirge auf, kahl und nüchtern, und darauf klebt winzig klein ein Grat, beinahe nicht zu erkennen, von dort komme ich her, ist das zu fassen, ich!, das tolpatschige bayerische Dorfmädel. Wege gibt es keine, der Kraft raubende Matsch ist Felsgrund gewichen, bewachsen von hüfthohen weißen Strohblumennestern, sternförmigen Grasbuckeln und drachenartigen Bäumen, die an gigantische Sukkulenten erinnern, der Stamm wie Palmen, die Kronen eher ein Büschel Agaven (Botaniker und Wissenschaftler verzeiht mir meine laienhafte Schilderung, die auf Unkenntnis fußt). Es ist nicht nur trocken, Nebel und Wind sind verschwunden, Sonne lacht nieder. Was man nicht in Worte kleiden kann, ist die ungeheure räumliche Weite, die sich in sämtliche Richtungen erstreckt, eine beruhigte Weite, ausgefegt von Menschen, keine Anzeichen von Besiedelung, von Bemächtigung und damit in gewisser Weise Grönlands Osten ähnlich (vgl. Beiträge 302-305), obwohl von der Vegetation völlig verschieden. Tausende der „Sukkulentenbäume“ in etlichen Größen und Altersstufen klammern sich in das Tal, Büsche sind schwer beladen von zerzaustem Flechtenwerk. Plötzlich steht Arthur Conan Doyle neben mir, wird Uganda zu Venezuela, befinde ich mich in einer urzeitlichen Welt, sodaß ich spontan Ausschau halte nach Raptoren und Flugsauriern, sie hätten mich nicht im mindesten überrascht (<em>Fehlten nur noch die Dinosaurier!</em>, rief auch eine andere Tourgängerin später an der Hütte aus – wir wanderten getrennt und trafen uns abends in den Unterkünften zum Essen und Nächtigen.). Unter uns die Seen schließen an weitere Gebirgszüge an, ringsum sind wir eingekesselt von solchen, schwere massive Steinkolosse, und <em>Das da!</em>, der Guide fuchtelt mit seinem Finger herum, <em>Das ist der Kongo</em>. Oh. Vor zwei Jahren waren Touristen von kongolesischer Miliz erschossen worden. Na, sind ja noch ein paar Kilometer.</p>
<p>Niedlich sind sie unbestreitbar, braun und kugelrund, die schwarzen Knopfaugen glänzen munter. Mäuse!, überstimmen sie mich, ganz klar Mäuse, sie sind zu Dritt und ich alleine mit meiner Meinung. Na, Meinung, ich <em>weiß</em> es, aber ich muß nicht mehr immer recht haben, Klappe halten, gut ist. Ratten, definitiv. Die Hütte, windschief, morsch und dunkel wie gehabt, liegt absolut traumhaft malerisch an einem der beiden Seen, direkt am Ufer, wo Angelikagewächse und Strohblumen blühen und das Wasser idyllisch glitzert – und eben die Nager herumwetzen, zufrieden fett gefressen von den Lagerabfällen. Ich für meinen Teil habe eine Matratze im oberen Stockteil der Unterkunft gewählt, obwohl das umständlich ist, wenn man zur Toilette – dem obligatorisch weit entfernten Plumpsklo – muß, habe den oberen Teil gewählt, weil ich mich auskenne mit Ratten (auf Reisen). Die hier waren so gemütlich und dick, die wären zu faul, hochzukraxeln. Sie fragen wirklich den Guide, <em>Rats</em>, antwortet er schlicht. Sie fragen wiederholt, mehrfach. <em>Mice? – No, no, rats. </em>Ich könnte mich wegwerfen vor Lachen, schlucke mein Schmunzeln jedoch höflich runter. Am nächsten Morgen treten die anderen aufgeregt an mich heran, ich käme nicht darauf, was passiert sei, abends gerade am Einschlafen gewesen, da husche eines der Fellviecher über den Kopf!! – Sie hatten sich die unteren, bodengleichen Matratzen ausgesucht… Diesmal grölte ich lauthals los, ich fand das unendlich lustig! Nicht, daß mir wer Schadenfreude unterstellt, mich amüsierte die Situation einfach köstlich.</p>
<p>Wir spielten MauMau, zu viert, hatten es alle seit Ewigkeiten nicht getan. Ich konnte das noch ziemlich genau benennen, bei mir war es 17 Jahre her, denn es war das Kartenspiel gewesen, das einzige, das ich konnte, mit dem ich mir zusammen mit meiner Schwester die Zeit vertrieben hatte, und sie war 2009 gestorben. Die Sonne schien mild, warm und hell, auf einem Feuer abseits köchelte unser Abendessen vor sich hin (zubereitet von Begleitköchen), das Wasser des Sees schimmerte und funkelte (man kann das nicht oft genug betonen, weil Regenschwälle und Nebel sonst deutlich überwogen). Die Engelwurzstauden leuchteten hellgrün, die Berge lagen still. Wir legten ab, zogen neu, ärgerten uns über ungünstige Konstellationen und freuten uns diebisch, wenn wir gewannen. Ich hatte ewig keinen solchen Spaß. Es war nichts trauriges dabei, nichts trauriges am MauMau. Es war wie früher: unkompliziert, unbeschwert, neckisch, harmlos, witzig. Es vertrieb die Langeweile des Nichtstuns und verankerte uns am Nachtplatz, direkt am Seeufer, den Kongo in Reichweite (das Feuerholz stammte von dort, weil es im ugandischen Ruwenzori verboten war, gesammelt zu werden und im Kongo erlaubt). <em>Mau vergessen! Sieben Karten ziehen!, </em>krähte einer. <em>Och nee, so ein Mist!, </em>schmollte ein anderer, und dann wieherten vier deutsche Erwachsene lauthals los, vergnügt und leicht, während die Begleitmannschaft neugierig herüberlugte.</p>
<p>&nbsp;</p>
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			</item>
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		<title>310, Teil II: Herausforderung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 14:24:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Uganda, Februar 2026. Ich habe mich nicht verliebt. Ich habe mir nichts gebrochen. Ein Gespenst ist ausgeblieben. Ein paar der Fotos sind recht hübsch geraten, ein Seelenbild findet sich nicht darunter – außer vielleicht eines, ganz am Schluß aufgenommen, als die Reise quasi schon fast vorüber war, im Botanischen Garten von Entebbe, eher ein Arboretum,&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/310-teil-ii-herausforderung/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Uganda, Februar 2026.</p>
<p>Ich habe mich nicht verliebt. Ich habe mir nichts gebrochen. Ein Gespenst ist ausgeblieben. Ein paar der Fotos sind recht hübsch geraten, ein Seelenbild findet sich nicht darunter – außer vielleicht eines, ganz am Schluß aufgenommen, als die Reise quasi schon fast vorüber war, im Botanischen Garten von Entebbe, eher ein Arboretum, da es Beete und Rabatten entbehrte und eine Sammlung Bäume und Sträucher barg, darunter ein über dreihundert Jahre alter roter Mahagoni, und als Kuriosität Drehorte eines Tarzanfilmes der 50er Jahre… Äffchen wuselten durch Astgewirr, schwarze Ibisse stromerten über die weitläufigen Wiesen, die von Einheimischen als Picknickplatz aufgesucht wurden (es war gerade irgendein Feiertag). Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich die Blüte eines Kanonenkugelbaumes, fremdartig, groß, molluskenhaft-fleischig und lieblich duftend, ähnlich der in den Tempelkiosken Sri Lankas feilgebotenen Lotusse damals. Ein Guide führte uns durch das Areal, er war es, der die frisch abgefallene Blüte vom Rasenstück aufgehoben hatte, sie uns zu zeigen. Auf diese Weise entstand ein Foto, das mir vielleicht das klingendste geworden ist, ein Hochformat in Nahaufnahme, eine hübsch geformte schwarze Hand, die elegant die exotische Kanonenkugelbaumblüte in pastell-rosé-zart-orange vor der gärtnergrünen Livree hält, ja die Geste war wirklich anmutig. Leider habe ich es ein bißchen unterbelichtet, aber das läßt sich ja leicht beheben. Die Blüte hatte ich dann mit zur Unterkunft genommen, eingeschossige Bungalows, pittoresk eingebettet. Es war der Abreiseabend, ich drapierte die Blume zusammen mit dem Trinkgeld der Zimmermädchen auf das baumwollene Tischtuch; da der Flug erst Mitternacht erfolgte, begegneten wir den Putzfrauen noch. Daß ich etwas vergessen hätte, meinten sie freundlich, die Blüte wedelnd. Daß es ein Geschenk sei für die Damen, antwortete ich – ob man es glaubt oder nicht, die zwei freuten sich mehr über die Kanonenkugelbaumblüte als über das üppige Geldbündel (ich hatte sämtliche restliche ugandische Schilling dagelassen), was wiederum mich froh stimmte. Es ist ein armes Land, auf der neunstündigen Busfahrt in den Nationalpark hatte ich etliche Zeugnisse davon erhalten, und doch kann man dort eine geschenkte Blume schätzen; das hat mich bewegt.</p>
<p>Ich habe nur etwa ein Drittel des Trekkings überhaupt fotografiert, vielleicht sogar nur ein Viertel. Wenn es herabschüttete und man verpackt war in Regenhose, Regenjacke, Gamaschen, Rucksackschutz und Regenponcho, wenn es ins Gesicht lief und durch die angeblich wasserdichten Handschuhe durch, dann machte ich keine Bilder. Wenn ich mich mit Händen und Füßen den Berg hinaufhievte, stundenlang, Verrenkungen vollführend, die mir nur die langjährige Yogapraxis erlaubte, um überhaupt die Spalten und natürlichen Tritte zu erreichen, knipste ich nicht. Wenn es donnerte und schmerzhaft spitz auf einen niedergraupelte und der steile Pfad hinab sich nicht nur in eine Schlammlawine, sondern gleich in einen platschenden, dunkelbraunen Bach verwandelte, ließ ich den Apparat weggesteckt. Wenn ich mit viel zu großen, da vor Ort geliehenen billigen Gummistiefeln auf waagerechten, roh gezimmerten, glitschigen Holzleitern ohne Geländer stand, die es zu überwinden galt, dutzende hintereinander!, und man durch die knorrigen Sprossen den Wasserfall unter sich sah und die Abgründe von fünfzig Metern und mehr, stand mir nicht der Sinn nach einem Bild. Wenn wir durch den Matsch stapften, der wadenhoch war, zäh und widerborstig, ein Matsch, der den wie erwähnt zu großen Plastikschuh in die Tiefe sog, und man ihn unter Kraftakten und Schmatzen wieder nach oben reißen mußte, Schritt für Schritt, Stunde über Stunde, zuweilen die Hände gebrauchend, um den feststeckenden Schaft wieder freizuziehen, nahm ich nichts auf. In den primitiven, alten, dunklen, kalten Hütten, deren winzige Mehrbettzimmer oft einer jeden Lichtquelle entbehrten (weder Lampen noch Fenster aufwiesen), wo die Matratzen zerrissen, die Wände mit gekrakelten Schriftzügen verschmiert waren, und man rätselte, wo man sein Gepäck lassen solle, na, in diesen Hütten beschäftigte man sich eher mit der Frage der Mindesthygiene. Am vorletzten Trekkingtag legten wir derart viele Höhenmeter in solch kurzer Zeit zurück, daß die Kamera unter dem Temperaturunterschied kollabierte und patschnaß von Kondenswasser war! Da wollte ich den subtropischen Wald zwar eigentlich gerne fotografieren, mußte aber ewig warten, ehe der ausgekühlte Apparat sich akklimatisiert hatte. Dann gab es noch die Bohlenwege, die angeblich das Wandern erleichtern sollten, rutschige Dinger, als bewege man sich auf Eis, die Abstände zwischen den krumm geschlagenen Bretten unregelmäßig, sodaß man permanent zu Boden kuckte, damit der Fuß nicht in den Leerraum geriet und man stürzte – auf den Hinterkopf oder seitlich hinab vom Steg, der manchmal ein, zwei Meter hoch war. Von den nächtlichen Wagnissen (es dunkelte ab circa 18 Uhr) zum stets weit entfernten, wenig einladenden Plumpsklo, dessen Holzpodeste meist morsch und instabil waren, spreche ich nicht, und auch nicht von den Qualen, die mir eine nicht auskurierte Blasenentzündung bescherte. Alles in allem war es mir die mental und physisch schwerste Tour, die ich jemals unternommen habe, mich definitiv über meine Grenzen bringend, aber was soll man machen, man kann ja nicht mitten auf dem Berg sagen: <em>So, Schluß jetzt, ich geh heim!</em> Das Trekking dauerte sieben Tage, wir bewältigten lächerliche sechs oder fünf Kilometer pro Etappe, doch auf diesen über 1000 und mehr Höhenmeter hinweg – noch nie hatte ich ein Trekking, bei dem es fast ausschließlich streng bergauf oder bergab ging, ebene, flache Passagen existierten quasi nicht! Dazu die Höhe an sich, ab 2500 Metern etwa bemerkte ich das rascher schlagende Herz, die kürzere, heftigere Atmung, und bei 4500 Metern hechelte man wie ein Rennhund auf der Bahn… Fluchte ich unterwegs? Fluchte ich bei Regen, Graupel, Schlammbad, Anstrengung? Fluchte ich über das Gelände, die unpassenden Schuhe? Die deprimierenden Hütten und verdreckten „Toiletten“?  Die unausgewogenen Tage, die zur Hälfte aus Qual und Tortur bestanden und zur anderen aus Nichtstun und Langeweile? Denn nach fünf, sechs, sieben Stunden war es je überstanden. Dann hockte man bei Düsternis und Kälte untätig herum, mit anderen Teilnehmern plaudernd, Deutschen, Franzosen, einer Madagassin, sich entsetzlich langweilend, verzweifelnd an sinnfreier Untätigkeit, die nichts anheimelndes, behagliches hatte. Hm. Ich fluchte nicht, nie; ich ergab mich eher in die Situation. In das Kraxeln, Stolpern, Wanken, Rutschen, in schlechte Gerüche und allerlei Unbequemlichkeit; was ich nur bedauerte, neben den fehlenden Möglichkeiten, zu fotografieren, war der Umstand, daß man so wenig Muße hatte, die Landschaft zu betrachten, in sich aufzunehmen, darüber nachzudenken, sie zu genießen. Man war zu beschäftigt (bzw. die nächtlichen Unterkünfte ungünstig gelegen für weitere Streifzüge in die Natur). Einmal rauschte ein Adler vorüber – <em>Guido! </em> Einmal klebte an einem steilen, eingewachsenen, Nebel verhangenen Hang ein Red Decker (?), das argwöhnisch zu uns hinunterspähte – <em>Guido! </em>Und ganz zu Anfang, als die Sonne noch erstickend heiß gebrannt hatte, klaubte der Guide ein endemisches Dreihorn-Chamäleon (?) aus dem Gebüsch, zitronengelb und apfelgrün, das ich mir über den Arm staksen ließ, in gemächlichem Tempo, die putzigen Füßlein ausgreifend auf meiner Haut – <em>Guido!  </em></p>
<p>Was soll ich sagen. Es war natürlich nicht Guido Monzino, nichts davon. Es war einfach nur ein beschwerliches Trekking in einem sehr abgelegenen Winkel der Erde, der leider nicht abgeschieden genug war, denn der Wandel vollzog sich auch hier, direkt vor unseren Augen, es wurde Material geschleppt in Hundertschaften, arme Tagelöhner aus dem nahen Kasese, Männer, Frauen, die Leerrohre, Holzbohlen, Baumaterial in übermenschlicher Anstrengung schleppten, damit in Kürze weitere Bohlenwege entstehen könnten: leichter zu bewältigende Wege, mehr Touristen, größere Hütten, noch mehr Touristen etc., ein unguter Kreislauf, denn für diese kilometerlangen Stege wurden tatsächlich die uralten, langsam wachsenden Restbestände an Baumheide gefällt, paradoxer Irrsinn wie überall auf der Welt. Ich werfe den armen Leuten nichts vor, Tourismus bietet ihnen eine Lebensgrundlage. Aber meiner Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Unberührtheit, Naturtiefe und Einsamkeit herrlichster Ausprägung lief das zuwider. Fluchte ich? Nein. War ich besonders glücklich, von erhabenen Gefühlen überwältigt? Ebensowenig. Das Ruwenzori hatte, im Gegensatz zu mir, sein Versprechen nicht gehalten. Der Geist war ausgeblieben.</p>
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		<title>309, Teil I: Das Kreischen der Eule</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/309-teil-i-das-kreischen-der-eule/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 14:22:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Januar 2026. Das auf der körnigen schwarz-weißen Abbildung ist eindeutig mein Teenager-Ich, pausbäckig lächelnd, die langen Haare noch zopflos getragen, in der Mitte akkurat gescheitelt; das Mädchen hockt im meterhohen Farngebüsch am Rande einer Gruppe, und jetzt bitte kommt es, fressender Gorillas. Das Foto gehört zu einem Artikel, der in reißerisch fetten Lettern tönt:&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/309-teil-i-das-kreischen-der-eule/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Januar 2026.</p>
<p>Das auf der körnigen schwarz-weißen Abbildung ist eindeutig mein Teenager-Ich, pausbäckig lächelnd, die langen Haare noch zopflos getragen, in der Mitte akkurat gescheitelt; das Mädchen hockt im meterhohen Farngebüsch am Rande einer Gruppe, und jetzt bitte kommt es, fressender Gorillas. Das Foto gehört zu einem Artikel, der in reißerisch fetten Lettern tönt: <em>Sensation! 14jährige darf Forschungsexpedition begleiten!</em> &#8211; Die Erinnerung bereitet mir ein seelenvolles Schmunzeln. Es handelt sich um ein Kunstprojekt der achten Klasse, bei der man mittels Papierfoto, Zeitschriftenmaterial und Kopiergerät eine Montage freien Themas zu erstellen hatte. Die meine ist mir, ohne anzugeben, wirklich nett gelungen, die Proportionen stimmen, und durch die allgemein mäßige Bildqualität fällt die Schummelei optisch gar nicht auf. Wie ich auf die Idee mit den Gorillas gekommen bin, entzieht sich meiner Kenntnis, aber wissenschaftliches, abenteuerliches Reisen scheint mich früh fasziniert zu haben.</p>
<p>Ich hebe den Kopf, scheinbar grundlos, um für wenige Sekunden einen Blick zu erhaschen auf den großen weißen Vogel, der den altbacken gefliesten, halb offen konzipierten Hotelflur entlangfliegt hinaus in die Gartenanlage. Eine Eule! Mein Reisepartner hat sie nicht bemerkt. Später werde ich auf der Schwelle zu meinem Zimmer – und nur dort! – eine einzelne flaumweiche, persilreine Feder vorfinden, fluffig, im Windhauch des Durchzuges zitternd. <em>Guido!</em>, flüstere ich leise und lächle.</p>
<p>Bis zu gewissem Grade mag ich das Okkulte, die harmlose, fantasievolle Variante davon, wie sie in den Zwanziger und Dreißiger Jahren beliebt war und bei Agatha Christie häufiger Erwähnung findet, deren messerscharf verständige, brillierender Poirot an Sitzungen mit Geisterscheinungen glaubt, an Séancen teilnimmt… Nicht das Satanische, Bösartige meine ich, auch kein Vodoo oder Schadenszauber, nichts davon. Eher eine Brücke im Raum-Zeit-Gefüge, ein Sehnen nach Unmöglichkeiten, Wiederbegegnungen, der Wunsch, nicht ganz allein zu sein, isoliert. Sich beschützt wissen, von wem immer, vage hoffend, daß der Kontakt nicht komplett abgerissen ist durch den Tod. Das Hingeben an faszinierte Gänsehautmomente, ein zartes Träumen hinein in ein Was-wäre-wenn, so wie man, ist man frisch aber unerwidert verliebt, sich glückvolle Geschichten ersinnt mit dem Angebeteten, so etwas.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Comer See, Mai 2023.</p>
<p>Sein eigens errichtetes Studio befand sich an der herrlichsten Stelle der kleinen Privatinsel, die spektakuläre Ausblicke bot auf den Comer See. Die hunderte Bücher in den Regalen dort hatte er eigenhändig akkurat in feines Leder gebunden; auf dem ausladenden Tisch pflegte er Landkarten zu studieren, mit denen er seine aufwendigen, teuren Expeditionen in oft unberührte Gefilde plante, mit besonderer Passion nach Grönland. Er hatte aber selbst ein Vorbild, den Grafen der Abruzzen, und dieser war bereits 1912 in einen entlegenen, ursprünglichen Bergsumpf mit endemischer Vegetation und Fauna gereist, schwarze Leoparden etwa oder Riesenlobelien. Diesem Helden war er mit Dekaden Abstand nachgefolgt, in den 1960er Jahren weiterhin ohne nennenswerte Erleichterung durch schützende, praktische, leichte Synthetikfaser oder GPS, etc. Ein unvorstellbarer Kraftakt! So ist Guido Monzino bedauerlicherweise auch früh einem Herzinfarkt erlegen.</p>
<p>Unser Guide erklärte gerade irgendeine architektonische Besonderheit im Inneren der gediegenen, geschmackvoll eingerichteten Villa, als sich seitlich neben uns lautlos die tapezierte Wand öffnete, eine unsichtbare Geheimtüre preisgebend. Manche schraken gewaltig zusammen, als zeitgleich ein Mann heraustrat, <em>Buh! </em>rufend. Er lachte beschwichtigend, <em>er </em>sei kein Gespenst, obwohl es hier eines gebe, ganz sicher, es sei häufiger gehört und gesichtet worden… Nein, er sei nur der Hausmeister! Ich glaube, weshalb einige derart geängstigt worden waren, hatte mit dieser unleugbaren Präsenz zu tun, die über den Räumen hing, eine namenlose Energie und Anwesenheit. Der einstige Supermarkterbe und Multimillionär hatte seinen Besitz am Comer See dem italienischen Staat vermacht mit der Auflage, Gebäude, Gärten, Anlage unverändert zu belassen und seine Kunstsammlung – Artefakte etwa der Inuit oder präkolumbinische Objekte – der Öffentlichkeit zugänglich zu machen; auf seinem Arbeitsplatz wartete die letzte, bereits angebrochene Schachtel Zigaretten darauf, aufgebraucht zu werden, und das seit Dekaden…</p>
<p>Ein mutiger, tatkräftiger Mann mit Forscherdrang und Kunstverstand, klar, das ist etwas für mich. Im Dachgeschoß waren unzählige Expeditionsgegenstände und Ausrüstungsteile präsentiert, darunter ganze Schlitten, und an den Wänden hingen feinfühlige  Fotos des Hausherren, keine Poserbilder, sondern freundliche Portraits lokaler Helfer und Begleiter, Aufnahmen auf Augenhöhe voller Respekt, was mich am meisten beeindruckte im Kontext  aktueller Protzerei und narzisstischer Zurschaustellung.</p>
<p>Ich stromerte durch den hügeligen Park, dem Weg folgend, der sich steil hinabwand zur winzigen Hafenpier; überhaupt war das Anwesen klein im Verhältnis zu den Besucherströmen, kaum fähig, diese aufzunehmen (vor Monzinos Kauf war es tatsächlich ein verlassenes Mönchskonvent gewesen, also ein eher isolierter, in sich gekehrter Ort). Da es regnete, war es nicht ganz so voll wie üblich, aber es reichte. Es troff von den bunten Schirmen der Leute und war relativ kühl. Meine Füße gingen wie von selbst, ich ließ mich treiben. Irgendwann stand ich vor einem urigen, niedlichen gemauerten Bau, eine Seite vergittert. Ich trat heran, spähte durch das Metallraster und staunte, weil ich nicht damit gerechnet hatte, daß sich eine Art Höhlung tief nach unten eröffnen würde. Im düsteren Halbdämmer breitete sich eine Stille aus, die eigentümlich sprechend war, angenehm und singend. Bilde ich mir die Kerzenflamme nachträglich ein? Die Erinnerung zeigt sich vage, verschwommen. Aber ich weiß noch, wie mich das Rieseln überkam, andächtig, berührend, als ich begriff, daß es sich um eine Gruft handelte. Völlig allein, allen Menschen enthoben, ohne die Nähe zu Freunden, Familie, Zeitgenossen ruhte dort unter einer schweren Steinplatte der unverheiratet gebliebene Monzino. Es war sein Wunsch gewesen. Eine Woge des Mitgefühls überkam mich, ich war aufgebracht und bis ins Mark berührt – ich hatte diesen Menschen doch nie kennengelernt, ja, bis vor zwei Stunden nicht einmal dessen Existenz erahnt, und nun verharrte ich am Gruftzugang wie eine trauernde Angehörige, verrrückt! Es war wohl der Moment, in dem ich ins Ruwenzori gerufen worden bin. Guido hat mich dorthin geschickt – knapp drei Jahre später bin ich dem Ruf gefolgt.</p>
<p>Die Feder hatte ich zwar aufgehoben, aber im Zimmer zurückgelassen. Keine magischen Gegenstände! Wer weiß, was sie entfesseln… Die Eule schrie verborgen im knorrigen Baum vor meinem Balkon, die gesamte Nacht über. <em>Auf!, </em>schrie sie rau und klagend, fast kojotengleich, <em>Auf ins Abenteuer!</em></p>
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		<title>308 Lange Pause</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/308-lange-pause/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Mar 2026 14:18:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Januar 2026. Über das letzte Drittel des alten Jahres sprechen wir besser nicht; Freude oder Harmonie suchte man vergeblich darin. Ich praktiziere visuelle Haiku, blähe Unbedeutendes auf unter dem Deckmantel der beschworenen Achtsamkeit, versichere mich so eines Sinnes – irgendeines… Raureif in den Kronen (oder das was nach den Forstmassakern übrig bleibt davon); eine&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/308-lange-pause/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Januar 2026.</p>
<p>Über das letzte Drittel des alten Jahres sprechen wir besser nicht; Freude oder Harmonie suchte man vergeblich darin. Ich praktiziere visuelle Haiku, blähe Unbedeutendes auf unter dem Deckmantel der beschworenen <em>Achtsamkeit</em>, versichere mich so eines Sinnes – irgendeines… Raureif in den Kronen (oder das was nach den Forstmassakern übrig bleibt davon); eine rostrote Viertelmondsichel am Nachthimmel; der Duft frisch gebackener Croissants in der Küche, Kunstbildbände, Musik. Eben läuft <em>Tell me straight</em> der Rolling Stones, das deren <em>Dreamy Skies </em>abgelöst hat in der Dauerschleife. Zum Yoga abends gibt es Jack Johnsons <em>In Between Dreams</em>, eine CD, die jahrelang Dornröschenschlaf gehalten hat, weil sie mir langweilig, eintönig, zu heiter plätschernd dünkte, bis ich sie unlängst zur Putzbegleitung einlegte und nicht mehr stoppen konnte. Plötzlich sprachen die Rhythmen und Melodien zu mir, die Texte, Stimme, erkannte ich die Liebenswürdigkeit darin, die Tiefe und Authentizität, alles Seltenheiten unserer Hausse der Wichtigtuer, Protzer, Narzissten, der Helden, Experten, perfekten Unperfekten, der Lauten und Mächtigen (deren Macht jeder Basis entbehrt), Masse statt Klasse, hauptsache selbstbewußt und omnipräsent, exhibitionistisch. Macht man da automatisch mit, indem man einen Blog schreibt?</p>
<p>Etwas hat sich geändert; ich weiß nicht wann, warum. Ich muß nicht mehr meine Meinung herausposaunen. Es drängt mich nicht weiter nach Gegendarstellungen, Verteidigungen, Mahnung zu Wahrheit, Maß, Respekt, vielleicht hat man kapituliert, das System aufgegeben, die Gesellschaft, sein Umfeld, die Nachbarschaft, hat den Glauben verloren an deren Ratio, Einsicht, Empathie, an das große, dringend notwendige Erwachen. Vielleicht hat man es mit sich selbst ausgemacht, kann deshalb in den Spiegel sehen morgens, mehr oder weniger jedenfalls. Wenn man aber sein Gegenüber, und seien es anonyme Leser (falls derer existieren sollten), nicht achten kann als Adressaten, entfällt der Drang, sich an jemanden zu richten. Das Schreiben, so scheint es, ist obsolet geworden.</p>
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		<title>307 Miniaturen der Vereinzelung</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/307-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Oct 2025 10:40:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, Oktober 2025. Ich stand am höher gelegenen Saum, aufs drübere Ufer blickend. An ihm erhob sich ein dichter, saftiger Wall aus schlingendem Laub, als ergösse sich eine Pflanzenfontäne über die gesamte Länge des Lech. Dunkelgrün und herbstrot leuchteten diese Kaskaden, elegant geschweift, sich zum blinkenden Wasser hinabbeugend. Auf ihm dümpelten Schwäne, eine ganze Familie,&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/307-2/">Weiterlesen</a></p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>München, Oktober 2025.</p>
<p>Ich stand am höher gelegenen Saum, aufs drübere Ufer blickend. An ihm erhob sich ein dichter, saftiger Wall aus schlingendem Laub, als ergösse sich eine Pflanzenfontäne über die gesamte Länge des Lech. Dunkelgrün und herbstrot leuchteten diese Kaskaden, elegant geschweift, sich zum blinkenden Wasser hinabbeugend. Auf ihm dümpelten Schwäne, eine ganze Familie, drei Ausgewachsene, ein Graues. Ihre gebogenen Hälse und aufgefalteten Flügel wiederholten die Formen der Vegetation auf bezauberndste Weise. Wenn man die Augen zusammenkniff, dorthin fixierend, wo die späte Nachmittagssonne ihre Lichtkugeln und -streifen warf, hüpfend im Fließen, die Lider fast komplett zusammenpreßte, dann erschienen Blitzbälle am Innenrand der Wimpern, abstrakte, helle, ausgefranste, rundliche Kleckse aus reinstem Silberbeige.</p>
<p>Invasionen fielen ein, anders nicht zu nennen. Sie schrien und lärmten, belagerten den mächtigen Nußbaum, die Fichten, die Weide, Obstbäume, sämtliche Sträucher und die Wiese (deren kleinster Teil nur noch Rasen ist). Wenn sie etwas aufscheuchte, ein Passant hinter dem hohen blickdichten Zaun, ertönte ein Rauschen, anschwellend und niedergehend wie stürmische Meeresbrandung, ein Rattern schlagender Flügel im leicht verzögerten Gleichtakt. Brrrrrrrrrrschschschssssssstttttt. Stille. Bis sie zurückkehrten, stets als Horde, trillierend, kreischend, pfeifend, Stare in hellbraunem Punktkleid, Wintertracht, Stare, bestimmt einhundert, zweihundert Stück, angelockt vom großzügig ausgelegten Futter, gehackte Erdnußkerne. In die Stare mischten sich Spatzen, Meisen, Buchfinken, zuweilen wilde Tauben, Spechte, Kleiber. Sie leisteten akustisch den Hühnern Gesellschaft, meinen schönen Damen, bunt und drollig. Manchmal setzte ich mich dazu, auf einen gelben Plastikklappstuhl, zwischen die Hortensien und Farne und Riesenfunkien, während meine Hennen zufrieden scharrten und ich in einem Einrichtungsmagazin schmökerte, das angefüllt war mit hübschen, ansehnlichen, inspirierenden Sachen. Ich ruhte dann zwischen rötlich überhauchten, prächtigen Blütenköpfen, letzten Rosen in allerlei Gestalt und Farbe, umgeben, ja: eingehüllt von Vogelkörpern, die Hühnchen am Boden, die Stare überall sonst, die wie Affen im Urwald kreischten, oft eine Stunde lang und mehr, unbeschreiblich der Krach, der nicht störte, sondern sich einem ins Herz hineinsenkte.</p>
<p>Eine gute Weile flanierte ich im neuen Dirndl – das letzte hatte ich vor einundzwanzig Jahren gekauft, es paßte eigentlich noch immer – über das Oktoberfest. Es war zufällig der Tag nach der Sperrung des Geländes, die Leute schienen noch zaudernd, es war verhältnismäßig wenig los an diesem Mittag. Ich vermißte ein bißchen den ausgelassenen Trubel, das Gedränge und Schlange stehen vor den Fahrgeschäften, irgendwie doch gehört das dazu. Vom Riesenrad aus erkannte man am besten die Einbußen, die die Jahrmärktler kassieren mußten, so viel freie, unbegangene Fläche hatte ich noch nicht gesehen; auch in den Zelten zeigten sich ungewöhnlich häufig unbesetzte Bankreihen, undenkbar! Mein neues Dirndl entsprach offensichtlich nicht der diesjährigen Mode, die ein bißchen an Prinzessinnen-Brautgewand erinnerte, glänzender synthetischer Satin in sanften Pastelltönen, creme, elfenbein, silbern, hellblau, sanftrosa, dazu über und über mit Pailletten bestickte Schürzen, runde Pailletten, ovale, schillernd, und auch Spitzenbesatz. Die Mädchen schauten alle sehr apart aus, adrett und chic, sie gingen zu zweit, zu dritt, in Gruppen, lachend, oder sie hatten ihren Arm beim Freund eingehakt, beim Ehemann. Mein Dirndl war baumwollen, currygelb mit kleinem abstrakten Pfauenaugenmuster, die Schürze grau gestreift mit Brokatdessin, in bestimmtem Schein violett oder smaragdgrün schimmernd. Ich fühlte mich trotzdem wohl in meinem Dirndl, von dem ich glaube, es war so ziemlich das einzige gelbe heuer: na, wenn ich es wieder über zwanzig Jahre behalte, wird es irgendwann einmal en vogue sein, man braucht bloß lange genug zu warten… Ein Zelt gefiel mir besonders gut, obwohl ich alle Dekorationen sehr schätze, die üppigen Hopfenbüsche, der sich langsam drehende, Harfe zupfende Aloisius, der brüllende Löwe, der aus Gründen der neuerdings überkorrekten Sittsamkeit leider seit einigen Jahren nicht mehr rülpsen darf, so wie er es zu meinem Entzücken in der Kindheit getan hatte, eine „Löööwenbräääääuuuuuu!!!“ aufstoßende, gigantische Kunststoffskulptur, das hat einen durchaus beeindruckt damals und amüsiert… Riesige, an Bändern aufgehängte Pflanzenkränze waren geschmückt mit baumelnden Brezen, bunten Lebkuchenherzen, Blumen, Beeren, Schleifen, mußevoll komponiert, das mochte ich am meisten. Es geschah häufiger, daß Männer mich zu sich an die Tische heranziehen wollten, mich antanzten, zuwinkten, mich riefen, vor allem gegen Nachmittag, als sich die Wies´n endlich ein wenig füllte und zu ihrer alten Form zurückfand, aber es waren entweder wirklich alte Männer oder aber extrem junge, und ausnahmslos waren sie betrunken (nicht angeschickert, sondern hochgradig besoffen), und ich war mir nicht sicher, ob das wirklich ein Kompliment war, diese Aufmerksamkeit, oder ob ich nicht eher beliebig und zufällig erwählt wurde… Heuer besuchte ich den Flohcircus nicht, es erinnerte mich zu sehr an fröhliche Tage, als man noch eine Vielzahl Freundschaften pflegte, aber für den „Jules Verne Tower“ löste ich eine Karte. Mein Platz im Kettenkarrussell wurde mir neben einer reifen Dame zugewiesen, weit über siebzig; für ein paar kurze Minuten hatten wie Spaß, wir zwei, sie Fremde und ich, wir lachten und schäkerten und plauderten, als hätten wir uns immer gekannt, dort oben in sausender, gruselnder, bitterkalter Höhe, wo wir uns in achtzig Metern drehten und drehten und ich hoffte, meine Ballerinas nicht zu verlieren, die ich ganz doll mit den Zehen festhielt. Wir froren und juchzten, scherzten, stiegen mit wackeligen Knien aus. Wir verabschiedeten uns höflich, vorbei, weg, für immer, Symbol für die Gesellschaft in meinem Leben. Adieu, gute Frau, habe die Ehre, Servus und Pfiati Gott.</p>
<p>Es war eine französische Maschine mit vier oder fünf Sitzen, eine <em>Robin</em>. Es fühlte sich unwirklich an, neben dem Piloten zu sitzen. Über mehrere Monate hinweg war dies der halbdutzendste Versuch gewesen, den Alpenrundflug wahrnehmen zu können, den meine Eltern mir zum vierzigsten Geburtstag geschenkt hatten. In diesem verrückten Jahr voller Regen und Hitze, frischer Luft, Trübnis und sengender Sonne, war es bei jedem vorigen vereinbarten Termin so gekommen, daß ein heftiges Gewitter wütete und der Flug abgesagt werden mußte. Im Cockpit gab es unfaßbar viele Knöpfe, Hebel, Schaltflächen, Anzeigen, eine verwirrende Armatur. Ob ich sicher sei, daß ich mit <em>diesem </em>Pilot unterwegs sein wolle, fragte ein Herr, der an die Scheibe geklopft hatte, schmunzelnd-neckisch. Er brachte mich nicht aus der Fassung damit. Tatsächlich waren etliche Piloten neidisch, nicht mit mir fliegen zu dürfen; nein, es spricht aus mir nicht die eitle Arroganz, es hat einen sachlichen, guten Grund: ich bin eben sehr leicht, während andere Fluggäste ordentlich Gewicht mitbringen, wodurch sich der Flug in dieser zarten Maschine stark wie radikal verändert. Mein Pilot also hatte Glück mit mir – ich glaube, es bereitete ihm gar mehr Freude als mir selbst, die ich es schon genoß. Obwohl September, grünte die Landschaft unter uns saftig; wir zogen über Wiesen und Hügel hinweg, auf denen die Kühe ästen und Häuser wie Spielzeugwürfel verteilt waren. Bald sah man in der Ferne den Bregenzer Wald, den Bodensee, aber wir drehten in die andere Richtung, der Nagelfluhkette zu, apart geschichtete Bergflanken, zu denen empor sich ausgetretene Pfade wanden, an ruhigen, entlegenen Almen vorbei. Wir trudelten über Österreich hinweg, das Tannheimer Tal. Wir umrundeten schroffe, raue Gipfel, nackt und steil, darauf wie grober Puderzucker verstreut die tapferen Wanderer und Kletterer in Neonfarben. Manche baumelten an Seilen wie diese alten Holzfiguren, die scheppernd hochschnellen, wenn man an der Schnur zupft. Der Pilot machte sich einen Spaß daraus, nahe an die Leute heranzufliegen, sie aufzuschrecken und zu ärgern (was er eben nur konnte, weil ich nicht zu schwer war und die kleine, empfindliche Maschine somit gut ausbalanciert). Er zeigte mir einen Berg mit gesprengter Spitze, ein steiler Kegel, durch den sich eine beeindruckende Schlucht zog, Gewalt der Erosion und Witterung. Eine einsame Frau stand neben dem Kreuz, ich bewunderte sie dafür, daß sie es dorthinauf geschafft hatte (und später wieder hinunter), scheinbar den Wolken näher als dem irdischen Grund. Woanders leuchtete das Gestein rötlich-rosa, ein besonderer Granit, dessen Namen ich wieder vergessen habe. Loopings veranstalteten wir keine, aber zuweilen legten wir uns in tiefe Schräge, rauschten knapp an Kanten vorüber, senkten uns in ein Tal hinab oder stoben auf wie ein Paperdrachen im Wind, dann ruckelte es auch, wie es sowieso regelmäßig knackte in den Kopfhörern, über die wir den gesamten Funkkontakt mitbekamen. Nach vierzig Minuten war der Spuk vorbei, holperten wir wieder über den Rasen des Flugplatzes, war der Gutschein eingelöst, das Geschenk überreicht. Es war nett gewesen, interessant. Die Szenerie anmutig-pittoresk, das Erlebnis vergnüglich, keine Frage; meine Feier ersetzte mir das nicht, die Blumenbouquets, die es nicht gab, die edlen Speisen, die nicht serviert wurden, das Lachen und Herumalbern und Miteinander, die Kulisse der Freundschaft und Liebe, das Willkommensein im Leben, die alle nicht existierten. Nicht einmal Sekt war ausgeschenkt worden (geschweige denn Champagner).</p>
<p>Ein Bildband bereitet mir viel Wohl. Ich genieße die ästhetischen Fotostrecken, die Erläuterungen zu den Arbeiten, die teils biografischer Natur sind. Es handelt sich um ein Buch, in dem ein preisgekrönter deutscher Florist einige seiner Werke präsentiert, seine Vorgehensweisen erläutert, Ratschläge zum Nachgestalten erteilt. Es lädt ein zum Träumen und Schwelgen, ein Genuß für verfeinerte Sinne. Und dann hat es mich zum Lachen gebracht! Ich lache so selten, daß ich es im Blog fast jedes Mal erwähnen muß, wenn es passiert. Ich zitiere einfach Björn Kroner, der von einer Pflanze namens <em>Ballonwein </em>berichtet: “Apropos Ballonwein: Wenn man die grünen, ballonartig aufgeblasenen Früchte vorsichtig öffnet und die perlengroßen schwarzen Samen herausnimmt, dann kann man auf der Rückseite der Samen ein kleines weißes Herz erkennen. Probiert es mal aus! Dieser Tipp hat einen durchaus romantischen Effekt. Weniger romantisch und eher ein Witz ist dagegen der botanische Name der Pflanze: <em>Cardiospermum halicacabum</em>.“ Als ich den lateinschen Begriff halblaut vorlas, explodierte ein Heiterkeitsanfall in meiner Kehle, ich kringelte mich lautstark, sodaß mein Hund sich bemüßigt fühlte, nachkucken zu kommen, was sein Frauchen da ergriffen habe und ob man da gegebenenfalls helfen müsse… Ich lachte Tränen, minutenlang!, ohne einen anderen anzustecken mit meinem Lachen, es versickerte in den Wänden der Wohnung, in den Vorhängen und Teppichen, mein Lachen.</p>
<p>Sie spielten Edvard Grieg, das Publikum toste. Ich trug die lila Seide, weiße Pumps, viel Make-Up und Schmuck, das Haar aufgesteckt. Ein Jüngling in der Reihe hinter mir war auf Hals, Nacken, kahl rasiertem Hinterkopf tätowiert, ein realistisches, gut gestochenes Frauenportrait, das nun dort das Leben mit ihm teilte. Er war folglich nie allein, haha. In der Empore über mir hockte ein anderes Männchen, Ende zwanzig vielleicht, lässig in Jeans, Hemd, Cordjacke gewandet. Das volle, üppige, kurz geschnittene Lockenhaar war violett und pink gefärbt; er hätte mir visuell eine gute Begleitung abgegeben. Ich beklatschte das Orchester (die Dirigentin hampelte mir zu viel herum, Entschuldigung, ich bin ein Banause). Grieg unterhielt mich, leichte, fröhliche Kost. Ich klatschte und sprach mit niemandem.</p>
<p>Ich kucke Sendungen im Fernsehen über Leute, die abgenutzte, modernde, verfallene, baufällige Gutshäuser aus eigener Kraft herrichten. Oder <em>Fixer Upper</em> mit dem Traumpaar Chip und Joe, die Bruchbuden vermitteln und abgestimmt aufs Budget der Kunden ohne deren Einwirkung herrichten – man hat dann quasi ein Blind Date mit seinem neuen Heim… Jedenfalls gibt es da viel Tatendrang, Leidenschaft, Miteinander und handfeste Resultate, Ergebnisse, die stolz machen und zufrieden. (Und übrigens ein Jahresnettoeinkommen von fünfzig Millionen US-Dollar bescheren.)</p>
<p>Ich wiederum tippe nur an diesem kläglichen Blog. &#8211; Daß es eine Absage war, erkannte ich am  Sendernamen, der nicht die Hauptverantwortliche war, sondern eine Vertretung. Ich wußte schon, daß man mich abgelehnt hatte, bevor ich die Mail öffnete. Ich hatte mich mit der besten Geschichte, die ich je zu verfassen imstande gewesen war, beworben für ein mehrtägiges Schreibseminar des Literaturhauses München, staatlich gefördert, sorgsam kuratiert, und war für nicht würdig befunden worden. Es tat nicht einmal weh, es fügte sich nahtlos ein in meine Erfahrungen. Sollte ich je im Selbstverlag veröffentlichen, dann unter dem Pseudonym <em>Mademoiselle Refusée</em>.</p>
<p>Es klingelte nicht unvermutet, unangekündigt an der Tür. Entweder es lagen ihm die Fische doch mehr als Frauen, oder aber ich war nicht genug Frau – vielleicht auch er nicht genug Mann, crazy, draufgängerisch, zupackend, gewitzt. Ich dachte, er sei ausreichend stark, willens. Aber er war nur eine Geschichte. Und wie man zu meinen Geschichten steht, hat sich ja erwiesen.</p>
<p>Der Schwarm Stare ist weitergezogen. Es scharren die Hühnchen, ich blättere zwischen den erröteten Hortensien dick eingemummelt im Interiorheft. Es wird schon seine Richtigkeit haben, alles. Ich denke an die herbstbunten Laubranken am Fluß, die Schwäne auf dem Wasser. Ich kneife die Augen zusammen, nicht ganz, aber fast, bis Blitzbälle am Innenrand der Wimpern erscheinen, abstrakte, helle, ausgefranste, rundliche Kleckse aus reinstem Silberbeige.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>306 Sich entschuldigen</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/306-sich-entschuldigen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Oct 2025 10:33:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>München, September 2025. I Gerade Bemerkungen von Menschen, die man achtet, können unabsichtlich Schaden anrichten; Mißverständnisse in der Kommunikation sowie ein zufällig falsch gewählter Zeitpunkt, in der sie (virtuell natürlich) stattfindet, besiegeln einen Kontakt, peng, weg, üblich heutzutage. Hm. Manchmal, und das mag theatralisch klingen, entspricht aber der emotionalen Wahrheit, agiere ich aus dem Überlebensmodus&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/306-sich-entschuldigen/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>München, September 2025.</p>
<p>I</p>
<p>Gerade Bemerkungen von Menschen, die man achtet, können unabsichtlich Schaden anrichten; Mißverständnisse in der Kommunikation sowie ein zufällig falsch gewählter Zeitpunkt, in der sie (virtuell natürlich) stattfindet, besiegeln einen Kontakt, peng, weg, üblich heutzutage. Hm. Manchmal, und das mag theatralisch klingen, entspricht aber der emotionalen Wahrheit, agiere ich aus dem Überlebensmodus heraus, da wird man blind und taub für Zwischentöne, für Empathie und das Ertasten anderer Positionen. In einem Sachbuch über Hochsensibilität sah ich mich verblüffend portraitiert, daß man als solcher „zu viel“ sei dem Umfeld; daß man sich instinktiv zu reduzieren versuche, anzupassen, zu verstellen und letztlich zu verleugnen und man dadurch „falsche“ (nicht im Sinne von hinterfotzig oder schädlich, sondern als nicht geeignet für einander) Leute anziehe, weil die „richtigen“ einen ja hinter der Maskerade gar nicht zu erkennen imstande seien. Ich möchte mich nicht als Lügnerin verstanden wissen! Aber was man für Rücksichtnahme hält, für Kompromißbereitschaft, Brücken bauen, höflichen Umgang, das führt Schritt für Schritt eine Einbahnstraße entlang, die sich unmerklich in eine Sackgasse wandelt; früher oder später steht man mit dem Rücken zur Wand, und diese Wand ist tatsächlich ein Wall aus Lügen, die sich peu à peu aufgetürmt haben, angesammelt wie Sand im Wind. Es beginnt damit, daß ich eigentlich nie irgendjemandem von meinem Schreiben erzähle, daß ich die Bedeutung dessen für mich verheimliche, vor Familie, engen Freunden, frischen Bekanntschaften. Zum einen ist Schreiben ein extrem intimer Vorgang (sogar oder gerade, wenn man es z.B. in einem Blog öffentlich stellt), zum anderen glaubt man zwangsläufig, nicht ausgefeilt genug zu sein, weil man sich der Holperer in seinem Ausdruck durchaus bewußt ist, der Schwächen und Unstimmigkeiten. Neu an der Lektüre über Hochsensibilität war mir der Fakt, daß auch das Zweifeln dazugehört, der inherente Perfektionismus, der so vieles zerstört oder zumindest erschwert.</p>
<p>Das war sicherlich eine der kompliziertesten Entschuldigungen, die du je gehört hast, nicht als solche zu erkennen. Ich glaube ja, daß du seit der letzten What´s App vor Monaten das Lesen hier eingestellt hast und vieler Überzeugungen wegen, die wir nicht teilen, wo wir unterschiedliche Positionen vertreten (obwohl wir beide der Sorte Mensch angehören, die das ganz gut aushalten können). Du meintest, im Scherz wohl, verknappt dargestellt, meine Texte seien bisher nicht veröffentlicht, richtig, über einen Verlag in Buchform, weil ich meinen inneren Schweinehund nicht zu überwinden imstande sei. Das hat immens getroffen. Der Kommentar fiel in einen Zeitraum, in dem alles schwarz war. In einen Sturm hinein ploppten deine Zeilen. Weißt du; du hast mir zugehört, damals auf Sizilien, in deiner ruhigen, bedächtigen, klugen Art; hast mir Aufmerksamkeit geschenkt und mir die Ehre erwiesen, sämtliche bis dato erschienen Blogtexte in einem Rutsch zu lesen (was nicht einmal ich getan habe je), hast mir eine Erfahrung geschenkt, eine Ausfahrt auf deinem Motorrad, und da neue Eindrücke der Sauerstoff meiner Seele sind, ein Stücklein gestillter Lebenshunger, war dies ein immens kostbares Geschenk. &#8211; Es geht mir besser jetzt. Dinge klaren auf. Man findet zurück zu sich, zu seinem Verstand, Urteil. Man hat wieder die Kraft, in anderer Leute Köpfe zu tauchen und den Versuch zu starten, sich in sie hineinzuversetzen, ihr Agieren, Denken, Wünschen. Wie oft im Leben mag das zu spät kommen. Ich will daran nicht rütteln. Du hast mir sehr weh getan mit dem Vorwurf, den inneren Schweinehund nicht überwinden zu <em>wollen</em>, weil ich allgemein für faul und in praktischen Angelegenheiten phlegmatisch-träge gehalten werde, für völlig unfähig, und du hast mir weh getan damit, weil ich es im Grunde ja selbst glaube: daß ich willensschwach bin, handlungsgehemmt, passiv, es nicht wert, gedruckt zu werden, gelesen. Kein Vorwurf an dich steckt dahinter, ich wollte mich dir nur erklären. Die Heftigkeit einer Reaktion erklären, die dich brüskiert hat, überrumpelt. Es tut mir leid von ganzem Herzen. Ich wünsche dir viel Gelingen weiterhin für deine Fotografieprojekte, Freude am Bild und Inspiration.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>II</p>
<p>Ich möchte um Verzeihung bitten, und zwar all jene, die je das Pech gehabt haben, sich in mich zu verkucken. Die schwärmten, sich angezogen fühlten, mich sehr mochten, denen Schmetterlinge im Bauch umherflatterten, die plötzlich nicht wußen, was sie sagen sollen, wenn sie mich trafen. Die mir verstohlen diese Blicke zuwarfen oder allen Mut gefaßt haben, mich auf ein Glas Sekt (oder Wein oder Bier) einzuladen. Die mir mailten, von sich erzählten, mir Dinge anvertrauten, darunter oft schwere Kost, die zu teilen nicht leicht ist. Die regelmäßig mit mir zu tun hatten, meiner Launen zu trotz und obwohl ich andere Sorten Männer offensichtlich für spannender erachte, und das in ihrer Gegenwart… Ich möchte mich entschuldigen dafür, daß ich die Gefühle nicht erwidere. Daß ich mich näheren Umganges erwehre, mir zuweilen weiteres verbitte, ganz dezidiert und deutlich. Daß ich mit manchen spiele (aber auf eine erkennbare Art, nicht im Gemeinen), man nennt es Flirt, daß mich gelegentlich Aufmerksamkeiten amüsieren, zittrige Stimmen, vom Herzklopfen abgedrückt. Ich mich lustig mache über Zuzwinkern und inhaltliches Posieren, in dem man irgendwie die imponiergeschwellte Brust eines balzenden Vogels erkennt. Daß diese Zeilen vielleicht garstig klingen (so wären sie definitiv nicht gemeint). Daß ich mir ohnehin nur Personen erwähle, die mir unerreichbar bleiben und somit jede mir zugedachte Annäherung automatisch auf Zurückweisung stößt. Daß ich vielen Menschen – Männern – gar nicht die Chance gebe, sich mir zu zeigen in ihrem ganzen Sein, meine intellektuell-poetischen Ansprüche so hoch sind wie alpine Gipfel und ich auch einer gewissen körperlichen Attraktivität nicht abgeneigt bin, untertrieben formuliert (wo ich selbst ja gewiß nicht das Maß femininer Dinge bin…). In der Hauptsache aber tut es mir leid, daß ich mich eigentlich nie jemandem in meiner Wesenheit präsentiere, sondern immer nur einen Ausschnitt davon, adaptiert an das jeweilige Gegenüber. Ich glaube dir, du meinst, mich ansprechend zu finden; in Wirklichkeit fasziniert dich nur das Bild, das du dir selbst von mir machst. Du kennst mich nicht. Kein Mensch, nicht ein einziger, weiß, wer ich bin. Das ist auf Dauer unfaßbar anstrengend. Im Klang meiner Worte findest du mich, in der Umschreibung von Natur, Erlebnissen, Begebenheiten, in meinen Fotografien, meiner Wohnung, dem Garten. Meinen Freuden und Sorgen, Passionen, Entgrenzungen. Vielleicht bin ich nur <em>ich</em> im Text – und Texte lassen sich weder lieben, noch lieben sie.</p>
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		<title>305, Teil IV: Sprichst du füchsisch?</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/305-teil-iv-sprichst-du-fuechsisch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Sep 2025 09:29:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Grönland, August 2025. Ich bin nicht verliebt in ihn, bin nicht schmachtend, lechzend, zerfressen von Sehnsucht und Traurigkeit. Ich glaube, und eher bin ich sogar überzeugt davon, ich kann gar nicht mehr lieben, zu viel ist zerschmettert in mir, zu oft die Seele gestorben im lebendigen Leib. Längst habe ich mich eingerichtet in meiner Enklave,&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/305-teil-iv-sprichst-du-fuechsisch/">Weiterlesen</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Grönland, August 2025.</p>
<p>Ich bin nicht verliebt in ihn, bin nicht schmachtend, lechzend, zerfressen von Sehnsucht und Traurigkeit. Ich glaube, und eher bin ich sogar überzeugt davon, ich kann gar nicht mehr lieben, zu viel ist zerschmettert in mir, zu oft die Seele gestorben im lebendigen Leib. Längst habe ich mich eingerichtet in meiner Enklave, körperlich, mental, mich abgefunden mit dem Alltag ganz allein, in dem oft sogar simple Freundschaften fehlen, nette Worte, bescheidene Gesten der Zuneigung. Meine Liebe galt Grönland; doch hätte ich kein Problem gehabt damit, geküßt zu werden unter den langsam tanzenden Schleiern des Polarlichts. Der Sonnensturm war derart stark, daß man sogar in Teilen Deutschlands Gelegenheit hatte, die Aurora Borealis am Nachthimmel zu studieren. Nun, ich befand mich in Kulussuk, das Gesicht emporgewandt zu Sternen und Farbschlieren. Mich fror im Mitternachtswind, und er gab mir seine Jacke, nicht ganz unerwartet, wie ich gestehe, aber einen Kuß, den gab er mir nicht. Ich wäre ihm gerne mit den Fingerspitzen über den Nacken gestrichen, den festen, definierten, und über die Augenbrauen. Ich schrieb ihm später, zurück daheim, eine Nachricht: <em>You are better in catching fish than in catching girls.</em> Er antwortete: <em>At least I caught Your attention. </em>Ich erwiderte: <em>It is quite easy to pay attention to men standing on an iceberg half-naked.</em></p>
<p>Der Wellenring zog auf mich zu, runde Schicht um runde Schicht dehnte sich aus, den kleinen Eisberg verlassend, der gerade unter dumpfem Krachen ein Stück seiner selbst verloren hatte, als es brach und ins Wasser fiel. Bergketten umgaben mich von allen vier Seiten, manche rau, hoch aufragend mit ewigem Schnee bedeckt, andere bräunlich und runzlig, ganz die Morla aus der „Unendlichen Geschichte“. Ich saß auf einem leicht höher gelegenen Plateau nahe des Fjordufers, neben mir eine Quelle abwärts gurgelnd. Drei Männer harrten als Silhouette in der Ferne aus, die Angelruten schwingend. Die amorphen und zugleich kantigen Eisgebilde, weiß, gräulich, türkisen, nahmen im tiefen Abenddämmer einen violetten Ton an. Die Sonne hauchte dezent einen Abschiedsgruß auf den blanken, fast unbewegten Spiegel des Meeresarms. Seevögel piepsten und schrien in dezenter Beständigkeit. Irgendwo atmete ein Wal – es klang, als befände sich ein Drache unter uns, nicht einschüchternd aber mächtig. Dieses war der Moment, in welchem ich angelangt war auf Grönland, unweigerlich, in dem ich hatte meinen Schwur einlösen können, dorthin zurückzukehren. Ein paar Tränchen verdrückte ich, der Schwester gedenkend, aber ich beschloß, daß es reichte mit dem Trauern und ich ging zu den Angelsilhouetten. Die albernen Kindsköpfe hatten beschlossen, zu baden. Zu dritt machten sie sich zu schaffen an einem der kleinsten Eisberge in Ufernähe, dort, wo sie noch stehen konnten, wenngleich das Wasser ihnen an die Hüfte reichte. Sie erklommen den Eisberg, siegerstatuengleich, winkten, lachten. Sie sprangen hinab und machten sich daran, den Eisberg zu verschieben im Wasser, was ihnen einige Mühe bereitete. <em>We are cleaning the beach!</em>, rief einer, und das war derart herrlich doof, daß ich mich köstlich amüsierte darüber.</p>
<p>Er zeigte mir, wie man Steine springen ließ auf dem Wasser, immerhin drei Mal hüpfte einer meiner Versuche über die Oberfläche, ehe er auf Nimmerwiedersehen verplumpste.</p>
<p>Ein Polarfuchs folgte uns, kaum hatten wir das Boot verlassen. Er befand sich im Wechsel zwischen Sommer und Winter, das Fell war hell aschfarben. Zielstrebig hastete er den Pfad hinauf, bis er bei uns angelangt war, die wir eine kurze Trinkpause eingelegt hatten. Und nun tue ich das, was man Aufsplitten in objektive Realität und erzählte Wirklichkeit nennt, denn sicherlich war es schlicht so, daß das Tier ein eher zahmes, wenig scheues Individuum gewesen war, welches gelernt hatte, daß menschliche Anwesenheit eine gute Chance auf Futter bedeutete. Der Fuchs mag sich faktisch betrachtet allen gegenüber als gleich aufgeschlossen erwiesen haben. Das ist aber nicht die Story, die ich mir selbst erzählen möchte! Ich möchte eine andere erzählen, möchte mir die Gegebenheiten modulieren, wie sie mir gefallen, mir einen Zauber bewahren, der meine Lippen in ein unmerkliches Lächeln biegt… Wir standen in der Senke einer kleinen Kuppe, das Tier stromerte auf uns zu. &#8211; Ich lud es ein. Hieß es willkommen, etwas aussendend, von dem ich glauben will, daß manche Wesen es wahrnehmen können. Ich ging in die Hocke, die Handflächen ausgebreitet, beinahe wie bei einem Segensgestus. Ich rief den Fuchs innerlich zu mir, bot ihm die Gelegenheit eines Kontaktes, und er ging darauf ein. Ich verband mich mit dem hübschen Kerl, der sich längst verwandelt hatte in eine Ginsterkatze, Grönland rutschte nach Kenia, der Vormittag glitt in abendliches Dunkel (vgl. Beitrag 30). Ob ich füchsisch spreche, fragte mich – wer sonst – Austin, ich bejahte seinen Spaß in umfassendem Ernst. Ich beschwichtigte jede aufsteigende Furcht, bat ihn heran, den Fuchs, und wäre die Ungeduld der anderen nicht gewesen, die Aufbruchstimmung (sie hatten ihr possierliches Foto geschossen, mehr benötigten sie nicht), ich wäre länger verweilt und hätte versucht, die Kommunikation zu vertiefen. Ich weiß, daß Tiere sehr stark reagieren auf mich, und zwar in zuwendender Art, neugierig, vertrauensvoll bis zu gewissem Grad, und ich behaupte einfach: das Tier blieb zutraulich, weil es sich geschützt wußte durch mich. Die meisten höre ich an dieser Stelle spotten, während sie die Augen verdrehen, aber das ist das Gute daran, wenn man sich um Menschen kaum mehr schert (und übrigens gar keine Leserschaft hat, die einen be- oder verurteilt): man kann sich die Geschichten so einrichten, wie es einem paßt, allgemeingültige Wahrheiten ignorieren und sich im Träumerischen verlieren. Eines meiner Fotos, die ich machte vom Füchslein, ein Hochformat, zeigt in der Komposition eine Ellipse, zwei sich zuwendende Körper, der große Menschenmann sich leicht hinabneigend, das zarte Tierlein aufschauend, beide verschmelzend mit dem grönländischen Bergpanorama. Ich glaubte, mitzukriegen, daß beide eine lautlose Unterhaltung führten. Daß er es also selbst spreche, füchsisch. Von diesem Moment an war sie da, die Verbindung zwischen uns, dem Menschenmann  und mir.</p>
<p>Im Alten Hafen <span class="BxUVEf ILfuVd" lang="de"><span class="hgKElc">Reykjavík</span></span>s lag die &#8222;Tara Polar Station&#8220;, ein futuristisch wirkendes Schiff, ein UFO auf dem Meer, die Form rund und gebildet wie ein Schlauchboot, darauf eine orangene Kuppel aus lauter Hexagonen, gläsern, stählern. Wir googelten, daß sie aus Tromsö ausgelaufen sei und ich wünschte mir, Audun sei an Bord, so sehr, daß ich ein Crewmitglied ansprach, das gerade am automatischen Flaschenzug arbeitete. Franzose war er, verschmitzt antwortete er mir, <em>eine </em>Frage sei erlaubt, und ich stellte sie kurz und klar: ob Audun Rikardsen anwesend sei, der Meeresbiologe. Er erklärte, die &#8222;Tara Polar Station&#8220; führe grundsätzlich ohne Wissenschaftler (was ich als sonderbar erachte für ein Forschungsschiff&#8230;), sie sei eher eine Art Begleitung etwa der „FS Polarstern“. Seine Augen lächelten, es lag Bedauern darin, mich enttäuschen zu müssen. Ob ich denn Wissenschaftlerin sei – von einer Urlauberin habe er solches Interesse nicht erwartet, ich klärte ihn nicht auf darüber, wer Audun war und weshalb ich ihn hätte treffen wollen (weshalb denn nun?).</p>
<p>Im Gästehaus in Kulussuk blätterte ein Mitreisender in einem Bildband. Daß die Bilder Carstens Charakter hätten, dachte ich mir, aber Carsten fotografierte schwarz-weiß anstatt farbig wie dort. Ein beleuchtetes Expeditionszelt unter grünem Polarlichtschleier war so sehr Carsten Egevang, daß es mir fast den Atem verschlug. Ich kuckte den Autor bzw. Fotografen nach: es <em>war  </em>Carsten! Er hatte sich an Farbfotografie versucht! Ist <em>das </em>eine fotografische Handschrift, wenn man jemandens Bilder erkennt, obwohl dieser den ihm üblichen Stil gewechselt hat…</p>
<p>Auf die eine oder andere Weise hatte ich alles, was ich mir erwartet hatte von Grönland, Eisberge und Sonnenschein, berstende frühherbstliche Farben, nette Gruppenmitglieder, Bewegung auf abwechslungsreichem Terrain, Zelt- und Campabenteuer, Gebirgsformationen, kissenweiche Pflanzengründe, kosenden Wind, glitzerndes Wasser, Tierbeobachtungen, Flußstürze, Stille und Erhabenheit, Humor, Unbeschwertheit, den einen oder anderen erhaschten Blick, unergründlich, lakritzschwarz. Ich konnte innerlich Hallo sagen, Hallo Westgrönland 2017, Hallo Audun, Hallo Carsten, und zugleich: Danke! Danke für die Begegnung mit euch, damals wie heute, Danke Grönland, für deine Weite und Geduld, deine unbezwungene, harsche Wildheit. Wir waren stark genug für einander, wir durften wir sein, im Gestern wie im Heute. Und von allem, was schief läuft und was ich schlecht bin, ungenügend, jetzt wie in Zukunft, hast du, Grönland, mich wieder zu dem herangeführt, was ich im allertiefsten Seelenatom bin und immer – auf immer! – bleiben möchte: <em>untamed</em>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>304, Teil III: A taking man</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/304-teil-iii-a-taking-man/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Sep 2025 09:26:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Grönland, August 2025. Sein Lachen war samtig und dunkel wie Bitterschokolade, die Augen glänzender Lakritz. Er interessierte sich aufrichtig für das, was ihn umgab, studierte Mineralien am Boden, die Flora, imitierte Vögel, ihnen einen Laut-Dialog entlockend. Er schleppte mehr Equipment als alle anderen, wuchtete den Wasserkanister für die gesamte Mannschaft von den Bächen zum Lager&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/304-teil-iii-a-taking-man/">Weiterlesen</a></p>
<p>Der Beitrag <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu/304-teil-iii-a-taking-man/">304, Teil III: A taking man</a> erschien zuerst auf <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu">Kunstfotografie Between Silence</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Grönland, August 2025.</p>
<p>Sein Lachen war samtig und dunkel wie Bitterschokolade, die Augen glänzender Lakritz. Er interessierte sich aufrichtig für das, was ihn umgab, studierte Mineralien am Boden, die Flora, imitierte Vögel, ihnen einen Laut-Dialog entlockend. Er schleppte mehr Equipment als alle anderen, wuchtete den Wasserkanister für die gesamte Mannschaft von den Bächen zum Lager über Steigungen hinweg. Er war sehr amerikanisch, also selbstbewußt, voller Tatendrang, fordernd, auch sich selbst viel abverlangend. Muskulös gebaut, athletisch. Er besaß den Schein für mehr als zwanzig Waffen und war vertraut mit diversen Jagd- und Angeltechniken. Er trug Schnauzer und Cap, sprach in breitem Missouri-Dialekt. Einigen war er zu viel, sie nannten es „too taking“, aber ich sah manchmal etwas in seinem Blick, das sehr weich war, angreifbar, nicht melancholisch, eher suchend, und dieses gewisse Zarte der Augen im Zusammenklang mit aufrichtigem Lachen machte ihn mir recht attraktiv. Für mich war der nicht „too taking“, für mich war er kraftvoll.</p>
<p>Gelegentlich entspannen sich archaische Szenen, bei denen es mir nichts ausmachte, daß irgendwelche Urinstinkte ansprangen; vor langer Zeit hatte mir eine Mitreisende giftig vorgeworfen auf einer Trekkingtour durch den Oman, ich sei oberflächlich, weil trainierte Körper mir gefielen (ihr Partner zählte zur nicht ganz wohlgeformten Partei), seitdem traue ich mich zuweilen nicht, zuzugeben, daß mir eine bestimmte Sorte definierter Physiologie zusagt (bei Männern wie Frauen). Austin wußte ziemlich genau, was er zu bieten hatte, er marschierte durchaus während der Wanderpausen in nichts als engen Unterwäscheshorts durch die Gegend. Wir rasteten auf der Kuppe einer Erhebung, gebettet auf den allgegenwärtigen Krähenbeeren und Zwergbirken (nur etwa zehn Zentimeter hoch), während die Sonne hinunterkrachte und alles zum Gleißen brachte. Vor uns breitete sich eine Ebene aus, hinter welcher wiederum ein steiler Gebirgszug voller Scharten und Kanten und Zinnen und Spitzen unwirklich aufragte, als sei er die Kulisse für einen Fantasyfilm made in Hollywood. Austin ging auf diese Bergkette zu, sein Körper nun als Meßskala dienend, die erst begreifbar werden ließ, wie groß und überhaupt großartig die Naturkulisse um uns herum war, das Licht spielte auf den Muskeln und Tattoos, bis er fast als Punkt in der Ferne entschwand. <em>I am just missing the picture of my life!</em>, rief ich aus, und die Frauen der Gruppe lachten gemeinschaftlich auf.</p>
<p><em>This would have been another nice photograph</em>, sagte die Französin, mich anrempelnd, sodaß ich den Blick hob. Unser Guide, in Unterhosen wie Austin, schmiß dicke Brocken ins stürmende opake Wasser, während letzterer in gebückter Haltung über der rauschenden Oberfläche kauerte, im schmerzhaft eisigen Naß verharrend, als handle es sich dabei um eine heiße geothermale Quelle. Die geworfenen Steine sollten Fische nach oben schrecken, offensichtlich mit Erfolg. Nach einer Minute oder so fingen Austins Arme und Rücken an zu arbeiten, er griff mehrfach ins Wasser. Etwas wand sich in seinen Händen, aufspringend, doch Austin hechtete hinterher, mit blanken Knien schlug er auf dem Flußgestein auf, über große Kiesel robbend, den Fisch am Schwanz packend, der abermals entkam, aber Austins Hartnäckigkeit, seine Entschlossenheit und Schnelligkeit waren stärker ausgeprägt als der Überlebenswille des Fisches, er bekam ihn zu fassen, endgültig nun, er hob ihn in die Luft, ihn uns präsentierend, dann rasch an Land schleudernd, wo der Leib zappelte und sich wand, ein herrlich rotoranger Bauch, der Rücken silbern schillernd. Austin reckte die Arme empor, <em>I am a man!</em> ausrufend, in den Ohren der einen angeberisch, in jenen der andern humorvoll. Kurz darauf erwischte er einen zweiten: für die Gruppe würde es am Abend arktischen Seibling geben. Für mich als Ethnologin war es absolut faszinierend, mitzuverfolgen, wie ein Mensch mit bloßen Händen ohne jedes Werkzeug einen stattlichen Fisch aus wildem Gewässer zieht, eine prähistorische Szene, ein menschgewordener Bär… Als Frau war ich noch mehr angetan, sportliche schöne Körper in Aktion, Halleluja! Mein Reisepartner hatte gefilmt per Smartphone, Austin wollte das Video haben und teilte seine Nummer mit. Allerdings vergaß er das mit den internationalen Vorwahlen, sodaß das Video (einige Zeit später in der Gemeinschaftshütte mit Verbindung) nicht bei Austin ankam, sondern auf einem deutschen Handy landete. <em>Kennen wir uns?</em>, kam es aus der fernen Heimat. Das Profilbild des What´s App Accounts zeigte ein apartes Teenagermädchen – ich lachte mich scheckig, bestimmt eine halbe Stunde lang, ich wieherte wie ein Pferd, gackerte hühnergleich, bis mir der Bauch weh tat, ach, seliges Lachen, was habe ich dich vermißt!!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Illustration zeigt ein Bild, das durch eine von innen her beschlagene Linse entstanden ist, geschuldet dem eingedrungenen Wasser während des Fluß-Sturzes; es ist das letzte auf der Grönlandtour entstandene Foto</em></p>
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			</item>
		<item>
		<title>303, Teil II: Wasser Faux-Pas</title>
		<link>https://kunst-fotografie.eu/303-teil-ii-wasser-faux-pas/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[kunstfotografie]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Sep 2025 09:26:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Vom Reisen und Fotografieren]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Grönland, August 2025. Unausweichlich passierte es. An Dämlichkeit nicht zu überbieten, erwischte ich trotz dargebotener helfender Hand den richtigen Stein nicht, rutschte ab und aus, mit beiden Schuhen im kraftvollen Wasser landend, das mich wegdrückte, hinab, und somit die um den Hals hängende Kamera ertränkte. Ich schoß nach oben, mich nicht um Kälte scherend, um&#8230; <br /> <a class="read-more" href="https://kunst-fotografie.eu/303-teil-ii-wasser-faux-pas/">Weiterlesen</a></p>
<p>Der Beitrag <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu/303-teil-ii-wasser-faux-pas/">303, Teil II: Wasser Faux-Pas</a> erschien zuerst auf <a rel="nofollow" href="https://kunst-fotografie.eu">Kunstfotografie Between Silence</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Grönland, August 2025.</p>
<p>Unausweichlich passierte es. An Dämlichkeit nicht zu überbieten, erwischte ich trotz dargebotener helfender Hand den richtigen Stein nicht, rutschte ab und aus, mit beiden Schuhen im kraftvollen Wasser landend, das mich wegdrückte, hinab, und somit die um den Hals hängende Kamera ertränkte. Ich schoß nach oben, mich nicht um Kälte scherend, um das schmerzende Schienbein, ich ahnte, das Gehäuse hatte sich vollgesogen, aber die Speicherkarte, wenigstens die, wollte ich retten, und so riß ich sie augenblicklich aus dem Slot. Später würden sie sagen, die sämtliche Gruppe als Zeuge peinlichster Blödheit, sie hätten solch eine blitzschnelle Reaktion noch nicht gesehen, aber ich wußte, das Kompliment beruhte leider auf meinem reichen Erfahrungsschatz an mißglückten Überquerungen wasserführender Strukturen – weder mein erster Sturz, noch die erste gecrashte Kamera waren das für mich gewesen, tja. Was mich jedoch überraschte, überwältigte und überforderte: die sich darbietende Freundlichkeit von allen Seiten, ob ich frische Socken benötigte (sinnlos, meine Bergstiefel hatten sich in Mini-Aquarien verwandelt), Pflaster, Siliziumpads; der Guide versorgte die Fuji, als sei sie ein verstauchter Knöchel, sie öffnend, abtupfend, sacht schüttelnd, sie sorgfältig zusammenfügend nach der Demontage. Hernach am Zeltlager würde mir mehrfach das Angebot unterbreitet werden, anderer Leute Kamera zu verwenden, um eigene Fotos zu schießen, darunter sündteure Vollformate. Und ich konnte es fast nicht ertragen, diese Freundlichkeit, diese Zugewandtheit, wo man mir in all den Jahren so viel Schmerz bereitet hatte, der fast an Grausamkeit grenzte, ein Schmerz, den ich inzwischen derart gewohnt war, daß mich alles andere ängstigte. Meine abwehrende, beschwichtigende Reaktion muß befremdet haben, vielleicht gekränkt, aber man kann eine Haut nicht einfach so abstreifen.</p>
<p>Nur was fühlte ich eigentlich? Die Scham über das Malheur brannte nicht zu arg. Mich befielen weder Ärger, noch Frust oder Traurigkeit. Ich bedauerte nur leise, daß ich ausgerechnet Grönland nicht fotografisch würde übersetzen können, daß mir lediglich meine Sinne, Emotionen, Gedanken und Worte verbleiben würden, es zu bannen, umzuformen, es zu <em>meinem </em>Grönland zu machen. Ich verpaßte herausragende Gelegenheiten für seltene Bilder, ja. Verpaßte sie aus Ungeschicktheit, die mir eigen ist und vermutlich immer sein würde, ewige Anti-Heldin.</p>
<p>Was fühlte ich? – Dankbarkeit! Dankbarkeit darüber, Wildnis erfahren zu dürfen, Grönland, Dankbarkeit über aufflutende Erinnerungen an Menschen früherer Touren, an andere Begegnungen, denn meine Biografie, die speist sich nicht aus äußeren Fakten (Geburt, Schule, Universität, fertig), die ergibt sich aus Gerüchen, Farben, Gesprächen, aus Träumereien, Hoffnungen, aus Flüchtigem, Intensivem. Austin war es gewesen, der gefragt hatte, halb im Scherz und halb ernsthaft, ob ich denn unterwegs „Soul Searching“ betreiben würde, und ich hatte erwidert, im Kopf bloß, nein, es sei eher so, als würde ich etwas einsammeln, aufsammeln und zusammenfügen zu einer Art diffusem Sinn. Ich habe mich arrangiert mit dem Versagen die letzten Jahre, mit Ablehnung und Ausgestoßensein, mit Underachievement, es auf fast zen-hafte Weise akzeptierend, sie annehmend, die eigene Wert- und Bedeutungslosigkeit. Das Mißverstandenwerden, das Unverstandensein, das tiefgreifende nicht Gemochtwerden, nicht Geliebtsein. Aber wenn ich dort bin, dort draußen in der Welt, sei es in einer spektakulären Pariser Mode-Ausstellung oder auf einsamer Erde, wenn ich dort etwas aufhebe und einstecke, wenn ich Widrigkeiten überwinde, sogar klaglos zum ersten Mal, wenn ich mit Fremden spreche wie zu engen Freunden nicht, wenn mir der Wind lose Haarsträhnen über das Gesicht kitzelt, und ich Kälte spüre, Hitze, Anstrengung, Verzicht, wenn ich gehen darf, sehen, hören, riechen, sein, wenn ich einfach sein darf, ohne Wenn und Aber, dann bin ich der Freiheit nahe, so verdammt nahe, wie nur wenige Menschen, die ich kenne, und diese Freiheit ist das Glück in seiner reinsten Form.</p>
<p>Ich fühle mich dann unbezwungen, ungezähmt, wild, so sehr, daß ich es mir vielleicht tätowieren lassen werde: <em>untamed</em>.</p>
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